Ausgabe 
21.1.1914
 
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Von Gabriele zu gelten, machte ihn säst wahnsinnig. Sern süßes, kleines Mädel was sollte aus ihr werden? und wie stand er vor ihr da! Wäre nur jener Abend nicht ge-- wesen, der sie unauflöslich mit einander vereint hatte! Er mußte Mary trotz ihres ablehnenden Briefes auf jeden Fall noch heute abend sprechen, ehe sei» Vater kam, mußte ich Rat von seinem klugen kleinen Mädchen holen. Dann tand er wenigstens gerechtfertigt vor ihr vielleicht nahm ie die Sache gar nicht tragisch, vielleicht würde sie ihm

>och angehören, sie liebte ihn ja so innig--

Doch im nächsten Augenblicke schon unterdrückte er die­sen Gedanken, der ihn und seine Mary erniedrigte. Nein, wie er sie kannte, lvar das unmöglich; sie wäre eher ge-

? orben, als daß sie seine Geliebte geworden wäre! Am lbeud, nachdem er dem Burschen verschiedene Befehle erteilt hatte, machte er sich auf den Weg zum Friedhof; Bergers wußten ihm helfen. Die Frau konnte doch leicht, ohne daß es aussiel, zu Mary gehen! Es war ziemlich dämmerig und unfreundlich, da cs bis gegen Abend geregnet hatte und der Himmel noch stark bewölkt war. Gerade, als er in das kleine Haus eintreten wollte, das Bergers bewohnten, kam ihm dieser entgegen.

Guten Abend, Berger," sagte Wolf, ihm die Hand ent-> gegenstreckend,guten Abend! Würden Sie mir wohl einen Gefallen tun?"

Tausend, Herr Leutnant, tausend! Was ist denn?" ragte er, und einen besorgten Blick in Wolfs bleiches Ge­ich t werfend, fügte er hinzu,der Herr Leutnant sind doch nicht krank? Wie sehen Sie nur aus? Was wird da Fräu­lein Mary sagen, die"

Lassen Sie nur," wehrte Wolf mit niüder Bewegung ab,also, würde Ihre Frau wohl zu meiner Braut gehen und sic bitten, unverzüglich zu einer äußerst wichtigen Unter­redung hierherzukommen, wenn sie nicht gar zu krank ist, was ich eigentlich besürchte, da ich sie heute nicht gesehen und seit einigen Tagen nicht gesprochen habe!"

Aber, Herr Leutnant," ries da Berger in hohem Er­staunen aus.Sie wissen wohl gar nicht, daß Fräulein Mary schon hier ist?"

Was?" schrie Wolf,Mary hier? Unmöglich!" Doch! Sie wissen es wohl gar nicht mal? Vor unge­fähr einer halben Stunde habe ich sie dort drüben gesehen er machte eine bezügliche Bewegungsie nickte mir noch zu."

Wo? dort? es ist nicht möglich!" rief Wolf und Packle in höchster Erregung Bergers Arm,das ist nicht Kläglich, sage ich! Sie hat mir doch geschrieben^ daß sie beute unter keinen Umständen kommen könnte Sie haben sich getäuscht, Berger"

Nein, nein," beharrtc dieser,ich sah sie bestimmt: sie hatte das dunkelblaue Kleid an, das ich! ganz genau kenne und auf dem Kopse trug sie de» kleinen blauen Stroh- Hut; sie sah allerdings blaß aus!"

Also da drüben," sagte Wolf heiser,ja, ja, sie wird mich schon erwarten. Guten Abend, Berger!"

Der sah dem jungen Offizier kopfschüttelnd nach, wie er mit schwerem Schritt sich nach der Linde wandte.

Da ist was nicht in Ordnung," murnielte der Alte vor sich hin,er weiß nicht, daß sie hier ist, trotzdem sie ihm geschrieben, sie könne nicht komme». Seltsam, seltsam sollte sie vielleicht mit einem andern? aber das wäre ja eine Schande nein nein!" Und er ging weiter nach einem seiner Pflege übergebenen Grabe, um dort die Rosen abzuschncidcn, die von dem Regen gelitten hatten.

Wols sah Mary nicht, halblaut rief er ihren Namen > jedoch erfolgte keine Antwort. Vielleicht hatte der Alte sich doch getäuscht; aber das war ja wieder nicht möglich, »ocnn sie ihn sogar gegrüßt hatte! Schwer ließ er sich auf der Bank nieder, um seine Gedanken einen Augenblick zu sam­meln. Eisig griss es nach seinem Herzen, und eine lläh-- mendc Angst erfüllte ihn. Was hatte Mary hier zu suchen, nachdem sie ihm feie Zusammenkunft verweigert? War sic seiner vielleicht gar überdrüssig? War all ihre keusche Zu­rückhaltung vielleicht nur Schein und Berechnung? Sehnte sie sich nach Abwechslung? Nun gut, das war ja jbie beste Lösung für ihn dann stand ja nichts mehr im Wege, Gabriela zu heiraten und ein Leben voller Behaglichkeit u führen! Wprum aber überlief es ihn so kalt, wenn er. aran dachte? Tor, der er doch war! Gewaltsam schüttelte r die Gedanken von sich und sprang auf. Das war ja alles Unsinn Hirngespinste, womit er sich quälte Wart) war

