Ausgabe 
16.2.1914
 
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suchen; es darf nicht hoher kommen. Befolgen Sie genau meine Vorschriften!" Der Arzt >varf einen Blick voller Mit­leid auf Wolf, der ganz gebrochen dasaß.Um Hasso habe ich keine Angst, wohl aber um Sie, Herr Hauptmann. Essen und schlafen Sie ruhig, damit wir nicht statt eines zwei Patienten haben! Also nachmittag konime ich mit der Schwester. Adieu!"

(Fortsetzung tolflt.j

Zch halt' einen Nameraden. .

Aus meinem Leutnantstagebuch.

Von Oberstleutnant a. D. G. Reiche.

Ich halt' einen Kameraden". Die Sükarmee unter Manteussel drängte die französische Armee unter Bourbaki gegen die Schweizer Grenze. Die Kapitulation von Paris stand nahe bevor. Mein Regiment trat am 29. Januar morgens um 8 Uhr als Avantgarde den Marsch an. Der Weg ist in dem hohen Schnee aus dem sehr zerfahrenen Landwege recht beschwerlich: sonst ist die Gegend im Winterkleide herrlich: wir haben bei den Stra­pazen freilich wenig Sinn dafür. Ich gehe mit Leutnant v. P. zusammen, der heute ganz melancholische Gedanken hat: ich solle bas in seinem Tornister befindliche Testament an mich nehmen, wenn er salle. Ich lache ihn aus, bezweifle, daß es heute überk Haupt noch zum Schlagen komme, weil die Franzosen froh wären, wenn sie ungeschoren die Schweizer Grenze erreichten. Er bleibt aber bei seinen Gedanken. Jedes Thenia, das ich anschlage, läßt er unerörtcrt und kommt immer wieder auf seine Todesahnungen zurück: so sagt er, er habe immer das bestimmte Gefühl, daß er einen Schuß in den Unterleib bekomme, er halte deswegen in jedem Gesecht die Faust mit der Säbelscheide vor den Bauch. Auch sonst erzählt er mir viel aus seinem Leben, Trauriges und Fröhliches.

Bei dem weiteren Vormarsch mehren sich die Zeichen des Rückzuges der Franzosen. Fortgeworfcne Waffen und Ausrüstungs­stücke liegen zahlreich auf und an der Straße, ebenso verlassene Fahrzeuge und getötete Pferde, denen die besseren Stücke zum Essen herausgeschnitten sind. In mehr oder weniger großer Ent­fernung sieht man Trupps französischer Soldaten, ivelche sich beeilen, aus unserem Gesichtskreis zu kommen. Obwohl es bereits dunkelt, marschieren wir weiter, und da wir durch keine Ortschaften mehr kommen, denken wir schon an biwakieren. Endlich bringt der Adjutant Beseht, daß wir in Chaffois Quartier beziehen sollen. Nach Aussagen von Gefangenen ist dies aber von 5 Batail­lonen und 4 Batterien, darunter 2 Mitrailleusen-Batterien be­setzt. Die Avantgarde soll das Dorf nehmen! Das kann ja nett werden! Stockfinster, dicker Nebel, man kann auf 20 Schritte nicht einmal die Truppe sehen. Unsere Husaren kommen infolge­dessen bis aus wenige Schritte an das Dorf heran, erhalten dann aber ein so überraschendes Schnellfeuer, daß sie in Karriere zurück­kommen. Getroffen wird wunderbarerweise niemand, da die Fran­zosen wie oft viel zu hoch schießen.

