Ausgabe 
28.1.1914
 
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durch war in Deuljchland der Wunsch nach einem solchen 'Di tc(- unb Sammelpunkt des deutschen Schrifttums lebendig, aber alle Versuche, ein«National-" oderReichsbibliothek" zu schassen, schlugen fehl, mußten bei der staatsrechtlichen Struktur des Teul- lchen Reiches und der von der Reichsregierung vertretenen Auf­lassung, daß die Unterhaltung von Bibliotheken Aufgabe der Einzel- slaalen sei, sehlschlagen. Auch Friedrich Althoff, dem weitblickenden Anreger und Förderer kultureller Bestrebungen im Preußischen Kultusministerium, der sich des Planes mit großer Wärnie annahm, gelang seine Durchführung nicht, Erst dem einmütigen Zusammen­wirken des sächsisck>e,i Staates, der Stadt Leipzig und des Börsen­vereins der Deutschen Buchhändler in Leipzig war es beschieden, diese Zentralsammelstelle alsDeutsche Wicherei" in Leipzig mit klar umrissenen Programm ins Leben zu rufen, An> 3, Oktober 1912 wurde von dem Königs, Staatsfiskus, der Stadtgemeinde Leipzig und dem Börsenverein ein Vertrag llber die Errichtung der Deutschen Bücherei abgeschlossen, der fast einstimmig die Ge­nehmigung der sächsischen Ständeversammlung gefunden hat.

Die Deutsche Bücherei hat drei .Hauptaufgaben: als Archiv des deutschen Schrifttums und des deutschen Buchhandels soll sie eine lückenlose Sammlung der voni 1. Januar 1913 ab in Deutschland erscheinenden deutschen und fremdsprachigen Literatur sowie der außerhalb Deutschlands erscheinenden deutsck>en Literatur vorneh­men und fiir alle Zeiten aufbetoahren. Dabei wird der.Begriff Literatur" ausgedehnt aus Erzeugnisse der Druckerpresse, die gemeinhin nicht darunter verstanden werden: z, B, Schul- und Vereinsschriften: Veröffentlichungen von Behörden und dergl. Mit alleinigem Ausschluß von Musikalien und politischen' Zeitungen sammelt die Deutsche Bücherei alle Erzeugnisse des deutschen Buch­handels, die amtlichen Veröffentlichungen der Behörden Deutsch­lands, Oesterreichs, der Schweiz und endlich die große Fülle der Privatdrucke, die am leichtesten denr Untergang getveiht sind. Für die Aufbewahrung der Musikalien ist durch die der Königlichen Bibliothek in Berlin angegliederte Deutsch« Musiksammlung be­reits gesorgt: die Einbeziehung der polftischen Zeitungen in das Sammelgcbiet der Deutschen Bücherei mußte aus Rücksicht aus den dadurch bedingten Ungeheuern Raumaufwand unterbleiben, so wich­tig auch nach der übereinstimmenden Meimiitg aller Sachkenner gerade eine solche Sammlung wäre. Es besteht indes die sichere Aussicht, daß eine planmäßige Lösung dieser Frage unter der Füh­rung des Preußischen Staates vorgenommen wird.

Der deutsche Verlagsbuchhandel schafft sich in der Deutschen 'Bücherei ein lückenloses Archiv seiner Veröffentlichungen vom 1. Januar 1913 ab, ei» Archiv, das den denkbar größten Schutz gegen Fcuersgefahr bietet und nach den vorgesehenen Bestimmungen den betteiligten Firmen ihre Werke auf Wunsch leihweise ins Haus findet. Unter denselben Bedingungen werden auch die früheren Perlaasartikel entgegengenommen und vor Schaden und Vernich­tung bewahrt. In den Zugangslistcn der Deutschen Bücherei ent­steht ein vollständiger, stets ergänzter Katalog de? deutschen Ver­lags, der den Umfang der Jahresproduktion eines Hauses nach der Zahl und Art der Werke wie nach der Summe der Preise be- guem übersehen läßt. Aber auch fiir diejenigen Druckwerke, welche nicht durch den Buchhandel gehen, gestatten die Sammlungen der Deutschen Bücherei stchere Unterlagen und Verzeichnisse zu schaffen. Das gilt insbesondere von zahlreichen Zeitschriften, die nur einem bestimmten Personenkrcise zugeftihrt werden und großenteils auf keiner öffentlichen Bibliothek bisher gesammelt wurden, auch der bibliographischen Verzeichnung entgangen sind: i- B, Zeitschriften von Sammlervereinen, von Organisationen von Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Beriifsständen usw.

