Ausgabe 
14.2.1914
 
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Wolf, ich gehe zu meinem Vater zurück!"

Tue das," sagte er kalt,ich hindere dich nicht!"

Aber mein Kind nehme ich mit!"

Das wird sich finden. Der Junge gehört seinem Vater. Dn kannst gehen! Besreic »»ich von deinem Anblick ich verachte dich! Pfui, wie kann man sich soweit vergessen." Dann nahm Wolf ein Buch zur Hand und las darin, die chegennmrt seiner Gattin vollständig ignoriereiid. Ella zit­terte am ganzen Leibe; s,c harre sich erwürgen mögen: einen ick-eucn Blick warf sic noch auf Wolf, der rulstg las und ging dann hinaus. Wolfs Ruhe war aber nur eine künstliche gewe­sen: als er allein war, warf er das Buch hin und sprang hastig auf.

und mit solch einem Weib must ich nun täglich zusammen sein, weil es mein Weib ist!" Alles in ihn, war in Aufruhr: vielleicht war es doch am besten, daß sie sich! trennten. Mochte es auch unliebsames Aufsehen erregen- besser, als das Martyrium solcher Ehe zu tragen!

Eine Stunde später traf er Ella im Wohnzimmer. Er sah sie groß an: sie bemerkte es und sagte triumphierend: ,i,Ah, du scheinst dich tzu wundern, niich noch hier zu sehen! Je­doch habe ich mir bic Sache anders überlegt ich bleibe bei meinem Kinde! Du mutzt dich schon daran gewöhnen, mich doch noch hier als deine Frau als Frau von Wolss- burg zu sehen! Den Gefallen lue ich dir nicht, dich von nieiner Gegenwart zu befreien ich weiche keiner anderen! lind sollte unser Zusammenleben eine Hölle in sich schließen!"

Wie es dir beliebt," sagte er kalt.

In diesem Augenblick trat der Diener ein, eine Karte auf dem silbernen Brett. .Herr Gras Michdors wünscht der gnädigen Frau seine Answartting zu ntachen!"

Ehe Gabriele etwas erwidern koitnie, sagte Woli schnell: Die gnädige Frau bedauert, da sic nicht ganz wohl ist, doch werde ich den Herrn Grasen begrüben."

Der Diener verbeugte sich und verschwand.

Da fuhr Ella aus.WaS fällt dir ein? Ich werde Meß­dorf doch begrüßen!"

Das wirst du nicht tu»; ich verbiete es dir," sagte Wolf in entschiedenem Tone und ging damit hinaus.

Kaum zehn Minuten später sah Ella die schlanke, etwas lässig gehaltene Gestalt des Grafen das Haus verlassen. Mol? kanr zurück.

Dir zur Orientierung, Gabriele, daß wir auch an dem Essen imPrinz von Preußen" nicht teilnehmcn ivcrde», zu dem du ebenfalls lcichtsinnigerweise deine Zustimmung ge­geben hast, ohne mir etwas davon zu sagen! Ich habe deut­lich abgewinkt, daß ich mit ihm nichts zu tun haben will und ich hos>e, daß du dein Verhalten ebenfalls danach cinrichten Wirst! Rechne mittag und abend nicht aus mich: ich bin mit Strachwitz zusammen »nd will dich mit seinem An­blick verschonen, um dir enlgegenzukominen. Ich bi» im Ka­sino mit ihm. Adieu!" Er verneigte sich und ging, wäh­rend sie in ohnmächtiger Wut das Taschentuch zerbiß. War ihm denn gar nicht beizukommen?

Wolf trug noch dem Stiibenniädchen ans, das kleine Kabinett neben seinem Arbeitszimmer als sein Schlafgcmach einzurlchteu. Er hatte es schon öfters dazu benutzt, erstens, wahrend seine Frau im Wochenbett lag, dann auch zur Zeit der Felddieiistübniigcn, um sic durch sein spätes Nachhause- koiiinien oder Frnhausstehen nicht zu stören - jetzt aber wollte er cs ständig beiiutzcn. Dann suchte er seine» Knaben im Kin- dcrzinimer auf, nahm zärtlich Abschied von ihm und ging dann fort. Hastig stürmte Hasso ins Wohnzimmer.Schnell, Mama, mache das Fenster ans: Papa geht fort niid will winken!" Dabei bemühte er sich schon, es zu öffnen.

Unsinn " zürnte sie,das Fenster bleib! zu! Willst dn uiigezogciles Kind mir die Blunicn umwerfen?" und unsanft hielt sie ihn davon zurück.

Mit seinen großen dunklen Augen sah Hasso sie an. ,Hab' doch nichts getan, Mama, daß dn nicht erlaubst, Papa zn iviilke»! .Hassv sagt es Papa."

Tue es doch, ungezogener, vorlauter Junge," und sic schlug ihn ans den Mund. Eie mußte jemand leiden, an dem sie ihren Groll nnslieh, und ivenn es in diesem Fall das »n schuldige Kind war. Kreidebleich ivurdc da Hassos Gesicht, aber keine Träne kain ans seinen Angen und stillschweigend wollte er das Zimmer verlassen.

Wo willst du hin? Du bleibst hier!" herrschte sie das Kind an.

