Ausgabe 
16.2.1914
 
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hätten die Prachtkerle sehen sollen, jeder-ein Held! Meinen Schutz habe ich aut wenige Schritte beim Eindringen in ein Gehöft bekommen, und sehen Sic sagte er ich wutzte ja, daß ich in den Unterleib getrosfen würde, der Schutz ist durch die Blase gegangen/'Als ich lag sühn er sort mutzten meine Leute, von denen zwei tot neben mir lagen, zurück. Wir drei blieben dort liegen, und die Halunken plünderten uns ganz aus, selbst meine Ringe haben sie mir mit Gewalt abgezogen. Ilm mich mit Erfolg zu wehren, war ich schon zu matt: sie haben mir nichts als Hemd, Unterhosen und Strümpfe gelassen: wenn ich nicht in der Nacht von unseren Krankenträgern gesunden Iväre, wäre ich wohl erfroren, und den armen Kerls neben mir haben sie die llfircn und ihre paar Pfennige abgenommen." Als ich ihm die Hoffnung aussprach, datz er wieder l>ergcstellt du er de was freilich ganz ausgeschlossen war, lächelte er und sagte:Das glauben Sie ja selbst nicht, lieber Reiche: morgen früh werden Sic mich begraben: darum machen Sie mir noch ein recht fröhliches Gesicht, und bleiben Sie bei mir: allein kommen einem so scheußlich« Gedanken " Ich erzählte ihm nun den Verlaut des Gefechtes und von meinen gefährlichen Erlebnissen, daher war er so, als ob wir beim Glase Bier sätzen, nur zuweilen zuckte es schmerzlich in seinem Gesicht. Als er den an meiner linken Brust von nreinem Burschen nicht gerade schön zusamcnengeslickten Ritz bemerkte mir hatte ein Streifschuß den Roa lind das Hemde auf der linken Brust zerrissen, nannte ich ihm die Ursache: da gab er mir die Hand und sagte:Ich beglück­wünsche Sie, ein Paar Zenttnreter tiefer, dann könnten Sie auch nicht mehr mit mir plaudern." Später sagte mir der Arzt, er ser unrettbar verloren, es handle sich nur um wenige Stunden, man müsse ihm den Dod je eher je lieber wünschen, er stehe ganz rasende Schmerzen aus. Ich habe bewundernd und begeistert an dem Tvdeslager dieses Helden gestanden. Als ich merkte, datz er doch sehr matt Ivurde, sagte ich ihm Lebewohl, und drückte ihm zum letztenmal die Hand. Drantzcn konnte ich meine Tränen nicht länger znrückhaltcn. Am Nachmittag ist er dann saust entschlafen

Heute soll die Beerdigung der Gefallenen Deutschen und Franzosen stattsinden. Ich mache mich deshalb aus, meinen Freund v. P. noch einmal zu sehen. In der Kirche finde ich die Leiche erst nach langem Suchen. Särge waren nicht zu beschaffen gewesen, so lagen die Toten, jeder mit seinem Mantel bedeckt, auf den kalten Steinen des Fußbodens, v. P. lag, ivie er im Bett ge­legen: mit dem, was ihm die Schlachtfeldhyänen bei der Plünde­rung gelassen hatten, zugedeckt mit einem Mantel eines Musketiers. Die treuen blauen Augen standen noch starr und weit ans. Mir wurde so traurig zu Mute: es machte einen gar zu entsetzlichen Eindruck, alle diese Leichen, so dürftig bekleidet, mit Blut bespritzt auf den kalten Fliesen der Kirche, darunter er! Ich versuchte, ihm die Angen zuzudrücken, was mir nur zum Teil und mit Mühe gelang. Die Totenstarre war schon zu lange eingetreten, das übrige tat die Kälte. Ich deckte ihn wieder z», sprach ein kurzes Gebet und schlich mich davon . . .

