Ausgabe 
2.3.1914
 
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gewiß freuen! Da leuchtete ihr auch schon das schmucke Häus­chen entgegen: sie klinkte die Haustür aus und klopfte leise a» die Stubentür, die sie auf dasHerein" öffnete. Es war ganz wie vor sechs Jahren Frau Berger saß am Fenster, ihre graue Katze bei sich, und strickte, während ihr Mann, sein Pfeifchen rauchend, ihr gegenüber saß das Stübchen war behaglich durchwärmt und blitzblank.

Grüß Euch Gott, Ihr guten Leute," sagte Mary end­lich zu den beiden, die sie wie einen Geist anstarrten. Aber beim ersten Ton ihrer Stimme sprangen sie auf

Fräulein Marie " und der alten Frau liefen Tränen über das gute Gesicht,sind Sie es denn? Wo kommen! Sie her?" riefen beide.

Ja, ich bin eS wirklich; ich wollte endlich einmal nach Ihnen sehen," sagte Mary, sich ans den angebotenen Stuhl setzend,nun erst, wie ist es Ihnen denn ergangen?"

Wir sind eben sechs Jahre älter geworden, weiter nichts! Unser Leben ist immer dasselbe! Nur Sie haben >vir ver- niißt, Fräulein Marie! Wo waren Sie nur? Nun sind Sie wieder da! Wissen Sie auch, daß "

ich weiß alles alles besser als Sie!" unterbrach sie Mary,sein Kind ist in meinen Armen gestorben, und diese Blumen hier will ich auf das kleine Grab legen!"

Sie sah die verwunderten Gesichter der beiden und er­zählte ihnen nun, daß sie barmherzige Schwester geworden und auf diese Weise in sein Hans gekommen sei. Der alte Berger nickte ein paarmal vor sich hin, dann sagte er:

In dein Hause soll es nicht gut aussehen er hat ja eine schöne reiche Frau; aber glücklich sieht er nicht aus " ja, und das Begräbnis hätten Sie sehen sollen so Ivas war lange nicht da die vielen Leidtragenden und die vielen, vielen Kränze, und wie blaß sah der Herr Haupt­mann aus wenn mau so denkt, das einzige "

Laß man gut sein, Alte! was geschehen ist, ist ge­schehen; da läßt sich nun nichts ändern, und tvir Ivolleit weiter nicht mehr darüber sprechen," meinte der alte Berger zu seiner Frau, da er sah, tvie es bei deren Worten schmerzlich in Marys Gesicht zuckte.

Ja, dem Kinde ist ivohl! Ach, Berger, wie oft habe ich den Wunsch gehabt, auch so friedlich zu schlummern, allem Erdeuleid entrückt! Vielleicht machen Sie mir noch mal mein Grab zurecht! Dann möchte ich es ganz einfach haben ! nur Efeu und einen weißen Rosenstock darauf," sagte sie schwermütig.

Fräulein Marie, machen Sie uns das Herz nicht schwer durch solche Reden!" sagte Berger vorwurfsvoll,Sie sind doch so jung, und Ihnen blüht doch auch noch einmal das Glück. Sie müssen vergessen! Jeder hat einmal in seinem Leben was durchzuniachen! Wir haben oft an Sie gedacht und von Ihnen gesprochen; der Herr Hauptmann ist auch ein paarmal dagewesen und hat nach Ihnen gefragt; er wollte zu gern tvissen, wo Sie waren, und die paar Karten von Ihnen hat er immerfort gelesen, die Sie uns geschickt hall^ ten. Diese und Ihre Bilder sind uns ein Heiligtum." Sh plauderte der alte Mann in seiner einfachen ruhigen Weise und bat dann Mary, auch von sich zu erzählen. Sie sprach dann von ihrem Beruf und daß sie bei Doktor Hamanns wäre und noch mehr, bis es Zeit zum Gehen war. Mit herzlichen Worten schied sie von den guten Leuten und ging nach Hassos Grabe. Dort legte sie ihr bescheidenes Sträuß­chen neben die prächtige» Kränze, mit denen es schon ge­schmückt war. Sinnend stand sie da mit gefalteten Händen. Sie achtete des seinen Sprühregens nicht, in den sich der Nebel aufgelöst, trotzdem er in seiner Kälte durchdringend Ivar; ihre Gedanken tvaren ganz bei dem Kinde, bei Wolf, und ein unaussprechliches Weh durchzog ihre Seele. Es war ihr mit einem Male, als ob all der .Heldenmut und die Liebe zu ihrem Berufe nichts ivar, seit sie ihn wiederge - sehen und seine Küsse ivieder aus ihren Lippen gefühlt hakte. Es >var ihr so sterbensweh zu Mute wie niemals; sie fühlte sich so einsam und verlassen, daß es ihr fast das Herz nbF drückte. Sie hatte doch niemand auf der weiten Welt, an den sie sich vertrauensvoll anklammern konnte. So versun­ken war sie in ihrem Schmerz, daß sie die »äherkommenden Schrille nicht hörte erst, als ihr jemand sanft die Hände' vom Gesicht zog, blickte sie erschrocken ans und sah gerade in Woiss liebevoll ans sie gerichtete Augen.

