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An der nördlichen und östlichen Abdachung des BozelsbergeS haben sich also die Spinnstnben vereinzelt bis in unsere Tage erhalten. Es läßt sich auch bei genauer Kenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse des Gebirges nicht nrit Bestinrmtheit sagen, toclche Unistündc im einzelnen Falle zum Festhalten am Alten geführt haben Doch scheint die Abgelegenheit von wichtigen Verkehrs« tvegrn mtb größeren Orten in Verbindung nrit dem Fehlen von iirdustriellen Werken flir die Bewahrung der alten Uebrrtiesernng maßgebend gewesen zn sein. Zuweilen mögen aber auch rein örtlich« Grürrde die Fortdauer des alten Zustandes venrrsacht haben. Die genannten Orte treiben besonders Viehzucht und erfreuen sich eines ziemlichen Wohlstandes: im Winter stockt die Arbeit, uich da war es, wenn man nicht zur Hausindustrie übergehen wollte, recht natürlich, Spinnen und Weben weiter zu Pflegen, um auch jm Winter eine Beschäftigung zu haben. Weirn diese Arbeit auch nicht mehr so lohnend war, so behielt man sie doch bei, um nicht zuni Müßiggang verurteilt zu sein. Wenn dairn noch gewichtige Persönlichkeiten des Dorfes für den Flachsbau eintraten und ihren Mitbürgern ein Beispiel gaben, konnten die Spinnstnben sogav in ihrer alten Blüte erhalten werden (Hopflnannsscld). Trotzdem aber ist ihr Absterben in den nächsten Jahrzehnten sehr wahrschein- lich: bald dürsten loie in Thüringen Kraftwagen die Kauslcute mit den städtischen Waren bis in die entferntesten Winkel bringen, Eiseiisteiugrubcn dürsten in Betrieb gesetzt wcrdeir — und dann lebt wohl ihr letzten Spinnstuben!
Um die Liste der Spinnstuben in Hessen voll zu machen, sei auch erwähnt, daß auch in Arnshain an der Nordgrenze Oberhessens (bei Neustadt an der Maiu-Weser-Linie» noch tüchtig gesponnen ivird. In der Schwalm, im Knüll lRabvldshausen, Hergetsfeld, Steiudorf, Rückertsfeld und anderen Orient und im Hohen Westertvald (Driedorf, Stein -Neukirch) sind die Spinnstuben auch nock nicht ganz erloschen. Recht zahlreich sind sie noch im Kurhessischen, in der Gegend von Biedenkopf und Wetter, vertreten. Die Hauptortc sind hier: Hcrzhnusen, Danishausrn, Friv- densdors, Buchenau, Treisbach, Amönau, Niederasphe, Oberasphe, Unterrosphe, Oberrosphe, Mellnau. Indes ist überall ein deutlicher Rückgang zn bemerken. (Fortsetzung folgt.)
Deutsche Titel- und Grdenssucht.
Von Otto Gildemetster.*)
Ziemlich allgemein findet man, daß die Entwicklung unseres Ordens- und Titelwesens unserem öffentlichen Leben ciue Physiognomie ausgeprägt hat, die uus, im Vergleiche mit anderen vorgeschrittenen Nationen, nicht zum Vorteil gereicht. Ziemlich allgemein, sagen wir, ist dies i>ic Ansicht der Presse und wohl auch de? Publikums. Aber es gibt auch eine cutgegengesctzte Stimmung, die ans dem krankhaft überreizten Gefühle beruht, daß alles Deutsche herrisch und tadellos und daß es eine Versündigung sei, wenn mau behaupte, daß bei anderen Völker» dies und jenes besser sei als bei uns, den Enkeln Armins, Barbarossas und Luthers. Es sind daher auch Urteile laut geworden, deueu zufolge die Tadler gegen berechtigte deutsche Eigeirtumlickkciteii frevelt!, die tiefere Bedeutung der Bänder, Kreuz« und Sterne »nd der Titel verkennen, das Ausland auf Kosten der Heimat lobeir wo di gar aus purem Neide, tvril sie selbst nicht dekoriert imirden, den ehrenvollen Schmuck Höherstehender bespötteln.
Die Verständigsten unter denen, die solche Erörterungen übcl- gcnommen haben, sind Noch diejenigen, die da sagen: Freilich such diese Dinge, die ihr kritisiert, nicht sehr schön, aber, du lieber Hinimel, die menschliche Eitelkeit ist einmal vorhanden und unarisrottbar, und sie ist nicht bloß in Deutschland und im neunzehnten Jahrhundert anzntressen, sondern sie ist allen Ländern gemeinsam und sie ist so alt >Me die Pyramiden oder vielinchr wie das Menschengeschlecht selbst. Analoge Erscheinungen ivic unsere Nanglisten und Ordensverzeichnissc haben wahrsckzeinlich schon bei den Mensche» der Urzeit existiert, und jedenfalls existieren sie hcntc, umhin nian auch blicken inag, bald in dieser, bald in jener Gestalt, bei Hottentotten und Australnegern nicht minder als in Peking, Petersburg und Paris. Ob man stolz ist auf einen vtasenring, eine Tätowierung, oder aus einen Stern von Silbcr- vlech, das macht im Wesen keinen Unterschied, und nian sollte daher das, was so allgenrein ist, nicht unsercn Landsleuten zum besonderen Borwurf nracheu.
