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Doktor!" klagte sie, „ich weiß mir kaum zu Helsen. Hasso kennt mich in seinen Fieberphantasien nicht; ich vermag ihn kaum im Bett zu Hallen; Fräulein kann mir auch nichts nützen."
Der Arzt trat an das Lager des Kindes; vorher jagte er noch schnell vorstellend: „Hier gnädige Frau, die versprochene Hilfe, Schwester Konsuelo. Ihr können sie unbedingt alles überlassen."
Gleichgültig neigte Gabriele das Haupt, aber als der Lichtschein her verschleierten Lampe aus das Gesicht der Schwester fiel, lvurde sie fast starr vor Staunen! Dies Gesicht kannte sie doch — > diese Züge hatten sich ihrem Gedächtnis so scharf eingeprägt, daß sie sie unter Tausenden sofort erkannt hätte! so konnte sich die Natur nicht wiederholen — so täuschende Aehnlichkeit gab es nicht — das mußte sie sein — sie selbst *— Mary Winters, ihres Gatten frühere Geliebte — indessen, wie kam diese in die Tracht einer barmherzigen Schwester? Jedoch die vollendete Weltdame wußte sich zu beherrschen und ihr Erstaunen geschickt zu verbergen — kaum eine halbe Minute hatte diese Verwunderung Herrschaft über sie gehabt; sie faßte sich, und mit großer Liebenswürdigkeit, aber doch fremd, sagte sie: „Gut, daß Sie gekommen sind, Schwester — wir haben schwere Stunden durchlebt — o, und die letzte Nacht, kein Auge habe ich zugetan — wenn nur mein süßes Kind wieder gesund wird!"
„Was in meinen Kräften steht, gnädige Frau, Sie unterstützen, soll geschehen," antwortete Schwester Kon- nelo mit ihrer sanften süße» Stimme.
Gabriele lauschte den Worten; o, jetzt tvar kein Zweifel mehr möglich; diese Stimme konnte nur Mary Winters
e en! Seltsame Fügung! Triuniphierend blitzte es in Augen aus — jetzt war Gelegenheit, sich an ihrcni .Äatten zu rächen und ihm die Demütigungen alle heimzuzahlen! In ihrer Gegenwart sollte das Wiedersehen der beiden stattfinden; dann wollte sie sich an seiner Bestürzung weiden, die Geliebte hier und in diesem Gewände zu sehen, und an seiner Qual wollte sie fich freuen, mit jenem Mädchen in ihrer — Ellas — Gegenwart täglich Heisaminen zu sein! Vergessen war augenblicklich das kranke Kind — alles — nur dieser eine Gedanke beherrschte jsie. Ihr Plan Ivar fertig — Mary sollte, durfte nicht ahnen, daß sie erkannt war — mein Gott, das Gesicht einer Putzmacherin prägt sich nicht so scharf ein, daß man es nach o und so viel Jahren wiedererkennt! — Deshalb sprach ie auch unbefangen wie zu einer ganz fremden Person zu >ieser, daß Mary der Gedanke kam, daß hei ihrer öekannten Oberflächlichkeit Ella sie gar nicht wiedererkannt habe! Sie hatte auch gar nicht Zeit, lange darüber nachzudenken, da das Kind ihre ganze Sorgfalt in Anspruch nahm. Der Arzt hatte sie zu sich gerufen und erteilte ihr mit leiser Stimme Verhaltungsmaßregeln. — „Sie wissen ja selbst, was zu tu» ist, Schwester," schloß er — „heute abend komme ich noch einmal; wir müssen den kleinen Kerl durch- ortnaen, wenn es auch sehr bedenklich steht." lind zu Gabriele, die ihn nach der Tür begleitete, „haben Sie Ver-> trauen, gnädige Frau! — Und so lange diese da an einem Bette pflegt, habe ich selbst im schwersten Fall die Hoffnung nie verloren! Eine lvahre Perle für uns Aerzte ist Schwester Konsuelo, ein liebes Geschöpf!"
„Ich habe noch nie von ihr gehört, Doktor! Sie ist wohl noch ntcht lange hier?"
„Nein, erst seit August! Sie kam von D. vom Kinderhospital, ist eine freiwillige Pflegerin!--Und Ihnen,
gnädige Frau, gebe ich den guten Rat, sich jetzt zu schonen! Ihr Kind ist in guten Händen!" Er wußte genau, warum er das sagte — sie hatte ihm mit ihrer Unvernunft schon zu schaffen gemacht.
„Sie haben gut reden, Doktor! — als ob ich Ruhe hätte, solange mein Kind in Gefahr schlvebt! — Mso heute abend kommen Sie noch mal?"
„Jawohl, gnädige Frau, zwischen neun und zehn Uhr."
Sinnend saß Mary an Hassos Bettchen. Sein Kind — — eine unendliche Rührung erfaßte sie! Ja, es war sein Kind — ihm wie aus den Augen geschnitten. Es ivar dasselbe vornehme, schmale öwsicht, dasselbe dunkle lockige Haar, durch das sie so oft kosend gestrichen — das war seine Nase, sein Mund — und seine dunklen stolzen Augen, die jetzt aus dem Kindcrgesicht sic mit irrem Fiebcrglanz an- schautcn. Und sie dachte an ein ähnlich Gesicht — nur von blonden Locken umwallt — heiß, trat e§ in iffce Augen;
sie durfte nicht daran denken, wenn sie ihre Sicherheit bv»
halten wollte!
