Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.1
^cytup.,
»Für mich ist cs das beste, liebstes Tantchen. Ich bin so inüoe, das, ich mich auf den langen Schlaf freue! — — Bitte, nicht weinen!" Ihre schlanken Finger umfaßten zärtlich die Hand der anderen. Dan», nach einer Pause: »Ich habe nicht viel Zeit mehr — da mnß ich Ihnen wohl endlich Aufschluß über meine Person geben: ich bin Ihnen ja so viel Dank schuldig!"
„Lassen Sie das doch nur, Kind, und strengen Sic sich durch unnützes Reden nicht an —"
»Das ist nun alles eins," lächelte Marh wehmütig »Wollen Sie mir einen Gefallen tun? Geben Sie mir doch, bitte, aus meinem Schubfach den polierten Kasten heraus!" Frau Hamann tat eS und schloß ihn auch auf, woraus Marp ein kleines Kästchen hcrausnahn^und beiseite legte — „das legen Sie mir mit in meinen Sarg, ja? Versprechen Sie mir da'?! Es hat für niemand Interesse. — Und wenn Sie an Frau Doktor Walter schreiben, dann bitten Tie sie, daß sie das Grab nicht vergißt! — — lind diese Blätter sind für Sie, liebes Tantchen! Ich habe Ihnen Verschiedenes ausgeschrieben. — Wollen Sic sie jetzt lesen? Nicht? Nun, dann später — und dann haben Sie Nachsicht mit mir, ja? Tragen Sie mir aber, bitte, jene Heimlichkeit nicht nach!" Müde schloß sie die Augen.
Ganz leise wurde da die Tür geöffnet. „Schläft sic noch?"
»Nein, Onkel Doktor, kommen Sie nur herein!" Und den Kops ein wenig wendend, lächelte sie dem Eintretenden entgegen.
„Nun, wir haben doch schön geschlafen? Ja? Na, also! Und kein Fieber mehr?" sagte Doktor .Hamann etwas gezwungen lustig. Er als Arzt wußte ja am besten, wie es stand, daß es keine Rettung mehr gab — zwei Tage höchstens noch! —
„Kindchen, draußen ist jemand, der Sic gern sehen will, darf er —?"
„Wer?" Ein schwaches Rot trat in ihr Gesicht: der Gedanke an Wols durchzuckte sie: aber das war ja unmöglich: er konnte ja nichts von ihrem Kranksein wissen.
„Können Sic nicht raten? Doktor Kornelius!"
Sic nickte. Gleich darauf stand dieser an ihrem Bette, reines Wortes fähig vor innerer Bewegung, die sich ans seinen! hübschen Gesichte deutlich abspiegelte.
Sic reichte ihm die schmale, abgezehrte Hand. „Das ist lieb von Ihnen, daß Sie noch einmal nach mir schein! Nicht wahr, >vir waren doch zwei gute Kameraden und haben wacker miteinander gearbeitet!" Er drückte hestig ihre Hand: sprechen konnte er nicht. Wie durch einen Schleier fah sein tränennerdunkelter Blick die Geliebte liegen. „Sehen Sie."
fuhr sie müde lächelnd fort, „wenn ich nun Ihre Braulk wäre, so wäre es doch viel schmerzlicher für uns — Ve» gessen Sie nur Ihren guten Kameraden nicht!" Doktor Kornelius unterdrückte gewaltsam das in ihm anssteigende Schluchzen: wortlos und hastig verließ er das Zimmer, da der Jammer ihn zu überinannen drohte — und sinnend sah sie ihm mir den großen leuchtenden Augen nach. Sie hatte ihn so gern gehabt, diesen gute», treuen Menschen, und cs hatte ihr so leid getan, ihm Schmerz bereiten M müssen. —
„Wie ist's draußen? Es muß doch bald Weihnachten sein?" fragte sie nach einer Panse.
„Reden Sie nicht so viel, Kind — schonen Sie sich doch!"
„Ach, das ist doch nun gleich! Lassen Sie mich nur! Mir ist's so wohl — ich fühle mich so frei, geliebtes Tantchen, ich habe ja keine Schmerzen mehr! — Scheint denn die Sonne? Die möcht' ich gern noch mal sehen, ehe ich gehe — ich habe sie so geliebt!"
Statt aller Antwort stand Frau Hamann auf, zog die Vorhänge auseinander und ließ das helle Sonnenlicht ungehindert ins Zimmer fTuten. Dichter Schnee lag aus den Dächern der Häuser, und die Sonne zauderte ein köstliches Flimniern darauf. Unwillkürlich saltete Marh die Hände. „Wie schön!" flüsterten ihre Lippen. „Ist es kalt?"
„Ja, sehr kalt!" cntgegnete Frau Doktor Hamann. Mary sprach nicht mehr. Sie hatte die Augen wieder geschloffen und schien zu schlafen.
Gegen Abend war sie wieder ausgewacht; Frau Hamann saß wieder bei ihr. „Geben Sie mir doch, bitte, Papier und Bleiseder, Tantchen." Diese reichte ihr das Gewünschte, und mühsam schrieb Marh ein paar Worte nieder. Nach einer Weile fragte sie: „haben Sie gelesen? Ja? — Siel sind mir doch nicht böse? — Ich büße ja nun auch nieine Schuld." Saust streichelte Frau Hamann ihre abgezehrten Wangen. „Nein, mein liebes Kind, wir fühlen mit Ihnen — mit dir! Lasse mich du sagen! Wir hätten dich so gern als Tochter gehabt, du süßes Kindl" Mit Tränen in den Augen küßte Mary ihre Hand. „Dank dir, o Mutier! — o, wie gut das tut — Mutter!" — „Mein liebes Kind! Nun mußt du doch gesund werden!" Frau hainann wandte sich ab, daß Marh ihre Tränen nicht sehen sollte, die unaushaltsam über ihre Wangen liefen,- die Rührung und der Schmerz hatten sie übcrmannt.
— — „Einen Wunsch hätte ich loohl noch," begann Marh wieder.
„— und der wäre? Was in meinen Kräften steht, mein Kind, soll dir werden —"
„Könnte ich tvohl, — möchten Sie - möchtest du nicht veranlassen, daß —" sie hielt inne: es wurde ihr doch schwer, das ausznsprcchen, was sie aus dem Herzen hatte.
„— sprich doch, Kind! Gerne, alles, alles sollst du haben!"
„Ich möchte — ich möchte Hauptmann Wolssburg so gern noch mal sprechen," rang es sich endlich mühsam von


