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Mund auf, wenn die Bauern ganz besonders klug redeten und von den alten hergebrachten Ansichten, Sitten »nd Gebräuchen nicht lassen wollte».

Der Götschen Veit war in seinem innersten Herzen ein mo­derner Mensch. Freute sich über jeden Fortschritt der Technik, soweit er in seiner Weltentrücktheit davon erfuhr und sowcht er iljit ver­stehen konnte.

Sein kleines Giitl lag knapp an der Lairdstrasfe. Ganz einsam und verlassen. Ungefähr eine halbe Wegstunde von dem verwitterten Dörsel entfernt, zu dem er gehörte. Wie ein Raubrittcrnest sah das Vintschgaucr Dörsel aus. Schmutzig und ungastlich. Kleine graue Steinhäuser, .halb zerfallen und nüchtern in ihrer Bauart. Keine Blumen und leine freundlichen Gärten, hart an einen steil empor- raaenden Berg hingebaut und von den Felsen des Berges teilweise beschirmt und bedroht.

Ausserhalb des Dorsels breitet sich das Tal. Und dort, wo der wildschäumende Gebirgsbach sich brausend ergießt, steht das wcißgemauerte hiittcl des Götschen Veit. Ein haar bunte Blumen blühen in dem eingezäunten Gartet. Große gelbe Sonnenblumen, Geranien und Nelken.

Es haßt eigentlich so gar nicht in diese Gegend, das heim des alten Götschen Veit. Ebenso wenig wie er selber und seine grnndgescheuten Ansichten und Gedanken.

Seit einer Meide von Jahren durchjagen viele Automobile die schöngepslegte Landstraße des Tales und hüllen das kleine, ungast­liche Dörsel in dichte Staubwolken. Anfangs schimpften die Bauern aus die hcarrischen Sakra, die wie die helliachten hölltuifl daher­sausten.- Taten ihnen auch nianchcrlei Unfug an und freuten sich herzlich, wenn einmal so ein verfluchter Karren nimmer weiter konnte. Allmählich fügten sie sich aber drein. Nahmen es hin als etwas Unabänderliches, nnd waren nur froh, daß kein größeres Unheil angerichtet wurde.

Der Götschen Beit jedoch war von allem Anfang an ein tvarmer Anhänger des Automobilfportcs. So dahinsausen zu können, ohne Ochsen nnd ohne Pferde. . .Teuxk, no amal eint, dös ist decht sein! Und koa Fuatter brauchen, koa Heu und koail Haber! Lch. a bissel a Benzinöl!"... Das imponierte dem Beit an> meisten. '

Einer der kühnsten Träume des Götschen Veit lvar es, selber einmal in so einem Auto zu fahren, behaglich eine Pfeife zu rauchen und tiefsinnig vor sich hinzuspeien. Wohin diese Fahrt eigent­lich gehen sollte, so weit verflieg sich feine Phantasie nicht. Er wäre zufrieden gewesen, einmal in aller Gemütlichkeit über die Wege zu fahren, die durch die Felder führte», und sich den Stand der Acckcr von oben herab anzusehcn.

So oft der Götschen Veit einem Autoniobil begegnete, wich er nicht scheu und furchtsam, sondern ehrerbietig aus und sah dem davonsauscnden Fahrzeug mit fast kindlicher Sehnsucht nach.

Tie Insassen bemerkten den schüchternen Bewunderer nur in den seltensten Fällen. Achteten nicht aus die hagere, mittelgroße Gestalt mit dein großen, unförmigen Höcker, dem alten, tief ins Gesicht gedrückten Filzhüll und den steifen, etwas krummen Beinen. Sein kurzer, brauner LodenjanZger, die bodenscheuen Hosen, die schweren Stiefel und der dcrbseste Stock, aus den er sich wuchtig stützte. vervollständigten den Eindruck einer säst abenteuerlichen Er­scheinung.

