Ausgabe 
22.1.1914
 
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Benehmen eine heimliche Sympächic, ich weiß nicht welche Be­geisterung für mich. . .

, Ich empfand unbestimmtes Unbehagen.

Zweifellos spreche ich mit einem Freunde von Herrn Berlin?" flötete sie.

Jawohl, gnädige Frau, das tun Sie!"

Ach das ist ein rcuzender, reuzendcr junger Mann!"

Zie wiederholte das Wortreizend" iwch einmal in ihrem' Tonfall, ich sagte es dann ebenfalls, und nachdem ich mich leicht verbeugt hatte, ging ich stotternd hinaus.

Adieu, gnädige Frau .... sagen Sie meinem Freund . . . daß ich. . . daß ich wiederkommen werde. . ."

Sie stieg schleunigst von dem Konwrsessel herab, ans dem sich ihre runde Person hin und her drehte, um mich dienstfertig bis an die Haustür zu begleiten, so daß ich ganz bestürzt drcinschaute, Und während ich mich eiligen Schrittes, ohne mich »nrzuwende», entfernte, fühlte ich, »oie ihre samnretweichen, feuchten Blicke mir noch lange folgten.

Ein merkwürdiges Abenteuer!" dachte ich bei mir selblt . . . dieser Ton . . . diese Blicke. . . Und es ist doch unzulässig daß eine Frau in diesem Alter, die doch sicher schon Gattin und Mutter ist. . ."

Aber in diesem Augeichlick streckten sich niir zwei Hände ent­gegen, zwei Hände, die sprachen und sagten:Ich wette, daß du von mir kommst?'' Herzlich begrüßte ich nun Berlin, mit dem ich durch ein unerklärliches Zusammentreffen von Umständen seit drei Jahren nicht zusammengekomnien war, und untergefaßt schleu­derten wir langsam die ruhige Straße entlang, denn es schlug halb neun von der Kirche Saint-Germain des Pres, nnd an November- abendcn ist die Rue Jacob nicht belebt.

Tie Besitzerin deines Hotels scheint ein ganz merknuirdiges Geschöpf zu sein" berichtete ich ihm sofort.

Er unterbrach mich hastig:

Sprich nicht zu Ende, ich errate ... sie hat dich angelächelt? So macht sie es mit allen Leuten, die nach mir fragen."

Ist zwischen euch. . .?"

Gar nichts, ich will dir die Dinge gleich erklären. Ach! das ist eine merkwürdige Geschichte!"

Und er erzählte mir folgendes:

Du ivcißt, daß ich vor zwei und einem halben Jahre, als du zum Präsektur-Rat in Dröme ernannt wurdest, als kleiner Beaniter mit einem monatlichen Gehalt von hundert und fünfzig Frank in der VersicherungsgesellschaftNepttrn" angestellt ivurde. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß ich nicht gerade Geld wie Heu besaß. Ich befand mich sieben oder acht Monate wirklich in jener Geldverlegenheit, die der Anfang zum Elend ist nnd manchnial iwch schlimmer als dieses. Glücklicherlveise habe ich mich über Wasser gehalten. Ich bin noch immer beimNeptun", ich beziehe jetzt zlveihundert Frank. Damit will ich dir nur zeigen, daß meine Lage sehr gut, fast beneidenswert geworden ist. Ich kenne eine Menge Leute, die sich freuen würden, wenn sie an meiner Stelle wären. In den Zeiten des Elends, von denen ich dir soeben sprach, bewohnte ich in der Ruc Guönögaud ein kleines möbliertes Zim- mer, das nienrand wird wissen, weshalb es sich so nannte zuni Hotel Marokko glehörte. Ich verbrachte unter diesein Dache, das durch die Gegenwart keines Marokkaners erheitert ivurde. Stunden unvergeßlicher Qualen. In nieinem im fünften Stocke belegenen Zimmerchcn, die Stirn gegen die Scheiben gedrückt, be­trachtete ich die präckgigen Gebäude, die große» Höfe, die Giebel mit de» mpthologischen Statuen der Münze, diesen Tantalus- palast von morgens bis abends, >oo man für andere als für mich die funkelnden Goldstücke schlug, die alles, alles, alles verschaffen. Nein, du kannst mir glauben, keinen Sou zu haben und gegenüber der Münze zu lvohncn, das ging über nieine Kraft.

