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lim Geburtslage schreiben konnte: „Er wünsche ihr, so lange ge und und froh zu leben, bis das deutsche V>rterlaub stark unv geachtet im Bunde der Völker dastüude." Brater batte keine Ahnung davon, dag er seinem Kind dainit nur lioch sechs Jahre zu leben wünschlr! Er selbst, der seine Lebenskraft in der Vorarbeit für den großen Gedanken, tue in der gewaltigen Zeit von 1870/71 im ganzen Volke zündete, aufgerieben hatte, starb an der Schwelle der neuen Zeit, im Jahre 1869.
Z» den Rechten, die der Freund meines Vaters im politischen Leben erstrebte, gehörte auch das der freien Rede, und als kinderloser, nicht unvermögender Maua nahm er sich dasselbe schon in einer höchst nnsreien Zeit vorweg. Natürlich wurde er darob von der anr Ruder stehenden, reaktionären Partei als Revolutionär angesehen, ging aber, in seiner unbekümmerten, selbstbewußten Art, trotzdem unbehelligter seines Weges weiter als andere Diener von Staat und Kirche, die Rücksicht walten ließen.
Zu den Tatsachen: der einstigen Zugehörigkeit zur Burschenschaft und des Verkehrs mit einem sreigrsinnlen Freund kam als Ilrsache der- Zurücksetzung meines Vaters eine dritte, die uns heutigen Menschen geradezu lächerlich erscheint. Es ivar das Tragen eines anrüchig gewordenen Hutes, denn in jener Zeit tmirden nicht nicht nur Menschen, sondern auch Hüte auf den Index gesetzt.
Mein Vater ahnte nicht, daß aus seiner bis dahin durchaus iohalen Kopfbedeckung ein Hcckerhut geworden war, den» in der .'Abgeschiedenheit seines Törfleins, in die wöchentlich nur zweimal Zeitungen kamen, blieb ihm das, was in dce Welt draußen geschah, oft lange verborge». Und wenn er es gcimißt hätte, hätte es ihrn in Busenborn doch an der Gelegenheit gefehlt, sich eineil änderen Hut zu kaufen!
Er setzte also ahnungslos seinen in Verruf geratenen Hut aus, «nd als er damit nach Schotten kam, wollte es sein Unstern, daß ein einflußreicher Beamter am Fenster stand und ihn erblickte: „Dem Pfarrer bringe ich auch noch den Hut vom Kops", sagte er »cnd schickte seinen Bericht an die hohe Behörde z» Darmstadt.
Zu alledeni kam die Tatsache, daß mein Vater durch seine Heirat mit einer als freisinnig bekannten Familie in Verbindung getreten war. Und tatsächlich waren aus der Familie meiner Mutter Männer hervorgegangen, die, wenn sie das Wort Vaterland anssprachen, das Land, „soweit die deutsche Zunge klingt", meinten, das sic gerne groß und mächtig gesehen hätten, und nicht nur das, ivas zwischen den hessischen Grenzpsählen lag: und die als Bürger desselben freie Menschen innerhalb gesetzlicher Schranken sein wollten. Solche Leute nannte man unruhige Köpfe.
Die Zeit des ersten Anstoßes, den der erste dieser Leute, der Bruder des Vaters inciner Mutter, erregt hatte, lag zwar schon luctt tzurück: am Beginne des Jahrhunderts, aber der hohe Idealismus, den er damals in jungen Menschen geweckt hat, ist unter den: Druck der Zeiten nicht erloschen. Er l>at loeiter geglüht und sich von Geschlecht zu Geschlecht sortgepslanzt, bis er im Jahre 1870 in hohen Flamme» ausschlagen durfte. Um diesen Mann — der 1784 in Grünberg als Sohn des Pfarrers Christoph Welcker geboren war, jedoch seine Kindheit und erste Jugend vom zweiten Lebensjahr an in Oberoslciden verlebt hatte, wohin sein Vater versetzt wurden war — näher zu kennzeichnen, lasse ich einem anderen, einem Unparteiischen, das Wort. In „Karl Fallen und die Gießener Schroarzcn" von Hermann Haupt heißt es Seite 6: „Friedrich Gottlieb Welcker, der später berühmt gcivvrdene Philologe und Archäologe, war seit dem Jahre 1804" — also niit zwanzig Jahren — „als Lehrer am Gießener Gymnasium und als Privat- dozenr der Philologie tätig. Von feurigem Temperamente, eine durch und durch künstlerische Natur, dabei ein Forscher ersten Ranges und ein Charakter von fleckenloser Reinheit, war Welcker so ganz dazu geschaffen, die Herzen seiner Schüler, der Gymnasiasten wie der Sttidenien, zu erobern und sie für ideelle Auslastungen zu gewinnen."
