Ausgabe 
2.3.1914
 
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Weihen Kissen. Frau Doktor Hamann saß leise schluchzend an ihrem Bett.

Weinen Sie doch nicht, mein liebstes Tantchen," sagte Mary da, die Augen ausschlagcnd, mit matter Stimme,gön neu Sie mir doch die Ruhe, die ich so heiß ersehnt habe." Sie machte eine Pause, da das Sprechen sie doch etwas an­strengte,ich freue mich sogar dann sehe ich doch endlich meine lieben Eltern wieder und Hasso "

Sprechen Sie doch nicht so, Kind! Es zerreißt mir das Herz! Wir haben Sie doch so lieb gewonnen, daß wir gar nicht fassen können, daß Sie uns verlassen wollen."

(Schluß folgt.)

Aus den Zetten der akademischen Gerichtsbarkeit -er Ludoviciana.

II. Im Karzer.

In eineni wenig bekannten Studentenlied des Leipziger Kom- InersbnchS findet sich ein Vers, der also lautet:

Als ich einen Schnurren letzthin wacker zwickte,

Hat er mich beim Rektor angeklagt,

Ter mich dann zum Zeitvertreib ins Karzer schickte.

Denn ich fwtt das Ding zu arg geniacht.

Glaubst d», daß mich dieser Spaß verdroß?

Nein, im Karzer lebt sichs ganz famos.

5kch vermute mit gutem Grund, daß der ungenannte Versasser leine eineni sonst wenig besungenen Orte gewidmeten Worte seiner eigenen Sach- und Lokalkenntnis verdankt und ich bin daher ersreut, daß auch ich als ehemaliger akademischer Bürger der ehrwürdigen Ludoviciana aus eigener Erfahrung die Rich­tigkeit jener Worte bestätigen kann. Zwar hielten die engen Käsige da droben in dein Giebel- und Tachstock des jetzigen neuen Schloß gebäudes, des vornialigenTrszippels", we­der in Bezug aus Rauminhalt, noch auf Eleganz der Ausstattung und hygienische Einrichtungen einen Vergleich aus mit den ent­sprechenden Lokalitäten unserer modernen Strafanstalten, deren fast hotclmäßiaer Komfort bekanntlich kaum noch etwas zu wün­schen übrig läßt. In einer nur wenige Quadratmeter haltenden, getünchten und durch ein vergittertes Fenster erhellten Zelle be­fand sich eine Ausstattung von folgenden Gegenständen: ein Tisch von mäßiger Größe, ein Stuhl, ein Bettschrank, in welchen tags­über die Matratze mit dem importierten eigenen Bettwerk einge­schlossen werden konnte, eine niedrige Bank mit einer Wasch­schüssel, ein kleiner eiserner Ösen zur Holzseuerung und eine dickbauchige Wasserflasche oder ein Steinkrug mit Glas. Dieses recht bescheidene Mobiliar wurde nun noch vervollständigt durch ein in einem schmalen Waichschränkchen befindliches diskretes Ge­säß, welches allgemein in jeder geordneten Haushaltung als ein notwendiges Zubehör jeder Schlasstätte betrachtet zu werden pflegt. An Stelle der Bilder und sonstiger Schmuckgegenstände bestand die Tckoralion der Wände aus Hunderten von Inschriften, Sprü­chen in Poesie und Prosa und Zeichnungen, mit denen frühere Generationen den Epigonen Kunde davon gaben, daß auch sie vor Zeiten in diesen geheiligten Räumen ihre Missetaten gebüßt haben. Natürlich fehlte unter den Namensinschristen auch der jetzt in Vergessenheit geratene Kosmopolit K i s e l a ch nicht. Unter den Zeichnungen waren auch solche von künstlerischer Hand, aus dem Studentcnleben entnommene oder damit in Zusammenhang stehende humorvolle Bilder. Da baumelten z. B. an einem Gal-

? en, an ihren charakteristischen äußeren Merkmalen leicht cr- ennbar, der dürre Universitätsrichler und seine Schergen, wäh­rend gierige Raben ihnen in die Gesichter hackten und Muscn- söhne den Galgen umstanden und das Gaudeamus sangen. Aus dem letzte» Vers dieses Liedes hatte die Hand des Künstlers die Worte beigesügt:Sic pereat . . . (ein Spitzname mit lati­nisierter Endung) et auiviS antiburschius". Andere Bilder stellten Karikaturen aus denr Mensuren- und Kneipleben usw. dar.

