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Villa Nähnadelrruh.
Eine tragikomische Geschichte. Bon Hedwig Reh mann.
Das Landhaus (btä Rentners! Bach gehört zu den hübschesten des anmutigen märkischen Badeortes, der hier Lichtenrade heisten mag.
Durch seine vornetnne Freundlichkeit fällt es jedem Kenner aut, und das gefühlsmäßige Urteil mühte lauten: „Hier ist gut sein.. ."
Höchlich erstaunt war noch vor kurzem der Uneingeweihte, wenn er an das kleine Türschild herairtrat, um den Namen der Billa oder des Mannes zu lesen, der dieses Muster einer modernen, bürgerlichen Behausung in die lustige Gartenbuckt hinein- gebaut und freundliches Strauchwerk und Blumen davor gesetzt hatte.
„Billa Mhnadclsrnh" las ec zu seinem Befremden Und kobsschüttelnd »achte er wohl, dah der humorvolle Schneider, der sich hier 'zur Ruhe gesetzt hatte, kein ganz alltäglicher Mensch sein könne. Und damit halte er recht. Das Unalltägliche Backts drückte sich schon in seiner Erscheinung aus. Er ivar ein gut mittelgroßer Manu mit überrastltcnd seinen, sreuirdlichen und intelligenten Gesichtszügen, ein hoher Sechziger von gesunder, biegsamer Hagerkeit. Seine Kleidung loar vollendet nach Sitz uird Material, aber stets etlvas altmodisch. Er hatte cs nicht mehr nötig, „die neueste Mode spazieren zu tragen." Man hatte ihn sehr wohl für einen Geistesarbeiter hallen können.
Dem Sohn Bachs, dem Fabrikanten, der mit Weib und Kind beim Vater wohnte, war der Name der Villa ein stetig an seinem Herzen nagender Wurm. Und dah der Alte in seinem schmucken Herrenzimmer seine erste sttähmaschine, eine ehrwürdige „Howe", stehen hatte, erweckte in ihm den schmerzlichen Zweifel, ob das Renommieren des Vaters mit Herkunft und geschäftlicher Tüchtigkeit nicht pathologisch sei.
Als der Enkel geboren wurde, der vielleicht einst Offizier, Hochschullehrer oder hoher Staatsbeamter werden würde, hatte ©aa» >un. versucht, den Baker zu bestimmen, dah er den Namen der Villa ändere und die alte Howe aus der Gemeinschaft der edlen Eichenmöbel des Herrenzimniers entferne. Er könne ihr ja einen eigenen Pavillon bauen, hatte er allen Ernstes gesagt.
Der Alte hatte entschieden abgelehnt. D er Pavillon sei doch mir eine Ausflucht der Feigheit.
„Ich habe viele Maschinen gehabt," sagte er zum Sckluh, „aber diese ist gleichsam die Mutter der andern, die Mutter alles Hübschen, das ich Lisa schenke, die Mutter meines ganzen, behaglichen Lebens. Darum gebührt ihr Dank und Ehre, und darum bleibt sie da."
Slls Gerd, bat sein Grohvater zärtlich liebte, fünf Jahre alt Ivar, »ahm der junge Bach dies als Anlah, dem Vater seine» brennenden Wunsch ivieder einmal nahe zu legen.
Aber der alte Herr sagte: „Die Maschine ist von der Mitgift Deiner g»te» Mutter angeschafst. Sie hat sich in den ersten, schweren Jahren neben reichlicher Hausarbeit tüchtig daran plagen müssen, und ihre Tränen sind darauf gefallen, als Dein Schwestev- chen starb. Dem Fortkommen des Jungen wird die alte Howe nicht schaden, wenn er nur selbst ein lüchttger Kerl ist. Goethens Grobvater nur auch 'bloß Schneider. Sie wird keinen genieren, der sich mit dem Namen meines Hauses abgcfunden hat. Und toem der nicht vaßt, der niag auf der Schwelle nmkehren."