ja sein sein süßes Märchen., die ihm unmöglich untren sein konnte! Wie er in einen Seitenweg cinbiegen nwllte, kreuzte dicht vor ihm ein junger Mann seinen Weg, der eS sehr eilig hatte, fortzukommen. Flüchtig blickte ihn Wolf an und sah eine schlanke, elegant gekleidete Gestalt, ein blasses, schmales, bartlose? Gesicht mit schönen regelmäßigen Zügen der Mann machte den Eindruck eines Künstlers. Eine seltene Erscheinung auf dem Friedhof, doppelt um diese Zeit; vielleicht hatte oer auch ein Liebchen, das er hier traf! Fast unwillkürlich schlug Wols den Weg ein, den der junge Mann gekommen ivar; da sah er vor sich ein Tuschens tuch liegen; er bückte sich mehr mechanisch danach ein leiser Hcliotropduft flog ihm daraus entgegen; ein Tust, den Mary so über alles liebte! Aufgeregt saltete er das

Tuch auseinander, den Namen zu suchen--unb alS er

ihn gefunden, ließ er die Hand mit einem tiefew Stöhnen sinken das Tuch war eins von den feinen Batisttüchern, die er ihr geschenkt, gestickt mit ihren! Vornamen. Das also war es, warum sie nicht gekommen war sie hatte sich nach Abwechslung gesehnt -- er hatte sein Herz einer Dirne geschenkt o! Vielleicht hatte sie gar in den Armen ihres Liebhabers über ihn gespottet, über seine Schwerfällig­keit! Anscheinend ein Künstler, verstand es der andere viel­leicht besser, sie zu unterhalten, als er mit seinen kleinlichen Bedenken! Und da erfaßte ihn eine rasende Wut, daß ev am liebsten alles um sich her vernichtet hätte! Mit tiefem Stöhnen ließ er sich aus eine Bank nieder. Nur ein Ge­danke beherrschte ihn: Mary ihm untreu, sie, die er so heiß liebte, hatte ihn belogen er hatte sein bestes', sein, heiligstes Manncsempfinden an eine Dirne wcggeworsen! Wer weiß, wie viele vor ihm sic schon mit ihren Augen' betört, mit ihrer Gunst beglückt hatte! Er dachte gar nicht daran, daß sie vielleicht noch da sein, daher sie siudcn könnte nichts es überkam ihn ein namenloses Wehj vor dem alles andere versank. So fand ihn Berger, baffcn Räherkommen Wolf ganz überhört hatte. Tief erschüttert betrachtete der alte Mann den jungen vor sich. Er trat wieder ein paar Schritte zurück und gab dann sein Näher- kommcn durch lautes Husten kund. Wolf sprang aus; es brauchte niemand, der da kam, ihn in seincin Schmerz zu sehen.

Nun, Herr Leutnant," rief der alte Berger gezwungen lustig,Sic haben doch das Fräulein gesprochen?"

Wolf schüttelte stumm den Kopf.

Nicht? Aber erst vor ein paar Minuten habe ich Fräulein Mary gesehen. Ich wollte ihr zuruscn, daß Sie hier seien; aber sie hatte es sehr eilig, daß ich sie nicht habe, erreichcn können."

Das glaube ich," sagte Wols mit tiefer Bitterkeit, denn der junge Mann, mit dem sie anscheinend hier war, ist mir vorhin, ebenfalls sehr eilig, begegnet."

So, den haben Sie auch gesehen? Kurz nach dem Fräu­lein verließ auch er den Friedhof." Mitleidig betrachtete der alte Berger den jungen Offizier, wie er so dumpf brütend dasaß. Leise faßte er ihn an die Schulter.Kops hoch, Herr Leutnant. Seien Sie doch nicht so traurig!"

Habe ich denn nicht Grund dazu, Berger? Ist es nicht bitter, von dem Mädchen, das ich so sehr liebe, so betrogen zu werden?"

Wissen Sie das schon genau?"

Ist denn das noch nicht deutlich genug?" rief Wolf ausspringendmir abzuschreiben, dringend, ohne Grund und doch mit einem anderen hier zu sein?"

Haben Sie sie denn auch mit dem andern gesehen?" gab Berger ernst zurück.

Mann, machen Sie mich doch nicht verrückt! Ist denn das iioch nicht klar genug? Sie glauben ja selbst nicht, was Sic da sagen!"

(Fortsetzung wlgl)

Die Erziehung zur Gemeinnützigkeit.'»

Von etwas Neuem und Gutem wollen wir berichten, zugleich von sonnigen Aussichten in ferne Zeiten, trotzdem das gegenwärtige Berufs- und Geschästsleben immer ausrcibender und bedrohlicher wird. Wohl haben wir einerseits die erstaunlichsten Fortschritte in Erfindung und Technik gemacht; wohl hat sich ein ungeahnter, riesenhafter Äusschwung in Produktion und Handel vollzogen: auch ist die LebensWtung der Menschen heute viel gehobener, aber

*)Erziehung zur Gemeinnützigkeit" von Arnold Berger. Ver­lag von A. Haasc in Prag I, Annabof. .