Daß in den solchergestalt bis an die Decke hinaut geschmückten Räumen jeler neue Ankömmling sich von vornherein tvohl nnd heimisch fühlen und de» Mangel der sonst, gewohnten Bewegungs'- srcihcit leichter erträglich finden konnte, dürste ^hiernach ohne weiteres glaubhast erscheinen. Bildete doch das Studium dieser beredten Wände, znmal für den jungen F»ck>s, eine ergiebige Quelle angenehmster Unterhaltung und war ungleich interessanter, als die tieigrnndige nnd sinncnvertvirrcnde Weisheii der wissenschaftlichen Werke seines Studienfachs, von der sein harniloses Gemüt glück- lichertveisc bisher noch gänzlich verschont geblieben ivar. Auch das V c r p s l e g u n gs tve sc » ließ im allgeniciiicn nichts zu wün­schen übrig. Da selbstverständlich weder die Universitäts- noch die Staatskasse sür den frevclhastcn Ucbvrtreteit der akadeniischcn Gesetze außer der Gewährung des sreien Quartiers auch noch die VcipftegungSkosten tragen konnte, so blieb cs jedem überlassen, sich selbst sür seine leiblichen Bedürfnisse zu sorgen. Dieser Aus­gabe wurde der Korpsdiencr oder ein Dicnstniann gerecht, der ans dem benachbarten Gasthofzum schwarzen Roß" oder demCase Kneip" mittelst Traggeschirrs dieFressalien" des Diners in so reichlicher Quantität herbeischleppte, daß sie selbst der schärfste

