Ausgabe 
24.1.1914
 
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SDiiitki, fct) bid). Kannst doch itMjt eivig dastehc». Misst eh schon, ganz imid sein."

'Jic Alke schüttelte mir wie in leiser Verwunderung den grauen Kops: War sic denn nichr totV llnj> hatte der liebe Gott sie vergessen?

Ader sie liest sich doch, ivlgkam wie ein Kind, von der Tochter OnS Fenster sühren, 511 dem Grostvaterstuhl, in dem sonst der Johannes innncr seine Zeitung gelesen und nach Tisch sein Schlag chen gehalten hakte, lind wie kurz vorher über den Sargdeckel, so strich sie jetzt mit den alten, zitterigen -Finger» liebevoll über die gestickte Schlunnnerrolle. t

Tee Schwiegersohn bastelte verlege» an seiner neuen schwarzen bkrowatte herum, räusperte sich ein paarmal und sagte dann endlich,Aber Inas wahr iS. iS wahr eine schöne Leich' ist'S gewesen, mit die vielen Postillions in Gala. Wann'ö der selige Vater hätt schauen können, der hält a Freud gehabt."

Na und ob der a Freud gehabt hätt!" stiimnte die Mari eifrig bei.Gespielt Habens grad zinn Weineit so schön."

Ta blickte die Alte mit grasten Augen um sich, als wäre sie aus einem Traum erwacht. Sic sah die vecschwotleiieir, loten Augenlider der Tochter und nickte ihr zu:

Wein du nur. mein Kind, du hast gut weinen. .Hast deinen Mann und die Kinder. Morgen oder nbermiorgcn .wirst, schon wie­der an tvas anderes denke» müssen . . . aber ich ich müsst mir ja die Augen aus dem Kops herausschreien, wann ich erst einmal ansangen teil."

Und wieder starrte sic mit denr gleichen leeren Blick hinüber zur Türe, Ivo an einem glänzenden Messingnagel dev abgetragene Mantel von dem Seligen hing und darüber die alte Dienstmütze.

Du liebe-, Gott, natürlich hatten auch nicht.immer die Engerln gesungen brr de» Wasriegels. Krach hatte es gegeben wie in jeder r:chfschasse»e» Ehe und uro.nchmal noch ein bißchen darüber, denn bei Johannes war von jeher einer gewesen, bei dem das tzäserl leicht iLerkochte. Deshalb toustle die Resi doch,Macht nichts, «nacht alles nichts. Hunde, die bellen, beißen nicht." ilud ic wü­tender der Alle zum Schlnb in den tvcisten Bart gebrummt hatte: Schon recht schon recht!" desto vergnügter kicherte die Rest Vor sich bin Denn, wenn sie ihn erst so iveit hatte, den Mann, dann wir er bald ganz nm den kleine», Finger zu wickeln.

Nur einmal hatte der Johannes nicht nachgcgcbmi. - Eiir- »not ulcht.

lind das war auch der Grund, warum die Resi letzt noch ande­res aus der Welt zu schissen hatte, als sich die Auge» aus den« Kopi zu weinen.

Ta war ja iwch ihr Bub, der Rudi!

Und das erste was sie dachte, als sie aus ihrer Erstarrung hinaus überhaupt elivas Deuten konnte, das war,Jcsirs, Maria und Joses! jetzt tarnt er ja guck) dem Rudi nickt mehr ver­zeihen !"

Ja, der Rudi - I

Akkurat süiij Jahre lvaren's jetzt. Füus Jahre . . . ,Jn der Wohnung bei den alte» WaSricgcls wird die (Türe auigcrisscn und der Schwiegersohn stürzt herein. Nicht einmal zum Anklopfen hat er sich die ,U'it genontmen. Und,auSgesck>aiit hat er, wie das Zifiseri von einem Leintuch, so weist. Na, nnd da»» platzt er mit der ganzcii Bescherung los,

Auf und davon ist der Bub Rach Amerika, lind in der Kasse dein» Lotteei,Einnehmer jelilen ei» paar Hunderter.

Jessas, die Schand!

