KV
Wobei ei» häßlicher Zug Ober ihr Gesicht flog. „So, Schatz, inm will ich dir das Lied singen — bleib aller dort litzöu,. du bringst mich sonst aus dem Text," und sie setzte sich ans Klavier und sang:
„O laß dich halten, goldne Stunde,
Die nie so schon sich wieder beut!
Schau, wie die Mondnacht in die Runde All ihre weißen Rosen streut!"
Wolf zuckte bei diesen Worten zusammen. Hatte Mary mit ihrer süßen Stimme sie nicht auch gesagt — und hatte er da sein Mädchen nicht stürmisch m die Arme genommen? IN greifbarer Dewtlichleit stand jener Abend wieder vor seinen Augen, und die Erinnerung überkam ihn mit Macht. Er hörte nicht darauf, nne und was seine Brault noch sang — er hörte nicht, daß sie geendet und sich ihm wieder zugewandt hatte. Er saß da, das Gesicht von seiner Land beschattet, in Sinnen verloren.
(Fortsetzung frlgt.)
Johann Aott'ieb sichte.
Bilder seines Lebens und Denkens.
(Zum 100. Todestage am 27. Januar 1914.)
Bon Dr. K. Tischendors.
Am Torsbache zu Rammenau in der Lausitz, stand ein kleiner Knabe im Leinenkittel und n>ars sein Lieblingsbuch, den „hör- nenen Siegsried", in das glucksende Wasser. Zu solchen! Opfer hatte sich der junge Johann Gottlieb entschlossen, weil jenes Buch alle seine Gedanken so in Anspruch genommen hatte, daß sür seine Pflichten nichts mehr übrig geblieben. Teck brave Leinwand- Weber Fichte zwar vergalt diese kindlich« Heldentat der Pflicht durch eine tüchtige Tracht Prügel, tveil das teure Buch nun weg war. Sonderbar und unglaubwürdig genug mag ihm die Prophezeiung von künftigem Ruhm geklungen haben, die ein alter Verwandter an der Wiege dieses Erstgeborenen getan, und er bat wohl kaum mehr daran gedacht, selbst als durch die Gönnerschaft des Frciherrn von Miltitz sich dem Knaben unerwartete Bahnen zu freier Entfaltung seiner geistigen Kräfte eröfsneten. Fast hätte Johann Gottlieb selbst sich seine Aussichten abgeschnittcn und sich in ein ungewisses Abenteuerleben gestürzt, als ihm die Ttuälercicn der Zimmergenossen aus der Fürstenschule zu Psorta den Fntschluß eingaben, zu entfliehen. Doch ist er von selbst Ivieder umgekehrt, der Eltern gedenkend.
Seine Studicnjahie waren schwer und von Türitigkeit und ständiger Sorge ums tägliche Brot »erquält. An seinen! 26. Geburtstage saß er aus seiner Leipziger Dachstube, der Verzweiflung nahe, weil alle Wege vergeblich, alle Mittel erschöpft waren. Eine Hauslchrcrstcllc in Zürich half aus der Rot. Hier gewann der eckige und unbeholfene Kandidat der Theologie in Hannchen Rahn, einer Nichte Klopstocks. die zukünftige Frau. Es war nicht seine Art, in persönlichem Glück auszugehen und seine innerste Bestimmung zu vergessen, er, der seine einzige Lcidenschast den Trieb nennt: Nach außen zu wirken.
Jahre noch sollten dahin gehen im Suchen und Leiden. Nach Leipzig zurückgckehrt, zerschlugen sich ihm alle Pläne. Erfüllt von glühenden Projekten, im Borgesühl seines Wertes, begierig nach bedeutungsvollen Taten bleibt ihm im Kampfe gegen die Widerstände als einziges Kapital: sein Mut. Ein anderer wäre zerschellt: ihn spornen die Hemmnisse an, stählen seine Kraft, führen ihn dahin, wo er den Ausgangspunkt seines künftigen Systems finden sollte: in die Innerlichkeit des Jchs: „Ta ich das anher mir nicht änderrr konnte, beschloß ich, das in mir z„ ändern". Was so das praktische Leben von der einen, bewirkt die Theorie von der andern Seite her: die Kantische Philosophie packt ihn mächtig, erschüttert alle Anschauungen, macht den Boden frei sür den kühnen Bau des Willens, den der Philosoph später errichtete.