Alle diese Bestände den Interessenten jederzeit zur unentgelt­lichen Benutzung in den Lesesälcn bereit zu halten, ist eine weitere Hauptaufgabe der Deutschen Bücherei, die damit als Bibliothek In den Kreis ihrer älteren Schwestern tritt. Die vielen Lichtseiten einer Präsenzbibliothek auch für die Benutzer sind unverkennbar: so wird die Deutsche Bücherei ihren Besuchern ein rasches Arbeits­tempo erniöglichcn, Werke, die nicht in das Sammelgebiel der Deutschen Bücherei fallen, können für den Gelehrten aus anderen Bibliotheken leihiveise beschafft werden. Zahlreiche Veröffentlichungen fremder Sprachen werden in deutscheir Ücbersetzungen zugänglich, sein, die wertvollsten Schätze unserer Nationalliteratur im engeren Sinne werden nicht fehlen, da immer neue Ausgaben erscheinen, die der Deutschen Bücherei zugeführt werden.

Alle ^Eingänge der Deutschen Bücherei zusammen werden das deutsche Schrifttum, gleichviel, ob es im Handel ist oder nicht, in seiner Vollständigkeit darstellen, 'Auf dieser Grundlage kann eine vollständige Bibliographie der deutschen Druckwerke Deutschlands und des Auslandes und der ftemdsprachigcn Druckiverke Deutsch­lands gewährleistet iverden, wie sie in diesem Umfang noch nicht besteht, Tie oft erörterte Frage der Nutzbarmachung der biblio­graphischen Titelausnahme für die Katalogisierungszwecke der Bi­bliotheken tritt durch die Begründung der Deutschen Bücherei in ein neues verheißungsvolles Stadium, Auch die bestehenden Fach­bibliographen Bibliographie der Naturwissenschaften, der Sozial­wissenschaften, die Zcitschriftcnliteratur usw, dürfen der tätigsten Förderung durch die Bestände der Deutschen Bücherei gewiß sein, Ter Rechtsform nach ist die Deutsche Bücherei eine Veranstal­tung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler, dem die zur Errichtung und Verwaltung der Bücherei erforderlichen Mittel von festen des sächsischen Staates und der Stadtgemeinde Leipzig durch

den obeir erwähnten Vertrag zur Verfügung gestellt sind. In hochherzigem Entgegenkommen überweisen die Behörden des Reichs sowie die>enigen der Dentschen Staaten ihre amtlrchen Drucksachen, Zahlreiche Körperschaften. Gesellschaften, Vereine haben sich dem angeschlossen. Das dentschsprechcnde Ausland steht nicht zurück. In großartiger Liberalität, die sich der Bedeutung der Deulschen Bücherei fiir den Buchhandel und das ganze geistige Leben des deutschen Volkes bewußt ist, haben über 2000 deutsche, österreichische und schtveizer Verleger sich zur Stiftung ihrer Verlaasproduktion bereit erklärt, annähernd ebensoviel Verleger von Zeitschriften sind in gleicher Opferwilligkeit ihrem Beispiel gefolgt, und mehrere

Tausend deutscher Buchdruckereien haben der Deuffchcu Bücherei ihre wertvolle Unterstützung bei der Erlangung der Prioatdrucke freudig und voller Interesse zugesagt. Die in der Satzung der Deutschen Bücherei vorgesehenen Verwaltungsorgane sind die fol­genden: der Geschäfisfllhreude Ausschuß, aus acht Mftgliedern bestehend, der Verwaltuugsrat, bestehend aus 31 Mit­gliedern, die Hauptversammlung des Börsenvereins der

Deutschen Buchhändler, Der von modernem Geist er­

füllte Gedanken des einmüffgen Zusammenwirkens von Behörde und freier Berufsorganisation^ der sich bereits bei der Begründung der Deutschen Wicherei bewährt hat, >var auch fiir die Zusammen­setzung der beiden erstgenannten Verwaltungsorgan,- der Deutschen Bücherei maßgebend: in ihnen sind zu gemeiner Arbeit vereinigt die Vertreter der Königlich Sächsischen Staatsregierung, der Säch­sischen Ständeversammlung, der Stadtgcmeinde Leipzig und Buch­händler aus Deutschland, Oesterreich und der Schweiz, Hinzu traten eine Zahl hervorragender bibliothekarischer Fachmänner aus den Wmdesstaatcn Sachsen, Preußen, Bayern, Württemberg, Baden und Hessen, sowie mis Oesterreich, die eine enge Verbindung der Deutschen Bücherei mit den deutschen Regierungen darstellen.