Appetit nur Unter der gütigen Mitwirkung des als Hausmeister iinl» Beschließer fungierenden Pedellen restlos vertilgen konnte. Di« Beschaffung des Frühstücks geschah entweder durch Selbst- bereilung des Kasfees oder Tees mittelst eines mitgebrachlen Spi- ritnsapparats oder gegen angemessene Vergütung durch die weib­liche Hälfte des Kerkermeisters, die auch snr> die irischen Morgen- brölchcn sorgte. Tie Abendmahlzeit bestand in der Regel nur auskalter Küche", Schinken oder Wurst mit Brot und Butter, deren vorherige Besorgung meist der liebevollen Für­sorge der Frau Mama oder Hauswirtin zu verdanken war. Was die Befriedigung des Durstes anlangt, dieser Spezialeigenschast aller normale» Musensöhne, so trugen die gedruckten Bestimmungen der Karzerordnung diesem Bedürfnis zwar nur in etwas be­scheidenen Umfang Rechnung, indem sie die Maximalgrenze für den erlaubten Konsum des edlen Gerstensafts meines Erinnerns aus täglich nur zwei Flaschen setzten. Allein wie so häufig im Leben der tote Buchstabe des Gesetzes einer vernunst- und zeit­gemäßen Sinnesauslegung Platz machen muß, so wurde auch hier von dem einsichtsvollen Kerkermeister keine allzu rigorose Prüfung der von den dienstbaren Geistern gebrachten Körbe aus ihre Flaschenanzahl und deren Inhalt geübt. Es blieb vielmehr, und zwar mit stillschweigender Billigung seiner Vorgesetzten Be­hörde, dem diskretionären Ermessen dieses Beamten überlassen, unter Würdigung der körperlichen Jiidividualitäten und Leistungs- sähigkeit des Empfängers auch einer entsprechend größeren Zahl von Flaschen Passierschein zu erteilen, natürlich unter der väter­lich-wohlwollenden Ermahnung, von dieser ausnahmsweisen Ver­günstigung keinen anißbiäiichlicheii Gebrauch zu machen. Aber auch bas System der E i n z c l h a j r und das Verbot des ge­selligen Verkehrs der Zellenbewohner untereinander wurde nicht immer streng eingehalten, besonders wenn beim Andrang Meh­rerer zur gleichzeitigen Strafverbüßung die vorhandenen Zellen, deren es meines Erinnerns sechs waren, zur Aufnahme aller Gäste in Einzelzellen nicht ausrcichten. Es kam dann mitunter vor, daß mehrere derselben in einen Raum untergebracht wurden. Außerdem wurde dank der inenschenfreundlicheir Gesinnung des Kerkermeisters den unglücklichen Opfern der Gerechtigkeit zuweilen gestattet, tagsüber während einiger Stunden als solamen miscris den Besuch teilnahmsvoller Schicksalsgenossen zu empfangen. Dann gelangte aber die lebensfrohe Natur der Fugend wieder sehr bald zum Durchbruch, aller ihr angelegten äußeren Fesseln znm Trotz. Diejenigen, die sich noch vor kurzeni mit dem Schwert in der Rechten kampsesmutig und mit grimmig-entschlossenen Mienen gegenüber standen nnd die Schwächen in der Fcchtweise des Geg­ners erspähend und benutzend ihre Namen aus dessen jungfräu­lich unberührten Wangen mit blusiger Schrift dauernd eingeschrie­ben hatten, sitzen jetzt in sriedlicher Eintracht zusammen an dem runendurchfiirchtcn und mit Flaschen dekorierten Tisch und feiern das Gedächtnis ihres ritterlichen Wasscngangs durch einen solennen Bersöhnnngsschmollis. Man ist dabei fröhlich und guter Dinge und unterhält sich auss beste, wozu ide längstenvexatorischen Maßnahmen" des Universitätsrichters gegen S.-C.-Mitglieder, die Tisscren-en mit dem Ksi V orstand wegen Vor an. eus am'den Bällen und anderer ebenso wichsige Tagessragen reichhal.igenStoss bieten. Zun« Glück sindet sich auch in der Korpsordnung kein Rauchver­bot, so daß neben denr leicht handlichen Glinimstengel (imitiertes Havannadeckblatt aus dem Laden der Firma Gebr. Wenzel) auch der etwas schwerfälligere Apparat der langen Pfeife mit twr sechs­gliedrigen Spitze und den dreifarbigen Quasten in fast perpeiuelle Aksion treten konnte. Der anfangs' bläuliche liebliche Dust des leichten Kanasters von Gg. Hch. Schirmer mit dem roten Wappen­siegel erfüllte dann den ganzen Raum bis in die engsten Ritzen der Wand und verdichtete sich mit der Zeit zu einem undurch­dringlichen grauen Nebelineer, in welchem derWolkensanimler Zeus" bequem seinen Thronsessel hätte aujrichten können. Fn dieser sonst nur noch in den Kneipen herrschenden Atmosphäre waren natürlich Belästigungen durch die Stubenfliegen und Schna­ken gänzlich ausgeschlossen: diese Plagegeister menschlicher Ruhe waren rettungslos dem Untergang geweiht. Dagegen standen einige der Karzcrzellen in dem wohlbegründeten Ruf, außer den rechtmäßigen Inhabern noch ungebetene andere Gäste zu beher­bergen, die der wenig angesehenen Familie Eimer angehören und von dein entomologisch nicht gebildeten geineincn Mann schlechthin Bettwanzen genannt werden. Hatte nun der in seiner wohlverdienten Nachtruhe durch den Besuch dieser unliebsamen Bettgenosscn gestörte Bewohner einer solchen Zelle aut seinem Streiizuge nach diesen einige Exemplare als Trophäen erlegt und sic aut eine Stecknadel gespießt, am andern Morgen dem Kerkermeister als Belege vorgezeigt, dann erfolgte in anerkennens­werter Weise seine alsbaldige Uebersührung in eine andere besser beleumundete Zelle, in welcher er sich ungestörter nächtlicher Ruhe erfreuen konnte. Eine dieser Zellen, die sich durch einen um mehrere Quadratmeter größeren Rauminhalt auSzeichnetc und aus diesem Grundeder Salon" heißt, galt als bevorzugles Lokal und war besonders geeignet, den geselligen Verkehr der mehreren Sträslinge" miteinander zu erleichtern. Da wurde, wenn der erforderlich« dritte Mann zu haben ivar, niancher lustige Skat gedroschen und allerdings ohne Sang nnd Klang manch« Flasch« geleert auss Wohl der akadensisck>en Freiheit, die sich auch in den Kerkcrmaueni noch so vortresslich bewährte Soweit nach