Du hier, mein Märchen und weinend?" fragte er besorgt.

Morgen ist doch Totenfest, und da Ivollte ich Hasso ei» paar Blumen bringen."

Dankbar sah er sie an.Du Gute, Liebe! Aber warum

weintest du? Bist du krank?"

Ich weiß es selbst nicht, Wolf! Es überkam mich mit einemmale o, es ist zu traurig" kam es leise schluch­zend von ihren Lippen. Dann aber zwang sie ein Lächeln uni den Mund und trocknete ihre Tränen, damit er nicht darunter leiden sollte.

Wolf nickte vor sich hin.Ja, Mary, so traurig, daß ich meinen Jungen da unten um seine Ruhe beneide," sagts er düster. Mitleidig sah sie ihn an. Sein Gesicht trug einen so trostlosen Ausdruck, daß ihr das Herz vor Schmerz zu springe» drohte.

O Lieber," tröstete sie mit ihrer süßen Stimme,sei doch nicht gar so traurig; sieh, deine Frau" t

meine Frau?" er lachte bitter auf,meine Frau, die hält Beratungen mit ihrer Schneiderin über Trauer- toiletten usw. Ja, wäre sie wie du, mein Märchen dann wäre alles, alles anders! Aber so habe ich niemand, der! mich versteht, der mit mir trägt"

Tue deiner Frau nicht Unrecht, Mols! Sie hat Hasso sehr geliebt!"

Ja, ja sich aber noch viel mehr! Laß uns nKifjH weiter darüber sprechen, es hat doch keinen Zweck und pei­nigt mich unnütz." Beide schwiegen und hingen ihren Ge­danken nach.

Wie einsam es hier ist," sagte Mary leise erschauernd, darum erscheint dir auch alles in einem doppelt düsteren Lichte!"

Da sahen sich beide lange an, bis er ihre Hand faßte und sagte:Damals, Mary, danials störte »ns das nicht" und er sprach das ans, ivoran sie in diesem Augenblick dachte.

Damals war es auch Frühling, Wolf, und die Rosen blühten," sagte sie leise, ihn mit einem unbeschreiblichen Blick ansehend,und jetzt ist es Herbst!"

Ja Herbst!" und er blickte an ihr vorbei ins Leere. Sie schauerte da i» ihrem dünnen Jackett zusammen; es war doch zu naßkalt und feucht. Er bemerkte es.

Du friest, mein Märchen? Laß uns gehen! Wir stehen so lange schon hier; du hast gewiß nasse und kalte Füße bekommen."

Ach das tut nichts! Aber du hast recht, Frau Doktor Hamann wird schelten!"

Du bist noch bei ihnen?"

Ja, und diesen Winter bleibe ich auch noch da. 9?iit dem Pflege» wird es allerdings nicht viel werden; Herr Doktor will es nicht höchstens, daß ich mich in seiner Privatkliuik nützlich mache. O, sie sind beide so gut zu mir."

Wenn du hier bist, dann sehe ich dich vielleicht doch öfter noch, Märchen?"

Vielleicht wird es der Zufall wollen, daß tvir uns mal ans der Straße begegnen, sonst glaube ich es nicht! Nun laß mich gehen; mich friert!" Sie streckte ihm beide.Hände entgegen.Behüt dich Gott, mein Wols!" Mit festem Druck ergris; er sie und blickte schmerzlich bewegt in ihr süßes,! blasses Gesicht. Er hatte noch so viel auf dem Herzen, was er sagen und fragen ivollte, brachte jedoch kein Wort hervor. Lebe wohl, mein Mädchen, mein einziges Glück," kam es endlich über seine Lippen; tvie halberstickt klangen diese Worte und krampfhast preßte er ihre Hände. Einer plötzliche» Ein­gebung folgend, schlang sie die Arme um seinen Htals und drückte einen innigen Kuß aus seinen Mund. Er drückte sie an sich, als ob er sie nie ivieder lassen ivollte.Bleibe doch bei mir," flüsterte er flehend in ihr Ohr. Aber sie befreite sich aus seiner Umschlingung und ging schnell fort. Nach ein paar Minuten sah sie sich um; wie sie da den! Geliebte» noch immer so traurig und einsam a» dem Grabe stehen sah, packte sie der Schmerz um ihn von neuem. Sie lehnte ihr Gesicht an eine Linde, die ihre entblätterten Aeste ivie anklagend zum Himmel streckte und weinte heiße Tränen um ihre verlorene Liebe.

VIII.

Ich denke einen langen Schlaf zu tun. Denn dieser letzte» Tage Qual ivar groß."

(Schiller:Wallensteins Tod".)

Es war Marys letzter Gang gewesen. Bei dem naßkalten Wetter hatte sie sich eine heftige Erkältung zugezogen, dev ihr zarter, durch Nachtwachen und seelische Aufregungen ge­schwächter Körper nicht geivachsen ivar. Nach mehrwöcheut- lichem Krankenlager wußte sie, daß es zu Ende mit ihr ging; still und ergeben lag sie mit geschlossenen Augen in den