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der Erinnerung überwältigt: Sanft strich er über ihr blondes Haar. „Armes Kind — intb immer allein!" Mit feuchtem Auge sah sic zu ihm empor: „Ja, Wolf, allein! — Erlaß mir die Schilderung meines Schmerzes; mein Einziges aus der Welt war mir genommen, und ich mußte still sein, durslo nicht klagen! - Seit ich das Kind habe hergcben müssen, Wolf, bin ich still und ergeben geworden; jede Sehnsucht nach Glück habe ich aukgegebcu — die Stunden, wie vordem, in denen ich nach Liebe, nach Dir — mich krank gesehnt — die kaincn nicht ivieder! Mein Leben war eingesargt in einem kleinen schmalen Kasten draußen auf dem Friedhof." Sie faltete die schmalen Hände und neigte ergeben den Kopf. In ihrer Haltung prägte sich ein solcher Schmerz und dabei solche rührende Ergebenheit aus, daß es ihn erschütterte.
„Mary, niein geliebtes Weib," jammerte er, „und ich habe nichts davon geiouht — " er faßte ihre beiden Händel und drückte sie so krampfhaft, daß sie sic ihm mit einem leisen Wchrns entzog.
„Der Schluß ist kurz, mein Wolf," fuhr sie fort, „ich pflegte Kranke unter dem Namen Konsuelo — " — „deren Trost du auch bist," schaltete er innig ein, — „bis ich durch Vermittlung meiner gütigen Freundin, Frau Doktor Walter, nach hier kam in die Privatklinik des Doktor Hamann, dessen Frau eine Jugendfreundin von ihr ist. Doktor Kornelius; verkehrt in dem Hause und bat mich in voriger Woche, einen seiner Patienten zu pflegen — — cs war dein Hasso!"
„Und so fanden ivir uns Ivieder," sagte er tief erschüttert.
„Vielleicht wäre cs besser gewesen, wir hätten uns nicht wieder gesehen. — wozu alte Wunden ausreißen!"
„Nein, nicht so, Mary rede nicht so; es sollte so kom- men! O, mein Märchen, gehöre mir wieder wie früher — lasse uns wieder glücklich miteinander sein. — Verlasse diesen Beruf, du bist zu schade dazu — " drängte er.
„—und deine Frau, Wolf?"
„Sic mag gehen," sagte er hart. „Ich habe es ihr mehr als einmal freigestellt!"
„Sie wird dich niemals lassen; dazu liebt sic dich zu sehr — die gibt dich nicht frei!" Ta beugte er sich au ihr Ohr und tauchte seine schönen dunklen Augen tief in die ihren ,,— und könntest du dich schließlich nicht darüber hinwegsetzen? Mary, wir haben auch ein Recht aus Glück!" flüsterte er lcidcnschast- lich, indem er sie heiß umfing.
Sie drängle ihn sanft von sich. „Geh, Wolf," sagte sio traurig und vorwurfsvoll, „geh! Wenn du keine Achtung mehr vor mir hast, mir das zu sagen, so ehre wenigstens das das Gewand, das ich trage!"
„Märchen," bat er, „verzeihe mir; ich bin ganz von Sinnen; seit ich dich wieder habe - weiß ich nicht mehr, was Recht und Unrecht ist! — Fühlst du den» nicht niil mir? O, du bist so kalt — Mary, die Qual meiner Ehe ist nicht zu beschreiben! — Und nun du hier — mir nahe und doch so unerreichbar! — Mary, noch einmal, hast du den Mut, mit mir zu gehen? -- Ich will alles lassen um dich, Heimat, Berus! — Wie ich dich liebe, Mary, ward noch kein Weib geliebt! Du kannst machen mit mir, was du willst — nur gehe mit mir — werde mein!"
Er lag zu ihren Füßen und umfaßte den schlanken Leib der Geliebten. Seine dunklen Augen blickten, flehten zu ihr niit beredtem Ausdruck empor. Traurig und ernst sah sie ihn an, und traurig und ernst sagte sie:
„Den Mut dazu, Geliebter, den hätte ich ivohl — denn ich habe nichts mehr zu verlieren! Aber du — du weißt ja gar nicht, was du sprichst - bedenke, wer du bist! Wag würdest du alles ausgeben! Nein, nein, unterbrich mich nicht! Du hast ein Kind, dem du Rücksicht schuldig bist - - dann, Wolf, wenn ich nun nicht mehr bin, was hast du dann, — Sieh mich nicht so erschrocken an " und ganz leise fügte sic hinzu, „ich iveiß es, Geliebter, ich fühle es, meine Jahre sind gezählt —"
Fest umklammerte er da ihren Leib und ein Schluchzen erschütterte seine» Körper; er vermochte nichts zu sagen; die Kehle war ihm wie zugcschnürt. Sic strich leise durch sein dunkles Haar, in dem schon so viele Silbcrfädcn schimmerten. „Siehst du, mein Wolf, ich muß dir das sagen; wir müssen alles bedenken. Im vorigen Winter bin ich sehr krank gc-° wesen; hatte mich überanstrengt; der Sommer brachte mir Heilung — aber jetzt fühle ich cs wieder — ich habe Sefjn-J
sucht nach Ruhe--ich bin so müde; ich möchte schlafen —
schlafen — — nicht wahr, nun gehst du auch und läßt mich schlafen; es ist lange Mitternacht vorüber, Hasso schlummert
so süß; er braucht mich jetzt nicht. — Wir haben «ns an?-« gesprochen; das hat mich doch befreit! — Sei gut, sei ruhig, mein Geliebter, cs kann doch nun einmal nicht sein! Laß uns tragen, was uns auserlegt ist," redete sie beruhigend dem Fassungslosen zu — „und jetzt versprich mir, Wolf, daß du mich nicht suchst: meide mich — die Aufregungen schaden nur." Er erhob sich, nahm ihren Kops in seine beiden Hände und blickte lange in ihr süßes Gesicht. „Nein, ich! kann cs nicht mehr! Du sollst mein Weib werden, ich setze cs durch! Dann wirst du auch gesunden — dir hat nur der Sonnenschein gefehlt, arme, zarte Blume! Nun küsse mich noch einmal; dann will ich gehen!" Sic legte die Arme um seinen Hals; er drückte sic fest an sich, und mit einem' langen innigen Kusse schieden sie.