Eines Tages wurde mir dieser Anblick unerträglich, ich suchte mir ein anderes Heim und fand es im Hotel du Palatinal. Das Zimmer, das ich dort zuerst hatte, ging nach dem Hof hinaus, einem traurigen Hofe, wie bei einer Badeanstalt, auf dem sich in der Mitte ein kläglicher Springbrunnen befand, dessen Anblick allein schon Selbstmordgedanken einflößte. Das Sofa im Zimmer Ivar hart wie ein Stein, der Kamin rauchte, an dem Bett fehlte eine Rolle und cs senkte sich schräg hinab. Bei diesem Anblich übcrkam mich eine unüberwindliche Mutlosigkeit. Dazu bezeigte mir die Wirtin, die dich eben cmpsaugcn hat, als sie mich in das Frenidenbuch schrieb, noch eine sehr offene Antipathie. Ich war sechs Monate lang sckhr unglücklich. Ich war gezwungen, mir das Bett selbst zu machen und den Wasserei,nec selbst auszugicßen; denn das Dienstmädchen kümmerte sich gar nicht um mich. An deni gemeinsamen Tische, an dem ich nur abends, hatte ich auch Qualen zu leiden. Immer wurde mir zuletzt serviert, alle Haare, die der Köchin ausgingcn, schienen aus meiner Suppe zu schwimmen . . . Aber iveilcr! Also voriges Jachr an einem April- tage. als ich aus dem Bureau kam, bestellte ich mir ein Bad . . . Lächle nicht, du wirst sehen, daß diese Einzelheiten für meine Er­zählung unumgänglich notwendig sind . . . Als ich ini Bade saß, sand ich es zu kalt, ich wollte den Warmnasserhahn aufdrchen, und dieser ließ sich sehr schiver öffnen. Plötzlich sckvß der heiße Wasserstrahl heraus und verbrühte mir die rechte Hüfte. Ich schrie, Ich klingelte . . . Man eilte hinzu. Das Brausen des Wassers «ich meine Schreie hatten das ganze Personal herbeigelockt. So gut es ging, zog ich mich an und ging schleunigst zu meinem!

alten Kameraden Roger, den d« ja schon verschiedene Male bei mir getroffen hast und dessen Mutter mich gebeten hatte, an ihrem Abendbrot im Familienkreise teilzunehmen. Zuerst war mir ganz gut, aber nach einer Weile begann ich derartige Schmerzen zu bekomme», daß ich leichenblaß wurde, mein Freund und seine Mutter sahen mich unruhig an, und so mußte ich den lächerlichen Unfall, der mir im Bade passiert war, erzählen."

Roger war ganz böse :EL ist sehr töricht von dir, daß dnl uns nichts gesagt hast; das Zimmer meines Bruders stößt an das meine; da er nicht zuhause ist, wirst du mir das 'Vergnügen machen, heute darin zu schlafen. Man ivird dir in der Küche einen Breiumschlag zurecht machen, den ich dir auflegen werde. Wemr wir beide im Bett liegen, rauchen wir eine Pfeife, pah mal auf, es ivird sehr nett werden."

Ich mochte mich sträuben, soviel ich Ivollte, ich mußte mich seinen Wünschen fügen. So legte ich mich denn zu Bett, ich ivurde verwöhnt, gepflegt, und am nächsten Morgen konnte ich, wenn auch noch etwas angegriffen, nachhause zurückkehren. Als ich so ein wenig hinkend meines Weges zog, kam mir dev Gedanke; Ini Hotel du Palatinat wärst du nicht so gut ge­pflegt worden."

Nun öffnete ich die Haustüre des Hotels . . . nein, wenn ich hundert Jahre alt würde, den Eindruck werde ich nie ver­gessen, den mein Erscheinen hervorrief! Die Wirtin, der Nacht­kellner, die beiden Dienstmädchen, der Koch und vier Pensionäre der Table dchöte saßen zusammen, jeder hatte eine Zeittmg in der Hand uird sie sprachen laut. So wie sic mich erblicktem- entrang sich ihrer Brust der eine Schrei:Da ist er ja." und sie sttirzten auf mich zu:Sie wirren da?" fragten sie,Sie waren da?" Diese Frag« »rar so drohend und dringlich, daß ich mechanisch antwottete:Ja, ich war da."Sie Unglück­seliger!" Und alsbald fühlte ich, daß sic an mir herumtasteten und ihre Hände die meinen ergriffen. Einer der Pensionävq schnüffelte sogar mit der Rase an meinen Sachen und erktärte: Ja, ja, man merkt iwch den Brandgeruch." Bemerkungen schwirrten umher:Wie hat er es fettig bekommen, sich zu retten? Cs ist schrecklich! Ich wäre umgekoinmen!" Verblüfft starrte ich sie an.

