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den Arm geboten hatte. Er ruckte- die Achseln. „Verrückt," murrte er für sich und trat dann ins Rauchzimmer.
„Na, lieber Wolfsburg," rief ihm der Bankier ent- gegen, „da find Sie! Ich glaubte Sie schon hier! Nun wollen, Ivtr es uns bequem machen und das Brautpaar sich ein wenig selbst überlassen — meinen Sie nicht auch? -Hier diese Zigarre taun ich Ihnen empfehlen, lieber Baron, sie ist wirklich vorzüglich! --
„Nicht wahr, Fräulein von Lassen, den Kaffee trinken wir im Garten; es ist so wunderschön heute," sagte Ga-, briele zu der Hausdame.
„Das wäre auch meine Ansicht, Fräulein Ella. — Sie erlauben mir, die nötigen Anordnungen zu treffen," erwiderte die Angeredete. Sie wußte ja, daß sie daznit Ga-i brieles Wünschen entgegenkam, die mit dem Verlobten so gern allein zein wollte.
„Bitte, Liebste, es Ivird ja nicht zu lange dauern," sagte Gabriele liebenswürdiger, als es sonst ihre Art war. Fräulein von Lassen empfahl sich und ließ die beiden allein. —, Zärtlich sah Ella zu ihrem Verlobten empor. „Bist du zufrieden, mein Schatz?" hauchte sie dann. Er nahm ihre we,ße Hand und küßte sie. „Ja, Ella," sagte er, „ und nun bitte ich dich, wenn es dich nicht zu sehr ermüdet, mir eines von! deinen Liedern zu singen; ich habe dich stets gern singen hören." Er sprach damit keine Unwahrheit. Gabriele besaß eine sehr hübsche, sorgfältig geschulte Mezzosopranstimme und verstand es auch, mit Ausdruck zu singen. Einen Augenblick sah sie il>» betroffen an — wenn er weiter nichts wollte i— ach, und sie sehnte sich danach, in seinem Arm zu liegen und ihn zu küssen — und er iriol'Itc sie singen hören.
„Gern, Wolf," sagte sie aber doch freundlich, „ich bin nur heute nicht besonders bei Stimme; du mußt Nachsicht haben! Komm, bitte! Tn weißt ja Bescheid, Ivo der Flügel steht." —
Er war ihr beim Notenaussuchen behilflich; sie kniete» beide vor dem Notenschränkchen —, „hier Schatz, Hab ich ein neues Lied — ich kann es nur noch nicht so rechk/1 sagte sie, ihn lächelnd ansehend. Sie war berückend in diesem Augenblick, und Wolf Ivollte sich diesem Eindruck nicht entziehen. Zärtlich legte er den Arm um sie. „Das tut nichts, mein Herz! Komm her zu mir!" Er zog sie an seine Brust; jubelnd schlang sie die Arme um seinen Hals und preßte sich fest an ihn. „O, du du —", stammelte sie, trunken vor Glückseligkeit, „wie habe ich dich lieb, Wolf. Ich wäre estorben, wenn du nicht mein geworden wärst! Nicht ivahr, u liebst mich auch'?" Und fragend blickte sie ihn an.
„Frage doch nicht, lasse dich lieber küssen, mein Herz!" sagte er, und drückte seine Lippen ans ihren roten Mund. So saßen sie eine Weile. Wols schloß die Augen halb, und wenn er Ella küßte, nieinte er, es iväve sein süßes kleines Mädchen! Was mochte sie treiben? Seinen Brief fand sie doch erst heute abend vor, wenn sie aus dem Geschäft kam. Sicher glaubte sie, cs wäre eine zusagende Antwort auf ihren Brief, daß er heute Abend wieder kommen ivürde! Und dann las sie statt dessen seine Anklagen! So deutlich sah er alles vor sich!—daß er doch die Gedanken nicht bannen konnte! Immer und inimer ivieder tauchte ihr holdes Ge- sichtchcn vor ihm auf, selbst jetzt, wo er die Braut im Arme hielt! — Er kam sich vor, wie der Ritter Lothar, den Lurlei im Wachen und Träumen verfolgte, weil er ihr die Treue
gebrochen; --er kam nicht los von ihr; zu sest ivaren sie
miteinander verbunden. — Und Ella — wie war sie leidenschaftlich und unersättlich in ihren Küssen — das üppige, junge Weib in seinem Arm war ganz Liebe und Hingebung wie war sie anders, als jenes holde Mädchen, das die verkörperte Unschuld und Keuschheit für ihn war, dessen reine
Seele so offen vor ihm lag ---und das ihn doch de ,
trogen!! Tiefe hier war ihm treu, das ivußte er genau, — sie hatte ja die Wahl unter so vielen gehabt imd hatte doch nur ihn gewollt! Aber umr das auch die echte, rechte Liebe? Nein! es war nur ein leidenschaftliches Begehren und Drängen, cs ivar nur Eitelkeit, den gefeierten Frauen s liebling erobert zu haben —, anf welche Weise, war gleich —, sie hatte ihn, und das genügte! O, er sah auch, was nun kommen mußte — endlose Besuche, langweilige Einladungen, dazwischen Zärtlichlcitsansbrüche und Eifersuchtsszenen, wovon er heule schon den Anfang gesehen hatte! Nein, das durste nicht sein — dieser Brautstand würde seine Nerven auss äußerst« anspannen — keine Minute Zeit mehr für sich, immer der ergebene Sklave sein — und dazu die quälenden Gedanken — nein, da ivar es am besten, er heiratete
so bald >vir möglich, dann war er doch wenigstens seit» eigener Herr! lind.gleich jetzt ivollte er der Braut den Vors schlag machen; sie ging sicher darauf ein! —
„Tu wolltest wissen, Ella, ivoran ich vorhin dachte?" begann er, „willst du es hören, jn?"