Am Mittag gehen wir alle zum Begräbnis. Die Feier in der Kirche ist so ergreifend, ivie ichniie eine mitmachte Bor den, Altar liegen Arm an Arm Deutsche und Franzosen: zu beiden Seiten des Altars stehen der evangelische und der katholische Geistlich»'. Nach einem von der Orgel begleiteten Gesang halten beide Geistliche nach­einander eine zu Herzen gehende Rede: dann werdet! die Toten auf Krankenbahren hinausgetragen. Drautzen aus dem Kirchhof gähnt ein großes Massengrab und vier einzelne Gräber für Ossi- ziere. Nachdem di« Leichen hineingelegt waren und Erde darauf geschüttet ist, kommen die drei Salven und damit ist tvieder ein Akt des großen Völkerdramas geschlossen.

Ernstes uni» heiteres ans haeckels Leben.

Die köstlichsten Sttmde» seines arbeitsreichen Lebens verdankt Ernst Haeckel dem Manne, der ihn seinem Fache der Zoologie, zugesührt hat: Johannes Müller. Es war im Sommer 1854: die Vorlesungen hatten geschlossen, da schlug Johannes Müller seinem Schüler, dem damaligen Studenten der Medizin Emst Haeckel, vor, er solle ihn nach Helgoland begleiten, um ihm dort bei seinen Forschungen an Seetieren behilflich z» sein. Das Treibe» Müllers und Haeckels am Helgoländer Strande ersäße» den Fischern zivar äußerst seltsam, den» sie hatten noch nie ge­sehen, wie vernünstige Menschen mit Gchmelterlingsnetzen aus dem Meere etwas Brauchbares fischten, allein Haeckel und Müller stapstcn dennoch stundenlang mit ungeheurer Ausdauer tu dcu Ebbetümpeln umher, Haeckel führte förmlich lso sagt Bölschcl das Leben eines Seesäugctters, und diese Lebensweise trug ihm bei den Helgoländer Fischern den Namen einesTcedüocls" ei». Johannes Müller übte sörmlick? faszinierende Wirkung aui Haeckel aus und nock> als reifer Mann hat Haeckel daraus hingctviesen, was Müller für ihn bedeuteleiWenn ich jetzt bisweilen bei der Arbeit ermüde," so hat er sich als Sechzigjähriger geäutzert, brauche ich nur das Bild von Johannes Müller, welches in meinem Arbeitszimmer vor mir hängt, anzusehcn, um neue Kraft zu getviunm. Iw werde nie die Anregung vergessen, die ich ihm verdanke. Er lehrte vergleichende Anatomia und Physiologie.

Ich wurde in kurzer Zeit mit ihm näher bekannt, hatte aber vvi seiner gewaltigen Persönlichkeit eine solche Verehrung, datz ich cs nicht wagte, ihn, näher zu treten. Er gab mir Erlaubnis, im Museum zu arbeiten. Es sind mir unvergeßliche Stunden, in denen ich dort satz und Schädel zeichnete, während er aut und ab ging, besonders Sonntag nachmittags. Mehrere Mal ist es mir passiert, daß ich ihn um Rat fragen wollte. Mit Herzklopscn stteg ich die Treppe hinan, faßte an die Klingel, wagte aber nicht zu läuten, sondern kehrte wieder um.

Ueber ivelch gewalttge Arbeitskraft Ernst Haeckel zeitlebens verfügt hat, davon gibt die lange Liste seiner einzelnen Arbeite» weit über 100 die beste Anschauung.Jede Minute ist kost­bar in dieser Welt, sviele oder arbeite: aber tue ani alle Fälle etwas" - diese Weisheit, die ihnr sein Vater in der Ki»derze»c oft gepredigt hatte, lvandte er selbst in dem erschlasfenden Tropen"- klima an, dcni er bet seine» Weltreisen ausgcsetzt war. Ans Ceylon sagte er sich, datz jeder Tag tvegcu der großen Reisekoste» ctlua den Wert eines Hundertmarkscheiiles besäße, daher verzichtet« er aus jede Langschläserei und Siesta, stand alltäglich um 5 Uhr morgens auf und benutzte die heißen Mittagsstunden von 12 bis 4 Uhr zu anatomischer und mikroskopischer Arbeit, zum Be­obachten und Zeichnen, sowie zum Einmachen und Verpacken de« gesammelten Materials.

