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Lin Ritt auf Leben und Tod.
Nus dem Kriegstagebuch des ehe,». Unteroffiziers der Schutzlruppe für Südwcstasrika Fcrd. Jvh. Mohr, Gießen.
Am 25. August 1905 wurde ich mit Unteroffizier Schneider, Reiter Weißer und dem Bur van Nikcrtz nach der 30 Kilometer vom Lager unserer 8. Batterie gelegenen Wasserstelle Spitzhoppe abkommandiert
Wir sollten die Werst (Tors) und das! Vieh der dort lebenden friedlichen Eingeborenen bewachen, was durchaus nicht so leicht war. Jeden Tag unternahmen wir einzeln weite Erkundungs- ritle nach allen Himmelsrichtungen; unser Unterossizier hatte das Glück, bei der Farn, Tawcb Näheres über die Viehräuber zu erfahren. ES wurde beschlossen, durch einen gemeinsamen Patrouillenritt die Sache endgültig aufzuklärcn. Am dritten Tage unseres Zluscnthaltcs lourdc derselbe ausgeführt.
„Kameraden," meinte Untcrossizier Schneider, als wir frohen Mutes durch die dunklen Felsen bei Spitzhoppe ritten, „ich glaube. Wir machen einen guten Fang." „Soll uns sreuen," war die Antwort.
Aul der Farnr Taweb, die tvir bei unserm Ritt passierten, Wohnte ein Engländer Smith nebst einem deutschen Gehilfen mit Namen Pitters. Tiefe füllten uns die Feldslaschen mit Milch, ein Trunk, den wir lange entbehrt, tauschten eine saftige Kalbskeule gegen einen von uns erlegten Steinbock ein, so daß wir wohlversorgt losveitcn konnten. Pitters schloß sich uns mit einem! Eingeborenen an. Tie Sonne sank bereits im Westen, als wir die fast endlose Felskctte passiert hatten und in die Ebene hinaus- trablen. So weit das Auge schweifte, wogte das gelbe Steppenras, inmitten der Ebene zog sich ein ausgetrocknetes Flußbett, as von hohen Bäumen umgeben war und einen ivundervollen Anblick bot. Der Farmer veranlaßte uns, vom Wege abzugehcn und einen geeigneten Lagerplatz zu suchen, ohne jedoch ein Feuer anzuzünden. Ta an den vorhergehenden Abenden im Flußbett ein Feuer gesehen ivurdc, sollten wir so lange warten, bis dieses wieder aufleuchtcn ivürde. Wir beschlossen, falls dieses geschehe, dasselbe zu umstellen und die Bande, welche nach Ansicht der Farmer nur 12 Mann und einige Weiber zählen sollte, womöglich lebendig gefangen zu nehmen. Ta wir nur fünf Gewehre zählten, mußten wir mit einem eventl. hartnäckigen Kampfe rechnen.
Tie Nacht verging, ohne daß n»ir etwas vom Feuer sahen. Beim Sonnenaufgang wurde gleich gesattelt, um den Rückmarsch anzutrelen. Kaum waren wir eine halb« Stunde geritten, da fanden wir eine ganz frische Pserdespur. Nach einigen Augenblicken auch das Pserd, ivelches vielleicht eine Viertelstunde abge- sattelt war. Nach kurzer Zeit trafen wir auch eine Menge weiterer Emiren, so daß tvir uns ganz verwirrt anschauten. Doch beschlossen wir, den Spuren zu folgen. Nach einem Galopp von etwa zehn Minuten, als tvir eben durch eine Schlucht kamen und eine Fels- partte unrreiten wollten, befanden wir uns plötzlich einer etwa hundertköpsigen Hottenlottenbande gegenüber. Zum Gllla war dieselbe bei unserem plötzlichen Erscheinen derart überrascht, daß wir Gelegenheit fanden, unsere Pferde herumzureißen und wieder in der Schlucht zu verschwinden. Kaum hatten wir jedoch den Pfad erreicht, da sausten uns die Kugeln um die Ohren. Mit dem Gewehr in der Hand, den Kopf vornübergebeugt, jagten wir über Stock und Stein der Farm Daweb zu. In der Nähe derselben angekommcn, zügelte ich mein Pserd und schaute mich nach den Kanieraden um. Farmer Pitters hatte einen großen Vorspnlng und entschivand bald aus den Blicken. Kamerad Weißer und der Bur kamen auf mich zu, nur unser Untcrossizier fehlte noch. Wir mußten vor allem dem Farmer Smith unsere Hilfe anbieten. Dieser lehnte dieselbe ab, da die Eingeborenen ihm als Engländer nichts zu leide tun würden.