Während nun unsere Artillerie hinter uns ausfährt, formiert sich das Bataillon in Kompagnie-Kolonnen, zwei Kompagnien gehen als Schützen etwas weiter vor, zwei bleiben geschlossen da­hinter. Behaglich ist die Lage nicht. Tiefe Finsternis, dicker Nebel, mehr als drei Fuß tiefer Schnee. Jetzt sehen wir hinter uns eine sich bewegende Laterne, und hören in der nur durch die Schüsse der Franzosen unterbrochenen Stille das Kommando bei unserer Artillerie: ,,2000 Schritt, Richtung auf den Stern!" Es war tatsächlich ein einziges Stcrnlein am Himmel sichtbar: und dann beginnen sie zu schießen. Auf der Karte haben sie bei der Laterne die Richtung aus Chaffois bestimmt und gefunden, daß das Dorf in der Richtung des Sternes liegen müsse. Erreicht haben sie freilich nur, daß eine einzige Granate wirklich in das Dorf ge- komnien ist. Leider wurden die Franzosen dadurch alarmiert und auf den Infanterie-Angriff vorhereitet. Wir sollten, sobald das Artillerieseuer schweigt, gegen das Dorf Vorgehen. Da aber ein Vorwärtskommen abseits der Straße fast unmöglich ist der Schnee reicht uns, wie wir erprobt haben, tatsächlich bis über die Knie so werden wir wieder in Marschkolonnen auf der Straße formiert, vorn die dritte Kompagnie. Der Divis! ons!- kommandcur gibt den Befehl zum Angriff, und nun heißt es:Das Bataillon geht dicht geschlossen ohne einen Laut und ohne Schuß auf der Straße gegen Chaffois vor: die dritte Kompagnie wirst mit dem Bajonett die Dorfwache über den Haufen. Die erste Kompagnie greift nach den sich ergebenden Umständen ein. Tie beiden anderen folgen dicht ausgeschlossen."

Die Pulse »lögen auch anderen außer mir lebhafter geschlagen haben: seit dem 6. August bei Spichern hatte ich schon oft im Feuer gestanden, hatte mich schon oft in Lagen befunden, in denen die Aussichten für das Leben recht gering waren: ich habe nicht empfunden, daß man sich daran gewöhnt: die Umstände waren immer andere und solche gewesen, die mich gar nicht zuni Nach­denken über Leben und Tod kommen ließen. Meist am hellen Tage war ich durch die um mich herstm sich abspielenden Vov- gänge, durch meine dienstlichen Obliegenheiten, durch meine Auf­merksamkeit aus die Vorgänge beim Feinde und durch die Fürsorge für meinen Zug so in Anspruch genommen, daß ich gar nicht daran renken konnte, ob ich verwundet oder totgeschossen werden würde.

Heute war es anders! Man hörte bei dem lautlose» Marsch in dem liefen Schnee keinen Ton, man sah nur die unmittelbar neben und vor eineni Marschierenden Leute. Jeder in der Kolonne bewegte sich, tief in sich versunken, vorwärts. Die Kolonne machte den Eindruck willenlos dohinziehendcr Gestalten, auf denen ein schweres Geschick ruht morituri! Wenn auch nicht lange, so hatte ich doch hinreichend Zeit zum Nachdenken: dazu kam, daß mir Leutnant v. P. nochmals kurz seine vorhin geäußerten Wünsche wiederholte. Er war aber sonst sehr lustig und machte slüsterud allerlei Witze, so daß ich meine törichten Gedanken los wurde.

Jetzt wird die unheimliche Stille durch Hurrahgeschrci vor uns unterbrochen, zu gleicher Zeit bekommen wir von halblinks vorwärts heftiges Feuer. Während wir halten, schickt mir der Führer durch einen Unteroffizier den Befehl,ich solle mit meinem Zuge gegen das von halhlinks auf uns gerichtete Feuer Vorst gehen". Dem Leutnant v. P. drücke ich noch einmal die Han«, lasse die Gewehre entladen, und den Zug in der befohlenen Rich­tung ausschwärmen, kommandiere dannMarsch!", und nun waten wir lautlos in dem tiefen Schnee die kleine Anhöhe hinan. Sehen konnten wir nur das Aufblitzen der zahllosen Schüsse. Die Anstrengung war sehr groß: der Schnee war ölen überfroren, so daß man mit Mühe die Beine immer erst heraus­

ziehen konnte, wen» man durchgetreten hatte. Dabei war das Pfeifen der Geschosse und ihr Einschneiden in die überfrorene Schneekruste ein unheimliches Geräusch. Nach etwa 400 Schritten mußte ich meinen erschöpften Leuten eine Ruhepause geben und befahl zu halten.

