Ausgabe 
2.2.1914
 
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natürlichen Zustand frisch geöffnet, mit zerschnittenen frischen Zitronen serviert, am liebsten gesehene Ter russische Kaviar steht nieder, wie seit einigen Jahren, schon sehr hoch im Preise, ein halb Pfund des allerbesten, grauen, großkürnigen Kaviars, der vom Unterlaufe des Ural, der Wolga, des Ton, Dnjepr, auch von den Gestaden des Asolvscheu Meeres, des Aralsees und des kaspischen stammt, dürfte unter 22 24 Mk. nicht zu haben sein; inan hat aber auch wohlfeilere Sorten bis zu 18 Mk. für ein halb Pfund. Er wird meist aus geröstete oder ungcröstctc Brötchen gestrichen verspeist und neuerdings gern im gefrorenen Eisblock serviert. Seine Versendung geschieht selbstverständlich auch in Eispackung, und Eis ist zu seiner Konservierung durchaus not­wendig. Tie heutigen schnellen Eisenbahnverbindungen mit dem Russischen Reich erleichtern die Einfuhr dieser Telikatesse hier sehr. Und doch war der Kaviar schon vor hundert und mehr Jahren hier in Teulschland, vorzüglich auch iu Berlin, heimisch. Russische Kausleute brachten auf Schlitten die kostbare, sorgsältig in Eis verpackte Ladung aus dem fernen Lande über die preußische Grenze m Osten hierher. Und zwar zeigten sie in den Zeitungen dann ihre Ankunst oder auch ihre bevorstehende Ankunft, sowie ihr Quartier, in dem sie abgestiegen waren, oder die Handlung, ivo sie den Kaviar feilboten, au. Heute liegt ia der Spczial-Kaviarhandel auch noch vielfach in den Hän­den russischer Kausleute, doch hat auch jeder grössere Telikatessen- händler stets kleineren oder gröberen Vorrat von Kaviar.

Wildbret ist noch aus Kühlhäusern zu haben und wird für Geselligkeitszweckc noch gern gelaust, obgleich sich neuerdings auch eine besondere Vorliebe für Schlachtsleischbraten, z. B. schönen Kalbsrücken, zartes Rostbeej oder Rinderfilet, gelegentlich auch für marinierte oder gebeizte Hammelrücken bemerkbar macht. Ter Braten wird vielfach kalt serviert <zu warmer Sauce), eine Neue­rung, die aus dem Grunde bald Nachahmung fand, weil der Deutsche Kaiser kalten Braten liebt und vielfach sür seine Tafel Wünsche.

Hin und wieder erscheint als angestaunte Seltenheit auch ein junger Gemsenbraten auf dem Tisch eines reichen Hauses, aber davon, ein allgemein üblicher Saisonbraten zu werden, ist er weit entsernt. Mit den hohen Fleischpreisen haben sich die Haus­frauen nun wohl abgeiuuden, und die Hoffnung, die erst hier und dort vorhanden war, däß nämlich die vor ungesähr 1%2 Jahren so plötzlich eintretende grosse Preissteigerung n»r eine vorübergehende Erscheinung sei, endgültig aufgegebc».