„Was war es denn, Geliebter?" fragte sie, sich das.Haar aus der Stirn streichend.
„Ich habe eine Bitte, mein Herz! Möchtest du bet Papa; ein gut Mort für mich einlegen, wenn ich ihn bitte, daß wir bald heiraten, recht bald, ja?" Für ihn ivar es eine Erlösungaus diesem Zustand, der ihn zu einem Heuchler machen mußte — und nichts war ihm verhaßter, als heucheln und lügen!
„Aber warum?" fragte sie erglühend, „cs ist doch so schön, verlobt zu sein!" Ihr Gefühl sagte ihr, daß die holde Poesie des Brautstandes vor der Wirklichkeit, vor der Prosa der Ehe, nicht standhalteu könnte.
„Ja, Ella, cs ist aber doch viel schöner, Ivenn man verheiratet ist und ein eigenes Heim hat, in dem ein liebes! Weibchen schaltet und waltet, und das dem Manne lieb und sreundlich entgegentritt, wenn er müde und abgespannt vom Dienst heim kommt — meinst du nicht auch?" fragte er, sic zärtlich an sich drückend und sie mit den dunkeln kraul rigen Augen ansehend, die eine so große Macht über Frauenherzen halten — und doppelt, w-enn er wollte! Und jetzt! wollte er auch die Macht anwenden, das erste Mal, daß ev es bewußt tat, um zum Ziele zu kommen.
„Tu hast recht, mein Herzensschatz," entgcgnete sie leise, „du hast recht, es muß doch ssüK sein, wenn man sich erst ganz angehört! Ach, ich sehne mich so danach, tveil ich dich so unbeschreiblich lieb habe! So lange ich dich kenne, Wolf! Zwei Jahre bist du schon hier! Wenn ich dich nicht gesehen, hätte, tvärc ich längst verheiratet! So habe ich auf dich gewartet !"
„— Kind! Aus mich armseligen, unbedeutenden Leutnant —?"
„Ja, Wolf, ich gestehe es dir! Nahe ivar ich daran, mich mit einem Grafen von Meßdorf zu verloben — ich weiß nicht, ob du ihn kennst — nein? Da sah ich dich im Theater —i o, ich weiß nock» genau, es ivnrde „Tie verftinkene Glocke" gegeben — und du warst so verliest, daß du gar keine» Blick fürs Publikum hattest — wie war ich eifersiichttg aufs Rautendelein, der deine ganze Aufmerksamkeit galt — und ich saß doch gegenüber in der Loge! Tn gefielst mir so, dein schönes Gesicht — ach, lvir jungen Mädchen schwärmten alle für dich; iveißt du, wie wir dich nannten? „Hunold Einguß den Rattenfänger"! Eigentlich dürfte ich dir das gar nicht sagen, ihr Männer seid alle so eitel und eingebildet."
Wolf lächelte etivas gezwungen; ihni waren diese Er- össnungen nicht gerade angenehm, da er ein Feind jegliche« llebertreibnngkn ivar, besonders, wenn ihm Schmeicheleien wie diese gesagt wurden.
„Ich tonnte nachträglich noch eitel werden, Schatz," sagt« er, „daß meiner unbedeutenden Person so viel Beachtung geschenkt tvorden ist! ?kber der Graf, Ella, loas ist aus ihm geworden —?"
„Er ist wohl nach Schlesieu gegangen, seine Güter zu bcivirtschasten! Er war «in hübscher flotter Kerl — ah, Pardon für diesen Ausdruck, Wolf, ich weiß, er ist nicht ladhlike und du liebst so etwas Forciertes nicht —- da siehst du, wie genatl ich alles behalten habe, was du sagst," lachte sie. —> „Ach du," sagte sie in leidenschaftlickiem Töne, sich wieder fest an ihn schmiegend, „ach du, Wolf, ich habe dich ja zw lieb — ich könnte vor Eifersucht wahnsiunig werden, wenn ich wüßte, daß du noch andere außer mir küßtest — du gehörst doch mir, mir allein! Sag^ du hast doch keine ander« außer mir lieb? Ich weiß, ihr iiingen Männer nehmt das nicht so genau!"
„Aber Ella," erividertc er ernst auf diesen Erguß, „was muß ich hören! Was für Gebauten hegst du in deinen, kleinen Kopf! Kränke mich nicht durch solches Mißtrauen! Seit dem! Tage, daß du mein geworden;, gibt es für mich kein anderes Weib!"
Beschämt senkte sic den Kops; dann suchte sie leiden« schastlich seinen Mund.
„Vergib, vergib mir, Wolf," flüsterte sie, „nur nieine übergroße Liebe —"
Im anstoßenden Zimmer hörten sie Fräulein von Lassens Stimme, die mit dem Stnbeuinädchen sprach. Hastig glitt Ella von Wölfs »nie. „Sie konnte uns auch noch ein! vaar Mimiken des Alleinseins gönnen," sagte sie unwillig


