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3m vogelrberg.
«cu XX!. Cellarius. lFortsctzuug)
Mein Kindcrland.
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lieber Nacht war Schnee gefallen! Es schneite noch inunerzu. Und ich stand init meinem IIeinen Bruder am Fenster und sah zn, wie überall Gange irach Scheuern und Ställen geschaufelt wurden, und lvic der erste Schlitten — der mit Säcken beladene des Müllers — mit Kling, Klang über die Gasse fuhr. Mein Bruder >oar ein strammes Kerlchen, das auch hinaus durfte, wenn's kalt war. Ich aber wurde einer oft gestöorten Gesundheit halber ängstlich gehütet und meistens drinnen behalten. Infolgedessen habe ich von den Gewalten des Gebirgwintcrs in meiner trübsten Kindheit nur kennen gelenit, was sich davon bis in's Zimmer hinein geltend iriachte. Das Studium der Eislandschaften auf den Fensterscheiben bei Tag, oder wenn der Mond rötlich hindurch^ schien, war eine meiner Mutterfreuden. Aber dann gab es auch Tage mit einer so scharfe», durchdringenden Luftströmrmg, das> man die Stubcir nur erwärmen konnte, wenn man die Lädeft schloß und ivarme Decken innen vor die Fenster hängte. Das geschah dann auch am Tag, und wir führten hinter den gegen beit Winter errichteten Barrikaden ein Leben wie Höhlenmenschen.
Ein Schrecken für alle Gebirgsbewohner, besonders für diejenigen, welche genötigt tvarcn, über Laitü zu gehen, war das Wüsterwetter, wobei unter tiefhängenden, schweren Wolken der vom Sturm gejagte Schnee alles einhüllte und alle Merkniale des Weges, der ohnedies meist nur aus einem schmalen, schwer einzuhaltenden Berg- psad bestand, vernnschte.
Bei solchem Wetter verlor der Wanderer nur allzu leicht seine Richtung; und während er unter der vergeblichen Mühe, sich zurecht zu finden, in der Irre herumlies, wob der Schnee unablässig a!« dem Leichentuch, womit er die erstarrte Erde immer dichter bedeckte; womit er auch deir Verirrten decken würde, ivcnn dessen letzte Kraft erlahmte, ehe ihm Hilfe ward.
Retten konnte ihn nur der Zufall oder der Gebrauch sein«- Stimme, wenn sie nicht ungehört in der Einöde verhallte! Unvergeßlich ist niir ein Winterabend geblieben, an welchem zu ungewohnter Stunde die einzige Glocke unseres Kirchleins geläutet wurde, während das Wüsterwetter mit aller Macht wütete. Tic Eltern öffneten ein Fenster und ipir hörten alle vom Bilstein her die Sttmmcn Berirrter durch die Nacht schallen, welchen Glocken- klänge und etliche Männer, die auszogen, nur sie zu stützen, falls ihre Kräfte versagen würden, Rettung brachten.
Im Gebirge.
Durchs Gebirge zog das Wusterlvetter,
Mensch und Tier sucht Tckmtz vor seiner Macht!
Horcli! Nun tönt des Dörsteins einz'ge Glocke Durch die stuimgepeilschte Nacht!
Antwort gibt die eherne Zuitge Auf des Wand'rers Hilfeschrei,
Und der Glocke stet' Geläute Ruft Bcrirrte von der Heide In des Dörsleins Schutz herbei.
Während dieser unwirtlichsten Zeit des Jahres wurde der Verkehr zwischen Pfarrhaus und Gemeinde am meisten gepflegt; und wenn es auch damals weder Frauenvereine, noch Jngendver- einlgungcn und Fainilienabende gab, so kamen doch hier und da Frauen mit ihrer Arbeit; dem Spinnrad oder dem Strickzeug, am Abend zur Mutter, und sie hat diese Besuche auch erwidert. Tlc^ schon erwähnte Bürgermeister und der Altbürgermeister — beides kluge, ehrenwerte Männer — besuchten den Pater, und auch der Borsänger kam zutraulich anr Winterabend zu uns und zwar nie, ohne sein Spinnrad mitzubringen, denn in Busenborn hatte sich noch die gute Sitte erhalten, daß auch Männer spannen, während es nicht üblich war, daß sie strickten, wie es im Hinterland geschah.
