66
würgendes Gefühl ftien da in ih»n auf — — und eine Ahnmrg: Gabriele ivilßte um alles! O, dies Herz- und gewissenlose Weib, ihn dadurch zwingen zu wellen, ihr zu dienen! Aber sie sollte sich getäuscht haben — trug fie erst seinen Namen, dann war er der Herr. Nicht an der seiner Gattin schuldigen Rücksichr und EhrerbitUnna wollte er cs fehlen lassen — nein — aber das Herrschsiichtigc, Launenhafte ihres Wesens sollte gebrochen werden, damit er ein wenigstens erträgliches Leben hatte!----
Die Brautbesuche waren überslandc», und nun folgten die Einladungen. So sollte bei dein Justizrar tzoppc ein großes Gartenfest sein. Gabriele halte dazu ein nmnder- bareS zartdustcndes Spitzenkleid geioählt — aber der dazu passende Hut fehlte. Sie hatte sich nun einen Plan zurechtgelegt: Sie loollte ihn bei Frau Gürrdcl bestellen, Wolf sollte mit ausjuchen — bei der Gelegenheit kam er mit seiner Geliebten zusammen und sie konnte die beiden beobachten und sehen, ob das Gerücht auf Wahrheit beruhe. Run lvartetc sie auf eine passende Gelegenheit, die auch bald kam. Beiin Spazierengehen fragte sic ihn in harmlosem Tone:
„Möchtest Du mir ivohl einen Gefallen tu»?""
„Gern, inein Herz, was denn?" —
„Du sollst mir raten - ich bin mir nämlich noch gar nicht schlüssig, ivas ich für einen Hut zu meinem Kleide neh men soll — cs muß ekiöäs ganz 'Apartes sein -- etwas, das Aussehen erregt. Der Gedanke geht mir in» Kops herum."
„Aber wer wird die Huts rage zu einer Kabinettfrage machen!" sagte Wols scherzend, „Du hast doch so viel Hüte
— solche Auswabl!"
„Ja, aber keinen, der zu dein Spitzenkleide paßt! Das verstehn Di» nicht, niein Freund! An einer wahrhaft eleganten Toilette muß alles miteinander harmonisch sein, wenn der Effekt nicht verloren gehen soll! Darin bin ich eben sehr peinlich. Mir soll der Ruf, die am vornehmsten gekleidete Dame der Stadt zu sein, nicht verloren gehe»! Da hast aber dafür gar keinen Sinn!"
„Offen gestanden, nein! Mir ist es lvirklich gleich, wie du dich kleidest, Eli»! Du bist mir im einfachsten Kleide eben so lieb, lvic in der elegantesten Toilette!"
„Leutnant Brenner bekundete stets ein lebhaftes Interesse für meine Garderobe, Schatz! Das gefiel mir sehr! .Und jetzt sollst Du mir auch etwas mit Rät und Geschmack bsi- stehen!"
„Aber, Lieb, ich habe dafür »ichl das leiseste Verstand nis —"
„Ach, wenn du Nur ivillst! Tu hast doch guten Geschmack! Hilf mir, bitte, aussnchen, ja?"" fragte Ella nochmals. Sie waren gerade vor dem Gündelschen Geschäft angekommcn und standen vor dem Schaufenster desselben.
„Aber Ella soll ich denn da mit hinein? Ein Leutnant in einen» Modesalon! Lasse Dir doch eine Auswablsen- dnng kommen!"" sagte er erschreck, da« war ja das Geschäft, in dem Mary lvar - so konnte ec.sie doch nicht Wiede sehen
- in Begleitung seiner Braut! Das >var doch unmöglich!
„In einer solchen Sendung ist dock, nichts Passendes- Du zögerst, Schatz? Warum ivillst du mir nicht einmal solch eine kleine Bitte erfülle»? Oder fürchtest du dich etwa vor den kleine» Mädchen da drinnen so ist ja ivohl Euer.Ausdruck für solche Personen? Ich kann dir versichern, sie sind alle hübsch dort >m Geschäft,"" füget sie boshaft hinzu. Wolf warf einen Blick in das Gesicht seiner Braut und sah »iiver hüllte Schadenfreude darin. Wie ein Blitz durchzuckte ihn der Gedanke: Sie >»>eist alles und will Euch beiden eine Falle legen. Für so niedrig denkend hatte er Ella dock, nicht gehalten, und ein heiliger Zorn erwachte in ihm gegen sic. Aber er bezwang sich und sagte:
„Für diesmal ivill ich dir nachgcben! Lasse dir aber gesagt sein, daß dies das erste und letzte Mal geivesen ist! Ich liebe nicht, in Geschäften sozusagen als fünftes Rad an, Wn gen herum',nftehen."
„Was du sagst, ist mir gleich: sei du erst init wir drin ne»,'" dachte Ella.
Sie betraten den Laden, einen vornePm eingerichteten Äanin. Ein junges Mädchen fragte höflich nach ,h,-eii Wünsche».
„Ich möchte Frau Gündel selbst speechen," ,'aa,e Gabriele eltvas von oben herab.
„Das tut mir leid, Fr.ui Gündei ist nicht da: sie muß aber jeden Augenblick zurückkommen! Wollen gnädiges Frau
lein Platz nehmen und warten?"" Und diensteifrig schob da§ junge Mädchen ihr einen Stuhl zurecht.
„Ja, ich werde warten, aber im Probierziminer rnsen Sic mir so lange die Direktrice."'
