Ausgabe 
21.1.1914
 
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glücklicher ist die Menschheit trotz aller Kultursortschritte nicht. Aus­fällig ist besonders die große Zunahme von Morden und gewalt­tätigen Körperverletzungen, Revolverschicßereien sind an der Tages­ordnung. Und was ganz besonders aussällt, ist die Tatsache, daß die Unholde und Rohlinge so zahlreich dem jugendlichen Alter angehören. Zucht und sromme Sitten drohen zu verschwinden. An ihre Stelle treten Unbescheidenheit, Zuchtlosigkeit, Genußsucht und Hdeallosigkeit. Dieser Tiesstand der seelischen Kultur großer Teile der Bolksmassen ist wieder die Grundlage sür die Beliebtheit ebenso tiesstchender Vergnügungen und Zerstreuungen. Ueber- treiben wir? Wären nicht die Volksmassen so unveredelt, dann wäre es unmöglich, daß die Schund- und Schauerliteratur, die Kinos mit gräßlichen und gemeinen Bildern, die Zirkusse mit Grau­sen erregenden Darbietungen so volkstümlich hätten werden können, wie sie es geworden sind. Wenn aus der Straße von einem Tier­freunde gegen eine Tierschinderei vorgegangen wird, sieht man oft das Publikum nicht sür das Tier, sondern für den Tierguäler Par­tei ergreifen. Wenn ein verunglücktes Pferd auf der Straße liegt, kann man oft von der Jugend rohe Bemerkungen hören. Das jetzt lebende Menschenmatcrial eröffnet uns keineswegs die zweifel­lose Aussicht auf einen sittlichen Aufstieg der Menschheit. Es kommt ein Geschlecht von anspruchsvollen, sich vergnügenden, die Ellenbo­genfreiheit rücksichtslos benutzenden, herzenskalten Schlaubergern. An Idealisten fehlt es.

Muß das alles so hingenommen werden, etwa wie man auch den rasenden Schnellverkehr aus Straßen und Landstraßen nicht mehr los zu werden scheint? Nein, so verhält es sich nicht!

Der Archimedes-Punkt, an dem die Welt aus den Angeln gehoben werden kann, liegt in der Schule. Aus dem Schulgebiet sind innerhalb des letzten Menschenalters schon große Umänderun­gen ersolgt. Fabelhast entwickelten sich die Bildungsmöglichkeiten und mit ihnen der Bildungsgrad. Doch ein Uebclstand ist von früher her geblieben: das Gemüt geht ziemlich leer aus. Es wird zuviel unterrichtet und zu wenig erzogen. Im wesentlichen haben die Worte von Professor Knof, die er vor Jahrzehnten schrieb, noch immer Bedeutung:Welche Anregung empfängt das Ge­mütsleben in den Unterrichtsstunden? Beim Lesen, Rechnen, Schrei­ben und Zeichnen, in der Naturlehre, Erdkunde und Naturgeschichte so gut wie keine."....Die Jugend wird viel zu wenig in ihrem Gemütsleben angesaßt und nicht shstcmalisch darin gefördert: die Vcrstandcsbildung im Dienste der Bosheit ist die gefährlichste Fein­din alles sozialen Lebens." Auch für das Gemüt der schul­entlassenen Jugend, die doch nun im Leben, in der Gesellschaft zu wirken beginnt, ist in den ncueingcsührtcn Fortbildungsschulen nicht gesorgt. Wir haben insgesamt nur Lern- und Berufsschulen, keine Erzichungsschulcn.

Unterweisungen in Gesinnungsbildung durch welche die männ­liche und weibliche Jugend aller Schularten snstematisch, d. h. vlan- mäßig zu praktischer Humanität, tzelscrdienst und Licbestätigkeit angeregt wird, sind unerläßlich! Nicht in der Volksschule allein! An allen Schulen für beide Geschlechter sollte nach Goethes Rate die Erziehung der Menschheit betrieben werden. Gar viele erwarten alles Heil von der Volksschule. Welche Schulen senden aber die einflußreichen, die führenden Menschen ins Leben?

, Kürzlich erschien ein BuchErziehung zur Gemeinnützigkeit", versaßt von einem österreichischen Lehrer, der unter dem Namen Arnold Berger schreibt.*) Dieses Werk eröffnet ganz nene Gesichts­punkte. Es ist zwar in erster Linie für Lehrer und Erzieher ge­schrieben, fesselt indes durch eine Fülle richtiger Beobachtungen und deren Darbietung im Plaudcrton so ungemein:, daß auch die Kreise der Humanisten und Ethiker, überhaupt alle, die an der Volksseele arbeiten, es lesen sollten. Das Buch lehrt Moralunter­richt, ohne zu moralisieren.