Nach Sturm und Umvetter gab cs oft klare, schöne Wintertage, die meine Eltern zu Besuchen bei benachbarten Pfarrsamilien oder zu einem Gange nach dcni Städtchen benützten, ivo sie ebenfalls Freunde besuchten und daneben ihre Einkäufe nrachten. Ter (Niug über den hartgefrorenen Schnee am sonnigen Mittag, das Zusammensein mit guten Freunden, und die Heimkehr bei Moiib- fchein oder unter funkelndem Sternenhimmel waren die Genüsse, die der Winter den Ellern bol; nicht zu vergessen die Besuche, von welchen sie im eigenen Heim überrascht wurden.
Wer noch nie in weltfernen Landstrichen gelebt hat, ahnt Iiicht, was dort ein Besuch Menschen wert sein kann, die sich fern von jeder Anregung, deren die Städte eine lkebcrfülle bieten, nach einer Aussprache mit auf gleicher Bildungsstufe stehenden Menschen sehnen.
Und doch will mir's scheinen, als ob das Leben in weniges bevöllerten Erdstrichen ein menschenwürdigeres, die Persönlichkeit vcrtiescnderes lväre, als! das Herdcndasein unter großen Massen. Wenn ich in großen Industriezentren am Feierabend das schwarze Gcwinrincl von Arbeitern — das lebhaft an einen ausgcstürteir Ameisenhaufen erinnert — sich nach allen Richtungen hin ergießen sehe, könnte ich vergessen, daß ich Menschen vor mir habe, von welchen jeder eine Persönlichkeit darstellt, die ihr eigenes Leben
lebt Hub ihre zn Gott erschossene Schle hak. I» drrn Treiben bet Großstadt gehe ich gleichgültig an den brandenden Meuschentvellen vorüber Und fühle mich so allein, wie in der ticistien Einsamkeitl. Sobald ich aber in eine stille, entlegene Gegend — z. B. in mciw heimatliches Gebirge — komme, achte ich auf alle Menschen, die mir begegnen, und fange gern ein Gespräch mit ihnen an, einerlei, ob cs Holzhacker, Feldarbcitcr oder Touristen sind, und habe danebeir das erhebende Bewußtsein, daß auch an mir niemand so gleichgültig; vorbeigcht, als ob ich Lust lväre.
Ein schlimmer Gast, der sich bis zu meinem vollendeten fünften Lebensjahre alllvintcrlich bei mir einstellte, war das Brustsieber. Wenn ich daran erkrankt lvar, kam ein von mir sehr gefürchteten Mann aus dem Städtchen. Me gut kann ich ihn mir noch vor^ stellen: den großen, lveißhaarigen Herrn im lairgen Pelzmantel! mit dem frischen Geisicht und der goldenen Brille aus der Nase. Er beugte sich über incin Betlchen, machte sich an nieiner Brust etwas zu schaffen, und plötzlich fühlte ich heftige Stiche, so daß ich laut; schreien mußte, und bald nachher schwamm nieine Brust im Blut.
Diese bts in die Zeit meines ersten dämmernden Bewußtseins! hineinleuchtenden unangeirehmen Erinnerungen hat mir die Mutter später gedeutet, und ich glaube nicht irre zn gehen mit meiner Behauptung, daß meine damalige Kränklichkeit wesentlich. das Produkt der Behandlung war, welcher ich nach den medizinischen Gr!-> kenntnissen jener Zeit unterworfen wurde.
Nachdem meine Eltern ihr ältestes, blühendes Kind ail de« Halsbräune verloren hatten, lparen sie init mir, einem zu früh geborenen, in den ersten Lebensjahren schwächlichen Kinde sehr ängstlich. Sobald ich zn fiebern anftng, wurde der Arzt gerufen, der mir dann immer Blutegel an setzte'. Bei einem sehr heftigen Ficberansall sagte er zu nieiner Muttier, nachdem «r die Bluh- sauger entfernt batte: „So, nun lassen Sie die Wunden nach« bluten, bis das Kind ohninächtig wird." Meine Mutter entacgnetez „Das nehme ich nicht auf mich, Herr Doktor: dann müssen Sie bei »ns übernachten — ", wozu er sich auch verstand.