Nun hieß es für uns eine Stellung suchen, in der wir uns so lange behaupten konnten, bis unser Korporal wieder ber uns war. Deshalb rückten wir nach einer naheir Kuppe, begleitet vom Feuer des Feindes, ohne jedoch getroffen zu werden. Aber schleunigst mußten wir zurückkchren, sonst wären wir umzingelt worden. Rasend schossen die Hottentotten aus uns; doch das Glück war uns hold. Wir kamen unverletzt aus dem Feuerbereitst und beschlossen möglichst schnelle Meldung zur Batterie zu geben. Tic uns noch immer verfolgenden Reiter führten wir durch verschiedene Wendungen irre, so daß wir bald ihren Blicken entschwanden. Als wir von einer Höhe aus zurücksahen, fanden wir, daß ein Teil der Bande nach Spitzhoppe zog. Wir setzten nun unseren Weg mit der größten Vorsicht fort. Die Pferde am Zügel führend, schlängelten tvir uns von einer Felskuppe zur andern.
Vom Kalkrand aus sahen wir, daß das ganze Vieh in der Richtung auf Taiveb abgetrieben tvurüe. Das war der Feind. Ter Abstieg von dem etwa 50 Meter hohen Plateau war sehr schwierig und gelang erst nach einigen Umwegen. Turch die Talsenkung ging es im ^ruhigen Tempo auf Spitzhoppe zn. In der Höhe de§ Berges Spitzhoppe angekonnnen, sahen tvir uns plötzlich den, Feinde wieder gegenüber. Tas schützende Buschwerk hatten wir eben verlassen, da saß der Feind aut, um uns zu umreiten. Wir suchten geeignete Deckung. Tie Feind« rissen plötzlich ihre Pferde herum und kamen im Galopp auf uns zu. Inzwischen hatten wir eine kleine Anhöhe erreicht: hier saßen wir «b und warfen uns zur Erde. Tic Hottentotten stutzten. Aber
schon krachten unsere ersten Schüsse und zwei der uns mn nächsten Haltenden überschlugen sich. Wie der Blitz tvaren die anderen von den Pferden. Aber noch einmal boten sie uns ein schönes Ziel. Einige der seindlichen Pferde waren getroffen und sprangen wild durcheinander. Schon erhielten auch wir einen heftigen Kugelregen. Links und rechts flogen die Kugeln um unsere Köpfe: der Sand spritzte bald vor, bald hinter uns aus. Tie Hottentotten kamen immer näher heran. Tie Stellung konnten tvir nicht wechseln, sonst hätten wir unsere Pferde preisgeben müssen. Als nun aber auch in unserm Rücken Feinde austanchten, mußten wir de» Platz verlassen.
Gedeckt durch die Anhöhe laßen wir auf und jagten im Galopp davon. Doch waren die Kugeln schneller als unsere Pferde. Ich lag plötzlich auf der Erde: mein Pferd war getroffen. T« hals kein Zögern. Das Gewehr in die Hand nehmend, den Wasser- sack vom Sattel reißend und ins Buschwerk rettrierend war das Werk weniger Augenblicke. Die Büsche raschelten vor mir. DaS Gewehr an die Backe reißend, erwartete ich die kommenden Tinge. Doch war es nur mein Kamerad Weißer, der auch sein Pserd verloren hatte. Der Bur mit seinem Pferde war entkommen. Wir beide, nun jeglichen Schutzes beraubt, beschlossen, beieinander auszuhalten bis in den Tod. Sollte der eine fallen, dann würde der andere bei der Leiche desselben ausharren, ihn rächen, bitz auch ihn der Tod ergreife.