Wolf sah sich »nt; hier also war Marhs Wirkmigs» kreis; hier arbeitete »nd schasste sie! Widerstreitende Emp« sindnngen rangen in »einer Brust hvssentlich sah er sie - hoffentlich nichl! Ec vertiefte sich in den Anblick eines sehr ausfallenden HnteS, ganz in Feuerrot gehalten. Plötzlich schlng eine süße, ach, so lvohibekaiinle Stimme an sein Ohr, und toie elektrisiert drehte er sich herum. Da stand seine Marh vor Gabriele, deren Wünsche ertvartend. Sie Halle eine hellblaue Hcmdenbluse an und ein weißes Schürzche» vorgebuii- den Gott, tvic blaß und schmal »nd durchsichtig sah sie aus; die blauen, dnnkelumrandeten Augen blickten so schivernlütig darein, ivährcnd um den süßen Mund, den er so oft geküßt, ein bitterer, entsagungsvoller Zug lag. Er erfaßte dies alles mit einem Blick, der sehnsüchtig ihre ganze Gestalt nmschloh. Mary vermied es, ihn anzusehen: sie war ja aus das Wiedersehen vorbereitet, denn das junge Mädchen, von den« sie ge» rusen worden, hatte ihr hastig ziiaeraunl: „Fräulein Ulrich mit ihrem Bränligam ist da." Mil hochklovsendem Herzen, aber äußerlich ruhig hatte sie daü Probierziminer betreten, Gabriele höflich begrüßet'.d. Znni Glück hatte ihr Wols in diesem Augenblick den Rücken zngcdrehl und jetzt war cÄ leicht, ein Ansehen z» vermeiden.
„Also, Sie haben mich hossenttich verstanden? Gut! Run machen Sie mir einige Vorschläge - zeigen Sie miv aber auch, was Sic noch haben," schloß Ella ihre Erläuterungen.
„Viel haben lmr nicht vorrätig, wenigstens nichl von dem, ivas Ihren Wünschen entsprechen dürste, gnädiges Fräulein," cittgegnete sie, „am besten wäre cs, wir fertigte,» Ihnen einen Hut nach Ihren genauen Angaben an."
„Darüber können wir ja noch reden: vorläufig mochie ich erst etwas sehen!"
Mary öffnete verschiedene Karton- und zeigte die darin enthaltenen Hüte. Ihr Benehmen war sehr höflich, aber doch weil enlscrnt von großer Servililät, und ihre Bewegungen hatten etivas Ruhiges, Harmonisches Damenhaftes Gabriele saß ans einem kleinen Sofa, das Lorgnon vo. den Auge», mehr die junge Berkänferin, als die Hüte musternd Aber sic konnte keinen heimlichen Blick nach ihrem Vcrlobteil erhaschen, so sehr sie auch auspaßtc - Marh war ganz bei der Sache!
(Fortsetzung sikglj
ver 5eku»denmensch.
Von Ernst Seissert »Berlin).
Die Uhr auf dem Schreibtisch schätzt mit ihre» kurzen Schlügen im harten Gleichtakt die Sekunden hinweg, als wären sie ein Nichts. Und in dem Augenblick, da der Uhrschlag dein lauschenden Ohr die Sekunde «»zeigt, ist diese sckwn dahin und schnnmmt weit, unwiderbringlich loeil un Weltmeer. Mit il)r ging uns ein Sekundenteilchen des Lebens hinweg, zurück blleb von diesem riuiiendeii Trovien der Zeit allein die Erinnerung. Vielleicht. -- Man möchte ei» Schisschen kein und mit seinen Seknn- dcn eilen, man möchte den Augenblict saisen, die grausige Schnell« der Vergänglichkeit bannen! Doch das gehl nichl an, denn loa» wir balten. ist schon nicht mehr unser, es gehört läiigst dem Näch- stc». So sitzen wir an: User und sehen zu, was der Seknttdeestrom der Zeit »ins hcraiiträgt. Wer klug ist, erhascktt das, was bia kräuselnden, glitzernden Wellen mit sich reißen, dem arme» Träumer aber rinnt das Wasser durch die sckwviende Hand und er must scheu, '.. er ivohl die Sekunden auigrisf, sie aber eilen',; zerren!' Elogen - und ihm nichts brachten.
bat der Mensch nicht so sehr gestrebt, immer finert best-.,,:. Äriviiln aus jedem and jedem Pulsschlag zu ziehen, früh .)twiste und baute man nach dem Zeitmaß der Tage, Wochim, Jahr.. Heute ober rechnen wir mit den Sekunden: oder vielmehr: die Sekunden rechne» mit »ns. — Ja, »ns wird von deir Sekunden diktiert, sic hetzen uns, denn wir wallen ankgreifen, alles, alles ausgreifcn, ivas uns der Strom entgegenschirniiimt. In dein Ge- vlätlMr der Sekunden rasen ivir unchcr juit nnseren hnngttgei, Hände,!, erliste», errnisen, samnicl» Strandgut, als ob tä gälte Berae zu türmen. Viele von un8 iibcrschcn dabei ganz, wie schön die Sonne aus dielen Wellen spielt. Wirklich, vom geruhigen Leben bin» wenig übrig.
„Ein vlüqekschlag der Zeit könnte ungehvrt, nngeiüitzt vorbei-
raniwen!" Das ist »>>>'ere Angst. — ---
„Eins, »loci, drei, im Sanieschritt Fliegt die Zeit —“
Fliegen wie mit? — Nein. Wir fliegen nichl mit, iv>r werden initgerissc» Denn das Teinvo iniseres Lebenslansee ist