Daß nach solchen übermäßigen Bkutentziehiingen meiir Lebens- lichtlein immer wieder auigeslamnit ist und die Kraft behalten hat» niir bis ins neue Jahrhundert zu leuchten, zeugt von mviirer iw Grunde doch kräftigen Konstttution.
In recht angenehmer Erinnerung stehen mir die Zetten de« Rekonvaleszenz, besonders die, während welcher meine Großmutter
— eine damals erst in den vierziger Jahren stehende Frau, dis wunderschön singen und Klavier spielen konnte — bei uits zun< Besuch war, und sich meiner Unterhaltung widmete. Sie verstand cs, nettes Spielzeug aus Papier, Pappdeckel oder Karton berzut- stellen, und ich sehe mich noch auf dem Sofa liegen uttid Init bewundernden Blicken der Entstehung desselben znschanen; demr nichts ist interessanter, als etwas Gestatt gewinnen zu sehen.
Nachdem ich auch während meines letzte» schulfreie» Winters krankheitshalber meistens eingesessen hatte, so daß ich im Frühjahr
— wie gewöhnlich — das Gehe» ans den holperigen Dorsgasseir, gesühri von gefälligen Schulwädchcn, wieder lernen mußte, riet dev Arzt, man solle uiich deii nächsten Winter in einem etwas milderen Klima zubringen lassen, und das war ein Hüter Ratl.
An die Riviera konnten mich zwar Meine Eltern nicht schicken, wohl aber in eine nicht weit von Darmstadt gelegene Kleinstadt, wo ein Bruder niemes Vaters und seine junge Frau sich bereit erklärt hatten, mich auszunehmeii. Dorthin siedelte ich im Sep- teinber über und erhielt durch die im Gatten an Spalieren hängenden durchsichtigen Trauben — von welchen ich jedenfalls auch zn kosten bekam — den Eindruck von einer Gegend, die sich angenehm vom Vogelsberg unterschied, wo um diese Zeit nur Schlehen reiften.
Während der nun folgenden Zeit widmete sich eine bei d«nl Verwandten lebende Schwester meines Vaters — mit der bekannten hingebenden Treue lediger Tanten — meiner persönlichen Pslege, hei ivelcher ich mich so wohl befand, daß ich immer ausgehen und besonders auch die ABC-Schule sowie die Strickschnle besuchen konnte. Wenn der .Winter in dieser milderen Gegend nicht so grimmig auftrat, lvie in meiner Heimat, so sah ich rhu doch auch hier in der mir vertrauten Gestalt; im weißen, mit blitzenden Sternlein besäten Mantel erscheinen, denn damals gab es auch südlich vom Main noch ordentlich« Schneewinter.
Zwischen Weihnachten und Neujahr, als allgemein Schlitten gefahren wurde, kamen eines Tages zwei Knab«», die Söhne einer bekannten Familie, mit ihrem Handschlitten, um mich zniw Spielen mit ihrem jüngeren Schwesterlein abzuhole». Bei ihrer tollen Fahrt verloren sie mich zwar bald, ohne es z» merken, im Schnee, aber ich rasste mich ans und gelangte ans meinen eigenen Füßsn ans Ziel. Dort sah ich unter einem hohen Weihnachtsbaum zmn erstttr Male in meinem Leben einen Ausbau mit einer »rippe und allerlei landschaftlicher Staffage, der den größten Teil des Zimmers eiit- nahm und mir schön wie ein Weihnachlstraum erschien.
Alle Leute in dem Städtchen ivaren fteundlich mit mir. Nur eins verdroß mich. Einige derselben, besonders ein Freilich meine« Berwandlen, liebten es, den Vogclsberg und mein tzeimatdörflein herabzusetzen. „Der rauhc^ häßliche Vogelsberg," so hieß es, „in dem man das Obst zwei Sommer lang hinaushängen muß, bis es reif wird!" Solche Reden brachten uiich sehr in Harnisch, und ich hohe meine Heimat mit allen Mitteln der Bttedsamkeit, die einer Sechsjährigen zn Gebote stehen, verteidigt.
Auch das Osterfest verlebte ich »och mit den liebe» Vettvandten und pslücktc am Rande der Chaussee, aus welcher ich mit ihnen, spazieren ging, die ersten Fruhlingsblümchen. Berge gab es hier