Seit einiger Zeit fuhr häufig ein ganz bestimmtes Auto durch das Dorf un.) dann an dem. kleinen häuM des Götschen Veit vorbei. Der V-ir kannte es genau. Er erkannte cs schon an denr Tuten: und wpnst er diesen Ton aus der Ferne vernahm, dann humpelte er mit seinen steifen Beinen so rasch als möglich vor das Haus und pflanzte sich hart an der Landstraße aus. Sehn­süchtig sah er dann dem entschwindenden Fahrzeug nach und schnüffelte geduldig und schier mit Wonne Stailb und Bcnzin- geruch rin.

Außer dem Chauffeur saß gewöhnlich ein älterer, gut aus- sehender Herr in dem Auto. Der kannte den alten sonderlichen Bauern ebenso gut wie der Veit das Auto. Umd einmal ließ er Hallen. Knapp vor dem Häusl des Veit, wo der Alte auf seinen Stock gestützt stand.

Den Götschen Veit Härte bald der Schlag gerührt vor lauter Schrecken. Ta stand das Auto in seiner ganzen Größe und Pracht und brodelte und kochte vor lauter Ungeduld, nur bald wieder fahren zu dürfen. Und so schön ir^.r cs. hcrrlir.1! hellrot nnd voll Treck! Wo das etwa heute schon geioescn sein mochte! Wohl recht weit, ivo schlechtes Wetter lvar; denn hier schien schon seit Tagen die Sonne. i

Der seine Herr im Auto war ausgestiegen und hatte sich dem Alten genähert.Möchten Sie einmal mitkommen?" srug er freundlich.

Der Beit glaubte schlecht zu hören. Xtub dann war er schüch­tern. Getraute sich nicht gleich ja zu sagen. Taher tat er, als bemerkte er den Fremden gar nicht, und starrte an ihm vorüber aus das Auto.

Ich kenne Sic nun schon längere Zeit!" sing der freundliche Herr abermals anUnd denke mir, daß Sic einmal ganz gerne da drinnen sitzen möchten. Also steigen Sie. ein! Ich fahre Sic ein bißchen herum. Wollen Sie?"

Der Götschen Beit sah den.Fremden zuerst fast feindselig an. Dann brummte er unwillig: ..Was hast g'faat?"

-Ich fahre Sic in die Stadt hinunter, mich Meran, wenn Sie wollen..."

Naa."

Also nicht?"

Naa!" kani cs bestimmt zurück.

Gut. Dann nicht. Ich dachte, es würde Ihnen Freude machen..." fügte der Fremde enttäuscht hinzu uitb kehrte wieder zu dem Auto zurück.

Der Götschen Veit besann sich. Eine ungeheure Aufregung batte sich seiner bemächtigt, so daß er ungewöhnlich rasch denken konnte. Er dachte daran, wie nun mit einemmal sei» höchster Wunsch in Erfüllung gehen würde. Der Wunsch, auch einmal in so einem noblen Fahrzeug zu sitzen nnd voll Würde und Stolz herauszuschauen und sich von oben herab die Felder nnd Aecker zu betrachten.

hier war die Gelegenheit. Die einzige vielleicht in seinem ganzen Leben. Nie wieder würde ihn einer der Insassen dieser noblen Fahrzeuge beachten, und nie mehr würde ihn lemand zu einer Fahrt cinladen. Der alte Bauer zitterte förmlich vor Auf­regung und niachte ein ganz böses, ingrimmiges Gesicht. Aber er überwand seine Schüchternheit und fragte langsam, Wort für Wort betonend:Wo sahrt's nachher hin?"

Wohin Sie wollen."

Und kosten...?" fragte der Veit Hinter.

Kostet nichts."

Nix?"

Nein."

Der Götschen Veit kam näher. Langsam und so breitspurig würdevoll, als es ihm seine steifen Beine gestatteten.Nachher könnt' i's ja probieren."

Also steigen Sie eins"

Der feine Herr nnd sein Chauffeur halfen dem Alten beim Einsteigen. Schwer ließ sich der Beit in die weichen Polster falle».