Am 4. Jul! 1791 schritt Fichte in sein m mit Stahl knöpfen besetzten schwarzen Frack dein kleinen Hause des verehrten Meisters Kant am Schloßgralen in der Prinzessiustraßc iir Königsberg zu. Seine schnell gearbeitete Schiist „Tic Kritik aller Ossenbarnng" gewann ihm Kants Interesse und eine ehrenvolle Mittagseinla- duna: eine Bitte um Hilie freilich ivurde dem wieder in Not Verstrickten abgeschlagen. Jene Schrill machte ihn berühmt: seine Vermählung im Jahre 1793 schenkte ihm Arbeitsniuße und Ruhe im Hause seines Schwiegervaters. Ta kam seine Berufung aut den Lehrstuhl der Philosophie nach Jena.
Am 23. Mar 1794 früh um 6 Uhr war der größte Hörsaal der Jenaer Universität bereits überfüllt. Auf Tischen und Bänken standen sie übereinander: die Sväterkommcnden drängten sich im Hausflur und Hof. Alles reckte die Halse, als der kleine Mann von kräftigem, gedrungenem Körperbau cinlrat und sich in seiner trotzigen Gangart den Weg zum Katheder bahnte. Welche felsharte Stirn, Ivas für eine vorspringende gleichsam herausfordernde Nase! Was für ein durchbohrender Blick! Mit etwas greller Stimme, die
Sähe scharf akzentuierend, begann Fichte seine erst« Vorlesung mit der „Bestimmung des Gelehrten". Er sprach mdrf schön, aber seine Worte waren von schwerer Geivichtigkeit. Wie ein Gewitter war sein Bortrag und bewegte die Zuhörer.
Ihm, der im Gelehrten den Erzieher der Menschheit sah, der deshalb die höchsten sittlichen Forderungen zu erfüllen hatte, ward zur Ausgabe, die akademische Jugend zu höherer Lebensweise, zu echtem Menschtnm, zur Bertiesung ihrer Religion und Veredlung ihrer Litte zu sührcn. „Handeln! Handeln i das ists, wozu wir da sind," donnerte er ihnen zu. Und seine erste Sommervorlesung beschloß er mit einer Ansprache „lieber die Würde des Menschen", in der es in mächtigen Akkorden klingt: „Ter höhere Mensch reißt gewaltig sein Zeitalter auf eine höher« Stufe heraus: er reißt mit Riescnarmen, was er greisen kann, aus dem Jahrbuch des Menschengeschlechts heraus!" Seinen Zwecken schienen besondere moralische Vorlesungen nötig, die er bei dem Mangel an Zeit aus den Sonntag zu verlegen gedachte. Dieser Plan reizte die ersten Widerstände auf. Ernster wurde es, als bei seinem Kampf gegen die Verbindungen aus den Reihen der Studenten selbst Gegner erstanden, die nächtlicherweise sein Hans mit Steine» bewarfen. Aber ihn, der sich daraus in ine Einsamkeit nach Osmanirsledt zurückzog, holten leidenschaftlich« Bitten wieder an das Lehrpult zurück: „Kommen Sic^ Fichte, Lehrer der Wahrheit! Werden Sie wieder Muster sür Taufende fich bildende und zu Gelehrten reisende Jünglinge!" Wie sollte er einem solchen Ruf widerstehet:, dem Wirken so naturnotwendig war!
