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da Mary mit Frau Gründel zurückkam. Letztere begrüßte Gabriele mit einem Wortschwall und der Versicherung tadelloser Ausführung. Gabriele entgegnete kurz: „Das will ich hoffen: leider will mich Ihre Direktrice gar nicht verstehen! Auch mein Verlobter i|t darüber ungehalten." Wolf öffnete den Mund zu einer Erwiderung er sagte aber doch nichts: was hatte es auch für Zweck gehabt!
„Aber Fräulein Mary — ich sollte doch meinen, daß Ihnen der Geschmack das gnädigen Fräuleins genügend bekannt sein dürste," sagte Frau Gündel tadelnd zu dem' jungen Mädchen. „Bringen Sie doch mal die vorn aufgeschlagenen Hutformen, sowie das fertige Modell davon her. Warum haben Sie dem gnädigen Fräulein den roten Huk nicht gezeigt? Das iväre so etwas!"
„Ich meinte doch nicht! Fräulein Ulrich würde ihn nicht tragen! Er ist zu ausfallend."
„Sie haben gar nichts zu denken! Eilen Sie!" — Mary gehorchte, dann sagte sie: „Frau Hauptmann von der Mülbe ist soeben gekommen: gestatten Sie, das; ich einige Augenblicke nach dem Laden gehe?"
„Ist Fräulein Hannel nicht da? — Ja? — Nun, dann ist Ihre Anwesenheit nicht nötig dort! Sie sind übrigens Direktrice und keine Verkäuferin mehr. Also bleiben Sic: nötigenfalls werde ich selbst gehen." Frau Gündel lieh wohlweislich Mary nicht gehen, da sie die einzige war, die bisher Gabriele zu deren vollster Befriedigung bedient hatte; in den verflossenen Jahren hatte die verwöhnte Bankierstochter stets etwas an ihren Hüten auszusetzen — aber Mary hatte es verstanden, deren Geschmack Rechnung zu tragen. Sie war ihr Überhaupt unentbehrlich: Mary war bei all den vornehmen Damen, die sie zu ihren stunden zählte, wegen ihres bescheidenen, seinen Wesens und wegen ihres ausgezeichneten Geschmacks sehr beliebt, und alle wollten nur von ihr bedient sein, trotzdem sic eigentlich als Putzmacherin und nicht als Verkäuferin verpflichtet war. Frau Gündel wußte genau, welche große Hilfe und Unterstützung ihr in dem jungen Mädchen zur Seite stand; deshalb war sie auch sehr ungehalten, daß Mary ihr zum 15. August gekündigt hatte und trotz aller lockenden Versprechungen durchaus nicht bleiben ivollte.
„So, gnädiges Fräulein, hier das Allerneueste — diese ausgeschlagenen Formen kommen eigentlich erst so recht zum Winter auf." Mit diesen Worten zeigte Frau Gündel die neuen Fassons und den roten Hut, der Wolf schon vorhin ausgefallen war. ^,, Fräulein Kaiser, unsere beliebte Naive, hat für das neue Stück, in dem sie die Hauptrolle spielt, zwei in der Art bestellt! — Ist dieser rote Hut nicht ent ückeud ap rt? Fräulein Mary, setzen Sic ihn mal auf, damil oas gnädige Fräulein die Wirkung besser sieht." Mary tat wie ihr gesagt, und sah wohl etwas fremd, aber reizend aus in dem großen Hut, der das zarte, schmale Gesicht noch mehr hob.
„O ja, der gefiele mir ganz gut —" sagte Gabriela etwas zögernd, sie war sich selbst wohl »och nicht ganz klar über ihre Ansicht — „was meinst Du, Wolf?"
„Wenn ich offen sein soll," entgegnete dieser, — „er mißfällt mir sogar; er paßt wohl für eine Schauspielerin, nicht aber für eine Dame."
„Aufprobieren möchte ich ihn doch mal," meinte Ella,
— „«ei», nein, Fräulein, Sie sind mir z» ungeschickt, bitte, helfen Sie, Frau Gündel!"
„Entzückend — nein, großartig! Ich habe gnädiges räulein noch nie in einem so vorteilhaften Hut gesehen! ein, wie Sie gerade diese Fasson kleidet!" rief Frau Gündel vegeistert.
Gabriele sah sich tut Spiegel an. Der Hut kleidete sie ganz aut; sie sah aber nicht sein darin ans, da ihr Gesicht zu dick und rund war. „Nun, was meinst Du, Schatz? Kleidet mich dje Fasson?" Unschlüssig blickte sie den Verlobten an.
„Ja, ganz gut, Ella!" sagte Wols. Ihm >oar es ganz gleich, was sie wählte; ihn drängte es ins Freie — er konnte sein armes Lieb nicht mehr so dastehen sehen. ES war ein'e rassintert ausgeklügelte Grausamkeit seiner Braut, dies Zusammentreffen veranlaßt zu haben, was er ihr niemals verzeihen konnte — und wollte. — Voll Liebe ruhte sein Blick aus Mary; zum ersten Male während seiner Anwesenheit sah sie ihn an, und einen Augenblick ruhten beider Angenpaare ineinander — er las in ihren süßen Sternen keine Anklage
— nur innige unendliche Zärtlichkeit. Schnell aber senkte sie wieder die langen Wimpern, wie auf etwas Unrechtem ertappt.