Gleich dem Schlachtsleisch ist das Schlachtgeslügel teuer, na­mentlich die Mast-Poularden, Poulets und Kapaune, die sür seine Taselzwecke unentbehrlich sind. Daneben wird auch noch der Puter gern gekauft, dessen Hochsaison zum Weihnachtssest be­gann und sich fast bis zum Schluß des Karnevals hinzieht. Außer­dem kommen, meist aus norddeutschen Geslügelzucht- und Mast­anstalten stammend, die allerersten jungen Gänse und Enten aut den Markt, fast immer unter dem Namen: Hamburger Gänse bekannt. Selbstverständlich kann eine Großstadt, wie Hamburg, nicht so viel Gcslügelzüchtereien beherbergen, der Namen bezeichnet die allgemeine Herkunft des norddeutschen jungen Zuchtgeslügels, nämlich die Gegenden bei Hamburg und bei Lübeck resp. zwischen beiden Städten. Tort sinden sich aus ländlichen Grundstücken größere und kleinert Geslllgelfarmen. Manche davon sind größeren oder kleineren Gärtnereien angegliedert, in denen seine junge Eommergänse und seine Früchte gezogen werden, sür welche Er­zeugnisse die nahegelegene Stadt, namentlich Hamburg, Abneh­mer ist. Tie jungen, frischen Gemüse, unter denen es sogar zier­lichste, grüne Böhnchen zu Bohnensalat, köstliche Karotten, Kopf­salat ufw. gibt, sowie natürlich auch grünen, dünnen und dicken, weißen Spargel, sind sehr teuer und die Mehrzahl der Haus­frauen hält sich, wenn sie SoinmerAemüsc bereitet, an die vor­trefflichen Konserven, die uns deutiche Fabriken in Fülle und von bester Beschaffen hcit darbieten. Tie Stangenspargel aus Büch­sen kommen dem frischen Spargel oft an Güte gleich. Man muß bedenken, daß eS bester Mai- und Jünispargel ist, der von den Fabriken zum Konservieren verarbeitet wird. Mitteldicke Stangen sind den ganz dicken oft vorzuziehen. Dünner, sogenannter Ge- müsespargel mit weißer But.erjauce oder holländischer Sauce in einenc ReiSrand angerichtet und mit Bratwürftchen oder kleinen Brisoletten gereicht, ist z. B. ein sehr gutes Zwischengericht sür eine festliche Tafel oder auch sür den Familienlisch. Für bessere Zwecke gibt man vorteilhaft noch eine kleine Portion Salzkar- toffcln nebenher. Grüne Bohnen, die nach deutscher Art mit etwas in Butter hell oder gelbgedünstetem Mehl verkocht, nach Geschmack mU etwas gehacktem Pscsferkraut (Bohnenkraut) und gehackter Petersilie gewürzt werden, bilden ein wohlfeiles schniack- haftes Gemüse, zu dem man Salzkartosscln und gerösteten, sehr sauber ausgenonnnenen, gehäuteten und zurecht gvmachtcn Salz­hering gibt. Neu vom Jahr ist der Rhabarber, dessen licht- rote Stengel heute in keinem Lebensmittelgeschäft mehr fehlen. Bis vor 15 oder 16 Jahren war er sehr selten in Norddeutschland, während er in Süddeutschland, Oesterreich usw. imnier schon ge­schätzt wurde. Er wird, geschält und zerschnitten, in dickem Zuckcr- sirup weich geschmort und, wenn man will, mit etwas frischem Zitronensaft gewürzt. Man kann ihn auch mit einer größeren Menge Wasser dünn und sehr weich kochen, den Saft durch ei» Sieb rühren, wieder ausstcllen und mit irgendeiner dickenden Sub­

stanz: Sago, Sagomehl, Gries, Reisgries, Kartoffelmehl oder Maismehl unter beständigen! Rühren zu dicker Masse kochen, die iu eine mit kaltem Wasser gespülte Glasschüssel oder Form ge­stillt und zum Erkalten gestellt, einen vorzüglichen Flammerie ergibt. Tiefer, zum Nachtisch passende Flanimerie hat den Vor­teil, keiner Eierzutat zu bedürfen, denn die zu vielen Mehlspeisen notwendigen Eier verteuern diese Gerichte sehr. Wenn auch zu Ende Februar die Eierpreise etwas zu fallen beginnen, so sind sie für gar viele Hausfrauen dennoch zu kostspielig. Diese Eier- kalamität war es vielleicht auch, welche den einfachenBrat- äpselu" seit dem letzten Fahr wieder zu erhöhter Bedeutung als Nachtisch für den feinen und bürgerlichen Tisch verholsen hat. Aur besten eignen sich die dunkelgelben, sogenannten Stern-Rei­netten dazu, deren Heimat Steiermark ist. Man stellt die mit einem sauberen Tuch gut abgewischten Aepfel auf ein Blech und schiebt sie in den mäßig heißen Ofen, da ja eine Ofenröhre, in der man anno dazumal Aepfel briet, kaum noch zur Verfügung steht. Tie Hitze dars nur mäßig sein, denn das Weichbraten des Apselfleisches soll von innen heraus erfolgen, damit die Schale nicht platzt. Man kann auch eine feuerfeste Tonjchüssel oder Auflaufforui von Blech mit etwas guter Butter abreiben, die Aepfel (die Stilseite nach unten) hineinstellen, wenn man will, mit Zucker bestreuen und mit etwas. Rum beträufeln, und in den Ofen schieben. Leider war die deutsche -Obsternte des Herbstes nicht nach Wunsch ausgefallen. Man sprach in maßgebenden Kreisen davon, daß die Erträge der deutschen Ernte seit ungesähr Weihnachten vollständig geräumt seien. Die Preise sür Aepfel waren hoch und selbstverständlich sind die ausländischen Aepfel, selbst die einfachen amerikanischen, auch sehr teuer.