Fichte» theoretische Philosophie, die er in Jena als „Wissen- schastslehre" in inimer neuer Gestalt vortrug, ist, so abstrakt sie in ihren Ausgestaltungen erscheint, aus denr Leben erwachsen und strömt dem Leben dienend zu. Ntenrals hat je ein Philosoph den innigsten Znsammcntfang des Menschen mit seinem Denken so tief begrissen, als er, der lehrte: Was sür eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was sür ein Mensch man ist! Derjenige, dem die Widerstände unabänderlich erscheinen, der fich sklavisch der Notwendigkeit beugt, wird nie zum Glauben an die freie Tat, an die schöpferische Umbestimmbarkeit seines Jchs gelangen. Nur der Kühne und Tapfere kann in seiner Weltaw- fchanung Idealist sein. Und so wird der Lehrer, der seine Schüler zum Idealismus führt, zugleich der Erzieher, der sie zu freien, sittlichen Menschen macht. Ter feurig-scharfe Geist FichleS begnügte sich nicht damit, die Sclbstherrlichkeit des Ich schlechtweg zu behaupten; er wollte das Wesen der Widerständlichkeit logisch begreifen, die Vorgefundenen Schranken auslöscn in Taten jenes Ich, das, gleichsam Ur-Jch, im Einzelnen nur in Strahlen gebrochen sich darstellt. Tie Ungeheuerlichkeit dieser Ausgabe machte ihre Lösung unmöglich, wenn auch Fichte unerhört nah an den
Kem der quellenden Kräfte herankam.
Wie ein Synrbol seines Kampfes in dev Theorie ctscheint sein immer wieder erneutes Zusammenprallen mit de» praktischen Widerständen. So ging er auch Jena verloren. Ihn, den tief Religiösen, beschuldigte man einiger Formulierungen wegen des Atheismus. Einen Kompromißversuch von oben, der halb ihm, halb den Beschuldigern recht geben sollte, wollte sein Wahrheitssinn, sein Mannesmnt nicht dulden. Sich als Vertreter des Gelehrtenstandes fühlend, sah er in diesem Vorgehen ein Symptom reaktionärer Einengnngsversuche des freien Forschens. So bvt er, im Falle er einen Verweis erhielte, seine Entlassung an: er erhielt sie. Herausgerissen aus seiner Tätigkeit, ein Heimatloser, fast ein Verbannter, wandte er sich nach Berlin.
Aus dem Lehrer der akademischen Jugend wird der Lehrer des Volkes: aus den« Erzieher der Auftültler, der Ermahner, der slanimendc Prediger. Ein Jahr vor den, Zusammenbruch schmetterte Fichte seinen Zuhörern in den „Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters" seine Ueberzeugung von der vollendeten Sündhaftigkeit seiner und ihrer Zeit ins Gesicht. Seine „Anweisung zum seligen Leben" ist aus praktischem Helscrwunsch geboren, zu bessern und zu veredeln. Aber die Lehre durch das Leben vermochte er seinen Mitmenschen nicht zu ersparen. Ter unheilvolle Krieg von 1806 mußte erst seine blutigen Zeichen schreiben. Beim Ausbruch bot sich Fichte dem König als weltlicher Feldprediger an; da er nicht durch die Tat seine Gesinnung beweisen, da er nur reden könne, so wünschte er, wie Schwert und Blitz zu reden. Ter König lehnte freundlich dankend ab. >
Fichte befand sich in einem Freundeskreis, >vo man der Wassenbrnder auss wärmste gedachte. Immer wieder klangen die Gläser irn Wunsche aus ruhmvollen Ausgang aneinander. Auf der Heimkehr in lauer Oktobernacht frohlockten Fichte und die Seinen über den Sieg, den ein Unbekannter fälschlich verkündet hatte: mn nächsten Morgen erfuhr er die schreckliche Wahrheit von Jena und Auerstädt. Er wußte fliehen; er hielt sich in Königsberg, in Kopenhagen auf. ,Lch glaubte, die deutsch« Nation müsse erhalten werden, aber siehe, sie ist ausgelöscht," schrieb er schmeiH- ltch. Tie Not seines Volkes schmilzt den Philosophen zum glühendsten Patrioten um. War es ihm bis dahin noch immer möglich erschienen, daß die Zlvecke des Menschendaseins in der Menschheit ohne Beachtung einer bestimmten Nation erreicht würden, so wird ihn« jetzt die Nation zur eigentlichen Trägerin und Er-