Da trat Gabriele ins Zimmer. „Nun, Schwester, wie denken Sie?" fragte sie leise, „die Aerzte Hebe» immer so ausweichende Antworten! inei» armes Kind!" Und sie strich mit der Hand über sein Gesicht; der Knabe wurde dadurch noch unruhiger.
„Fort du," stieß er hervor, „du willst ja nichts von Hasso wissen; Hasso ist dir im Wege, du schlägst ihn immer —"
Gabriele wurde rot. „O Schwester," klagte sie, „wie bin ich unglücklich! So lange er krank ist, will er nichts von mir wissen."
„Darüber seien Sie nicht bekümmert," sagte Mary begütigend, „das hat man häufig bei Kranken, daß sie die- lenigen, die ihnen sonst die Liebsten auf der Welt find, von fich stoße» und nichts von ihnen wissen wollen! Da Hab' ich erst kürzlich lvieder den Fall gehabt, daß eine in glücklichster Ehe lebende Frau während ihrer schiveren Krankheit durchaus nicht die Nähe ihres Mannes vertrage» konnte! —i Ruhig, mein Kind," sagte sie liebevoll und legte die weiche kühle Hand auf die sieberheiße Stirn des Knaben. Und es war, als ob diese linde Berührung Wunder wirkte — Hasso wurde merklich ruhiger. Unausgesetzt beobachtete Gabriele die Schwester. Sie hatte sich an die andere Seite des Bett- chens gesetzt, das frei im Zimmer stand. An ihr, der reichen verwöhnten Frau, waren die Jahre vorüber gegangen, aber in dem blassen schmalen Gesicht ihr gegenüber hatte» sie Spuren hinterlassen, die Leid und Schmerz noch mehr vertieft hatten. Und doch konnte sie sich nacht verhehlen, daß Mary von einer fast überirdischen, rührenden Schönheit ivar. Unter der weißen Mütze hervor legten sich einzeln« widerspenstige Locken, die sie vergebens zurückstrich, aus die klare Stirn, und die sanften ruhigen Bewegungen paßten zu der ernsten einfachen Schwesterntracht. Mary fühlte dies Beobachten als etwas Lästiges; vielleicht hatte Ella sie doch erkannt — aber nein, unmöglich, sonst hätte sich diese durch ein Wort verraten.
„Gnädige Frau, möchten Sie nicht ein wenig ruhen?" bat fie da, „es steht uns wahrscheinlich eine schwere Nacht bevor."
„Nein, nein, Schwester," wehrte Gabriele, „wie könnt' ich Ruhe finden! Lassen Sie mich bei meinem Kinde bleiben i
— Uebrigens muß mein Mann bald kommen!"
Bei diesen letzten Worten behielt sie Mary scharf im Auge; jedoch kein Zucken verriet ihr, daß diese davon erregt wäre. Mary ivar ja daraus vorbereitet, Wolf zu begegnen, und Selbstbeherrschung hatte sie in den Jahren genügend gelernt!
„Ist es nicht ein anstrengender, entsagungsvoller Beruf, den Sie sich da erwählt haben, Schwester?" begann Ella leise, „ich muß gestehen, daß ich dazu iveder Mut noch Kraft hätte! Sie müssen doch vollständig mit dem Schönen, was das Leben gibt, abgeschlossen haben."
Mary lächelte ihr sanftes Lächeln.
„Eines schickt sich nicht für alle, gnädige Frau! Aber wir inüssen doch auch da sein! Im Anfang ist es mir recht schwer geworden, und gar manchmal stand ich am End« ineiner Kraft und wollte verzagen — dann Hab' ich aber die Zlihne zusammengebisse», um nicht umzukehren, und! e§ gelang mir, die Schwäche zu überwinden! Dan» ist mit der Geschicklichkeit auch die rechte Lust gekommen — und — gnädige Frau — jetzt kenne ich keinen schöneren Beruf
— es ist herrlich!" Ihre Augen leuchteten wie verklärt, während sie das sagte.
„Und wie sind Sic dazu gekommen?" fragte Ella lveiter. Hasso lag ruhig wie schlafend da, und so konnte wohl das gesprochen werden, was fie wissen wollte.
„Wie ich dazu gekommen bin?" sagte Mary mit wehmütigem Lächeln. „Ich stehe ganz allein in der Welt! Die Elter» sind mir früh gestorben, aus ferne,» Land kam ich nach Deutschland — und eine liebe mütterlickie Freundin, die ich gefunoen, führte mich diesem Beruf zu."
„Verzeihen Sie, Schwester, eine etwas indiskrete Frage
— aber natürlich im Munde einer jeden Frau! Haben Sie niemals daran gedacht, sich zu verheiraten? Denn wer von der Natur so reich begünstigt ist, wie Sie, kann einer solchen Frage sicher nicht fern gestanden haben."
(Fortsetzung lügt)


