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„O Mary, sage doch „du" zu mir; ich kann die fremde Anrede von dir nicht hören!"
„Doch, Wolf! Es ist doch besser so — wenn es mir selbst auch schiver wird," kain es zögernd von ihren Lippen, „denken Sic an Ihre Frau!"
„Meine Frau," sagte er bitter, „die schläft, während wir das Kind dem Tode abgerungen haben." Mary legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Arm.
„Nicht ungerecht.werden! Ihre Frau ist krank: sie sicherte, als ich sic ins Schlafzimmer brachte — seien Sie gut zu ihr!"
„Mary, sei nicht so fremd zu mir; ich kann es nicht
ertragen!--Du nimmst Ella noch in Schutz? Du weißt
wohl nicht, was sic uns angetan hat —"
„— Ich will es auch nicht wissen; das ist vorbei! — 1 Wolf, jetzt möchte ich allein sein." Da war er wieder, der süße bittende Ton, dem er niemals widerstanden. Er nahm ihre beiden Hände und führte sie an seine Lippen. „Süßes, süßes Weib," stieß er halberstickt hervor. Dann fühlte sie sich plötzlich von seinen Armen umschlossen; sein Mund preßte sich heiß auf den ihrigen in einem langen durstigen Kusse — doch ehe sie recht zur Besinnung kam, war sie allein. Sie sank am Bettchen nieder, das Gesicht in den Händen verborgen. — Was sie längst tot und begraben wähnte — es stand wieder auf und verfolgte sie selbst bei der Erfüllung ihrer schweren Pflichten — es war die Sehnsucht nach Glück und Liebe, nach seiner Liebe! Die Erinnerung an verflossene selige Stunden übcrkam sie mit Macht 0, wären nur die Tage hier erst vorüber - sic waren so schwer, wie sie nie gedacht — doch jetzt hieß es ausharrcn, geduldig trage»!---
Ein paar Tage waren vergangen. Hassos Kräfte waren auss äußerste erschöpft, und er mußte mit der größten Sorgfalt behandelt werden. Nur seinen Vater und Schwester Kon- suelo ließ er an sich heran; sonst hatte er für niemand Jich teresse — ganz teiluamslos lag er da. Gabriele lag krank zu Bett; sie hatte eine leichte Mandelentzündung, und ihre Nerven waren durch die ungewohnte Aufregung so sehr mitgenommen, daß ihr der Arzt einige Tage Bettruhe anempfohlen hatte. Sie hatte Mary einige Bücher zur Zerstreuung gegeben, als diese in ihrem Zimmer war und die Umschläge erneuerte, sowie nach ihrem Befinden fragte. Wider ihren Willen mußte sic das Mädchen bewundern, das unermüdlich in ihrer stillen ruhigen Weise um sie sowohl, wie das Kind bemüht war, und ihre Teilnahme war nicht ganz unwahr, wenn sic von Marys blassem überwachtem Aussehen sprach. •— — Das Zusammensein mit Wols ward Mary zur Ounl und doch lauschte sie auf seinen Schritt, und ihr Herz schlug höher, wenn er zu ihr sprach. —
An einem Abend spät, als sie das Kindersräulein zur Ruhe geschickt, die ihr tagsüber behülslich war und sie auch für einige Stunden ablöste, lag Mary auf der Chaiselongue in Hassos Zimmer. Das Licht der Lampe auf einem Tischchen davor war durch einen Schleier gedämpft, so daß eine leichte Dämmerung herrschte. Hasso schlief ganz fest; so konnte sie es sich bequem mache»; sie nahm die weiße Haube ab, löste sich das Haar und streckte sich lang aus. Sie fühlte sich wie zerschlagen und war froh, daß das Kind schlief so konnte sie doch auch etwas ruhen; die Natur machte jetzt gebieterisch rhr Recht geltend, nachdem sie sich so lange hatte meistern lassen. Mechanisch blätterte Mary in dem Buche, nach dem sie aus das Geralewahl gegriffen hatte. Es ivar ein Gedichtbuch — ein ähnliches hatte sie von Wolf bekommen, das sie wie ein Heiligtum ausbelvahrte. Da fiel ihr Blick aus dad ßscibelsche Gedicht:
Gar flüchlig rinnt die Stunde,
Ta in verschwiegner Glut Sich neiget Mund zu Munde llnd Herz am Herzen ruht.
Ihr ganzer wonniger Liebestraum erstand da vor ihr; die süßen seligen Stunden durchlebte sie noch einmal, und ließ die Macht der Erinnerung voll auf sich einivirken — um alles in der Welt mochte sie jene Zeit nicht nngfeschehen yzache» — war sic eigentlich nicht glücklicher als Wolfs Gattin, für die er nichts übrig hatte?
„Und doch, wiewohl sie Leiden allzeit zum Lohne gibt,
Nie mag von Liebe scheiden, ivcr einmal recht geliebt.
