Ausgabe 
2.3.1914
 
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Montag, den 2. März

Ein Frühlingstraum.

Roman von Fr. Lehne.

(Nachdruck verbalen.)

(Fortsetzung.)

Gut, daß Sie kommen," n.f ihr Doktor Kornelius mit gedämpstcrStimme entgegen, als sie insKrankenzimmer trat. Schnell eilte sie ans Bettchen und nahm die abgezehrte Hand des Knaben in die ihre. Leise und behutsam strich sie die schwarzen Löckchen ans der bläulichweißcn Stirn.Da bin ich wieder, mein Liebling, nun bleibe ich ganz bei Dir," flüsterte sic nur tränenersticktcr Stimme. Wie bleich er aussah, so ganz anders so wächsern und unter den Augen tiefe dunkle Schatte».

Fragend blickte sie in Doktor Kornelius Gesicht, der ihr gegcnüberstaud. Er sah furchtbar ernst aus und vermied es, sie anzusehen.

Ja, das ist gut," sagte da Hasso mit schwacher Stimme, Papa ist doch auch da? Der tvollte dich doch holen!" Tann schloß er aber gleich wieder die Augen. Leises Schluchzen tönte da an Marys Ohr; sie blickte sich um und sah Gabriele an der Chaiselongue zu Füßen eines älteren Herrn ihres Vaters knicen, der telegraphisch von einer Geschäftsreise wegen der Neuerkrankung seines Enkelkindes zurückgcrufen worden tvar.

Ach, Papa, Papa, tvenn mir Hasso stirbt Wolf sagt, ich trage die Schuld," schluchzte sie. Ticfbekümmcrt blickte der alte Ulrich auf sein Kind, das bei ihm Trost suchte, statt bei ihrem Gatten. Doktor Kornelius trat zu ihr und sagte ernst und bestimmt;

Fassen Sie sich, Frau von Wolfsbnrg; Hasso darf durchaus nicht aufgeregt werden; er darf Sic nicht weinen hören. Ich bleibe diese Nacht mit Schivester Konsuelo hier."

Bei Nennung dieses Namens schlug eine jähe Röte in ihr Gesicht. Wie hatte sie dies Mädchen beleidigt und doch kam es wieder in ihr Haus. Sic konnte cs jetzt nkchp sehen und Ivankte, von ihrem Vater unterstützt, aus dem Zimmer.--

Sie bleiben hier, Doktor?" fragte Mary leise. Er nickte.Was denken Tie?" forschte sie weiter. Er zuckte die Achseln.Ich habe keine Hoffnung die Herztätigkeit ist zu schwach. Ich habe schon alles mögliche versucht; ivir müssen uns aus das schlimmste gefaßt machen."

Tränen traten in Marys Augen; ihr Blick flog zu Wolf, der am Fenster stand. Sic deutete auf ihnmöchten Sie es ihm nicht sagen?"

Ich kann cs nicht," cntgegnete er.noch nicht!"

Hasso schlug die Äugen wieder auf. Als sein Blick auf Mary siel, versuchte er ein wenig zu lächeln.Du bist noch da? Die andere ist jetzt fort! Das ist aber hübsch von dir",

still, mein Liebling, spricht nicht! Ich, bleibe die ganze Nacht hier an deinem Bettchen, Papa auch und Onkel Doktor auch." Hasso faßte ihre Hand und hielt sie fest; der

Arzt schob Mary einen Stuhl hin, auf den sie sich setzte, da­mit sie es nicht gar so unbequem hatte. Ta drehte sich Wolf um; sein Gesicht trug einen unheimlich starren Lluse druck.Nun/, Doktor?" fragte er heiser, gierig in dessen Zivi gen lesend.

Ein Hustenanfall, als Sie weg waren, hat Hasso wieder sehr erschöpft. Jetzt ist er ja ruhig," wich ihm der Arzt aus, zu Ihrer Beruhigung wache ich mit der Schwester. Schwester Hanna habe ich fortgeschickt, weil Konsuelo bleiben will!"

Ms der Morgen graute, war alles vorbei. Die Kunst des Arztes hatte nicht vermocht, das schwache Lebenslicht des Kindes zu erhalten.

Fast wahnsinnig vor Schmerz wühlte Wolf seinen Kopf in die Kissen. Ohnmächtig war Gabriele am Bett ihres Kin­des zusammengebrochen; doch Wolf hatte nicht darauf geach­tet. Doktor Kornelius trug sie aus dem Zimmer und ging dann still fort jetzt lvar er hier überflüssig. Bitterlich wei­nend neigte sich Mary über den Geliebten.Fassung, Wolf! Jammere nicht so; es schneidet mir ins Herz! Der liebe Gott lvciß, lvarum er dir das Kind genommen hat," suchte sie ihn zu trösten, während sie über sein Haar strich.Du bist ja nicht der einzige Bater, der ein Kind hcrgeben muß! Wer

weiß, was dein Knaben erspart ist Wolf!--Komm,

stehe ans, geh zu deiner Frau!" Er zuckte zusammen.Wolf, denke doch an mich; es zerreißt mir das Herz, dich so lei­den zu sehen!" Sie hauchte einen Kuß auf sein Haar. ES war, als ob er ihn fühle; er wandte ihr mit einem trost­losen Ausdruck sein Gesicht zu. Dann stieß er hervor: Warum mir das alles? Warum? O, es gibt keinen Gott, sonst hätte mir dies Kind bleiben müssen wie Hab ich darum gebetet aber vergebens o!"

Hadere nicht mit dem Allmächtigen, Wolf," sagte Mary ernst,trage geduldig, was er dir auserlegt, wie es andere auch tun müssen oder meinst du, er hätte dich allein ver­schonen sollen? Ein jeder bekommt sein Teil zu tragen; da wird keine Ausnahme gemacht."

Starr sah er sie an. Dann murmelte er:Nun habe ich nichts mehr auf der Welt o Mary mein liebes Kind Gott, Gott"

Vier Wochen lag nun Hasso schon unter der Erde. Es war ei» trüber, seuckitkalter Novembcrnachmittag vor dem Totenfest, als Mary wieder mal ihre Schritte seinem kleinen Grabe zulenkte. So oft sie konnte, ging sie dorthin, ihrem Liebling ein paar Blumen zu bringen; es war ihr, als ob dort ihr eigenes Kind läge aber heute sah sic von weitem, daß ein paar schwarz gekleidete Gestalten davor standen. Darum schlug sie einen anderen Weg ein, einen Weg, den sie nimmer wieder gegangen war zu Bergers, Sie hatte die guten Leute nicht wieder ausgesucht, da sic vollständig mit der Vergangenheit abgeschlossen hatte. Jetzt wollte sie sie doch einmal aussnchen, vielleicht war es unrecht von ihr gewesen, daß sic sich ihnen fern gehalten! Sie würden sich