Gabriele wandte sich jetzt ihr zu: „Nun, was denken Sie, Fräulein? Auch Ihre Ansicht möchte ich hören." Ella wußte
enau, daß ihre viel bewunderten Frühjahr»- und Sominer» üte einzig das Werk von Marys Geschmack und geschickten Händen ivaren. Sie war von vornherein dazu entschlossen, sich ivieder darauf zu verlassen — wollte sie jedoch erst quälen, weil sie geivagt hatte, ihre Augen zu dem von Ella begehrten Manne zu erheben.
„Wenn Sie mich um meine aufrichtige Meinung fragen, gnädiges Fräulein, muß ich Ihnen entschieden von dieser Fasson abraten," entgegnete Mary offen, ohne auf Frau Gündels Miene Rücksicht zu nchinen, die den roten Hut gern verkauft hätte.
„Und warum, wenn ich fragen darf?"
„Weil — verzeihen Sie, weil der Hut zu ausfallend an Ihnen wirken und dadurch die Vornehmheit Ihrer Erscheinung verlieren würde," erwiderte Mary offen.
„ — Ah, sehr verbunden, liebes Fräulein, für Ihre Erklärung," sagte Ella spöttisch, „ich muß jedoch gestehen» daß ich es sehr dreist finde, in dieser Weise eine Dame zu kritisieren."
„Ich begreife Sic rächt, Fräulein Winters, wie Sie in solchem Töne zu reden wagen —" sagte Frau Gündel erregt — „das ist einfach unverschämt —"
„Gott — aber doch von ihr gar nichi zu verwundern," fügte Ella verletzend hinzu.
Bleich, vor Erregung am ganzen Körper zitternd, trat Mary vor. „Ich bitte, mir zu sagen, was Ihnen dack Recht gibt, in solcher geringschätzenden Weise über mich zu reden —" Ivandte sie sich an Ella, sie groß ansehcnd.
Diese zuckte die Achseln. „Das kommt aus Rechnung Ihrer Liebhaber!"
„O, das ist zu viel," schluchzte Mary.
„Ich wundere mich überhaupt schon lange, Frau Gündel, datz Sie Ihrer Kundschaft zumute», sich von einer Person, deren Abenteuer stadtbekannt sind, bedienen zu lassen —"
„Gabriele," sagte da Wolf in so finsterem Töne, duß sie inne hielt.
Währenddessen nahm Frau Gündel wieder das Wort. „Mit Entrüstung hörte ich neulich erst davon! Aber was soll ich tun? Ich kann doch meine jungen Mädchen nnmög^ lich in ihrer freien Zeit kontrollieren!""
Mary war wie betäubt. Was hielt man denn eigentlich von ihr, daß man sie so zu beleidigen wagte — und in seiner Gegenwart! Und er sagte nichts — was hätte er aber auch «tun sollen? Jedes Eingreifen seinerseits hätte sie nur bloßgestcllt. <5 blich faßte sie sich. Mit bleichen Lippen, die Auge» schwarz vor Erregung, sagte sic verhältnis> mäßig ruhig und beherrscht:
„Frau Gündel, Sie begreifen Ivohl, daß ich jetzt geh-, und zwar gleich für immer! — Aus solrhe Ni 'drigtelleit und Verleumdungen zu antworten und di> Verleumderin auch au anderer Stelle zur Rcchenst.-aft ai Jeher. - halte ich für unter meiner Würde. Wenn ich mir auch mein Brot selbst verdienen muß, bin ich doch anständig und ehrlich — und Vornehme oder vielmehr Bessergestelltc haben deshalb nicht das ,.'cht, auf .lieh herabzufchen — die Folgen ihrer Wort- mögen auf sie selbst Ellen!"
Während sie so sprrch sah f> - it oe.. z^oßen leuchtenden Augen Gabriele uuv.rwandt an, so diese Ich abwenden mußte, Nervös i.> geärgert >n dem Hute zupfend, murmelte sie „hochmütige Bettelprinzeß."
Noch einen letzten innigen Blick warf Mary deni Geliebten zu und ging dann stolz, ohne Gruß, hinaus. Zornig warf Ella den Hut hin. „Das ist ja unglaublich, oas hier Ihrer Kundschaft geboten wird, Frau Gündel. Es ist oohl selbstverständlich, daß ich auf Ihre ferneren Bentühnngcn verzichte! Komm, Wolf!" Und sie rauschte hinaus wie eine beleidigte Fürstin.
(Fortsetzung lolgtJ
Die ttüche im Zebrucw
Von A. Burg.
Einen lange» Karneval beschert uns das neue Jahr. Tatst die Zeit, zu welcher, namentlich in den Großstädten, die Tclika- lessen, sowohl hcimiscl>e als auch solche des Auslandes, eine große Rolle spielen. Kaviar und Austern sind, trotz großer gewaltiger Aendenmgen aus allen Gebieten des Lebens, trotz der wechselnden Mode, die ja auch Tisch, Tafel, Küche und Geselligkeit beherrscht, noch, wie schon vor fünfzig und mehr Jahren, gern gesehene Darbietungen. Noch immer werden, wenn es solche gibt, Auster» vor der Suppe gereicht, und noch immer werden sic so — int