Nein, Hasso ivill gehen," sagte er trotzig,du bist über­haupt keine gute Mama: da is< dein Aisred seine nebenan

Viel besser; die spielt immer mit ih>n! Du hast Hasso übk» haupl nicht lieb: Hasso ist dir im Wege."

Wer hat das gesagt?" rauh faßte sic ihn, schüttelt« sein zartes Körperchen.

Das sagt Hasio nickt, sonst wirst du noch mehr böse!"

Augenblicklich sagst du, >ver das gesagt hat, sonst be» kommst du Prügel wohl Papa?"

Hasso schüttelte den Kopf.

Wer denn? Wirst du es sofort sagen?"

Der Knabe beharrle aus seiner Weigerung und dadurch höchlich erzürnt, schlug sie auf ihr Kind los. Aber kein Ton des Schmerzes kam über seine Lippen: kreidebleich, mit zu« sammengkprcßte» Lippen ließ er die Strafe über sich ergeht-».

Run stehe mir Rede, und bitte niich uin Verzech»!,»!"

Dock) Hasso schüttelte nur mit dem Küpse und schwieg.

Nicht? immer noch trotzig? Na warte!" Eie klin­gelte dein Fräulein.

Fräulein Martha, ich muß Ihnen leider sage», daß ich mit Ihnen nicht zufrieden bin!"

Das junge Mädchen fuhr erschrocken zusammen.Darf ich fragen, waruin nicht, gnädige Frau?"

Ich sehe eben, daß Hasso von unbezähmbare»» Trotz erfüllt ist ! Sie lassen ihm jedenfalls zu viel Willen »nd sind zu gleichgültig. Doch von jetzt an muß das anders Iver- den! Hasso ivird mit äußerster Strenge behandelt werdm»."

O gnädige Fra», der Herr Hanptmann »»einte aber gerade das Gegenteil!" ivagkc das junge Mädchen eiiiz»- wersen."

Tann kennt er Hassos Charakter nicht! Zur Strafe für sein iliiartiges Benehnken bekvmuit er zn»« Abendbrot nur einen Teller Mehisuppe."

Die ißt er ia nicht, gnädige Fra»!"

Habe ich Sie danach gefragt? Dann muß er es lernen oder geht hungrig zu Bett!" entgegnete Gabriele »»ge­halten.Nun marsch, in dein Zimmer, »nd zur Strafe bleibst du heut nachmittag zu Haus und gehst nicht zum Großpapa. Uebrigcns werde ich ihm von deiner Ungezogenheit sagen!"

Schweigend »achte er nach der Hand des Fräuleins, das jich mit ihm entsernte. In seinem Wesen lag eine stille trotzige Abwehr, die seine Mutter rasend machte.

Gnädige Frau, darf ich Sic um de» Schlüssel zum Wäscheschrank bitten," mit dieser Frage »rat das Stuben- mädche» ins Zimmer. Trotzdei» Gabriele keinen Sin» für ihre» Haushalt hatte, >vnr sie doch iiiichlrauisch und hielt alleü unter Verschluß, da sie im Anfang ihrer Ehe gar trübe Er­fahrungen gemacht hatte.

Wozu?"

Ich möchte einen Bezug für das Belt des Herrn haben: er hat mir ausgetragen, das Zimmer neben seinem Arbeits­zimmer als seine Schlafstube einzurichtcn."

Bei diesen Worten erbleichte Ella; lächelte das Mädchen da vor ihr nicht boshaft? Vielleicht >var sie gar schon zum Gespött ihres Personals geworden. Doch schnell faßte s»e sich: umsonst ioar sie nicht die gewandte Weltdame.

Erst heute kominen Sie damit? Bereits gestern trug ich es Ihnen auf!"

Nein, gnädige Frau, davon ist mir nichls bekannt," anttvortcte das Dicnstmädcheii herausfordernd.

Widersprechen Sie nicht! Ick iveiß es besser! Sic hören ja nie hin, wenn man etwas sagt! Uebrigcns bi» ich gar nicht mehr mit Ihnen zufrieden"

'Dann kann ich ja gleich gehen," sagte das kokette Ding in schnippischem Tone.

Augenblicklich verlassen Sie das Ziinmer," herrschte Ella sic an. Mit einem spöttischen Lächeln um den Mniid folgte das Mädchen dem Befehl. O, sic ivar nicht so dumm und durchschaute ihre Gnädige! Laut ausschluchzend vor Ingrimm warf sich Gabriele aus den Divan! Also so weit erstreckte sich sein Entschluß, nichts nichr niil ihr zu tn» haben zn wollen! Vielleicht wollte er es daraus anlege», daß ihr das Lebe» »»erträglich ioerden sollte daß sie dann ginge aber den Gefalle», ihn frei zu gebe», tat sie ihm nimmermehr! Sie wollte sich schon für ihr sreudloscs Leben zu Haus Ersatz schassen sic wollte reifen, sich Zerstreu­ungen suchen o. sie konnte ohne ihn fertig werden: für seine Strenge ivollte sie ihn schon quälen -- sie kannte ja seine schivachen Seite»! Eii> lriuinvhicrciidcs Lächeln um die Lippe», trocknete sie ihre Tränen und ordnete dann vor dem Spiegel ihre Slinttöckche». Ihr Plan war gefaßt: vor allcni vor dem Personal die Zerrissenheit ihres Ehelebens