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Rtgen hatte». Dadurch wurde die wirtschaftliche Entwickelung schwer gesckzädigt, und die Hemmungen, die dieser Druck aus das Innenleben des hörigen Bauern ausübtc, sind jedem Kuirdigen heute noch sehr deutlich erkennbar bei den Urenkeln.

Aber es hieße gegen die Geschichte ungerecht sein, wollte man behaupten, tzaß aus jenem Verhältnis zwischen Adel und Bauern­schaft nur schwere Nachteile entstanden seien. Sieht man von un­serem Gegenwartsstandpunkt aus oberslächlich zu, dann scheint cs allerdings so zu sein, als sei aller Unsegcn von den Ritterburgen Und den Adelshösen in die Dörfer ausgegangen.

Aber ein Blick in die Geschichte der Heiniat lehrt uns, daß auch diese Entwickelung nötig und gut war. Für beides möchte ich heute einen kleinen Beweis liefern, dafür nämlich, daß die Adels- Herrschaft einerseits ein Hemmnis, anderseits ein großer Vorteil für die Entwicklung des Dorfes ivar.

Diesen Beweis liefert uns ein Blick in die Vergangenheit der in de» dreißiger Jahren des »origen Jahrhunderts aufgelösten Rodhcimer Märkcrschaft. Die Geschichte der Rodheimer Mark ist bis letzt noch ungeschrieben: wiewohl es eine außerordentlich loh­nende Ausgabe iväre. Denn sic bietet wertvolle Ausschlüsse für die Entwicklung Rodheims seit 1560 etwa in säst jeder Hinsicht. Zumal ein reiches Urkundenmaterial, jetzt im Iiodheimer Arcksiv ausgestellt, zur Verfügung steht.

Die Anfänge der Mark Rodheim lassen sich nicht mehr erkennen, es fehlen uns da die urkundlichen Nachrichten. Genaue Kenntnis vermittelt uns ein sehr wichtiges Aktenstück aus dem Jahre 1663, das die Abschrift der im Jahre 1557 ausgestelltenMarckreguln" enthält. Daraus läßt sich etwa folgendes schließen: Die Zeiten der Reformation Ivaren auch für unsere Gegend sehr bewegt. Durch die Kämpfe und Streitigkeiten um das Evangelium konnten die sührenden Männer der ^Heimat sich nicht um die wirtschast- lichen Verhältnisse ihrer Dörfer kümmern; die Einführung der Rcsormation, der Schmalkaldische JÜrieg Und seine Folgeerschei­nungen geben ihnen alle Hände voll zu tun Dadurch entstand in den örtlichen Verhältnissen mancknrlei Unordnung. Es läßt sich denken, daß die Bewohner sich diese Umstände zunutze machten, um sich mancherlei Rechte in den ausgedehnten Waldungen auzu- maßen. Das Vorhandensein großer Wälder geht ja mit dem Holz- frcpcl immer Hand in Hand. Als deshalb, etwa nach dem Augs­burger Religionssricdcn 1555, die Glaube,isangelegenheiten eine vorläusige Erledigung gesunden hatten, gingen die Edlen daran, in den heimischen Verhältnissen wieder Ordnung zu febasse». Vor allem sorgten sie dafür, daß der wertvollste Besitz der Gegend, der Wald, in geordnete Pflege und Verwaltung genommen wurde. Es ist das unstreitige Verdienst jener Leute, damit eine Jnstitir- tion gesckwssen $» haben, die durch ihre straffe Ordnung die mancherlei Schwierigkeiten dreier Jahrhunderte erfolgreich über­dauert hat. Davon berichtet jenes Markregelnbuch mit folgenden Worten: Im Jahr nach Christi Unßres Erlösers und Scelig- machcrs Gnaden Geburt 1557 Aufs S. Thonias des Apostels Tag haben die Edlen unndt Ehrnvesten Junckh. Marx Lcsch von Wöhlnheim; Magnus Holtzapsell zu Vctzburg, Amblmann zu

