Ein Frühlinostraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.-
I».
„Was (st der Erde Glück? — Ein Schatten!
Was i'. der Erde Nu hm? - Ein Traum!
Du Armer, der von Schatten nur geträumt!
Der Traum ist aus — allein die Nacht noch nicht!"
(Grillparzer — Medca, 5. Akt.)
Noch in der Stille der Nacht, als er nach Haus gekommen, schrieb Wolf an Mary; sie sollte wenigstens einen letzten Gruß von ihm haben
Er schrieb
„Mein süßer Liebling!
Trotz Deiner Bitte schreibe ich Dir dock — zum letzten Male, mein Lieb! O, inein Märchen, warum mußte unserer Liebe das geschehen? Wir waren tvohl zu glücklich miteinander, als daß es von Dauer sein konnte! Verzeihe mir mein süßestes Herz, verzeihe mir, daß ich an Deiner Reinheit zweifeln tonnte! Aber air jenenr Tage war ich durch andere Verhältnisse ganz von Sinnen, tvar meiner klaren Vernunft wie verlustig - — jetzt kann ich inich tauni begreifen, nachdem ich ruhiger geworden bin! Ein Geständnis las,e Dir machen — nicht Tein vermeintlicher Trenbruch tvar cs, der mich Fräulein U. in die Arme trieb — nein, ei» bitteres Verhängnis brachte niich dazu: Um die Ehre meines Namens zu retten, blieb mir nur dieser eine Weg — es gab keinen anderen mehr'
Eine Bitte habe ich — lasse mich wissen, was Du tun wirst — ob Du bleiben oder gehe» wirst, damit ich Dir mit meinen Gedanken folgen kann. Können wir uns nicht noch einmal sehen und ausjprechen? Du würdest mich mit dieser Gunst unbeschreiblich erfreuen! Lasse von Dir hören! — Lebe wohl, mein Süßes! Ich werde Dich nie vergesse» !
Noch einen letzten innigen Muß von
Deinem Wolj."
An, übernächsten Tage hatte er Marys Antwort in Händen. Sie schrieb kurz:
„Warum wollen wir beide uns unnütz noch quälen, Wols, und das Herz schiver machen? Es kann nicht sein, daß tvir uns noch einmal sehen: dringe nicht in mich! Ich habe Dir alles verziehen und bitte Dich nur, mir nicht nachzuforschen! In ein paar Wochen gehe ich fort von hier — wohin, weiß ich selbst noch nicht genau! Vergiß mich, Wolf, und werde recht glücklich in Deiner Ehe! Mary."
Er hatte es sich gedacht, daß sie ihm diese Bitte nicht erfüllen würde, und doch hatte er tief im Innern die leise Hoffnung nicht töten können, dieses könnte doch sein! Nun war es nichts, und ergeben legte er diesen Brief zn den übrigen. — Auch ans der Straße sah er sie nicht mehr: sie
mußte jetzt einen,anderen Weg gctvählt haben. Augenscheinlich suchte sie jede Begegnung, jedes Sehen zu vermeiden.—-«
Die nieiste freie.Zeit brachte er naturgemäß bei der Braut zu -mußte es tun. Er hsttte es d-urchgesetzt, daß zum Herbst geheiratet tvürde. Es ging über seine Kräfte, dies tägliche Beßammenjein mit dein ungeliebten Mädchen — in der Ehe wurde -das anders; da konnte er nach seiner Be- quemlichkeit leben, und da mußte sie sich ihm. fügen. Wie oft quälte ihn Ella durch Eifersucht, wenn er sie nicht genug geküßt oder nicht zärtlich genug war. Fräulein von Lassen war ja immer bei seinen Besuchen zugegen; aber Gabriele fand Vorwände genug, diese auf Minuten zu entfernen; dann überschüttete sie ihn mit ihrer ivilden, leidenschaftlichen Zärtlichkeit, vor der ihm graute. Gabriele tvar glücklich, ihr Ziel erreicht z» haben — der so heiß geliebte Mann ivar ihr eigen! Sie wußte, daß sie um ihn beneidet lvurde —- wenn sie mit ihm durch die Straßen ging und sie beide bewundernd angeschaut wurden, dann schlug ihr eitles Herz befriedigt höher. Ihre Liebe war aber nicht von jener tiefen Innigkeit, von jenem Aufgehen in dem Geliebten, lvie die Marys, die »nr noch in ihni lebte und mit ihm dachte— »ein, erst kam sie dann der Verlobte. Sie liebte ihn seiner männlichen Schönheit, seiner seltenen Persönlichkeit, seines Namens ivegen — nach seinen A»iichte», seinem inneren Fühlen und Denke» fragte sie iricht; das war Nebensache — der schöne Mann war ihr die Hauptsache, und den: galt ihre ganze Leidenschaft. Gar manchmal herrschte zwischen dem Brautpaar ein gereiz er Ton, trotz Wolfs Nachgiebigkeit, 'weil sie gar so wenig Rücksicht ans sei» Wesen nahm. Dann wae es ihr, als ob sie den Verlobten hassen sollte, wenn er so kühl und ruhig war; in ihrer Erregtheit hätte sie ihm dann sonst etwas antnn können. Oesters bat sie ihn, ihr zu dachten ans seiner Funggesellenzeit — sie interessiere sich riesig dafür, -einmal hinter die Kulisse» zu schauen, er hätte doch gewiß vor ihr schon manches Mädchen geküßt! Er ivußtc »icytS oarauf zu erwidern, so ivar er erstaunt über derartige Fragen. lind einmal fing sie an, daß er gar iiicht lange vor ihrer Verlobung spät abends mit einer Vertanseriii oder sonst etwas gesehen ivorden sei, ilnd wer weiß, ob nicht jetzt noch — — sie wußte ja um sein Verhältnis zu Mary, war dahintergekommen, und sie hatte eine br-ennende Eifersucht aus das schöne Mädchen.
Da trat er ihr aber mit Entschiedenheit entgegen. „Aber Gabriele," sagte er, „widerstrebt es deinem weiblichen Empfinden nicht, danach zu fragen? lind wenn eS wirklich der Fall gewesen ist, so mußt du deinem Bräutigam soviel Ehrenhaftigkeit Zutrauen, daß er mit der Verlobung frühere Bezichukige» gewst hat! Ich habe dir Treue gelobt; ein Wolssdurg hält, was er verspricht und begeht kein« Schlechtigkeit."
„So? Wirklich?" sagte sie spöttisch, ihn mit eigentnm- lichem Blick ansehend.
„Wie meinst vu das?" fuhr er da ans. Im selben Augenblick fiel ihm der Grund seiner Verlobung ein, und ein


