lur ®trafjc und vermischten sich mit dem Schmutz zu einem übcl- rieä>eude», schmierigen Brei. Tie Häuser, meist einstöckig, warnt durchweg mit Stroh gedeckt. Tic niedrigen Stuben besaßen trohl Fenster, aber di« Ivaren meist nicht größer, das; ein Mann noch |ur Not den Kops hitiausstreckcii konnte. Meist ivaren er- Schieb- scnster mit Pntzenscheiben. Tie Stuben ivaren nicht gedielt, sondern mit Lehm gestampft Ter große Kachelosen wurde mit großen Holzscheiten von der Küche aus geheizt, ?fnt Deckenbalken war ein Brett angebracht, auf dem vorzugsweise Löffeln und Gabeln, Bibel, Gesangbuch, Gebetbuch und auch der Kamm ihren Platz hatten, ßit der Wand befand sich ein Schränkchen eingelassen, das sogenannte „Nebenlädchen".
So sah es im Bauernhause aus, nicht viel besser war es damit «uch im Psarrhaus bestellt. Hören wir, tvas Pfarrer Weigel den: Wortlaut nach darüber berichtet: Am 4. Mai habe ich dem Kaspar Hend verdinget, den Boden in meiner Schlafkammer mit Leimen lu kleiden und auszuslicke» die Löcher; bei der Verdingung 6 Maß Bier getrunken.
Am 10. August war der Kastenmeister bei mir, als die Maurer in meiner Studierstubc die Wände mit Kalk weiß gestrichen. An einer anderen Stelle berichtet er, wie man die Hausture während der Nacht von innen mit Balken vcrsprießt hat, weil das Schloß! schon über zwei Monate kaput und der Schlösser immer noch nicht da war, den Schaden auszubessern.
So ärmlich es in den Häusern aussah, ebenso öde und traurig sah cs in Feld und Wald aus. In vielen Gewannen fehlen die Grenzsteine — sie sind entweder absichtlich entfernt, oder vom Wasser weggespült worden. Die Wälder sind der Aufenthaltsort sür allerlei fremdländisches Gesindel — die Ueberbleibsel der verrohten Soldateska. Wölfe dringen bis in die Törser ein, beißen! die Hofhunde und plündern die Schaf- und Gänseställc.
Darüber folgende Auszeichnung: Am 15. Februar 1GG9 erzählte mir der Opsermann (Schullehrer) zu Lindes, daß denr untersten Müller (Tcuselsmühle), dieweil er zu Lindes gegessen und getrunken, die Esel aus dem Stall« wären gestohlen worden, da die Frau die Hunde eingetan habe, um sie vor den Wölfen zu schützen, so in selbiger Nacht die Mühle umschlichen haben.
Am 10. August mußte ich vor dem Walde, als ich. nach Lindes gehen wollte, wieder umkehren, iveil eine ganze Schar Wölfe geradewegs auf mich zukam. In Lindes hat darum der Opfermann für inich Betstunde gehalten.
Wovon nun in den Tagebüchern au: meisten die Rede ist, das sind die kirchlichen Amtshandlungen des Pfarrers. Lindes besaß seit 1613 eine Heine Kapelle, die da ihren Platz hatte, wo heute der alle Friedhof liegt. Sic war einfach, ohne Orgel und Kirchen uhr. Gottesdienst fand wöchentlich zweimal, am Sonntag uich Freitag, statt. Im Sommer begann die sogenannte Frühmesse schon unt 4 Uhr morgens. Weigel schreibt darüber: Ich bin morgens früh um 3 Uhr von hier nach Lindes zur Frühmess« geritten und habe daselbst gepredigt. Trotzdem wöchentlich zweimal Gottesdienst stattsand, ist dem Pfarrer das Amt doch nicht zu schwer geworden, denn es bestand die Einrichtung, daß am Sonntag meistens ein Student der Theologie in Lindes predigte. Tic Lindescr hatten also fast jeden Sonntag einen anderen Prediger, Und sie ließen es auch an Kritik nicht fehlen, wie aus manchen Aeußerungcn Hervorgcht. Ter Schullehrer und Opermann Haupt lvciß dem Pfarrer am nächsten Sonntag öfters darüber zu berichten. Ta hat der eine ein gar leis und verzagt Stimmchen gehabt, der andere hat eine kernhaste Predigt gehalten, wieder ein anderer hat Krisch getan, daß es des Opfermanns Frau in der Kammer gehört hat. Mit einem Studenten hat der Pfarrer eine Üble Erfahrung geniacht. Er schreibt darüber in sein Tagebuch: Am 18. Dezember sprach mich an Georg Sauer, Studiosus zu Gießen, baß er künftigen Sonntag für mich zu Lindes möchte predigen. Ich verweigerte es ihm anfangs, weil er vergangenen Sommer an einem Sonntag predigen wollte und nicht gekommen Ivar. Als ich es ihm auf einen anderen Sonntag ivieder erlaubt batte, ist er in Lindes bis in die Nacht hinein beim Trunk gesessen und an 14 Maß Bier getrunken, welches er auch noch obendrein der Wirtin schuldig geblieben. Jedoch, weil er Besserung versprach, auch die Wirtin bezahlen loollte und jetzt bei dem kalten Wetter zu mir gekommen war, habe ich ihm verziehen und ließ ihn predigeit. Ter Opsermann hat seine Predigt gelobt. Mit dem Predigen haben es sich die Piarrer der damaligen Zeit ziemlich leicht gemacht. Sehr oft geschah es, daß der Piarrer die Predigt ans einem gedruckten Predigtbuch vorlas.