Er trägt die heißen Schmerzen viel lieber in der Brust
Als daß er yie tut Herzen von solcher Lieb gewußt!" laS sie leise; ein sehnsüchtiges Lächeln lag um ihren Mund, und ihre Augen schlossen sich — sie war eingeschlafen. So fand sie Wolf nach einer Stunde; sie hatte ihn nicht ein-
treten hören, so fest war ihr Schlummer.- Lange stand er vor ihr lind betrachtete sie. Wie bleich »nd durchsichtig sah sic aus, und doch welch friedlicher Ausdruck im Gesicht! Di« weißen kinderklciiien Hände waren in der goldenen Locken- süllc verborgen, die wie ein Heiligenschein »1» das Köpscheit lag. Mit aller Macht drängte cs ihn, das holde Gesicht .«u küssen; aber er widerstand — er wollte ihren Schlas nicht stören. O Gott, wie liebte er dies Weib — bis znm SÖofjrv» sinn! Hatte er denn nur die Jahre ohne sie leben können? — .— Es war, als ob die Schlafende dies Anstarrcn fühlte; sie öffnete die Augen ein wenig — „Wols?" kam es da lcifq wie fragend über die Lippen, und noch halb iin Schlaf, strich sie sich das Haar aus dem Gesicht — „Wolf, du!" und sie richtete sich ans. Ta konnte er nicht länger an sich haltcnf er setzte sich neben sie »nd zog die nur schwäch Widerstrebende in seine Arme, ans seine Knie — wie in früheren Zeiteit und wie in früheren Zeiten barg sie das Köpfchen an feiner Brust. So saßen sie lange eng nnischlnngen, an nichts den, kend, nur sich der Wonne des Sichwiederhabens überlassend. Plötzlich fuhr sie aus — „Hasso?" — „Beruhige dich, Lieb, er schläft ganz fest! — Und jetzt will ich dich haben, dich halten, wie früher — einmal nur, wenn ich nicht verrückt werden soll —" sagte er mit mühsam verhaltener Glut.
„O Wolf," wehrte sic seiner Leidenschaft.
„Laß mich, mein Lieb, ich habe mich so nach dir gesehnt, nach deinem süßen Antlitz, nach deinen Küssen — gönne mit doch die Stunde, die mich für die langen Jahre entschädigt, die ich dich nicht gehabt!" Er sprach wie im Fieber — feine Augen leuchteten in seltsamem Glanz. „Ich werde verrückt, wenn ich dich alle Tage hier sehe, und dich nicht einmal küssen kann, du süßes geliebtes Weib!"
< Und sie widerstrebte nicht mehr; alles in ihr drängte ja dem geliebten Manne entgegen; sie schlang die Arme um seinen Hals »nd bot ihm den süßen roten Mund. „O Mary," und heiß »msing er die Geliebte. — —-----
Eine Bewegung des Kindes scheuchte sie aus seinem Arm; sie eilte an das Betichen; cs ivar aber nichts; Hass» schlief ruhig iveiter. Doch sie ging nicht iviedcr zu Wolf zrl, rück; gleichsam wie Schutz suchend blieb sie am Bett stehen.
„Märchen, komin —" bat er. Sie schüttelte nur mit deiq Kopfe als Antwort.! Da brat er zu ihr und legt« seineit Arm um ihren Leib. ,,Warum nicht, mein Liebling?"
„Nein, Wolf, weil es so unrecht ist, daß wir ani Bett deines kranken Kindes an unsere Liebe denken können, an etwas, das doch nicht sein kann, das Sünde ist!"
(Fortsetzung trügt)
Zpinnstuben im vogelrberg und in den angkenzei-.den Gebieten.
Von Tr. Hermann Molz, Gießen.
IV.
Menu die Feldarbeit erledigt ist, und die Nächte früh an, brechen, dann scharen sich die Mädel)«» gleichen Alters zusammen und machen die Spinnstuben auf. Ohne »iitcksichl auf Ansehen und Besitz werden alle geladen, und in sröhliä>«»i Treiben, das mit dem Besuch der Bursche» um sechs oder liebe» Uhr am ersten Tage seinen Höhepunkt erreicht, wird „das Licht angc, sosien". Tic Mädchen kommen von da an regelmäßig mit Tages« ende in die Spinnstube und setzen sich aus die beiden Bänke, di« an den mit Holz verkleideten Wänden stehen. Im Bogelsberg 'gcbrihrt der Tochter des Hauses einer der Eckplätze, >00 die beiden Bänke im rechten Winkel zusammcnstoßen; im Knüll findet eine solche Bevorzugung nicht statt. Ter große Fanrilienlisch, der sonst an diesem Platze im Wohnraum steht, wird beiseite gerückt. Tie Zahl der Spinnmädchen ist sehr verschieden: sind viele im gleichen Jahre konfirmiert, dann ist die Gei'cllsärait sehr groß; in Schwar« zcnborn waren 15—16 Mädchen oft beisammen. In Schlechtenwegen haben sich in diesem Winter (1013, 14) drei Spinnstuben ansgelan, an denen.5, 13 und 7 Mädchen ieilnchmeu. In Sbcr- moos ivaren im vergangenen Winter 5 Mädchen m der Spinn« sttibe der Jüngsten und 1b in der der Rcllcren. Außerdem gab cs in Obci-moos iwch eine Svinnftube der Tienstnuldchen; ander« ivärls finden die Mägde geivöhnlich bei den cingciessenen Töckstern Ausnahme. Ja, in Raboldshausen wurde eine Magd, die fremd ins Torf kam, von de» gleichaltrigen Spimistubengenosse» feierlich „geholt" Allerdings lag darin eine besondere Auszeichnung für Vas fremde Mädchen. Wen» die Spinnstube zwei Wochen in einem Hause getagt hat, wandert sie in das Haus eines andern Mädchens, wobei aber auf die Größe der Räumlichkeiten doch Bedacht geuoinmeu wird. So verletzt die Spinnstube heute alle 14 Tage ihr Heim: früher vereinigten sich die Mädchen den ganzen Winter in einem Hause. Tas hatte für die Spinnstnbe


