Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck sterboten.)
(Fortsetzung.)
„Wir wollen nicht denken, Mar», nein! Jehl habe ich dich wieder und lasse dich anch nicht mehr! Komm, setz dich wieder zn mir — dann bin ich zufrieden. Diese Sünde, wenn ei Sünde ist. wird uns Gott schon verzeihen!" Hub er küßte sie wieder in heißer Leidenschaft. Ihr Gesicht glühte unter seinen Küssen, und sie vergaß alles in seinem Arm. Innig »lickten seine dunklen Augen liebkosend ans sie, streichelte er ihr Gesicht, ihr Haar — und leise erzählte er ihr dann, wie »und Ivodurch seine Verlobung mit Gabriele Ulrich zustande gekommen war, von jenem unglückseligen Abend auf dein Friedhof. Ivo er ihr Taschentuch gesunden von seinem
Friedhof, wo er ihr Taschentuch gesunden — von seinem Schmerz um sie, und dann von seiner so unglücklichen Ehe. -.Das ftiitb, Mar», ist mein einziger Trost in diesem elenden Lebens wenn ich den Jungen nicht gehabt hätte — wer weiß — und dann, mein Süßes, verzehrte niich die Sehnsucht nach dir! Wenn du mir wenigstens nur einmal noch ein Lebenszeichen gegeben hättest! — Sag mir, wie kommst du eigentlich in dieses Gewand? Wo bist du in den Jahren gewesen?"
,,O Wolf, das ist eine traurige Geschichte: erlaß sie mir " bat sic.
„Nein, nein, erzähle mir; ich will teil an deinem Leid haben! Wer weiß, ob das Geschick uns je eine solche Stunde wieder beschert."
Eng an ihn geschmiegt, erzählte sie stockend, oft durch seine Liebkosungen unterbrochen. „Nach meiner Abreise damals ging ich zunächst nach Berlin und nahm in einem feinen Hause eine Stelle als Kindersräulein an: in ein Geschäft wollte ich nicht wieder, wenigstens vorläufig nicht. Aber der Hausherr war zudringlich geivordcn: er hatte mir die verlockendsten Anerbietungen gemacht, so daß meines Bleibens in dem Hause nicht mehr sein konnte. So ging ich denzv als Gesetlschastcrin zu einer älteren, reichen alleinstehenden Dame, z» einer Frau Doktor Walter, die in einem kleinen Dorse Thüringens in der Nähe von Weimar zurückgezogen lebte. Wir beide schlossen uns eng aneinander: ich wurde von ihr wie eine Tochter gehalten und geliebt bis — bis eines TagcS — “ sie stockte —
„Weiter, Mary, weiter, was tvar —?" fragte er.
„O Wolf," sic verbarg ihr Antlitz an seiner Brust, „ich kann es nicht sagen — " eine schreckliche Ahnung durchzuckte ihn da: er hob ihr glühendes Gesicht emvor und sah in die tränenschimmernde» Augen — „Mary?" — sic nickte —
„ja. Wolf, bis ich -- Wolf, ich war der Verzweiflung nahe:
ich wollte sterben, fand aber nickt den Mut — Wolf, diese Tage der Angst und Qual werde ick nie vergessen! — Meiner mütterlichen Freundin war niein gedrücktes Wesen auf-
gefallen: sic forschte nach der Ursache, und zn ihren Füßen! bekannte ich alles. So gut sie war, hatte ich doch nicht den' Glauben, daß sie mich danach behalten würde und sah mich schon hinausgestoßen in die erbarmungslose Welt. — Da. statt dessen hob sie mich liebevoll emvor — „armes, armes
Kind," sagte sie nur. ----- Wolf, ick durfte bei ihr bleiben:
sic stand mir wie eine Mutter zur Seite, sonst wäre ich ttif Elend 1111b Schmerzen gestorben "
Wolf war ansgesvrnuge» und ging hastig ans Fenster. Das Gesicht an die Scheiben gelehnt, stand er da, von dem Gehörten tief erschüttert. Aschfahl wandte er sich endlich um „— und das Kind, Mary?" stieß er hervor
,,- war ein Knabe und trug deine Züge, deinen Namen, Wolf," sagte sie leise. Er umspannte ihren Arni so fest, daß cs sie schmerzte.
„Mary, Liebste und wo ist er? Warum hast du inir nie davon geschrieben?" Traurig schüttelte sie den Kopf „ — ■ dir das Herz schwer niacke»? Nein! Vor anderthalb Jabrcn habe ich ihn begraben. Hier ist sein Bild!" Sie öffnet« als der Taille ein paar Knöpfe und zog ein Bild hervor, däß ein bildschönes Kind von zwei bis drei Jahren darstellte. Hastig griff er danach und blieb lange im Anschauen vcrsuw- ken, während es gar Ivnnderlich in seinen Zügen zuckte. Dann verglich er cs mit dein fchlasenden Kinde — ja, sie waren einander ähnlich wie nur Brüder sich gleichen können. Tief erschüttert barg er sein Haupt in Marys Schoß und weinte heiße Tränen: sein Körper bebte von der inneren Aufregung. Beruhigend strich sic mit der Hand durch sein lockiges haar.
„Marti, warum hast du geschwiegen?" stöhnte er, „du hast unrecht getan, mir dies Kind vorzuenthalten: ich hatte ein Recht darauf! Q wie hätte ick es lieb gehabt! Und nuis ist es tot, ohne daß ick es gekannt habe. Lasse mir wenigstens das Bild, ja?"
„Behalte es, Wolf, ich habe uock einige! — Warum ich dir nie davon geschrieben? Erstens wollte es Frau Doktor Waller, der ich inick bedingungslos unterwarf, nicht, und dann wähnte ich dick glücklich zufrieden! Warum da den Frieden deiner Ebe stören? Ick wollte tot sein für dick! Und nun ist es dock anders gekommen! höre weiter! Frau Doktor Walter behielt mein Kind bei sich und schloß es in ihr Herz. — Und ich mußte doch arbeiten, verdienen — und wenn es nur wenig war: aber einen Beruf mußte ich wieder haben. So ging ich fort, uni die Krankenpflege zu erlernen — und im Dienste der leidenden Menschheit das zu sühnen, was ich ans Liebe zu einem Einzelnen gefehlt. Dem Schwestern-- verband konnte und ivolltc ich nicht angehören, da ich nicht mehr unbescholten war — aber als Privatpslegerin für die Armut ist man immer willkommen! Woli, das Kind war meine ganze Wonne! Ich lebte nur für meinen süßen Knaben, und die Zeit, die ick mit ihm zusammen sein konnte, war meiiic Erholung. Dann, Wolf, kam eine schreckliche Stunde für inich — wohl die schwerste meines Lebens! Ich hielt einen Brief in der .Hand mit der Mitteilung, daß mein füßes Kind einem Eroupausall erlegen sei." Sie schwieg, von