Kleiberg und Sittig von Wolssskeeln zn Vetzberg......sampt

drcyen Gemeinden Rodheimb, Fellingshausen und Vetzberg sich miteinand verglichen, daß nun hinfürtcr alle Jahr von Märckern und Förstern Uss S. Thomastag wo möglich, die Rügen des selbigen Jahres all ingcbracht undt wie Jede verwirckte Buß nach Inhalt des Märckcrbuches vertheidiget werden." Eine ungemein interessante Notiz! Es liegt in diesen wenigen Worten eine ganze Fülle von Stoff, den wir nur durch viele Sätze zu erläutern vermögen. Es geht daraus unzweifelhaft folgendes hervor: I. Die Märkcrsckwft besaß schon eine gewisse Verfassung vor 1557, näm­lich sic wurde beaufsichtigt durch Märker und Förster. Die Märker waren stets drei, aus jedem Dorfe einer: dies Ehrenamt wechselte jährlich und ging reihum. Förster gab es damals nur einen, später drei sogenannteHeppensörster", die aus ehemaligen Mär­kern gewählt Mieden. Diese Beamten führten über ihre Tätig­keit Buch in den Märkerbücheru. Das setzte natürlich voraus, daß sie lesen und schreiben konnten. In der Tat habe ich in der Rod­heimer Vergangenheit merkwürdig wenig Analphabeten gefunden. 2. Als Eigentümer der Mark gelten die Adeligen und z,var die Besitzer der sog. Stammhäuser. Das sind: die Schmitte bei Rod­heim (Marx Lescksi, der Vetzberg er Hos an, Fuße des Burgbergs (Magnus Holzapfel) und das WolsHkeelsche Haus rechts neben der alten Pforte in Vetzberg (Sittig v. Wolfskecl). Tann galten natür­lich als Besitzer die drei Gemeinden Rodheim, Fellingshausen und Vetzberg. 3. Ter Grund, weshalb man sich niiteinander vergleicht, sind dieRügen und Bußen", also, wie wir vorhin schon betonten, haS Ueberhandnebmen der Waldfrevel, die eine scharfe lleberwachung nötig machen. Die ist aber mir möglich durch das feste Gefüge einer Organisation. 4. Der Tag, an dem das Märkergeding statt- finden soll und auch bis 1830 stattgesimden hat, ist der Namenstag des Apostels Thomas, der 21. Dezember. Es ist sehr anziehend, daß der Tag, an dem bei unsere» germanischen Vorfahren die zwölf heiligen Nächte begannen, das Fest der Wintersoniienivende, von den Nachkommen mit foIcf)cr Zähigkeit festgehalten wurde als Termin ihres Märkergedings. Bis ins neunzehnte Jahrhundert! Ei» kleiner Beleg dafür, wie stark uralte Gewohnheiten und Emp­findungen aus der Hcidenzeit in nnserein dcutsck>en Landvolk «purzeln.

Es ist keine Frage, daß die drei Edlen durch Schaffung dieser kbganisation etwas sehr wertvolles sür die vicv Dörfer außer

den drei geuannten noch Bieber geschaffen haben. Freilich- so ganz selbstlos sind sie dabei wohl nicht gewesen; denn sie waren dieObermärker", d. h. diejenige», die die Aussicht führten und infolgedessen standen ihnen auch größere Rechte zu. Wir werden sehen, daß in diesem Umstand der Kern zu den späteren Mißhclligkeitcn enthalten war. Mer vorderhand mußte es so sein. Tie Adligen, als die einzigen Leute mit weiterem Blick, waren für die Märkerschast die gegebenen Vorsitzenden. Und es äst zweifellos, daß diese Märkersckzast für unsere Heimat einen un­berechenbaren Segen gebracht hat. Zunächst durch eine rationelle Benutzung und Bewirtschaftung des ausgedehnten Forstes Es geht über den Rahmen eines kürzeren Aussatzes hinaus, da aut Einzel­heiten einzugchen. Nur einiges sei gestreift: die Eichelmast dev Schweine, das Brennholz, Werkholz, Streulaub, Waldsutter, vor allem: die Mark lieferte an ihre Glieder um einen Spottprms das Bauholz sür die Gebäude der Ortsansässigen, soweit sie Mit­glieder der Märkerschast waren, und sie warens fast alle. Weiter: Tie Mark war in alter Zeit das, was wir heute Spar- und Leih­kasse nennen würden. Natürlich nicht genau in dem Sinn und Umfang, wie wir uns heute eine solche Einrichtung vorstellen, Tie Märkerschast war der Geldgeber für Private und sür Ge­meinden. Tie ziemlich belastete Gemeind« Rodheim stand fast immer in ihrem Schuldkonto. Es ist sehr erstaunlich, daß die Märkcrschaft einige Jahre nach dem verheerenden 30jährigen Kriege imstande ist, Kapitalien auszuleihen. Ein sicherer Beweis dafür, daß die Adligen ihre starke Hand zunil Schutze hergaben, ohne sie wäre die Genossenschaft in den Stürmen dieser 30 Jahre gewiß zu Grunde gegangen. Neben dielen ideellen Werten, die in den er­wähnten materiellen Vorteilen steckten, müssen Ivir »och ein an­deres andcuten. Die Markvereinigung war im gewissen Sinne eine Vorläuferin unseres heutigen ländlichen Genossensckmstswesens. Unsere Dörfer kannten die genossenschaftliche Selbsthilfe lange vor Raifsciscn und Schulze-Delitzsch. Den Bauern wurde an denk handgreiflichen Beispiel der Waldbewirlschaftung die Gemeinsam­keit ihrer Interessen deutlich, sie lernten (unseren modernen Grund­satz kennen:Alle für einen, einer für! alle". Nicht diesen Wort­laut, aber seinen Sinn und Inhalt. Tein modernen Menschen braucht man daher den inneren Wert, de» eine solche Markgenossenschaft hatte, nicht auseinanderzusetzen. Und das größte Verdienst, diese segensreiche Einrichtung durch Jahrhunderte bin- durch aufrecht erhalten zu haben, gebührt ohne allen Zweifel deck alten Rittern. Natürlich tat auch die Bauernschaft das ihre, ohne das wäre es ja nicht gegangen. Aber die sviritus rectores, die geistigen Führer, die Seele des Ganzen, ivaren die edlen Inhaber der alteil Stammhäuser. Das muß auch einmal betont werden. Und deshalb müßte» die Nachkommen jener alten Bauern- wenn sie Sonntags zur Kirche kommen, die im Chor befindlichen fünf Ritterdcnkmäler mit Dankbarkeit und Verehrung betrachten. Sie waren alle, soweit sie dort in Stein verewigt sind. Inhabers jener drei Stammhäuser. Auf dem. was sic geschassen mrb erbalten haben, konnten unsere Väter weiterbauen.