Wer Haeckels Werke kennt, ist sicher ein Bewunderer der prachtvollen Bilder, die ihnen beigegcbcn sind. Sie sind Haeckels eigenes Werk. Schon Johannes Müller war über Haeckels Zeichciv- und Maltaleut erslaunt gewesen, und es hat eine Zeit gegeben, wo Haeckel selbst glaubte, er solle Maler werden Das loar in den schönen sIugendtagen, >vv er untremMarschet,dichter, Friesen- häuptling und Prachtkerl" Hermann Allmers Süditalie» durch- streiste. Allmers selbst hat einmal erzählt, wie er Zwecke, in einem Cafe Neapels kennen lernte: er griss nach einem Blatte der Allgemeinen Zeitung: gleichzeitig streckte sich eine andere

Hand danach aus, die Haeckels, also offenbar eines Deutschen, Ivosür auch die ganze Erscheinung sprach. Aus der rasch geiuack,te>r Bckanntschast wurde bald eine schöne Freundschaft: der Dichter und der Naturforscher reisten zusammen:Ancki bin gemein­

sames Quartier beherbergte uns, keine Wanderung ivard allein unternommen,feine botanische Exkursion, nie saß man einsam, um zu aauarcllieren und zu zeichnen, was Haeckel mit biner wahren Leidenschaft trieb, und am britteu Morgen schon, da wir aus einer fast kochend heißen Wiese seltene Thermalpslanzen entdeckten und fast auf derselben Stelle die zerfallenen Trümmer eines altrömischen Bades fanden, wirkte das Seltsame und Eigen- tünrlichc aus uns Beide, baß wir uns jubelnd umhalsten und denRest! unserer Flasche zuni Schmollis weihten, Kleide suhlte» wir, es konnte nicht anders sein Und so ging es glückselig schtvclgenh im Anschauen der herrlichen Gegend, die vom hohen Enipomco genossen, in ihrer Pracht uns zu Füßen lag: so ging es als wir gar uns aller Kleider beraubten und nackend wie ein paar echte Naturmenschen in die warmen Schlammströme tauchten, welche aus der dämmervolleu Tiefe unter herabyäugendem Ge­rank und Farnkräutern hervvrqnolle» . . ."

Im Jahre 1866 reiste Haeckel nach England, und damals lernte er Darwin persönlich kennen Darwin holte ihn von der Eisenbahn ab, und diehohe ehrwürdig« Gestalt mit den breiten Schultern des Atlas, der eine Welt von Gedanken trägt, seine Jupiterstirn wie bei Goethe, bock» und breit gewölbt, vonil Pfluge der Gedankenarbeit ttef durchfurcht", und das übrige Aeu- ßere machten ans Haeckel einen solche» Eindruck, daß er eine» hehren Weltiveisen des hellenischen Altertums, einen Sokrates oder Aristoteles, lebendig vor sich zu sehen" glaubt. Die Beiden freun­den sich rasch an, inr Gespräch ivettert Haeckel voller Eiier aus die Dunnnköpse und Perücken, die sich gegen die sonnenklare Wahrheit der Entwicklungsidee noch aiislehnen. Da legt Darwin seinem feurigen Jünger die Hand auf die Schulter und sagt lächelnd, es seien vielmehr arme als böse Leute, und den Strom der Wahrheit selber hielten sie doch nicht ans . . .

Lharade.

Eins-zwei ist besonders den> Landivirt« ivcrt.

Da sie als Flitter vorn Dieb begehrt.

Tie Tritte der Matbeiualikus schätzt,

Nicht selten datür er auch Buchstaben letzt.

Das Ganze nennt einen mächtigen Weift,

Manch hnbicbes Märchen verrät, ivie er heißt.

Auslösung in nächster Ntimmer.

Auslösung des KreuzrätselS in voriger Nummer: LUS 8 a t w h ft Löwe nmatil Ha hn einann Stammbuch a a u n u c

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Redaktion: K. Neurath. Notationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Universitäts-Buch- und Sleindruckerei, R. Lange, Gießen.