Weigel führt immer das Predigtbuch an, aus dem er vor gelesen. lieber drei Mißgeschicke, die ihm beim Predigen passiert sind, berichtet er folgendes: Ms ich das Gebet gesprochen und dann die Predigt lesen wollte, schlte mir die Brille. Ich blieb so lange aus der Kanzel stehen, bis sie der Opicriiiann aus seinem Hause geholt hatte.
Ern andermal, loic ich hart zürnte, siel mir »rein Buch von der Kanzel einem Kind aus de» Kops, ohne ihm Schaden zu tun.
Vom 30. IJmri 1672 schreibt er: Ms ich in der Kirche den Katechismus beten ließ und unter der Jugend halb herum war, sing der Kuhhirt an zu blasen, darüber ich unwillig warö und «bbrach.
Sehr streng war es mit der Kirchenzucht bestellt. Tie Kirchen- ältesten oder Senioren bildeten den sogenannten Kirchcnkonvent. Diese hatten über das ganze Betragen der Gemeindeglrcder zu
wachen. Wer sich, im Lause der Woche ein Vergehen gegen Zucht' niid Sitte zu schulden kommen ließ, der wurde am nächsten Sonntag vor den Konvent gefordert. War er für schuldig befunden, dann erhielt er entweder eine Geldstrafe, einen Vcriveis vor versammelter Gemeinde in der Kirche, oder er wurde von dcni Genuß des heiligen Abendmahls ausgeschlossen, uitb was am meisten vorkam, die Ilebernabvi, einer Patcnstelle wurde untersagt. War an einem Sonntag der Kirchenbesiich schlecht, dann geschah nach dem Gottesdienst der „Beiles", bei dem jeder mit Ansrill feines Namens sein „hier!" rufen mußte.
Darüber folgende Einträge: Im Konvent zu Lindes wurde beschlossen, daß die, so auf Epiphaniensonntag nicht in der Kirche waren, alle 3 Albus gebe» mußten.
1665 verlangt der Sirperintendent in Gießen, daß auch die Wien jeden Somttag inr Katechismus verhört lverden, ebenso im Gesangbuchslied und den Psalmen.
Am 10. Oktober ließ ich in Lindes drei Frauen vor dm Konvent fordern, dieweil sie sich in Gießen betrunken und aus dem Heimwege im Graben gelegen haben.
Am 21. November ließ ich wieder fünf Weiber vor dm Kon- vent kommen, toeil sie sich in der Kirche gestoßen und eine die andere mit einer Spiernadel gestochen.
Am 12. Dezember erschien der Wirt Reihardt vor dem Konvent, derweilen er am Sonntag vorher in seiner Vollheit seine Frau geprügelt. Er wird derhalben ein Jahr von dem Genüsse des heiligen Abendmahls ausgeschlossen.
Zwei Männer ans Lindes, die sich in der Kirche tvege» der Plätze gestoßen und geohrseigt haben, müssen nach Beschluß deS Konventes am nächsten Sonntag vor versammelter Gemeinde durch Handgelöbnis sich wieder versöhnen.