Dös ist wiach!" meinte er anerkennend und sah den Frem­den mit einem treuherzig dankbaren Blick aus feinen kleinen tief­liegenden Augen an.

Wohin wollen Sie fahren?" srug der Frenrde, indem er neben ihm Platz »ahni.

Mei!" machte der Veit bescheiden,halt a bissel in die Felder."

Nicht in die Stadt? Ich bringe Sie abends wieder heim."

Mir ist's gleich !" sagte der Veit mit gemachter Gleichgültig­keit. Innerlich brannte er darauf, nach Meran zu kommen, wo er schon viele Jahre nicht mehr gewesen war. Er dachte es gar nicht mehr, wie lange.Wird halt a bissel weit sein, ha?" erkundigte er sich.

Das niacht nichts. Wir fahren eben uni das geschwinder. Wenn's Ihnen recht ist ..."

Ah ja! I Hab' nix dagegen. Rösser sein's ja koanc."

Der Chauffeur kurbelte an dem Apparat, und dahin ging's in einem Saus, daß dem Götschen Veit hören und Sehen verging.

Anfangs hatte er gerade genug zu tun, sich mit seinem Hut zurechtzusinden. Der wollte ihm immer davonslieyen, und der Beit mußte ihn mit beiden Händen sesthaltcn. Dann blies ihm der Wind ins Gesicht und blies ihm schars durch die Ohren. Der Beit, dessen Zahnwerk nicht Mehr ganz in Orünung war, spürte schon ein ver­dächtiges Reißen, Aber er hielt tapfer aus u>ch war bemüht, sich s» fest als möglich aus seinen Sitz zu rammeln.

Das gelang ihm aber »ur sehr schlecht. Denn ab und zu aab's einen Stoß, daß der Beit völlig in die höhe geworfen und dann wieder zurückgeschlcudert wurde und vor lauter Schrecken mir Oha!" schreien konnte.

Zum Pseiseir anzünde» und zum aus dem Wagen speien, wir er sich das in seinen kühnen Träuinen vorgestellt hatte, kam er nicht. Nicht einmal zum schauen. Und wenn er das Maul austun wollte, um etwas zu fragen, mußte er schreien, damit ihn der Herr neben ihiii verstehen konnte.

Der Götschen Beit konnte gar nichts sehen von der Fahrt. Bis er etwas ausgefaßt batte, waren sic schon einen Kilometer tiefer ins Tal gefahren. So sperrte er die Augen aus, preßte fest das das Maul zu und hielt mit beiden Händen den Hut.

Es gefiel ihm immer weniger da drinnen. Er wollte sich's selber nicht eingestehen. Es paßte ihm ganz und gar nicht. Und innerlich fluchte er, daß er überhaupt mitgefahren war.

Jmmdr tvfeder wurde er in die höhe geschleudert und wenn er dann auch iwch so weich in die Kissen siel, so hatte er doch jedesmal eineil derartigen Schrecken, daß er sich vor dem nächsten Mal fürchtete. Er fürchtete sich davor, aus dem Wagen geschleudert zu werden, und er fürchtete sich vor dem Wind, der ihm rauh ins Gesicht pfiff und ihm den Atem nahm.

Tann riß er vor Entsetzen die Augen auf. Da tanzten die Bäume rechts und links der Straße an ihm vorbei und die Häuser und die Berge. Darauf wurde ihm mit einem Male schivarz vor den Augen. Grünschwarz. Und dann gab es ihm wieder einen Ruck, so stark und unvermittelt, daß er mit dem Kopf aus beit Rücksitz ausschlug und der freundliche Herr ihn zurückziehcn mußte.

Soll ich langsamer fahren lassen?" schrie er dem Veit ins Ohr. Ter Veit verstand kein Wort.Naa!" brüllte er zurück.

Das Auto sauste im raschen Flug durch das Tal. Sauste die ziemlich abschüssige Anhöhe hinunter, an deren Abhang ein größeres Tors lag. Der Götschen Veit hatte schon alle Zustände. Kalter