Eine schwüle Stimmung herrschte fortan zwischen Vater und Ävhn und lzoq die andern in Mitleidenschaft. Am meisten litt Frau Lisa, die Feine, Vornehme, darunter. Sie stand ihren Wesen »ach dem Schwiegervatcr näher als dem Gatten, fühlte sich auf ihrem Boden so sicher wie der Alte auf dem seinigen, während der Fabrikant unruhig vorwärts und zurück schaute. Und doch mißtraute ihr Bach. Da sie nicht aus sich herausging, nahm er an, oah sie im Grunde mit ihreni Manne iibereiiistimme. Aber sie schwieg nur, weil sic nickst zu schlickten wnhte. Ehrt« sie ihres Schwiegervaters Anschauniigen, so verstand sie auch de» zornigen Kummer ihres Gatten, den sic durch all ihre freundlichen Vorstellungen nicht zu beschwichtigen vermochte.
Es wurde von Tag zu Tag ungemütlicher in der Villa Näh« nadelsruh. Selbst die sonst so muntere» Dienstboten gingen scheu Umher und sahen die Herrschaft nicht an, »m darzutnn, dah sie nicht »m deren Unfrieden wüßten. Und nun schaute auch das Bübchen fragend von einem znm andern, verlangte nicht mehr nach den, Großvater und fürchtete sich vor des Vaters finsterer Stirn.
. Einmal, als Lisa äm Zimmer sah, kam der Kleine herein und fehle sich auf den Schemel ;u ihren Fühen. Sie streichelte sein feines, goldenes Haar, über bas ein Sonnenstralst durch Aegenwolleu siel, und bog sein Köpfchen rückwärts gegen ihr Kuie Sinneud betrachtete sie die reinen Linien seiner Stirn, sein grades, schmales 'Nischen, die schöne Zeichnung von Mund und Kenn. Wie er dem Grohvater glich! Ihr Gatte war braun und robuster, seiner verstorbene» Mutter ähnlich.
Ulid eine förmliche Sehnsucht faßte sie nach einen, sreund- lichen Bl,ck aus de» guten, klugen Augen ihres Schiviegervaters, uacki feinem lebensheitern Lächeln. Sie beiigte sich über das aniio.irts gewandte Gesicht ihres Kindes >i»d küßte es auf die Stirn, Dabei bemerkte sie das Spielzeug in seinem Sckvh. Es war ein Stück Zeug, das mit einem Äauniwoltsaden, der in einer Stopfnadel hiiig, ganz zusaininengezogen war. Sie lächelte über
Redaktion: K. Neurath. — Notatioiisdruck und Verlag der V
das Ivunderliche Ding. Da klopfte cS und Bach trat herein. Lisa begrüßte erfreut den Schwiegervater, und auch Gerd stand artia auf, dein Grohvapa ein Händchen zu geben. Dann fehle er sich
wieder seiner Mutter zu Fühen.
Bach, der dicht bei beiden Platz genommen hatte, war in Verlegenheit, ivas für ein Gesicht er machen solle. Er halte Lisa so lieb, und nun ivar ec irre an ihr geivorden. Und doch glaubte er den Besuch nicht umgeben zu können. In einigen Tagen war Lisas Geburtstag, da inuhlc er fein divlomatisch hören, was sic gern hätte. Etwas hckflos sah er umher, trotz den, Bemühen der Tochter, ihm ihre Freude über seinen Besuch zu zeigen. Plötzlich lci'ktc eine ihm sehr bekannte, charakteristische Armbewegniig des Kindes seine Blicke ans sich Gerd hielt sein Nähzeug richtig in der Linken. Tiefernst und eiftig .zog er den Faden. Back sah erst überrascht, dann immer freundlicher ans das Tun des Kleinen. Es siel ihm eine Last vom Herzen. Mochte sein Sohn denken, ivie er wollte, dah er der Tochter nickst mißtrauen brauchte, sah er an der Haniiernng des Kindes. Er wurde ganz heiter »iid sragte nach Grohvätcrart den Kleinen, was er werden wolle, „Schneider, Großpapa," sagte ernsthaft das Kind.