Dari» liegt etwas Wahres, aber es beweist zu viel. Wenn wir den Besen vor unserer Tür rasten laffe» müssen, tveil vor anderen Türen Unrat liegt, so ivird die Straße niemals rein tvcrden. Es ist ganr richtig, daß sogar die Wilden und die Barbaren allerlei künstlickic Mittel anwenden, um ihren Umgebungen
, *) Diese Belrachtiutgen, die wir der erschienenen neuen Auflage seines prächtigen Buches „Aus den Tagen Bismarcks" (Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig) entnehme», schrieb der berühmte Essayist 1891, als der Prozeß gegen einen Bureauvorsteher des Kaiserlichen Zivilkabinetts ioegen Vorspieglungen in Ordens- mrb Titelangelcgenheitcn und ioegen Untcr- schlagiiiigeii in Deutschland viel Staub ausivirbelte Sie sind auch heute »och lesenswert und von aktueller Bedeutung.
*u imponieren, aber damit ist nicht gejagt, daß der zivilisiert« Mensch hingehen und desgleichen tun müsse. Jm Gegenteil, inan sollte denken, dir Moral dieser ethnologischen Tatsache weise in eine ganz andere Richtung. Höhere Kultur iveudet sich geringschätzig von dem Flitterstaat ab, der daraus berechnet ist. die Aufmerksamkeit auf die geputzte Person, wohl gar vorzugsweise aus ihren Körper zu lenken. Mit der Zunahme der Bildung pflegen Pomp und prahlerische« Auftreten zu schwinden, Kleidung, Zer»> Monieli und Redeweise sich zu vereinfachen. Griechen und Römer bildeten in ihrer guten Zeit durch ihr schlichtes Wesen einen vornehmen Gegensatz gegen die prachtliebendeu Asiaten, sie ersck>einen uns als wahre Menschen neben törichten Kindern. Ohne Zweifel haben auch sie ihre Eigenliebe, ihren Ehrgeiz und ihre Eitelkeit gehabt, aber sie suchten für die Befriedigung dieser Begierden: edlere Forinen al« äußerlichen Behang und inhaltlose Wörter^ und vor allem, sic bedienten sich dieser Formen mit einer Sparsamkeit, die alle Mittelmäßigkeit anssAoß. Nur dem ivirklichen und mir dem seltenen Verdienste wiirkte der Lorbeerkranz und di« Eichcnkrone, und nur dem wirklichen Amte und Machtbesitzc gl» bührte der kurulische Sessel und der Purpurstreif.
Die modern« Menschheit zu der Schönheit des hellenischen Lebens zurückführen zu lvollen, wäre eine Utopie. Aber nicht ganz aussichtslos und sicherlich nicht unpatriotisch ist es, gegen die Unnatürlichkeitcu und Häßlichkeiten, die bei uns Gesellschaft und Staatswesen m überwuchern drohen, das Wort zu ergreifen, und den durch Geivohaheit abstumpseuden Sinn für das LL.yer- lichc der Petersburger und Pekinger Ideale von Zeit zu Zeit wieder zu schärfen Andere Völker haben vielleicht in andern Lastern, vielleicht in schlimmeren Dingen den Vorrang vor un», aber das ist kein Grund flir uits, die Hände selbstgefällig in den Schoß zu legen und Gott zu daiiken, daß wir so relativ Muster- hast sind. Es ist leider unzweifelhaft, daß, so reich auch di» übrigen Völker des Okzidents an Zöpfen sozialer Eitelkeit sein mögen, Deutschland sie doch sämtlich ioeit übertrifft an Massen- hastigkcit, an pedantischer Klassifikation, an Aufdringlichkeit der äußeren Formet! und auch, nach unserem Gefühle wenigstens, au Geschmacklosigkeit. Man sagt, daß für jeden Buchstaben unserer Alphabets wrr einen mit Rat zusammengesetzten Titel aufweisen können. S und V natürlich ausgenommen, rmd daß mir aus U s ich kein Rat ineldet außer Unrat. Und all diese Titel sind im Verkehr und Umgang lebendig, wennscho-n oft genug ohne alle Substanz. Man sagt, daß an Kombinationen, deren die preußischen Ordensdckorationcn fähig siird, es viele Hunderte gibt und daß niemand, seit dem Tode Kaiser Wilhelms l, sie alle kennt. Daß ferner unsere deutschen Titel in Komposition und Klang etioas Kleinstädtisches, Unästhetisches haben, beivcist der Eindruck, den sic machen, sobald sie mit wirklich großen Namen Zusammentreffen. Hofrat von Schüler zum Beispiel! Indes da» ist nicht das schlimmste. Die eigentliche beklagenswerte Seite der Sache liegt darin, daß allmählich hinter dem sich ausbreitenden Rang-, Titel- icnd Ordenssystem der Meiisch, der rein persönliche Wert in den Hintergrund verschwindet, und der Umstand, wie einer heißt, wichtiger ivird, als was einer ist. So hängt schließlich diese auf den ersten Blick oberflächliche Entstellung doch mit tieferen Schäden zusammen.
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Auflösung des Acithniogriphs in voriger ffhumuec:
Sfnin — Amin — Satin» - llnmaua — Aga» — «»ans — Sfniii — Sfii; Ma 8eag« i.
Redaktion: fl. R« urat h, — Notatü-uSdiuck und Verlag der Brühl'schen U»iversilätS-Buch- und Steindruck««!, R. Länge, Gceßeu,