Tab ohne die Adligen die Mark zugrunde gegangen wäre, lehrt uns ein weiteres Ereignis. Wohl sagten wir vorhin, daß wenig Jahre nach dem westfälischen Frieden die Genossenschaft wieder in guter Finanzlage war. Aber das war auch nn- das Rettungswerk der Edlen. Es bedarf ja gar keiner Erürtcr ' r daß auch bei uns in jenen unerhörten Kriegsleiden alles drunt.w rnd drüber ging: auch innerhalb der Märkerschast. Darum war es nötig, daß sie sich neu konstituierte. In der Tat: aus der Zeit von 1644 bis 1663 fehlt uns jegliche Nachricht, während in den vorhergehenden Kricgsjahren Spuren des bestehenden und tagenden Märkergedings da sind. Die Vereinigung ist also gerade in deik letzten Kriegsjahren aus den Fugen gegangen. Um das zu erklären und zugleich zu beweisen, erinnern wir bloß an die Zerstörung von Gleiberg (1646) und Königsberg (1647:. Da waren es loieder die Adligen, die das Rettungswerk in die Hand nahmen und die Märkerschast aufs neue zu der alten, festen Organisatton zusainmen- schlossen. Davon berichtet uns ein Einschub in den oben er­wähnten Satz, wenn es heißt: . . . Jtzund iin.Jahr 1663 er- newert von den Edlen uird Ehrnvesten Hans Günder von Boen- haußen Erbsas zur Schmieden, Generali Wachtmeister zn Giesse». Conrad Ulman BäNe von BäNins Awe, Hauptmann zu Giessen, undt Sinolt gcnand Schützer, Cantzler zu Gießen . ." Sie griffen aus die alte Ordnung ihrer /drei Vorgänger in den Stamm­häusern, die sic anno 1557 ausgestellt hatten, zurück, und brachten so wieder geregelte Verhältnisse in die verrottete Märkerschaft.

Aber dennoch waren seit jenen Tagen etwa die Zeiten- des guten Einvernehmens zwischen den Adligen »nd dev Bauernschaft vorbei. Das mag mancherlei Gründe gehabt haben; einige wollen wir zu erläutern suchen. Tie alten Edelleute, Lesch, Holtzapsel, Wolfskcel, ivaren alteingesessene Geschlechter gavesen, eines Blutes mit den Bauen:. Sie waren mit der Landschaft und ihren Ge­schicken seit vielen Jahrhunderten vertraut und verwachsen. So hatte sich sicherlich eine Art Vcrtrancnshältnis tzwischen den adligen Obermärkcrn und den Markmänncrn der vier Dörfer ergeben. Auf diesem Vertrauen beruhte letzten Endes das Wachstum und Gedeihen der Märkerschast. Der große Krieg aber hatte die alten Glieder des Vetzberger Ganerbiets hinioeggefegt und an ihre Stelle waren Glücksritter getreten, die die Kriegswellen in die Gegend gespült hatten. Die Sinolde von Schütz waren gar ein Gelchrtcngeschlecht. Daß diese Fremden sür der hessische»