Während in der traurigen Zeit des Napoleonischcn Rheiik- bundes die ganze übrige Gießener Dozentenschaft ihren Frieden init dem französischen Regime geniacht hatte, betrachtete es Welcker als eine seiner Hauptaufgaben, in seinen Schülern deutsch-vaterländische Gesinnung wachzuruse». Den .Heldenmut der gegen Napoleon sich erhebenden Spanier ließ er seine Primaner in ihren Schulaufsätzen mit der Gefügigkeit der Deutschen vergleichen und sic ihr Urteil darüber abgeben, welches Verhalten das rühmlichere sei. Und als dann endlich die Stunde der Befreiung Deutschlands vom französischen Joche schlug, da waren es in erster Linie Welckers Schüler, die die Bildung eines freiwilligen hessischen Jägerkorps durchsetzten, mit dem Welcker selbst als Jägerleutnant ins Feld zog." *
Im Jahre 1815/16 hielt Welcker, der nach einem mehrjährigen Ansenthalt in Roin, seit Oktober 180!) ordentlicher Professor in Gießen war — also von seinem 25. Jahr an — Vorlesungen „über die wichtigsten Verhandlungen und Verhältnisse unserer Tage". Darüber heißt es bei Haupt, Seite 17: „Nach den in den Akten der Mainzer Zentral - Untersuchungskoinmission erhaltenen Auszügen aus Welckers beschlagnabmtein Kollegicnhest nulsaßteu die Vorlesungen die Abschnitte Rcligioii, Sittlichkeit, Volksgeist, öffentliche Meinung, Erziehung und Unterricht. Es gereicht Welcker reicht zur Unchre, wenn der Untersuchungsrichter eine nahe Verwandtschaft der Tendenz von Welckers .Vorlesungen mit Zichtes Reden an die deutsche Nation beststellt.
Weiter heißt es Seile 18: „I» der Tat scheint Welcker in feinen Vorlesungen die regierenden Kreise sehr nachdrücklich
au ihre Pilicht, Religiosität und Sittlichkeit zu fördern, erinnert zu haben; geschähe das nicht, so sei die Weich,mg der Volkskreise znin Rcpnblikanisonis vorausznschcn."
Und ferner ans der Seite 22: „Tie Mainzer Zcntralunter-- suchungskonimissioir hat bei ihrer Untersuchung gegen Welcker auch den Aufsätzen seiner Primaner nachgcspürt und uns so ein ünßcrst wert volles Qnellemiialcrial für die Kenntnis des in dein Kreise von Welckers Schülern herrschenden Uaterländi- schcn Geistes erhalten."
Daß Welckers Stellung in Gießen durch die Bebandlimg die er erfuhr und durch ein Zerwürfnis mit dem französisch gesinnten Professor Crome immer unhaltbarer churde, läßt sich begreifen. Sein Benehmen gegen den letzteren, den er und feine Schüler wegen dessen nndentscher Gesinnung verachtete», trug ihm einen Verweis vom Ministerium ein: und daraushin nahnr er seinen Abschied, den die hessische Behörde ihnr bereitwillig erteilte, „indem sie ihn zwar als einen kenntnisreichen Mann, aber auch als unruhigen Kops erkannt hätte".
Nachdem Welcker von 1816—19 an der Universität Güttingen gewirkt hatte, nahm er einen Ruf nach Bonn an, wo er nach einer langen Berufstätigkeit und rrach einigen wegen seiner Erblindung in der Zurückgezogenheit verlebten Jahren im November 1868 starb. Wie er im ganzen Vaterland und darüber hinausin hohen Ehren stand, geht aus dcnr Bericht seines Biographie:
R. Kekule über die Feier seines jünszigjährigen Profefforjnbi- läums inc Jahre 1859 hervor. Die Besten seiner Zeit haben ^ ihn geehrt: Dichter und Denker, Fürsten und die preußischen Prinzen, deren Lehrer er gewesen war, Universitäten, Akademien, Künstlerkreise und das archäologische Institut in Rom.