'Ter Johannes wird puterrot im Gesicht, schnappt ei» paarmal nach Lustnnd sckstagt daiiu in seiner ganzen Länge aus den Bode» bin, wie ein Stück Holz. Und kauin daß er wieder recht sprechen iloiinte, halle c, geschworen, der Rudi dürfe ihm nie wieder inq Haus Zeitlebens nicht.

lind hörst. Mutter," lzatte er gesagt,wenn du ihn sc wieder «nsckanst, den Lnmipen ich drehet mich iw Grab herum."

Hin Gottes willen, Vater, vcrsiurdigc dich nicht, Vater" hiitte die Reist gestammelt.

Als wen» ihr einer mit einer glühenden Zange das Herz aus bei Brust hatte reisten wollen, ivar es ihr geioesen.

Aber was da der Alte geplauscht hatte in seinem Jörn, das gab- es ia gar nicht. Sich lossaqen vom'eigenen Fleisch nnd Blut

- - nein, nein, lieber gleich zu die Grube hinein. Eine schlechte Adulter müsste die Resi sein, iveiin sic das nickst fertig brächte bei dem Alte».

Aber Brief aus Brief hatte der Rudi geschrieben, einen schöner als den andern, so voll Reue And Liebe. für den Vater war's Luit. Run wie Luit. Und wenn die Mutter es eimnal wagen wollte, ein gutes Wort iür den Buben einznlogen, war der Alte i» einen solchen Zorn gerate», daß sie wahrhaslig fürchte» mutzte, es treiie ihn wiederum der Schlag.

So hatte sic gewartet und gewartet, jahraus und- jahrein ge­wartet, trotzdem sic manchmal geglaubt hatte, länger Ifalta sie es «iiisacki nicht aus, geschehe, was da wolle.

Und >etzl war er tot, der Johannes, »nb> konnte dem Buben »iwmerinehr verzeihen.

Aber das Aller-Atlcriirgsic ivar doch, dast er das gesagt hatte

das mit dem Jin itzrabHerunidrehen. Wenn sie daran dachte! Gott, 0 sist'tt, wenn sie daran dachle!

- f ,c dachte daran, die Resi. Dachte daran bei Tag und bu Nacht, seit der Stunde, da sic ihr den Johannes auf den Fried- hvs hinaus getragen hatten.

Erst heute hatte her Rudi wieder geschrieben, dast es ihm gut gehe, und dast er halt nur den cineu Wunsch habe, sein Mntterl zu uinarn-.cn. Auswendig wußte sie die Worte:

Mutter, Mutter sei doch nicht so grausam! Selbst wenn einer einen Mord begangen, hat und dasiir gehenkt werden soll, kommt, noch fein Mntterl zu ihm nnd segnet ihn und betet für ihn. Und ich bi» doch nur ein dummer, leichtsinniger Bub gewesen. Sind die langen Jahre noch nicht genug Slrase für mich? Und dast der Vater hat ins Grab niüssen, ohne daß er mir verziehen har?"

Recht hatte der Bub, tausendmal recht! -Aber dem Johau ncs seine ewige Ruh---? Konnte sie, die Resi ein so grund­

schlechtes Weib sein mch de» eigenen Mann darum bringe»?

Ain Sonntag, in der Kirche, hatte der Herr Pfarrer geprc- degt, dast der Resi das Wasser irur so aus den Augen gelausen war. Und als obs eigens für sie gewesen wäre:Ein Reuiger ist dem Herrn lieber, denn zehn Gerechte."

Gott im Himmel, was wußte denn der Hochwürdige von dem, was sie litt! Hatte er vielleicht, wie sie, ein Kind unter dem Herzen getragen und es grostgezogen und lieber gehabt als all die andern, um cs dann zu verlieren und noch tausendmal lieber zu haben?

Nein, keiner aus der ganze» Welt konnte ihr helfen. Nicht ein­mal der Kaiser. Der einzige, der ihr hätte helfen können, der lag stumm mch starr niiter der Erde.

