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noch nicht; er wird scharf beobachtet — ist etit schlauer Fuchs, der sich nicht i» die Karte» sehen läßt."
„Ich begreife dich nicht, Wolf! Wie kannst dn solch Gplitterrichter sein! Öder stört dich etwa, daß er mich aus- zei ebnet?"
„Ja!"
„Also doch Eifersucht, weil er — du schüttelst! Also nicht Eifersucht ? Ich weiß genau, wie tveit ich gehen kan» . — darum mache dir keine Kopfschmerzen! Meßdorf ist ein
yetter, amüsanter Mensch, bei dem man nie das Gefühl von Langeweile bekommt," bemerkte sie etwas anzüglich.
„Dann hättest du vielleicht besser getan, ihn zu heiraten !"
„Wenn heute die Frage an mich heranträte, wüßte ich genau, wen ich wählen würde! Doch wvzu sich darum ereifern! Du kannst meine gute Meinung von Meßdorf mit deinen dunklen Andeutungen doch nicht erschüttern! Ihr alle habt doch eine Vergangenheit! Zum Beispiel, was wurde seinerzeit nicht alles von Strachwitz erzählt! Oder solltest du nicht wissen, wie er der kleinen, feschen Choristin dm Hof gemacht hat — ihr eine elegante Wohnung gemietet —"
„Strachwitz ist ein toller Bursche gewesen, das ist wahr — aber er ist stets Kavalier geblieben; etwas Ehrloses hat er sich nie zu schulden kommen lassen!"
„ — Und du, mein Freund," fuhr sie lächelnd fort, „oder ist jene kleine pikante Episode mit der hübschen Putzmacherin ganz aus deinem Gedächtnis mtschwunden?"
„Ella!" fuhr Wolf auf, dunkelrot werdend.
Sie schürzte hohnvoll die Lippen, daß die weißen Zähne hervorschimmerten; dadurch erhielt ihr Gesicht einen kalten, grausamen Ausdruck. Unverhüllter Hohn klang auch aus chrer Stimme, als sie in nachlässigem Tone weiterredete:
„Ereifere dich nicht, mein Gebieter, ich trage dir ja >die Geschichte nicht nach. Besser vor der Ehe eine Liebschaft haben, als während derselben."
„Ich habe nie eine Geliebte gehabt, hatte weder Geld noch Neigung dazu!"
Ironisch lächelnd prüfte sie ihren Gatten mit den Augen so beredt, daß er sich auf di« Lippen biß —. „sei doch nicht gar so naiv, mein Freund! Kein Geld? Muß denn die Liebe imnier gekauft werden? Sieh dich au, mein Schatz, und denke besser von dir! Vielleicht bist du auch ohne Geld begehrenswert für Frauen! Ich weiß, du hast viele Verehrerinnen, denen du es mit deinen schwermütigen Augen angetan hast; die kleine Baronin Schellbach zum Beispiel betet dich an; wenn du auch nicht mehr ganz „der schöne Wolfsburg" bist! Die kleine Putzmacherin hatte wirklich keinen so üblen Geschmack!"
„Gabriele, ich verbiete dir, in solch frivolem Tone z» reden!" Wolf mußte Gewalt üben, sich zu beherrschen.
„Lieber Schatz, mache dich doch nicht lächerlich," sie hielt ihr Spitzentaschentuch an den Mund, wie um das Lachen zu unterdrücken, das ihr bei seinen Worten ankam; ihre üppige Gestalt lag noch immer in lächelnder Ruhe in dem Schaukelstuhl, „nein, es ist doch zu komisch, wie du dich um solche Lappalie aufregst! — Wo ist denn jetzt die schöne Mary? Ohne Zweifel wirst du von ihrem Aufenthalt unterrichtet sein. Erzähle mir!"
„Kein Wort mehr! Ich begreife dein unfeines Benehmen nicht —“
„Unfein? Und warum, Schatz? Weil ich mich, nach deinem früheren Liebchen erkundige, das so geschmackvoll Hüte zu garnieren verstand? Sage doch lieber — vorurteilslos! Du kannst es doch einmal nicht ablengnen — gib dir darum keine Mühe — die ganze Stadt wußte ja von deinen romantischen Stelldicheins auf den, Friedhof mit jenem Geschöpf. Fürwahr, ein seltsamer Geschmack, die Wahl dieses Ortes."
„Nun gut, Gabriele," sagte er bebend vor Erregung, in dem er ihr einen Schritt näher trat und sein großcv Auge voll auf sie richtete, die sich lächelnd in ihrein Stuhl wiegle und ihre weißen, mit kostbaren Ringen geschmückten Hände betrachtete, „nun gut, wenn du einmal so genau unterrichtet bist, will ich dir auch die ganze Wahrheit sagen. Ja, ich habe Mary Winters gekannt und über alles geliebt! Sie war aber nicht mein Liebchen in dem Sinne, wie du denkst. Dazu war sie zu rein und unschuldig."
„Denkst du, ich glaube, daß du wirklich nur eine platonische Liebe für jenes Geschöpf gehabt hast? Halte mich nicht für so einfältig," erwiderte sie erregt. Es kränkte sie, jenes Bekenntnis setner Liebe zu einer anderen zu hören, „ich kenne
di« Welt und weiß, hri« ihr Männer es treibt. Du machst auch keine Ausnahme."