Es leben schon heute vereinzelt Menschen edelster Art, solche, wie Rosegger in seinem LebensbildeFrau Natalie" geschildert hat. Das sindMenschenscelen, die grenzenlos leiden, weil sie grenzenlos gut sind: herrliche Jdealistenseelen, die gleichsam nur irrtümlicherweise vom Himmel auf die Erde kamen, hier über­all den Himmel suchen und so grenzenlos unglücklich werden, weil sie statt dessen überall die Hölle finden." '

Diese einsamen Idealisten verzehren und verzetteln ihre Kraft, weil sic eben nur vereingclt sind. Viele Charaktere ähnlicher Art muß unsere Erziehung zeugen, wenn die Gesellschaft gesunden soll. Es kann nur besser werden durch die Guten. Denken wir uns in jedem bedeutenderen Orte eine Anzahl einflußreicher Menschen mit Frau Nataliens Gesinnung! Wie schwänden bei deren Wirken leib­liches und geistiges Elend dahin, wie müßten Wohlstand und See­lenfrieden zunehmen! Dieses Ziel kann erreicht werden durch die Schule, wenn Unterricht in der Gesinnungsbildung eingeführt wird. Das soll aber kein staubtrockenes Lehren von Regeln sein, sondern durch gute Beispiele, die weise in ein System gebracht sind, sollen den jungen Seelen die richtigen Wege gezeigt werden. Der Men­schengeist ist auf Güte angelegt, fühlt sich wahrhaftig glücklich nur im Guten.

Mit dem Nächstliegenden sängt der Verfasser jener Schrist an. Wohltaten beginne zu Hause: das ist bei den Angehörigen. Wer so erzogen wird, daß er sich gegen Eltern und Wohltätern dankbar, also liebevoll zeigt, bei dem'ist guter Grund gelegt zurLiebe" gegen alle Mitmenschen, weil ihnRücksicht" erfüllt, weil sein Gewissen schon geweckt, ja geschärft ist. So kann denn die Er­ziehung zur Dankbarkeit leicht ergänzt werden durch die Anleitung zur allgemeinen Menschenliebe, zur Philanthropie, zur sozialen Ge­

sinnung. Die Aneiferung zum Wohlwollen muß so weit gehen, baS der gesamten Jugend auch Rücksicht gegen die Tier- und Pflanzen­welt eingeimpst wird. Keinesfalls aber darf von den Schulen un­terlassen werden, ihre Besucher von einseitiger Befriedigung der Sinnengenüsse abzulenken: deren Ausmerksamleit muß vielmehr nachdrücklich auf die reinen, echten Freuden gelenkt werden: auf die Freude am Guten und am Schönen!"

Ein Beispiel mag illustrieren, wie der Verfasser die jungen See« len anpackt:

Lehrer: So sind wir Menschen! Als Kinder weichen wir nicht von Vater und Mutter. Wir hängen an ihrem Halse. Wir sliegen ihnen entgegen, so sie einmal fortgegangen waren. Wenn wir halbwegs dürfen, gehen wir überhaupt mit, damit sie nicht davonlaufen". Stolz schreiten wir neben ihnen her. Was Vater und Mutter für Kleider tragen kümmert das uns? Ob sie hübsch sind an Wuchs und Gesicht, die lieben Eltern, Ivas geht das uns an? Kein Kind fragt je darnach. Es bleibt nicht immer so. Mit unser»! Körper wächst auch die Lust zum Kriti­sieren. Der Eltern Kleidung gefällt nimmer. Sie hat den und jenen Fehler. Auch hübscher könnte die Mutter sein. Der Vater istnur" Gerichtsdiener. Bei dem dort in der letzten Bank ist er ein Herr Professor. Warum ist meiner das nicht? Nein, schämen muß ich mich . . .! Freunde, cs kommt so vor! Aber es sind nicht alle Kinder so . . . albern und ungerecht. Ein Ge- schich.chen möge es zeige». Zu Marburg war's, der alten Schul­stadt in Hessen. Die Studenten waren im Hörsaale versammelt. Professor Stilling lehrte sie eben. Dessen Vater war ein armer Kleinbauer. Was mag er wohl jetzt tun daheim, der liebe Veter? Ihr Vater ist da, Herr Professor!" Einige Studenten riesen so. Professor Stilling verstummte. Die Vorlesung war aus. Der Vater war da ein Bauer! Professor Stilling wird sichver­krochen" haben? Solch Feigling war er nicht. Keinen Augenblick sollte der Vater warten. Auf der Stelle ging Herr Stilling hin­unter die Studenten mit ihm. Da stand der liebe Vater. Sein Rücken war krumm. Das Gesicht hatte Furchen. Das war ja rein zum Schämen sür den Herrn Professor! Schüchtern blickte der Bauer auf den Sohn.