„So, so, mein Junge," meinte Bach verblüsst. Er empsaild mit einem Mal eine wunderliche Unruhe und empfahl sich bald mit sreundlichein, etwas zerstreutem Wesen. — —
Ter Morgen von Lisas Geburtstag war da. Ei» Maimorgen, so schön er nach einigen Regentagen nur sein kann Blinkende Tropfen hingen noch in den Blätenkelckien und an de,i Blatt- spitzen lieblich anzusehen, wie Tränen auf einer im Lächeln ge- rnndcteu Kinderwange.
Und im Zimmer duftete es vom Garten herein und von den Schalen und Basen, die liebende Hände aus der Fülle draußen geschmückt ballen. Auf einem Tischchen lag eine Mappe mit schöne» Stichen, das Geschenk des Sckstviegervateis. Gerührt kühle Lisa ibni die Wangen Wie lieb und gut er ioar und wieder ganz der Alte. Nein, doch nicht ganz. Ging er nicht etwas gebeugt? Und wo war seine Heiterkeit, das liebenswürdig« Selbstbewusstsein? Da sagte der Vater: „Komm Lisa, >ck> Hab' »och etwas sürdich." Er führte sie auf sein Zimmer und wies nach einem leeren Platz.^Tie Nähmaschine hatte dort gestanden,
„Sie hat sich in mein Schlafzimmer zurückgezogen," sagte Back, mit leisem, etioas napprigem Lachen Liia schonte den Vater verwundert an. Ein bisschen wehmütig ivar sein Gesicht trotz des Lachens.
„Und noch etwas, Lisa "
Er geleitete sie zur Eingangstür des Vorgartens Lisa erkannte schon von der Seite, daß ei» anderes Sckiitd angebracht ivar, ein lustiges hölzernes, anstelle des alten, eisernen. Und um, stand sie mit großen Augen davor.
„Villa Lisa" lencklete .es in schöner, gotbischer Schrift von den, weihen Felde. Die Majuskeln waren kunstvoll ansgesükirt. Fliederblüten drängten sich über das Gitter an die Tafel. Die junge Fra» stand da, ganz benonime».
„Es ist tvohl besser so, Lieschen," sagte der Vater, als sie wieder im Garten waren. Und als sie in der Ueberraichung. die keine durchaus, srendiae ivar. sck>ambast rin paar alltägliche Worte stammelte, fuhr er leise fort : .Siehst du, als Gerd icitüct) nahte ..
Er stockte, verlegen, hilflos. Liia forschte liebevoll in den klugen, grauen Augen, die in ihrem Antlitz zu lesen sich bemühten.
„Daß ich's nur gestelie, einen rickstigen Schrecken babe ich bekommen. Cs beiht ja immer, der Jicnge sei niir >oie ans den Angen geschnitten, und ick, ivar so rin eifriger Scknieider! Ich habe sogar eiiimal mit Erfolg die Westen einen Zentimeter länger gemacht, als sie in Paris und London aetragen wurden. Wenn inir der Junge min auch in der Hinsicht äbnlich wäre ....!"
Da hatte Lisa ein seines, leises Lachen, das ans dem Dämmer ihres Bewusstseins kam, und das auch Bach nicht verstand.
„Ach, Papa, das Leben ist wunderlich," sagte sie, ohne noch recht zu wissen, warum.
Erst später am Tage erfaßte sie den Zusammenhang ,ind wehmütig lächelnd backte sie: „Ja, es ist wobl besser so Aber daß es niit dem Stolz des lieben Vaters bezahlt werden niuh, ist bitter," Und es war ihr, als habe von den guten Geistern der Villa Nadelsruh der beste sich leise hinweggestohle».
Rätsel.
Mit ,a" ist es ein nützlich Instrument,
Mit „ii* c5 jeder Mensch sein elge» nennt.
Auflösung in nächster Nummer.
Auslösung des Kreuzrätsels in voriger Nummert B K 0 r t r & a ei Brannbier Krankheit Grabhügel i e g e i e r t 1
übl ichen Ui>in»rti»L».Bi,ch- und Steittdruckerei, N. Lange, G,ehern