Gustav Freitag kam im Namen des Herzogs Ernst von Sachsen- Koburg-Gotha und die Stadt Bonn schickte ihre geistlichen und weltlichen Vertreter. ES war der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Bonn, der ihn ani frühen Morgen zuerst begrüßte und der ernsten, feierlichen Stimmung des Jubilars mit den: Spruch:
„Herr, ich bin zu gering aller der Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knecht getan hast", einen würdigen Ausdruck lieh. Er hat dann seiner — da es ein Sonntag war — auch in der Predigt vor versammelter Gemeinde gedacht. — —
Während der Gelehrte Gottlieb Welcker — dessen gut vaterländische, sittlich religiöse Art hauptsächlich die Seelen der sich für akademische Berussarten vorbereitende Jngcnd beeinflußte, icm durch diese als ein Segensstrom mit verborgenen Quellen in die Volksseele Übcrzuffießen — in weiten Kreisen fremd blieb, fand dessen Bruder Karl Theodor grade mitten im Volk seine begeisterten Anhänger. Auch er war Universitätslehrer gewesen, zuletzt in Freiburg iin Brcisgan, bis er im Jahr 1832 gemein- x
{am mit Rotteck, seinem Mitarbeiter am Staatslexikon — dessen Drucklegung 1834 begann — aus politischen Gründen seines Amtes enthoben wurde. Zu gleiche Zeit wurde die Universität bis ans weiteres geschlossen. Man kann Welcker nicht den Vorwurf ersparen, daß sein allzu impulsives Temperament diese gewaltsamen Maßregeln hatte herbeiführen helfen.
Von da an widniete er sich ganz "der Arbeit am StaatSlexiko» und dem politischen Leben, in dessen Dienst er Rede und Schrift stellte.
Als Mitglied des Parlamentes zu Frankfurt und der hauptsächlich von nnb aus süddeutschen Kainmermitgliedern gewählten Siebenerkommission, die beauftragt war, Vorschläge über eine an- gemessciie Nativualvertretung vorztibereiten und die Grundlagen für eine neue Verfassung zu beraten, steht sein Name im Buche der deutschen Geschichte.
Bon seinen Zeitgenossen ist er als feuriger Redner und als ein Mann, der die Kraft seiner temperamentvollen Persönlichkeit einsctzte, um dein Volk aus gesetzlichem Weg zu den ihm gebührenden Rechten zu verhelfen, gefeiert worden.
Wenn er und seine Gesinirungsgcnossen auch nicht erreichten, was und >vie sie es wollten, so ist ihre Wirksamkeit doch nicht ohne Frucht geblieben. Sie war ein Samenkorn für die Zukunft!
— Und ein Volk, das in der Geschichte die Lehre sür Gegenwart und Zukunft sucht und findet, wird bestrebt sein, das Andenken solcher Männer dem dunklen Strom der Vergessenheit zu entreißen. In den» Sinne ist Professor Wild ans Heidelberg zur Zeit noch tnit einer Biographie K. Th. Welckers beschäftigt, zu welcher ihm dessen 1911 verstorbene Tochter wertvolles Ma terial in Briefen und Schriften zur Verfügung gestellt hat.
Als die Regierungen um Länder und Krone» bangten, waren ihnen Männer wie Welcker als Vermittler zwischen sich und dem revolutionierenden Volk willkommene Werkzenge. Sobald aber die Ruhe leidlich hergestellt war uich di« reakftonäre Partei wieder obenauf kam, wurden sie unbequem.
Infolgedessen tvurdc K. Th. Welcker frühe mit einem anständigen Ruhegehalt und wohltöncndeu Titel pensioniert.
In seiner schönen, zu Neuenheim gehörigen Billa, Alehidcl- becg gegenüber, hat er noch lange die Muße gefunden bei privat- niffensck-aftlicher Betätigung und immer regeln Anteil an der Entwicklung deS politischen Treibens, seinen Erinnerungen zu leben. --
Auch die beiden andere» Brüder Welcker, Ludwig, Hof- gcrichtsadvokat in Gießen, und als jüngster Ernst, der Bette