*
Wieder waren einige Tage vergangen. Hasso war besser geworden; er hatte sich seiner tapferen Pflegerin angesreun-, dct, und sic war rührend gut zu ihm. Sein Auge leuchtet« freudig auf, wenn er sie beim Erwachen an seinem Belte sah, und sic durste nicht von ihm. Mary verstand auch, aus seine kindlichen Ideen cinzugchen und sich ihnen anzupassen —> sie spielte mit ihm und erzählte ihm mit ihrer süßen beruh!-, gendcn Stimme Märchen, denen er mit Andacht lauschte. Wolf sah das alles 'mit wehmütiger Freude; er mußte immer-, fort an sein anderes Kind denke», das er nie gekannt hatte —i das tot war — und seine Mary als Mutter desselbenJ Doktor Kornelius war aber noch nicht mit Hasso zufrieden; die Schwäche war noch zu groß. Er sprach seine Besorgnis darüber zu Mary aus, die ihn angstvoll ansah.
„O, lieber Doktor, retten Sic das Kind! Wir haben cs. doch schon so weit gebracht —"
Verwundert sah er sie an. „Sie haben viel Teilnahme, Konsuelo, und vergessen sich darüber ganz," sagte er langsam, einen prüfenden Blick in ihr Gesicht werfend. „Am liebsten imöchte ich Sie ins Bett stecken und Vertretung für Sie senden, so elend sehen Sie ans. Ich kann cs kaum verant- warten. Unsere liebe Frau Hamann würde cs mir nie verzeihen, wenn Sie krank werden."
„Wer fragt nach mir! — ich bleibe, Doktor!" cntgegncte sie hartnäckig.
„Was ist?" fragte Wolf, zu den beiden tretend, die er so . eifrig sprechen sah.
„Ich konstatierte soeben, Herr Hauptman», daß Schwester Konsuelo der Pflege nicht mehr gewachsen ist," sagte dev junge Arzt bestimmt.
(Fortsetzung tcfat.J
Zpinnstuben im vogelsberg und in den angrenzenden Gebieten.
Von Tr. Hermann Mol), Gießen,
(Schluß.)
V.
Tein Treiben in der Spinnstubc haften manche Züge an die nur als Merkmale eines urwüchsigen und ixm höherer eilte unbeeinflußten Wesens zu verstehen sind; »»scrc Teilnahme ist da fern. Wenn nur aber ein Lied ertönen hören, dann merkeir ivir auf und lauschen, >oas das Herz dieser einfachen Menschcnt bewegt, in deren inneres Leben wir nur selten einen Blick tun können. Man muß die Lieder singen hören. Tie schlichten Worte geben mir einen schwachen Abglanz von dem mit innigem Gefühl vorgetragcnen Lied. Unebenheiten, die beim Lesen fühlbar tverden, gehen unter im Gesang. Tie Lieder vererben sich von Geschlecht zu Geschlecht, und manche machen die Runde in deutschen Landen. Ter Liederschatz der einzelnen Landschaften ist sehr verschieden; jede hat ihre bevorzugten Lieder, in denen sich Geist »nd Gemüt der Bewohner wnderspicgeln. Biele Lieder durchzieh: ein weh- müiiger, Ilagcnder Ton, und Licbeslcid und Licbesluft sind immer tviederkchrendc Motive.
Ich habe mir ein Büchlein geliehen, das die Ausschrift trägt: Liederbuch für Beter Richard, Schwarzenborn, den 23./I. 7k. In diesem Büchlein hat der jetzt hochbclagle Mann die Lieder ausgezeichnet, die in seiner Jugend inr fröhlichen Kreise der Spimv- stnbe gesungen tvnrde». Es sind darunter manche bekannte BolkL- jieder; besonders anziehend und loertvoll aber wird die Sammlung durch die Lieder, die Peter Richard ftir seine Spinnstnb« selbst gedichtet hat. Eitlen breiten Raum nehmen die Liebeslieder ei», die sich aber znin Teil ihrer nnvcrhülllen (nicht entartet» schmutzigen) und oft trotzigen Sprache wegen der Wiedergabe ent». ziehen. Tann folgen die Kriegslieder, die echt vaterländische Begeisterung atincn und einen guten Einblick in die Stimmung des damaligen Baucrngeschlcchts gewähren. Als Proben dieser käst-


