Ausgabe 
14.2.1914
 
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Ein Frühlingstraum.

Roman von Fr. Lehne.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Aiu luchsten Morgen ging Wolf gegen 10 Uhr fort. SOfan sah ihm die Spure» einer schlaflosen Nacht an. Er sali bleich und krank aus: die dunkeln, großen Augen lagen tief i» ihren Höhlen, und müde ivar auch sein Schrill. Solche Aufregung, wie sie der verflossene Abend gebracht, >var auch für eine feste, gesunde Natur zu viel. Am Früh- stiiekstische halt, seine Frau auf ihn gelvartel: er hatte sie höflich begrüßt, aber sonst kein Wort weiter mit ihr ge­redet, und ebenso höflich hatte er sich dann auch verab­schiedet. Hinter der 'Sardine verborgen, sah sie ihm nach. Sonst batte er ihr ivohl noch einen Gruß heraufgewinkt, weint sie am Fenster stand heute setzte er seinen Weg fort, ohne sich noch einmal nmzusehen. Es war ihm also ernst mit seinem Vorsatz, sie vollständig als Lust zu behandeln. Eine stille Wut bemächtigte sich ihrer nicht einmal das Frühstücksbrötchc», das sie ihm eigenhändig z»rechtgemacht, hatte er gegessen!

Ihre Leute hatten es heule schlecht: niemand konnte ihr ctlvas recht machen: dem Stubenmädchen hatte sie gleich eine Tasse an den Kops geworfen, daß dieses weinend in die Küche lies und zur Köchin sagte:

Nein, ich Halle cs nicht inehr ans: ich bleibe nicht! Die Gnädige ist ja rein verrückt! Gestern spät abends, als der Besuch fort ivar, haben sic sich nvch tüchtig gezankt, und der .Herr Hnnptmann hat in seinem Zimmer geschlafen. Ich wundere niich überhaupt, daß er sich so lange ihre Launen hat gefalle» lassen: aber nun hat er endlich mal aufgeniucktl So ein guter Mann!"

Unruhig ging Gabriele aus einem Zimmer in das an­dere, bis sie das ihres Mannes betrat, und wie mit unsicht­barer Gewalt zog es sie da nach seinem Schreibtisch. Vielleicht fand sie dort etwas ihren Man» Belastendes, und mit einem Beweis in der Hand konnte sie ihm die Demütigung des ver­gangenen Abends heimzahlcn. Alles in ihr empörte sich bei dem Gedanken daran wahrlich, diese Stunde wollte sie ihm vergelten eine Gelegenheit mußte ciuinal kommen sei es srüber oder später.

Alle Kästen des Schreibtisches lvaren verschlossen: die Papiere aus demselben trugen Bemerkungen und Aufzeich­nungen fachivissenschastlichen Inhalts. Sie fand nichts: aber auf jeden Fall wollte sie sich jetzt Klarheit verschaffen, wie weit die Beziehungen zn Mar» Winters gingen wer weiß, ob die Beiden nicht miteinander in Briefwechsel standen- ob das Mädchen »ich! gar in der Stadt weilte. Eiir Zug fester Entschlossenheit legte sich um ihren Mund; sie nahn» ihren Schlüsselbund zur Hand und versuchte da, einer paßte Sie schloß ein Fach ans »nd untersuchte seinen In­halt, aber sie fand nichts von Besang darin, nun. dann

mußte sie U>oitcr versuchen! Im ziveiten Fach lag ein Päckchen Briese: hastig griff sic danach cs waren aber nur die Briese, die sie ihm während des Brautstandes geschrie­ben hatte also hatte er sie doch aufgehoben! Sie mußte jedoch die Briefe von Maro Winters haben, die beiden hat­ten doch sicher in Briefwechsel gestanden! Sie suchte weite« - endlich fand sie das Gewünschte mit triumphierendem Lächeln hielt sie ein Päckchen Briefe, von rotein Band um­wunden. in der Hand wie sie scststellte, waren sie tatsächlich von Mar» Winters! Da lag ja der Beweis seiner Treu­losigkeit sonnenklar vor ibr: in ihrer Hast halte sie versäumt, nach dem Datum zu sehe», wann diese Briese geschrieben waren. Ein paar welke Blumen lagen noch in dem Kasten, sowie einige Bilder jenes Mädchens obenauf das. >vas sie gestern abend zerknittert hatte. Gierig heftete sie ihre Augen darauf und konnte sich wirtlich nicht verhehlen, daß Mar» von ungewöhnlicher Schönheit war Also so sorgsättig hob er alles ans! Sie »ahm einen Brief »nd las; es waren zärtliche Worte, die Mary da geschrieben so ähnlich hatte sie Gabriele ihre Briese ja auch abgesaßt! Sie las weiter und ersah daraus, wie innig die beiden initeinander redeten und immer war der Schluß also ans dem Friedhof das versprochene Wiedersehen! Und dieser Brief hier über vier Seiten und eng beschrieben, ihr, Gabrielcs, Name auch darin erwähnt? ivas war oas? Mary beklagt sich über den Borivurs der Untreue, beiseite geworfen wie ein Spielzeug um Fräulein Ulrich - dem Bruder, der derjenige ans dein Friedhot war, mit dem sic sich getroffen, Geld gegeben - mit fieberhafter Hast las Ella da, das Blut drohte ihr zn erstarren, hörte sie ihres Mannes Stimme auf dem Vorsaal, gleichzeitig aber auch, >vie er die Tür, die sie vorher verschlossen, össnen wollte Eilig sprang sie auf und wollte durch das Nebenzimmer entsliehcn: aber dieser Weg ivar ihr verlegt, denn Wolf war durch dasselbe gekommen und stand nun aus der Schwelle zu seinem Zimmer Wie mit Blut üdcrgojsen, stand Ella da, die Hand mit denl Briefe in den Falten des Kleides verborgen Erstaunt befiele Wolf seine Augen ans sie.Du hier in meinem Zimmer und bsi verschlossener Tür?" Ta siel sein Blick aus den Schreibtisch und mit zwei Schritte» stand er davor.

Also auch vvr einem Einbruch schreckst d» nicht zu­rück, wenn cs gilt, deine Neugierde zu befriedigen?" sagte er mit bebender Stimme;es scheint, daß du mich nicht so lmld znrückerwartet hast, denn sonst" er vollendete nicht, son­dern warf nur einen Blick tiesster Verachtung ans Ella, die wie gelähmt dastand und kein Wort über ihre Lippen brachte. Da bcnierkte er den Brief in ihrer Hand. Ungestüm ent-» riß er ihn ihr, legte ihn zn den übrige» und schloß dann mit ihrem Schlüssel zu. Hieraus warf er den Schlüsselbund aus deu Tisch und deutete mit der ausgcstrecklcn Hand schwei­gend, aber gebieterisch nach der Tür.

Wolf!" Es ivar ein Schrei tiefsten Ingrimms, der sich aus ihrer Brust löste: zum zweiten Male von ihrem Gatten hinaiisgclvicscn, das war zu viel. Sie versuchte das Aeußerstc.