„Denke so gewöhnlich und schlecht von Mgry lvic b» willst, Gabriele, das fällt ja nur auf dick zurück," erwiderte er ruhig, „damit kannst du jenes engelreine Wesen doch nicht beleidigen! Sie steht so hoch über dir, daß —" er kam nicht weiter: wie eine Furie war sie aufgesprungen und stand zitternd vor Wut vor ihm, der mit über der Brust gekreuzten Armen am Rahmen der Tür stand und verächtlich aus st« blickte. l
„O, du — du wagst es, mich in einem Atem mit deiner Geliebten zu nennen, mich mit ihr zu vergleickien," zischte sie, „mich vielleicht in dsn Armen jenes engelreinen Wesens! zu verspotten — o, wie ich dich verabscheue —"
„Mäßige dich, Gabriele," entgegnete er, „sie fest uin das Handgelenk fassend, „mäßige dich! Du bist im Unrecht mit deiner Annahme — ich weiß nichts von Mary Winters; mein Wort darauf; sie ist tot für mich."
„Du liebst sie aber doch noch —"
„Ich habe sie nie vergessen können, und du hast cs nicht vermocht, die Erinnerung an sie aus meinem Herzen zu verdrängen. Vielleicht ivar es meine Schuld mit — gleichviel," er zuckte die Achseln — „wir wollen nicht mehr darum rechten!"
„Und warum hast du das Mädchen nicht geheiratet, wenn sie dir so teuer war?" fragte Ella lauernd.
„Erlaß mir die Beantwortung dieser Frage!"
„Nun wohl, dann tvill ich sie beantworten! Ich weiß alles. Weil sic kein Geld hatte, deshalb hast du sic ciusach sitzen lassen und lieber, um dich recht weich zu betten, die Töchter des reichen Bankiers Ulrich heinigeführt — ist cs nicht so? Dessen Geld war dir hochwillkommen, während — " „Kein Wort weiter, Gabriele," sagte er so finster und drohend, daß sie unwillkürlich verstummte. „Ich gehe jetzt und lasse dir Zeit, dein Benehinen und deine Worte zu überlegen — so gewinnt und erhält mau sich die Liebe des Gatten! und seine Achtung nicht!Gute Nacht!" Er verneigte sich leicht und ging. ,
„Das, das wagt er mir zu bieten — er, den ich vor der Schande gerettet habe." knirschte sie, „o, das werde ich dir gedenken, und jener Putzmacherin, die so hoch über mir steht — " sie zerriß in ihrer Wut das kostbare Spitzcntuch in ihrer Hand, „wie erhaben er tut und stolz —, o, ich hasse ihn!"
(Fortsetzung jolgl.s
Ulein-Lindcner Volksleben in der Zeit nach dem F0jä!,rigen Nrig.
Bei den Psarralten der Psarrei Großen Linden finden sich wertvolle Auszeichnungen aus der Zeit 1652 bis 1682. Sic sind betitelt „Protocolluni — Was in meinem Amt vorgeht" und von dem damaligen Pfarrer Philivv Weigel niedcrgeschricben. In diese Tagebücher — und das sind sie in ivahrein Sinne des Wortes^ — hat er alles ausgezeichnet, was er in seiner Amtszeit von 1652 bis 1682 erlebt hat. Seine Nachrichten stammen mithin aus der Zeit kurz nach dem 80jährigen Krieg, aus jener schreck- lichen Zeit, die unsägliches Unglück über unsere Heimat, ja über ganz Deutschland gebracht hat.
Um nun die in den Tagebüchern niedergelcgtcu Einträge recht zu verstehen, müssen wir uns vorerst ein Bild von der damaligen Ortsanlagc, dem Hausbau und der ganzen Beschasscnheit unserer engeren und weiteren Heimat ntachen.
Gießen war in Fcstungsmauern eingeichlossen. Große,t-Linden Ivar mit Wall und Graben versehe», die Eingänge durch feste Tore verwahrt. Klein Linden, oder ivie es damals hieß „Lindes", itn Volksmund heute noch „Linnes" genannt, war ein offener Ort, von Gärten völlig eiitaeschlossen. Diese tvaren nicht mit Spalier versehe,,, sondern mit Tornbckcn vcrzännt. Ter Zaun wurde in jedem Frühjahr itachgesehen und die schadhastcn Stellen ans- gebcfscrt. An der 2übfeit« von Lützellinden ist diese Art Heckcn- vcrzSunung heute nock teilweise vorhanden. An Straßen hatte Klein Linden nur drei anizun eisen, die Obergasse, die Uiitergaffe und die Lützelliitderer Gasie. Ter alte Weg nach Große,t Linden führte durch die Obergasse heute Kirch und Schulstrahe über die Katzcnbach nach der Lückenbach, dnrchschnitt oie tetzige Frankfurter Straße und ivandtc sich dann links nach dem Orte. Was letzt Ackerland ist zwischen Großen- und Klnn-Linden, tvar znm größten Teil Wald, Weide, Gestrüpp und Gesträuch. Keine Straße war chanssiert, alles nur Feldweg« und Fußpfade, die sich in sehr elendem Zustande befanden und bei Regemvettcr kaum gangbar waren. Aehnlich fah cs in den Ortschailen aus. Nirgends eine Pilasterung, keine Gosse, in den Höfen keine Psuhlgritben, keine ansgegrabenen Miststätten; Pfuhl und andere Abwasser flössen frei