Wirklich," stotterte ichdas ist zuviel . . . das ist. zuviel Interesse. Mer woher wissen Sie es"> .... Die Wirttn -rbohi die Attne zum Himmel:Wer -alle wissen es. . . ganz Patts weiß es . . . ganz Frankreich." Ganz Frankreich wußte, daß ich mich im Bade verbrannt hatte. . . «Ich fühlte, wie sich meine Ge­danken verwirrten:Entweder sind sie verrückt," dachte ich,oder i ch bin auf dem Wege, es zu werden." Ich wollte schon rufen»: Wovon sprechen Sic! Sagen Sie doch zum Donnerwetter, wass eigentlich los lst?" als die Wirtin mir denGil Blas", den sie in der Hand hielt, reichste und sagte:Haben Siie die Zeitnngcnt wenigstens schon gelesen? Sehen Sie schnell, sagen Sie uns, obi alles genau so gewesen ist?" >

Ich blickte hin, und ich las- .oben auf der Seite in grohm Buchstaben:

Tie komische Oper völlig niedergebrannt! ! !"

In einer Sekunde wurde mir alles klar. Man hatte niich abends und in der Nacht nicht nachhause kommen sehen, ich erschien erst! morgens (es kam nie vor, daß ich nachts nicht zu Hause war) bl-ich und elend anssehend . . . Kein Zweifel ... die komische Qpcv in Asche ... sie bildeten sich ein, daß ich von dort känte! . . s So erklärte sich ihre plötzliche Sympathie.

Tu weißt, daß es von jeher mein Vergnügen war, so ganz stillvergnügt die Leute zu verulken, und ich konni« der Versuchung, die sich niir so vorzüglich hat, nicht widerstehen. Ich gab die Zeitung zurück und murmelte:Später. . . später . . . jetzt kann ich nicht. . ." Und während der Nachtkellner mich rechts stützte und eins der Dienstmädchen links, ließ ach mich halb ohnmächtig biß in mein Zimmer tragen, in dem die Wittin bald erschien, um zu sehen, ob ich mich auch ins! Bett gelegt hätte und cs mir an nichts fehle. >

An diesem Tage sah man mich nicht in der GesellschaftNep­tun" . . . aber höre zu, es kommt immer besser. Ich saa'- Dir, daß ich in einem kleinen trauttgen Hoszimmer wohnte. An,ack-ften Tage wurde ich i» dem ersten Stockwerk in einem hübschen, großen, gut eingerichteten Zimmer untergebracht. Während der achtund­vierzig Stunden, in denen ich das Bett hütete, um den Schreck zu» rechlfertigen, den ich durch das entsetzliche Ereignis davongetragcn haben mußte, wurde ich mit rührendem Eifer gepflegt: Atter Bor­deaux, Hühnerflügel, auserlesene Gemüse und die besten Komvots. Nach einander erschienen affe Pensionäre, die Alten und die en, um mir Apfelsinen zu bttngen. Ms alle ihre Fragen v »«>rä,.,te ich mich, mit stumpffinniger Miene den Kopf hin nnd yer zu bewegen und aus meine Füße zu starren.

Später. . . erzähle ich es Ihnen . . . später. ."

Sic haben doch ein paar Leute gerettet? Ich wette, daß Sie welche gerettet haben", ftagtc nrich die Wirtin.Seien Sie doch nicht so bescheiden." 1 1

Das ist schon möglich", sagte ich.In solchen Augenblicken . . ich erinnere mich nicht mehr. . ."» ,

Sie zählten , dann unter sich Beispiele von Leuten auf, dio insolgc von solchen Katastrophen jahrelang das Gedächtnis ver­loren hatten oder blödsinnig geworden »varen. Zuletzt pflegte man mir dann immer auf die Schulter zu klopfen und zu sagen:Regen