Tarum ist es gut, daß seit Mitte Dezember in alter Treu« die Apfelsinen und Mandarinen den deutschen Obstmarkt bereichern.-

Menschentum und Tierschutz.

Or. Schmitt-Cleve.

Ein Rätsel ist und bleibt das Leben. Rätselhafter aber noch, als das Leben selbst, sind die Widersprüche in demselben. Was Menschen tun, ist menschlich. Ist aber alles menschlich, >vas die Menschen tun? Es hat durch unermeßliche Zeiten Gegenden gegeben und gibt es auch heute noch, wo nicht der Mensch, son­dern das Tier Herr war und noch ist und wo der Vogel sein Liedzu Ehr' und Preis des Schöpfers" seit Jahrtausenden, vom Menschen ungehört, in die Lüste schmettert. Niemand wirb behaupten wollen, daß die uns umgebenden Tinge, wir Menschen inbegriffen, gegen srüher sich nicht geändert hätten. Das Ueber- gewicht der brutalen Gewalt hat der Sitte weichen müssen, und nur ein Tor vermag ihre wohltätige Macht nicht anzuerkennen. Unzweifelhaft haben Roheit und Wildheit im Berkehr der Men­schen untereinander einem feineren Empfinden Platz gemacht, und auch die Art der Beachtung und Behandlung der Tiere wird in letzter Zeit, je länger je mehr, einer für diese wohlwollenden Re­vision unterzogen.

So verfehlt es nun auch wäre, einen erträumten paradie­sischen Zustand erstreben zu wollen, so liegt die Sache aber doch einmal so, daß der Kamps nicht so unheilbringend zu sein brauchte. Während wir Menschen es als ein Recht betrachten, uns das Leben uiöglichst angenehm zu gestalten, denken wir gar nicht daran, daß es außer uns auch noch Geschöpse gibt, die aus et» gleiches Recht Anspruch erheben können. Es hallt die Erde wieder von dem Gejammer, Gestöhn, von den Klagerufen aller der unserer Kultur geopferten und gequälten, bis zum letzten Atemzug er­barmungslos ausgenutzten Kreaturen; selbst der größte Jammer wird als legal hingenommeu, kaum eine Meinung dagegen wagt sich hervor, kaum eine Hand erhebt sich, um all' dem zu steuern. Das Interesse der Menschen verbietet cs. Als ob dem wirklich so wäre' Wollte doch jeder einmal ernstlich darüber Nachdenken! Kann denn ein Pferd zum Ziehen von Lasten, eine Kuh zur Milchabgabe, ein Schwein zur Fett- und Fleischproduktion, ein Hund zum Bewachen eines Hauses nicht verwendet werden, ohne daß diese Pslichten mit all den Entbehrungen und unnützen Qualen beladen sind? Muß denn das Tier mit dem wunderbar seinen Bau seines Körpers nur als ein Tier, kann es nicht auch als ein Wesen betrachiet werden? Ist denn das Streben nach Einrichtungen, niehr Menschen ein glückliches Dasein zu schassen, möglichst allen Geschöpsen die Formen ihres Lebenszweckes zu erleichtern, nicht auch ein Ideal? .

Er ist da, der Retter, er weilt unter uns und Iteckl in uns! ist der freie Wille. Warum erhebt bie_ Menschheit nicht den Glauben an ein Sittengesetz und an dessen Forderungen voll Kraft und Mut aufs Schild? Warum? Es ist viel ethisches Gefühl in der Welt, es wird jedoch durch andere, machtvoll herr­schende Systeme zurückgedrängt.

Warum? Es besteht ein Plus auGeist" bei einzelnen Menschen, gegenüber einem Mangel bei anderen, und ein Minus vonGefühl" bei den meisten, gegenüber einem Plus ber ein­zelnen. Machtvoll bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß diese Vernachlässigung ethischer Forderungen zu einer Verrohung der Gesinnung unabweisbar führen muß. Der Glaube an ein Sitten- gefetz setzt zwar unbedingt voraus den Glauben an ein gött­liches Wesen, in welcher Form es auch immer sei, und falls