Montaa. den 16. Februar
X9H - Nr. 26
Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
- So tvDtcii die beiden Ehegatten also nebeneinander her. Mit ruhiger Höflichkeit begegnete Wols seiner Frau — zu Haus ,vie in Gesellschaft. Es war etwas Starres, Kaltes über ihn gekoiunicn, daß es sie manchmal erschauerte, wenn sie ihn ansah. Seine freie Zeit, sofern sie dem Knaben und seinen Arbeiten nicht gewidmet war, brachte er im Klub zu, während seine Gattin die ihre mit Gesellschaften, Konzcrt- und Theaterbesuch ausfüllte. Scheinbar bekümmerte er sich gar nicht um sie, behielt sie aber doch scharf im Auge, und sie war klug genug, das zu sehen und sich nach seinen Worten zu richten, damit er nicht Grund hatte, sie sortzuschicken.
Im Februar reiste ihr Vater nach der Riviera und nahm sie mit dorthin. Und sobild der Sommer begann, machten die beiden eine Hochgebirgstour. um nachher den Spätsommer in Ostende zn verbringen. Allein zu reisen hätte ihr Wols nie die Erlaubnis gegeben. — Er hatte sich mit seinem Schwiegervater ausgesprochen, ohne diesem nur den geringsten Vorwurf zu machen, batte aber ganz entschieden jeden Vcrmittelungsversuch desselben zurückgewiesen. Der alte Ulrich litt schwer darunter, um so mehr, da er Wols nicht Unrecht geben konnte; er kannte seine Tochter ja in ihrer Launenhaftigkeit, aber sie tat ihm doch leid, und er nahm sie infolgedessen aus seine jährliche Vergnügungsreise mit.
Die Zeit, die Wolf mit seinem Kinde allein zu Haus tvar, dünkte beiden die herrlichste zu sein. Unter Leitung des liebevollen Vaters gedieh das Kind geistig und körperlich aufs beste, und jeder, der den prächtigen kleinen Kerl sah, muhte ihm gut sein.
IV.
Es war in der letzten Hälfte des September, der sich in diesem Jahre von der unvorteilhaftesten Seite zeigte. Heftige Stürnie wechselten mit schier endlosen Regengüssen ab, baß man meinen konnte, schon.im November zu sein Die Geselligkeit nahm ihren Anfang: Gerichtsrat von Wessels >var der erste, der sic mit einer Feier des Geburtstage? seiner Frau crössnete. Es wurde schon viel vorher davon gesprochen, da Wessels als ein vorzüglicher Gesellschafter bekannt tvar, der stets etwas Neues und Unterhaltendes seinen Gästen bot. So sab man dem Abend mit begreiflicher Spannung entgegen — auch Gabriele, die dazu eine der vier kostbaren Roben sowie eine Brillantenrivierc anlegen ivollte, die ihr Vater ihr in Paris gekauft hatte. Ihr Herz schlug höher in freudiger Erwartung der Triumphe, die sie feiern, der Bewunderung, die sie ernten würde. Die Sommerfrische war ihr augenscheinlich sehr gut bekommen: sie war fast noch stärker geworden, und ihre ganze Erscheinung atmete Gesundheit und Frische. Auch Wolf hatte sich im Manöver erholt; die körper
lichen Anstrengungen und Strapazen hatten ihm gut getan, und die krankhafte Blässe seines Gesichtes war einer gesünderen Farbe gewichen. Ella hatte sicher gedacht, daß die längere Trennung versöhnend wirken würde und war ihrem Gatten deshalb zärtlich entgegengekommen. Darauf hatte dieser aber nicht reagiert, sondern er begegnete ihr nach wis vor mit derselben ruhigen kalten Höflichkeit, so daß sie ihre Bemühungen bald ausgab. —
--„Möchtest du dir nicht das Kleid anseheu, das
ich heute abend tragen werde?" fragte Ella, als sic bei Tische saßen, „es ist sehr apart; ich denke, daß es dir gefallen wird!"
„Gern, sobald wir gegessen haben," entgegnete er zuvorkommend.
„Wann wirst du heute abend zurückkommen? Hoffentlich nicht so spät."
„Ich kann cs dir noch nicht sagen Gerade heute habe ich viel zu tun. Vor sechs Uhr kann ich schwerlich hier sein! —• Run, meine Toilette nimmt ja nicht viel Zeit in Anspruch!"
„Aus den heutigen Abend freue ich mich sehr; es ist immer so nett bei Wessels — gehst du nicht auch gerne hin?"
„Gewiß, ich bin sehr gern dort, wenn ich auch, >vie du weißt, kein besonderer Freund von diesen großen Gesellschaften und Massenabsütterungcn bin, Gabriele!"--Da siel
sein Blick aus Hasso, der neben ihm faß und aus seine», Teller herumstocherte, ohne zu essen — „aber, was ist mit dir, mein Junge? Du ißt ja gar nicht? Du bist so still — fehlt dir etwas?"
„Ja, Papa — Hasso hat Kopfschmerzen," sagte dieser mit matter Stimme.
„Er klagte vorhin schon darüber, Herr Hauptmann," warf das Kinderfräulein ein, „er hat auch gar nicht so nett gespielt tvie sonst!"
„Ach, sei nicht so gefährlich, Hasso, es wird nicht so schlimm sein," sagte Ewbriele unmutig, während eine Falte zwischen ihren Augenbrauen erschien, „die Hauptsache, Wolf, ist, daß er sich gar nichts aus Frikassee macht — bu hast doch aber selbst gesagt, daß er alles essen lernen soll."
„Gctviß," entgegnete Wolf, „das soll er sonst, aber wenn er sich nicht wohl fühlt, wollen wir ihn nicht dazu zwingen, sonst könnte cs ihm schaden!---Hast du viel Schmer
zen, mein Liebling?" fragte er zärtlich.
Das Kind lehnte sein dunkles Köpfchen an den Arm deS Vaters und schloß die Augen. „Sehr viel nicht; aber mich friert so, und ich bin io müde!"
Besorgt legte Wolf die Hand auf Hassos Stirn und faßte nach seinem Puls. „Ich glaube, Ella, in Hasso steckt eine Krankheit; er hat ein so heißes Köpfchen; er sichert etwas!"
Ungeduldig beobachtete Ella den Gatten. In seiner übertriebenen Besorgnis wäre er imstande und blieb der Ge- fellschast heut abend fern! Sic war gewiß keine herzlos» Mutter und hatte ihr Kind lieb — aber wie Wols immer leich war, das tvar schon nicht mehr schön! Sie faßte nach er Hand des Knaben und sagte liebevoll: „Mein Herzblatt