Zum Besuche des Gottesdienstes werden die Leute gezwungen. Wer nnentsä.uldigt ausbleibt, bekommt eine Geldstrafe, die bis zu einem Gulden gesteigert werden kann. Wie der Pfarrer die Bauern zur Kirche treibt, darüber folgender Eintrag: Ws ich heute nach Lindes gehen wollte, um daselbst Kirche zu halten, sah ich, wie zwei Bauern aus dem Felde ackerten. Ter Eine kehrte auf mein Zurufen gleich um, der Andere aber ließ sein Gespann stehen und floh in den Wald. Wie ich ihni drohte, lehrte er zurück und trieb sein Bich heim.
Zur Abendmahlsseicr gingen die Lindescr nach Großen-Lindm. „Nur die alten Leute, so ki'ank und baufällig sind und die Wegsteuer nicht mehr haben" dursten zu Hause bseibcn, woselbst ihnen das Sakrament gereicht wird. Streitende Parteien werden nicht eher zum Abendmahl zugelassen, bis sie sich in Gegcinvart des Pfarrers ivieder versöhn: haben. Wer znm Wendniahl gehen will, muß fick vorher beim Opfermann in das Kommunikantcnbuch cin- tragen lassen und ihm dafür einen Heller bezahlen.
„Heute habe ich cs den Lindesern arg verwiesen, daß sie die Anzeige beim Opfermann nicht versäumen. Sie tuns nur des Geldes wegen und wollcns dem Ovfermann vertvcigern, so es doch zu seiner Lebsucht gehört."
Tie Frauen hatten beim Wendmahl schioarze Mäntelchen uin- hängen. Wer ein solches iticht besaß, mußte es auswärts leihen. Tic Männer trugen lange, dunkelblaue Kirchenröcke, die sich vom Vater aus den Sohn vererbten. Ob der Rock nun paßte oder nicht, einerlei, er wurde getragen und wenn der breite Kragen den Hals des Trägers wie riit Pserdeknmmct umschloß.
Bei Trauungen mußten Braut und Bräutigam vorher im Psarrhaus erscheinen, um sich im Katechismus abhören zu lassen. Wer seine „Letz" (Lektion) nicht konnte, wurde wieder abgeschickt und aus einen anderen Termin verwiesen. Ter kirchlichen Trauung ging der sogenannte Wcinkans voraus. Tabei wurde der Ehcvertrag aufgesetzt und damit die Braulgabe bestimmt. Ter Pfarrer hielt dabei eine» „Sermon" über ein biblisches Texl- woit, oder er wählte einen freien Text, wie: „Im Freien liegt des Menschen Verderben und Gedeihen", oder „Wer das Glück hat, führt die Braut heim". Bei geringen Leuten wird die weinkäusliche Kopulation im Pfarrhaus vollzogen, bei den Reichen im Privathaus. An der darauf folgenden Mahlzeit beteiligten sich Pfarrer nebst Frau. Das Mahl besteht aus Suppe, Fletsch, Brot und Käse. Das Trinkgelage sck»eint aber immer den wesentlichsten Teil ausgemacht zu haben, denn fast bei allen Einträgen ist die Maßzahl des genossenen Bieres und Branntweins an- gegebc».
Für eine ivcinkäuiliche Kopulation erhält der Pfarrer als Gebühr 5 Albus, sür eine kirchliche 15 Alb. Bei der kirchlichen Trauung lverden Musikanten, sogenannte Sackpfciser, zngezogcn, die von der Kirche aus den Hochzeitszug eröffne«.
Bei Tansen mußte der Pate, wenn er von auswärts war, ein Tauizeugnis vom Pfarrer seiner Gemeinde mitbringen, daß er im Katechismus ordentlich unteriviesen und abgehört worden ist. Wer keiit Zeugnis brachte, tvurdc von der Patenschaft zurück- gewiesen. Am Sonntag nach der Taufe geschah in der Kirche sür die Wöchnerin die Tanksagung durch ein von dem Pfarrer gesprochenes Gebet. _
Bei Beerdigungen ging der Opsermann mit den Schulkindern dem Leichenzug voran und führte das „Gesäng". Nachdem das Grab geschlossen war, wurde über den Hügel ein weißes Tuch gebreitet, das von armen Leuten nach einigen Tagen wieder geholt werden durste. Es ist anzunehmcn, daß dieses Tuch das Bettuch war, woraus der Verstorbene gelegen. Ein Leichenschmaus,