Die Resi überlegte mch sinnierte, bis ihr ganz wirr im Kopse wurde. Es blieb immer dasselbe. Wie beim Karussell wars, inimer im Kreis herum: Der Mann der Bub d.r Mann der Bub

Nein, »ein, das hätte der Johannes nicht sogen dürfen! Einem Tolcn soll man die Wahrheit nacksteden: Nie hätte sic sich einen braver» Mann tviinschen können. Er hatte nicht getrun­ken und nicht gespielt und war den Weibern nicht nachgestiegen. Auch wie er jung war »i-Vt und damals hätte er mehr als ein« habe» können. An jedem Fstiger hätte er eine haben können..

Nur das hätle er nutzt sagen dürscn. TaS nickst. Wie hatte er ihr überhaupt so etwas antun können? Sünde wars und Schande. Und sie wolllc cs ihm schon sagen, dem Johannes, tüchtig, ganz tüchtig, ohne sich ein Blatt vor dem Mund z» nehmen.

Aber wie sie dort stand, vor dem schwarzen Kreuz niit der golde­nen Jnschrist, und alles darunter so still blieb und so stumm, da tvaes sie sich voll Berzweislnng über den Grabhügel hin nnd schluchzte zum Steinerweichen:

So red doch so red doch nur ein einziges Wörter!!"

Der tüte Mund konnte nicht widerrnsen.

Der Toteilgräber, der gerade in der Nähe ein irisches Grab schaufelte, sagte gutmütig:Mntterl, da hilsl alles nix! Den Weg zurück hat noch keiner gesunden. Gehn S' hübsch nach Haus und beten & fleißig, dast die arme Seel a Ruh kriegt."

Ja, ja, dast die arme Seel a Ruh kriegt!" wiederholte leise die Alte.

Es war ein langer Weg zurück durch die endlose Vorstadt. Viel, viel länger erschien er der Resi als vorhin, da sie auszog, sich ihre» Buben zu erkämpscn.

Und überall vor den Haustüren spielten die Kinder, aber die konnte sie jetzt schon gar nicht sehen. Besonders die Blonden, die Krausköpscten nicht, die jo ansschautcn, irrte früher der Rudi. Daheim in der Küche wartete die Marie auf die Mutter. Bist drausten gewesen, beim Vater?" fragte sie.

Die Alte nickte stumm.

Weißt", sagte die Marie,ich inein allcioeil, wenn er's noch widerrufen könnt', wegen dem Rudi, er täcks gewiß."

Die Resi stdrrtc der Tochter ins Gesicht, gierig, als ob sie ihr jedes Wort von den Lippen reisten wollte.

Beim Schlafengehen steckte sie sich den Brief voin Rudi unter ihr Kopitissen. So halte sie wenigstens ein Stücker! waS Leben­diges bei sich. Das Zimmer war so groß und einsam, scildem der Johannes nicht mehr in dem zweiten Belt, unter dem gestreiften Deckbett, schnarchte.

Gott, 0 Gott, jetzt wartete der arme Bub noch immer dort drüben in dem weiten, weiten Amerika, bis sein Mntterl ihm schrieb:Na so komoi! In Gottes Namen, komm"

Unb das konnte sie nicht tun. Alles, alles hätle sie für den Buben tun können, nur das nicht wenn nicht der Herrgott im .Hinunel ein Wunder geschehen ließ.

Tie Alte faltete die Hände und betete. Betete um das Wunder. Als ihr bann endlich die inüde gemcinicn ?lugc:r beinahe ,u- sielcitt tasteie sie mit ihrer zitterigen Hand ins andere Bett hinüber, wie sie das so seit vierzig Jahren gcwohist war. und murmelte schon halb im Schlaf:Gute Nacht, Johannes..."

Doch da hörte sie wiederum den Rudi flehen:

Kannst du cs wirklich übers Herz bringen. Mutter?" lind sie sah den Buben, wie er sich als kleiner Knirps hinter ihrer Schürze versteckr hielt und wie er bettelte:

Mntterl, sag's du dem Vater und bitt für mich" Vater, Vater, hörst den» nicht, Vater?" stöhnte die Resi. Und wieder tastete die eine zitterige Hand ins andere Belt hin­über, während die zweite den Brief vom Rudi fest umklammert hielt.