Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Wolfs Augen ruhten fast unverwandt auf dem süßen, blassen Antlitz des Mädchens nnd auf den weißen, zarten Händen — einmal entfiel ihnen eine Feder: unwillkürlich bückte er sich, sie auszuheben, was ihm einen hochmütig verwunderten Blick seiner Braut, sowie einen leiscit Dank, den Mary mit niedergeschlagenen Augen sprach, eintrng.
„Hier, gnädiges Fräulein," sagte sie da eben zu Ella, „hier habe ich etwas ganz Apartes und Neues — " sie zeigte einen entzückend duftigen Hut, der ganz aus Tüll, Spitzen nnd zart abschatticrtem Flieder bestand, „ist der Hut nicht wundervoll? Er würde ausgezeichnet zu jenem Zweck passen ■— ist erst gestern fertig geivorden!"
„So, meinen Sie? Ich finde ihn einfach scheußlich," entgegnetc Ella hochfahrend, „>vo haben Sie nur Ihren Geschmack, Fräulein? Der Hut sollte zu meinem Kleide passen — der Flieder — lächerlich!"
„Zu einem cremefarbenen Spitzcnkleidc paßt er meiner Ansicht nach sehr gut," entgegnetc Mary ruhig.
„Das ist sehr gut — Flieder zu Türkisblau! Na — Ihr Geschmack," lachte Ella boshaft.
„Verzeihung, ich wußte nicht, daß das Spitzenkleid mit Türkisblau verbunden ist! Man könnte aber den Flieder durch andere Blumen ersetzen: ich würde Veilchen sehr apart finden."
„Ah, ich sehe. Sie wollen den Hut durchaus verkaufen nnd versuchen nun, ihn mir — "
„Nein, nicht im mindesten: er ist auf Bestellung Frau von oer Mülbcs gearbeitet, die ihn zu einem Gartenfest haben wollte. Er ist aber teurer gekommen, als ausgemacht, deshalb hat Frau Hauplmann die Annahme verweigert: wir haben ihn zurückgenommen und ich habe schon etwas anderes für die Dame in Arbeit."
^ „So, was kostet der Hut?" forschte Ella. Sie mochte Frau von der Mülbe nicht leiden, weil sic genau wußte, daß die vornehme junge Frau nicht sonderlich günstig über sie urteilte — nun wollte sie einen Trumpf ausspielen und den Hut nehmen, um so mehr, da ec ihr so außerordentlich gefiel — aber diese hochmütige Verkäuferin sollte erst noch etwas gcdcmütigt werden.
„Wir würden Ihnen den Hut billigst mit 55 Mark berechnen — eigentlich kostet er 60 Mark!"
„Das ist ja ein lächerlicher Preis — fast geschenkt! — Wieviel wollte Frau von der Mülbe dafür zahlen?"
„Das weiß ich nicht: Frau Gündcl hatte den Hut mit ihr besprochen!" versetzte Mary ruhig und bestimmt. Gabriele wurde rot: sie biß sich auf die Lippen nnd wandto sich an ihren Verlobten, der bis dahin kein Wort gesagt, nur die beiden Mädchen miteinander verglichen hatte nnd mit
peinlicher Empfindung sah, wie hochmütig Ella gegen Mary war — „nun, Liebster, sag, wie gefällt dir der £>ut?"
„Ausgezeichnet! Aber ich möchte doch erst sehen, ob er dich auch kleidet," entgegnetc er.
„Da hast du recht, Wolf! Dann sehe ich auch gleich, ob ich dir darin gefalle!" Zärtlich sah sie ihn an, während Mary ihr beim Probieren behilflich war.
„Gott, seien Sie doch nicht so ungeschickt, Fräulein, Sie tun mir ja lveh!" herrschte Ella Mary an. Diese wurde dunkelrot, sagte aber nichts, während Wolf sich gepeinigt wcg- wandte.
„So, bitke," sagte Mary, Gabriele einen Handspiegel reichend, die sich mit dessen Hilfe in dem großen Spiegel aufmerksam betrachtete. „Nun?" fragte sie ihren Verlobten erwartungsvoll.
„Du siehst sehr gut darin aus," war dessen ansrichtige Antwort, „nimm ihn, dann bist du deiner Sorge ledig."
„Du hast gut reden, Liebster, weil du es nicht verstehst. Ich bin nur noch nicht ganz schlüssig —"
„Der Hut kleidet Sie ausgezeichnet, gnädiges Fräulein, ich würde Ihnen raten, ihn zu nehmen! Die Blumen würden wir durch andere ersetzen; da würde schon Rat geschafft werden!"
„Haben Sie denn nun weiter nichts? Sie verstehen — Sie wollen mich wohl gar nicht verstehen, Fräulein? — Ist denn Frau Gründel noch nicht zurück?"
„Wenn Sie gestatten, werde ich Nachsehen."
„Aber selbstverständlich — eilen Sie — wir haben nicht viel Zeit." Das Brautpaar war einen Augenblick allein. „Wie findest du nun diese arrogante Person?" fragte Ella.
„Ich finde sie bescheiden und höflich! Du scheinst aber sehr schwer zu befriedigen zu sein. Ich finde, daß dir der Hut ausgezeichnet steht."
Gabriele lachte gereizt auf. „Wirklich, weil das dumme Ding es sagt, sprichst du es nach! Von einem hübschen Gesicht laßt ihr euch gar gern bestechen, wenn auch kein Funken Moral dahinter ist — und wir Damen müssen uns von solchen Personen bedienen lassen. Dieses Mädchen z. B. weiß ich genau, hat ein Verhältnis mit einem jungen Offizier gehabt, der ihrer überdrüssig geworden —- jetzt hat sie längst schon Trost in den Armen eines anderen gesunden. Ich habe einen Widerwillen vor der Berührung mit solchen Geschöpfen, und doch ist man darauf angewiesen." Dabei sah sie ihren Verlobten unverwandt an, während ein boshaftes Lächeln ihre Lippen schürzte. Wolf hielt eine verächtliche, zornige Antwort zurück, er zuckte nur die Achseln und sagte:
„Für mich hätte es an deiner Stelle zu wenig Interesse, so etwas nachzusagen — wer weiß, ob es wahr ist! Solch armes, auf sich selbst angewiesenes Mädchen hat ebenfalls seine Ehre!"
„Du bist ja ein warnier Fürsprecher für die armen Mädchen" sagte sie hohnvoll, „zufällig weiß ich es besser — meine Friseuse kennt diese Person und ihren Lebenswandel ganz genau, da sic im selben Hause wohnt — " sie hielt inne.


