Ausgabe 
24.1.1914
 
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(Bin Frühlingstraum.

Noman von Fr. Lehne.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Sie setzten sich an den FruypackStisch.Bitte, Papa, be­diene dich. Versuche den Schinken, ich kann ihn dir emp­fehlen! Uebrigens habe ich mir für heute Urlaub genommen und stehe zu deiner Verfügung." Er entfaltete feine Serviette, unter der ein Briefchen lag. Als sein Blick auf die Adresse fiel, wurde er glühend rot: Marys Hand", fchrist! Mit zitternder Hand schob er de» Brief in den Aus­schlag seines Aermels. Sein Vater beobachtete ihn lächelnd. Willst du nicht lesend' fragte er, ,ich hätte keine Ruhe!"

Das glaube ich! Doch bin ich nicht in der Stimmung," sagte Wolf kurz. Er konnte das fröhliche Wesen seines Vaters nicht vertragen: es machte ihn nervös. Jedoch der Brief brannte wie Feuer auf feiner Seele: nach Beendigung des Frühstücks stand er aus und ging ins Nebenzimmer: er mußte de» Brief ohne Zeugen lesen. Mar» schrieb:

Mein einzig Geliebter!

Ach sei nicht böse, daß ich Dlir so oft abgeschrieben habe; cS lagen jedoch triftige Gründe vor. (Das glaube ich" lachte er bitter.) Ich habe mich nach Dsir gesehnt mit meiner ganzen Seele, Geliebter, und zähle die Stunden, bis ich Dich iviedersehe und in Deinen Augen lesen kann, l ob Du mir noch gut bist! Denn heute abend wirst Du doch sirl)er zur gewohnte» Zeit kommen können? Ich er­warte Dich bestimmt! Du »varst gestern wieder bei UL« : richs? Nein, ich bin nicht eifersüchtig, mein Wolf, ich weiß j ja, daß Du mich liebst! Ich habe schwere Stunden hinter mir, Geliebter, vielleicht finde ich Beruhigung in Deinen ! ÄWncn! Mündlich darüber mehr! Behüt Dich Gott, mein ! Wolf! In heißer Sehnsucht küßt Dich

Deine kleine Frau."

Bitter auflachend sank Wolf auf einen Stuhl. War das nun Wahrheit oder wieder Lüge? Er sah sie vor sich, wie sie den Brief schrieb H das blonde Köpfchen geneigt und die.

S üßen Augen mit innige»» Blick auf das Papier geheftet, te schrieb ja an ibn! Eine heiße Sehnsucht überläm ihn, sie zu küssen und fest au sich zu pressen» er schloß einc>:» -Augenblick die Augen und atmete tief. Dann sprang er auf. Mein das geht nicht so weiter; ich mache ein Ende und gleich!" Sie war schuldig, ohne Zweifel, das stand fest und sie sollte erfahren, daß er wußte, »vie sehr sie ihn hin« ter-gangen. Ec ging wieder ins Wohnzimmer zurück, ihr das sofort zu schreiben.

Nun, Wols, cs tvar wohl ein Brief Von der Liebsten?" so empfing ihn fein Vater lächelnd.

Ja. Papa, es ist ein Brief von denuMädchen. das niir über aller- teuer ist! Und du gestattest ,uir bitte, daß ich ihn sofort beantworte"

Aber natürlich, kann mir lebhaft denken, lvie das süße Ding aus Antwort »vartetl Ich könnte dich fast beneiden" sofort beantivortc und ihr mitteile," fuhr Wolf fort, ohne den Einwurf seines Vaters zu beachten,daß von nun an alles aus sein muß zwischen uns beiden!"

Verblüfft sah sein Vater ihn an; cs war aber ei» Aus­druck in Wolfs Gesicht, der den Freiherrn daran hinderte, noch eine weitere Bemerkung zu machen. Er blätterte in der Zeitung, während Wols an Mar» schrieb, daß er sie und den anderen gestern abend gesehen, daß er von ihrem Trcubruch aufs tiefste gekränkt sec und ihr hiermit ihr Wort zurückgäbe. Hastig glitt die Feder über das Papier; ebenso hast'g kuvertiertc er den Brief und übergab ihn dem Bur­schen zur sofortigen Beförderung. Dan» nahm ec daS Bild LNarys aus seinem Rahme», warf einen langen Blick daraus und verschloß es dann in einem Msten seines Schreibtisches.

Was tust du, mein Sohn?" fragte der Freiherr er­staunt.

Wie ich dir schon sagte, Papa, ich räume mit allen Erinnerungen aus. Du hast wohl vergessen, daß ich heute einem anderen Mädchen mein Wort geben »vill, und daß dieses dann Anspruch, wenn nicht auf Liebe, so doch wenig­stens aus Zt - ao und Achtung hat," sagte Wolf ernst und nachdrücklich.

Sein Vater beobackftete ihn schweigend: fast neugierig forschte er in des Sohnes bleichem Gesicht. Er war doch so ganz anders als der Vater und Bruder richtig aus oer Art geschlagen! Er, der Alte, hätte nicht so kurzerhand deswegen mit socch süßem Mädel gebrochen für die hätte er trotz Braut «der Frau noch immer Zeit gefunden! Aber dies unbegueme übertriebene Pflichtgefühl, oas hatte er von der Mutter, der er auch äußerlich glich die wav ein schönes, aber kaltes Weib gewesen aber von unbeug­samer Willenskraft. Der alle Wolfsburg fühlte sich gar nicht so recht wohl bei dem ernsten Sohn; am liebsten wäre er sofort abgcreist, da jene fatale Angelegenheit so leicht ge­regelt war. Er mußte aber doch abivarten, was der Sohn beschloß.

..Du entschuldigst mich wohl jetzt. Papa! Ich muß lang­sam daran denken, Toilette zu macken. Unterhaltung wirst Du dort im Bücherschrank finden!" bemerkte Wolf, einen Blick auf die Uhr »versend.

Bitte. Wvlf, geniere dich nicht." antwortete der Vater. Dauu machte er sich an» Bücherschrank zu schaffen, fand aber nichts nach seinem Gesckncack.Sonderbarer Mensch, der Junge! Bei Erwin sieht cs doch anders nu§."_ Schließlich begnügte er sich mit einem BaudFliegende Blätter".

<zz dauerte nickt lauge, da trat Wolf in Gala ins Zimmer. Der Freiherr sah auf, und beim Anblick des Sohnes, der so stattlich und schön dastand, schlug sein Herz in berechtigter Vntcrsreude höher. Nein, mit dem konnte sich so leicht nie- niand messen, nicht einmal der elegante, geschmeidige jüngere Sohn, der doch der Liebling aller FrMien in der Garnison war. Wolfs edles schönes Gesicht, dessen weiße Stirn so seit-