Vater, Ihr seid sehr gealtert in den 13 Jahren!"Das sind Sic auch, mein Sohn."Saget nichtSie", Vater, sondernDu"! Ich bin Euer Sohn und stolz daraus, es zu sein. Was ich heute bin, verdanke ich Euch!"

So die Rede der beiden Männer. Vater Stilling blieb etliche Tage in Marburg.Diese Zeit ist mir ein Vorgeschmack des Him­mels!" So meinte der alte Mann.Des bin ich froh! Ich habe meinen Vater erfreut, meinen alten Vater!" Sv sann der Brave in heller Freude. Nun ruht er lange schon in kühler Erde. Aber seine Dankbarkeit lebt. In vielen Büchern steht davon zu lesen. Ahmen wir ihm nach!

Merksatz: Es liebt die Eltern, wer nie sich ihrer schämt!

Nachhaltig gemütbildend wirkt auch das Einprägen von Dichter­sprüchen und Prosaworten bedeutender Menschen. Der Verfasser des Buches hält cs nicht für notwendig, daß die Jugend lange Gedichte erlerne. Sprüche bringen denselben Gedanken in knapperer Form. Diese der Jugend unvergeßlich einzuprägen, ist wertvoll, zum Beispiel:

O Knabe, der das .Haus durchtollt,

O Mägdelein im Lockcngold

Wenn dich die Mutter liebend küßt,

Weißt du es denn, wie reich du bist? Karl Krobath.

Man ist nicht arm zu nennen.

Wenn man ein Müttcrlein,

Ein gutes, liebes, treues,

Dienieden noch nennt sein. Sadrach.

Schöne deutliche Anschaunngsbilder können den Gesinnungs­unterricht wirksam unterstützen. Noch besser eignen sich hierzu Schulkinos, wie ein solches z. B. der Ort Zella St. Blasii besitzt.

Im dritten Abschnitt behandelt der Verfasser die Erziehung zur sozialen Gesinnung. Das ist ein ungeheuer wichtiges Kapitel. Es werden dort besprochen, immer an Beispielen, Not und Elend und zwar nach verschiedenen Sonderungen, verschämte Arme, un­verschämte Arme, erlogene Not, verschuldete und unverschuldete Not. Dann kommt die Selbstbewahrung vor Not durch Benutzung von Wohlsahrtscinrichlungen. Es wird die Bedeutung der Sparkassen, Versicherungen und Wohlsahrtsvcreinc klar auseinander gesetzt. Stets wird an das Bestehende, an das vorhandene Gute und auch Schlechte angcknüpft und der Jugend gezeigt, wie Verbesserungen zu erzielen seien. Als wirksam durch mehrjährige Lehrversuche mit Schülern an verschiedenen Orten hat der Verfasser die Behand­lung nachstehend angeführter Themen erprobt: 1. Die Schule und das Almosenwesen. 2. Das Stistungswcsen in der Schule 3. Die gemeinnützigen Vereine in der Schule. 4. Das Wohltun ohne Geld.

Ebenso wie dieser Gesinnungsunterricht ans die Erzielung besserer, opferwilliger Menschen hinarbeitet, so wird anderseits gegen unüberlegtes, planloses Wohltun ein Riegel vorgeschoben. An Beispielen aus dem Leben wird der Merksatz entwickelt:Beim Spenden muß man vorsichtig und überlegt verfahren." Das Kol- lektenwesen und die Sammelbüchsen finden ausführliche Beachtung, desgleichen die Alkoholsrage, die Fricdenssrage, die Tierschutzsrage, die Frage der Bodenreform usw. Daß der Tierschutz ei» Haupt- sördcrungsmittel zur Schaffung besserer Gemüter ist, wird aner­kannt und erläutert.