Den Vorsitz in beiden Körperschaften führt der jeweilige Erste Vorsteher des Börsenvereins oder sein Stellvertreter, zurzeit Herr Geheimer Hoftat Karl Siegismuud-Berlin, der sich um das endliche Gelingen des großen Plans die größten Verdienst« er­worben hat. In zahlreichen Sitzungen hat der Geschästsführende Ausschuß die Organisation der Deulschen Bücherei beraten und aufgebaut: er hat die Enftvürse der Grundsätze für die Umgrenzung des Sanimelgebietes sowie für die Katalogisierung der Büche«- beständc festgestellt, die von dem Verwaltungsrat genehniigt wor­den sind: er bat das Bauprogramm für die zu errichtende,! Ver- waltungs- und Magazingebäude in Gemeinschaft mit dem Bau­meister der Deutschen Bücherei, Herrn Geheimen Rat Dr,-Jng, Waldow-Dresdrn aufgestellt und die Baupläne auf das reiflichste erwogen: er hat die ?lnstellungsbedingungen der Beamten der Deutschen Bücherei festgestellt und die zunächst angestellten Beamten aus der Zahl der Bewerber ausgewählt.

Der fiir die Deutsche Bücherei von der Stadtgenieinde Leipzig zur Vertilgung gestellte Bauplatz, der 12 258 7 Quadratmetev grob ist, befindet sich im Südosten an der Karl Siegism-und-Straß« in der Nähe des Bölkerschlachtdeukmals, nicht weit vom Deutschen Bnchhändlerhaus entfernt. Er grenzt aus der einen Seite an die Kgl, Sachs, Taubstummenanstalt, auf der Rückseite an den Jöhan- nisftiedhof, so da/g für «ine spätere Erweiterung der Gebäude Raun, vorhanden ist, Tie Baukosten, die im ganzen auf 3 Mill, Mark veranschlagt sind, werden vom Sächsischen Staat getragen. Zunächst werden jedoch nur das Verwaltungsgebäude und ein den großen Lesesaal enthaltender Mittelslügel gebaut. Es werden hier Magazinräume fiir 500000 Bände geschaffen: nach Fertigstellung des ganzen Gebäudes ward die Deutsche Wicherei 5 Millionen Bände aufnehmen können. Die Pläne sind in engstenr Einver­nehmen mit den bibliothekarischen Fachleuten bearbeftet worden; überall ist in der Verteilung der Räume wie in der Ausgestaltung der Fassade auf die zukünftige Zweckbestimmung des Hauses dir weiteste Rücksicht genommen worden. Es ist. mit Sicherheit zu erwarten, daß die Deutsch« Wicherei nicht nur ein nwnumentales, deni im Entstehen begriffenen Stadtteil zur Zierde gereichendes, sondern auch wirklich praktisches und zweckmäßiges Heim erhalten wird,

Tie Gründung der Deutschen Bücherei ist als das bedeutsamste Ereignis aus dem Gebiet der Bibliotheksgeschichte der letzten Jahre bezeichnet worden: man könnte vielleicht sogar sagen, daß seft der Erneuerung der alten Universitätsbibliothek in Straßburg In dem wiedergewonnenen Elsaß vor 40 Jahren keine Neugründung auf diesem Gebiete von solcher Großzügigkeit und Weite der Ausblicke, von solcher Tragweite stir das ganze Geistesleben, für Wissenschaft, Schrifttum und Buchhandel zu verzeichnen ist. Weit über die Mauern der Stadt Leipzig hinaus, m der damit gleichzeitig der deutsche Buchhandel vvn neuen! fest verankert ist, weit über das Königreich Sachsen hinaus reicht seine Bedeutung als Sammel- stätle der geistigen, ini Schrifttum niedergelegten Schätze der Nation, als Band, das die Deutschen jenseits der Reichsgrmzen und der Ozeane mit der alten Henna! verknüpft, als zukünftiger Mittelpunkt der zu straffer Organisation zusamuienzufasscnden bibliographischen Unternehnuingen, die sich im Wettstreit der Völker bereits jetzt die höchste Anerkennung errungen haben. Ein lebendiger 'Ausdruck für die opferwillige und begeisterte Hingabe an die Be­strebungen der Deutschen Bücherei ist die bereits nach Tausende,! zählende Schar der Förderer der Deutschen Bücherei, die sich aus den Aufruf oes Geschästsfiihrenden Ausschusses hin zu einerGe-