Im Lausschritt zogen wir uns schleunigst aus den Blicken des Feindes zurück. Bor uns, in weiter Ferne, lag das Aurosge- birge und winkte Rettung entgegen. Rechts und links lauerte der heinitückische Feind. Dazu brannte unbarmherzig die afrikanische Sonne hernieder. Immer stärker inachte sich der Durst bemerkbar; Mein Wassersack war durch den Sturz des Pferdes ausge- lausen, nur mit wenigen Tropfen konnten wir uns die Lippen netzen. Ta half kein Besinnen. Wir mußten uns durchschlagen. Anfangs kamen wir slott vorwärts. Aber nach längerem Marschieren schmerzten die Füße von der Hitze des Sandes Zuletzt konnten wir nur noch ganz kleine Sttecken zurücklegen. Es bedurfte schon der gegenseitigen Aufmunterung, um nicht ganz zu verzagen. Doch das Bewußtsein, daß ein deutsche« Soldat in der höchsten Not seinen Gott zum Führer hat, ßab uns neuen Mut. Halb verschmachtet vor Durst und Hitze ermcfrtett 1 wir endlich am Abend den Eingang des Gebirges. Hier zogen wir die Stiefel von den wunden Füßen, um diese etwas abzukühlen. Lange hielten wir Fs nicht aus. Der Sand war zu heiß und Dornen und Disteln gruben sich ins Fleisch. Nach weiteren drer Stunde,! erreichten wir endlich das Lager unserer Batterie in Auros. Mit Jubel wurden wir empfangen. Mancher liebe Kamerad weinte Tranen der Freude. Denn der Farmer Pitters und der Bur hatten uns als gefallen gemeldet.
Zwei Stunden nach uns, kam auch unsev Unteroffizier Schneider. Sein Pferd war bei unserem ersten Zusammentreffen mit dem Feind erschossen worden; ein weiteres, das er sich von der Farm geholt, unterwegs ermattet, so daß auch er einen großen Teil des Wegs zu Fuß zurücklegcn mußte.
Am selbigen Abend ging noch eine Patrouille! von 30 Mann fort, die mit dein englischen Farmer Smith und dein übriggebliebenen Teil seines Viehes am nächsten Tag zurückkam. Ter Feind war mit dem geraubten Vieh verschwunden. Die Bande, mit der wir znsammengestoßen, waren die Witbois unter persönlicher Führung von Hendrik Witboi. Nach den Aussagen des Farmers waren sie 300—400 Mann stark. Wir erfuhren, daß der gefürchtete Witboi au> ffeden von uns 20 Pfund Sterling (400 Mark) Fanggeld ausgesetzt hatte. ZnM Glück brauchte er den Betrag nicht ansznzahlcn. Aul dem Kampfplatz fand man die Leichen von zwer Hottentotten, außerdem sollte noch eine Anzahl verwundet sein. Wir ahnten deshalb noch nicht, daß die« Witbois letzter Biehdiebstahl tvar und ihn sechs Wochen später sein Schicksal erreicht haben ivürde. Zur Anerkennung unseres Verhaltens bezw. Ucberbrrngung der genauen Meldung über Stärke und Aufenthalt des Feindes wurden wir von Sr. Majestät dem Kaiser mit dem Militär-Ehrenzeichen 2. Klasse ausgezeichnet.
Richard Wagners „Jesus von Razareth"
Von Wolf gang Galt he r.*)
Schon 1843 hatte Wagner im „Liebesmahl der Apostel" eine musikalisch« biblische Szene gedichtet. Mit dramatischer Anschaulichkeit ist darin die Versammlung der von Gefahren bedrohten, zaghaften und kleinmütigen Jünger geschildert, zu denen sich die Apostel gesellen. Am Psingsttage spielt die Szene: der Heilige Geist ergießt sich in die Herzen der Jünger, und mit einem begeisterten Schlußchor fordern die Apostel auf, in alle Wett zu ziehen: Das Wort des Herrn soll allen Völkern werden, damit sein Preis in allen Zungen tön'!
*) Aus einer Einleitung zu: Richard Wagner. Gesammelte Schriften und Dichtungen. Herausgegebcn, mit Biogravhic, Einleitungen, Anmerkungen und Registern versehen von Geh. Hosral Prof. Dr. Wolsgang Golther. Goldene Klassiker-Bibliothek. Deutsches Verlagshaus Bong u. Co., Berlin und Leipzig. Zehn Bände in sechs Leinenbänden 15 Mark.


