Mittwoch, den 4. Februar

Ein Frühlingstraum.

Roman von Fr. Lehne.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ganz fassungslos stanü Frau Gniidet da ihre beste Kundin und noch mehr die beste Arbeiterin auf einmal *u verlieren, daS war zu viel!Wo ist Fräulein M-ary?" herrschte sie das junge Mädchen an, daS zum Aufräumen kam.In der Arbeitsstube," lautete dessen verschüchterte Antwort. Schnell eilte Frau Güudel dorthin. Mary stand schon zum Fortgehen gerüstet da und gab nur noch einem (iingen Mädchen Anweisung, wie an einem fast fertigen Hut noch ein paar Blumen anzubringen waren. Das war eben ihre Kunst, durch eine Agraffe, Schleife oder sonst eine scheinbar unbedeutende Garnierung oder Biegung jenen letzten Schick zu geben, der alle ihre Werke auszeichncte.

Ah, treffe ich Sie noch, das ist gut," rief Frau Güudel erregt.Sie haben nicht das Recht, zu gehen; Sie müssen unbedingt bis 15. August bleiben, wenn Sie nicht »vollen, das; ich polizeiliche Hilfe in Anspruch nehme!"

Tun Sie das immerhin," entgegnet« Mary mit leichtem Lächeln,durch solche Beleidigung wird aber unser Kontrakt aufgehoben und wenn nicht, bleibe ich bis 15. nehme dann aber die Stellung einer Direktrice bei Brock an. Das pekuniär sehr verlockende Angebot habe ich schon vor vier Wochen bekommen."

Ah" Frau Gündel schäumte vor Wut, Brock tvar ihre gefürchtetstc Konkurrenz; ging Mary nun noch dahin, war es mit dem Rnf und der Beliebtheit ihres Geschäftes vorüber.

Sie sagen nichts," »ahm Mary wieder das Wort, daraus entnehme ich, daß Sie einverstanden sind mit dem, was ich gesagt habe! Ich gehe also! Das mir zn- komineiide Gehall darf ich mir wohl von der Kassiererin ausbitten? Lebt wohl, Kinder! Laßt es euch gut gehen!" sagte sie zu den jungen Mädchen, die aufmerksam dem Gespräche ihrer Kollegin mit der Brothcrrin gefolgt waren.

Act>, Fräulein, wollen Sie wirklich fort ? Bleiben Sie doch! Ohne Sic ist es nichts! Zeigen Sie mir nur schnell, wie ich die Feder hier anbringen kann." So schwirr­ten die Stimmen der Mädchen durcheinander.

Rein, nein, es geht nicht! Macht mir eure Sache gut. Adieu, Frau Gündel!" Und Mary verließ das Haus, in dem ie so sehr beleidigt worden und nach ein paar Tagen chon die Stadt, in der sie so selige und so bittere Stunden durchkostet hatte. Vorher aber nahm sie noch Abschied von der Stätte ihres Glückes, sowie von den alte» Leuten, die immer so gut gewesen wäre».

Wir werden uns wohl nicht wieder sehen, Fräulein Mary," sagte die Frau Berger,ich bin jetzt auch recht klapperig geworden."

Was wollen Sie ansangcn, Fräulein?" fragte Berger, wieder in ein Geschäft gehen? Wo fahren Sie denn hin? Wir nicincn es doch so gut und sind dann beruhigt, wenn wir toissen, daß Sie irgendwo gut ausgehoben sind. Der Herr Leiitnank sicher auch, denn nun er weiß, daß es Ihr Bruder damals war "

Abwehrend hob sie die Hand.Nichts mehr davon! ' Ich weiß es selbst noch nicht dahin möchte ich gehen, wo es Ruhe und Frieden gibt! Am liebsten bliebe ich hier bei Ihnen, ganz hier dort unter der großen Linde." Und sehnsüchlig schweiften ihre Blicke dahin.

Versündigen Sie sich nicht, Kind," warnte Berger,Sie junges Blut haben das Leben noch vor sich! Sie werden vergessen lernen! Und war das vorhin Ihr letztes Wort, daß ich wirklich nichts an den Herrn Leutnant bestellen soll daß er noch mal her komint heul abend? Denn >vie das alles ist, wäre ein Abschied von ihm keine Sünde! Ihm ist cs gewiß schwer gewesen, daß er Sie gegen seine Braut nicht hat verteidigen dürfen "

Wieder schüttelte sie abwehrcnd den Kopf.Nein, lassen Sie, es ist ain besten so! Ich will ihn seiner Braut nicht noch mehr entfremden! Er hat mich doch so lieb gehabt, und die andere muß nun seine Frau werden! Nun lebt wohl, Ihr Gute»! Behüt' Euch Gott!"

Feuchten Auges verließ sie die braven Menschen und teufte ihre Schrille nach der alten Linde, die jetzt in voller Blüte stand und berauschende Düfte ausströmte. Mit ge­falteten Handelt und gesenkten! Haupte saß sie da, während Tratte um Träne aus ihren Augen tropfte, als sie an den wonnigen Liebestraum dachte! Ach, und wie schiver war es doch, so auss Ungeioisse, so allein in die weite Welt zu gehen und keinen zu haben, an den ihr Herz sich lehnen konnte keine Heimat, keine Eltern, keine Liebe! Und die Qual ihres Herzens um ihr einsames freudloses Leben, um ihre verlorene Liebe löste sich in einem krampfhaften Schluchzen und in heißem Ringen zu Gott um Beistand und Hilfe. Durch ihr inniges Beten kam es wie Frieden über sic: wunderbar getröstet stand sie auf und ging einer ungewissen Zukunft

entgegen. ----

Nach jenem Austritt in dem Putzgeschäft tvar Wolf recht lühl seiner Braut gegenüber und vermied zu ihrer Verzweis- lung jedes Alleinsein mit ihr, darin unterstützt von Fräulein von Lassen, die ihm diesen Wunsch von den Augen ablas. Sie sah recht gut, wie er unter den Launen seiner ver­wöhnten Braut litt, und wußte ganz gut, daß Wolf nur unter einem Druck gehandelt hatte, als er fick mit Ella verlobte. Ter ernste schöne Mann hatte die ganze Sympathie der sein­gebildeten Dame, die es im Innern tief bedauerte, daß er nu ein Wesen, so verwöhn! und eigensinnig wie Ella, gekettet war. Einmal hatte Ella das Gespräch auf jenen Nachmittag zu lenken gesucht, um sich zu entschuldigen, da sie wohl fühlte, daß Wolf ihr wegen ihres taktlosen Auftretens zürnte, jedoch tvar er ihr mit so abweisender Kälte begegnet, daß sie sich wohl hütete, je wieder davon anzusangcn. Daß er an Mary des«