Wir alle waren trotz der scharfen Kälte in Schweiß gebadet. Nach einigen Minuten ließ ich den Befehl zum weiteren Vor­gehen in der Schützenlinie leise weitergeben. Da die- doch nicht ohne lautes Sprechen ausgesührt wurde, nahm da- feindliche Feuer wieder sehr zu: ich hatte daS Gefühl, daß wir schon ganz dicht an der feindlichen Linie wären und kommandierte jetzt ganz laut: Marsch! Marsch! Hurra!" So arbeiteten wir uns lvieder eine Strecke gegen das sehr heftige Feuer vorwärts. Dennoch mußte ich noch einmal Halt machen, weil mir selbst der Atem völlig ausging. Schon mancher meiner braven Jilngen färbte den Schnee mit seinem Blute. Wir hatten bis jetzt- wie ich es besohlen hatte noch nicht einen Schuß abgegeben. Erst jetzt ließ ich laden, und das Feuer eröffnen, obwohl wir nichts als das Auf­blitzen der feindlichen Schüsse sehen konnten. Nach wenigen Mi­nute» kommandierte ich nochmals:Marsch! Marsch! Hurra!" und erreichte nach kurzer Zeit die Umfassungsmauer eines größeren Gehöftes, welches Kopf an Kopf von Franzosen besetzt war. Während meine Leute sich hinter die Mauer stellten und heftig schossen, sprang ich auf die am Eingang errichtete Barrikade, mit mir ein Unteroffizier, ein Einjähriger und einige Leute. Ich riet den Franzosen mein , bas leS armes" zu, und lieh zu gleicher Zeit das Feuer einstellen, da nur noch von den 'Häusern einzelne Schüsse auf uns fielen. Mehrere französische Offiziere überreichten mir ihre abgeschnallten Säbel, und erklärten sich mit der Besatzung ergeben zu Ivollen. Ich ordnete das Niederlegen der Waffen an und ließ die Gefangenen hinter eineni der Häuser sammeln. Hiermit noch beschäftigt, erhalten wir wieder ein sehr lebhaftes Feuer voll einem der Häuser des Gehöftes, welches aus vier Gebäuden bestand. Zch lasse einen Halbzug bei den Gefangenen, befehle den unbewaffneten französischen Osfi- zieren, mit Ausnahme von zweien, mich zu begleiten, gehe gegen! das letzte noch verteidigte Haus mit dem Halbzuge vor und schicke einen der französischen Offiziere voraus, um die dortige Besatzung zum Einstellen des Feuers zu veranlassen. Das gelingt aber erst nach wiederum schmerzlichen Verlusten. Erst jetzt konnte ich alle Gefangenen 5 Offiziere 200 Mann entwaffnen und

lumuuiu ....

Das Gefecht wird dann plötzlich durch Trompetensignale der Franzosen unterbrochen: ein Waffenstillstand soll in Paris ge­schlossen sein, nnb wirklich inüssen nur nachher die Gefangenen ohne Waffen lvieder entlassen, obwohl sich später heransstellt, daß wir die Südarniee davon ausgeschlossen sind. Die Zahl unserer Gesangeneu belief sich im ganzen auf über 1000, außerdem waren zwei Geschütze genommen. Die Franzosen lmben viel Leute verloren; aber auch wir haben den Sieg mijt 5 Offizieren, 38 Mann bezahlt. Unter den tödlich verwundeten Offizieren war auch mein Freund, Leutnant v. P., dessen Todesahnungen sich also leider erfüllten. Er hatte tatsächlich einen Schub in den Unterleib bekoninien, an dem er nach 10 Stunden starb.

Am Morgen des 30. Januar sehe ich mir das Feld der Tätig­keit von heute nacht an, finde dabei iloch manchen unverbundene»! Verwundeten, suche dann Lentnailt v. P. auf, welcher mit Leut­nant v. T. znsanimen in einet Bauernstube lag. v. D. war noch in der Nacht das Bein ampufiert, er sck)lief wie ein Toter und hatte rote Backen, v. P. hatte, schon die Totenfarbe und lag mit geschlossenen Augen da. Als ich mit trübem Gesicht eine Weile an feinem Bett gestanden, schlug er die Angen aus und sagte: Na, alter Freund, stehen Sie doch nicht so traurig da, setzen Sie sich an mein Bett und erzählen, mir, wie es Ihnen ergangen ist." Als ich ihn fragte, ob er! große Schmerzen habe, sagte er:Meine Schmerzen quälen mich genug, wenn ich allein Rn: lasten Sie nns von etwas anderem sprechen." Auf meine Frage nach seinen Erlebnissen während des gestrigen Gefechts, sagte er mit leuchtenden Augen:Tie Leute meines Zuaes waren begeisternd brav; Sie