Mit Sude war sie es auch gewesen, die das so fein ersonnerr hatte! — Wortlos stand er ans und griff nach säiner Mütze. Herr Ulrich erhob sich gleichfalls.
„Sie gehen, Herr Leutnant —?"
„Ja, Herr Ulrich, denn ineine Selbstachtung verbietet mir, noch säuger eine solche Erniedrigung meiner Person init anzuhoren. Ich lasse mich nicht kaufen! — Morgen, werde ich den Wechsel zur bestimmten Zeit einlöseu."
„Wie Sie wollen," lautete des Baukiers kühle Antwort; „ich gebe Ihnen aber zu. bedenken, daß ich keine Lust habe, mich zum Mitschuldigen eines offenbaren Betruges zu machen, zu dem Ihr Name benutzt worden ist!" Dabek wandte er sich ab und sah anscheinend gleichgültig zum Fenster hinaus. Wolf trat wieder einige Schritte zu ihm hin und entgegnete mit mühsam behaupteter Fassung' „Ich habe den Wechsel ausgestellt —"
„Das ist nicht wahr, Herr von Wolssburg, Sie sprechen die Unwahrheit! Sie sind es nicht gewesen; Ihre anfängliche Entrüstung war echt und recht — Sie waren rs nicht, sondern, wenn Sie es durchaus hören wollen —" „Nein, nein," schrie da Wols auf, „nein! — ?lber was haben Sie den» für Schaden? Ich zahle Ihnen morgen die Summe, ich kann sie bekommen — dann ist die Sache erledigt."
„Meinen Sie? Für mich nicht! — Ein Kaufmann, Herr von Wolfsburg," entgegnete Ulrich scharf, „hat denselben Begriff von Ehre, >vie die Herren Offiziere, die manchmal einen ganz falschen und übertriebenen Kultus/ damit treiben! Nochmals, ich gebe niich nicht dazu her —" „So gönnen Sie mir doch wenigstens Zeit zur Ueber- kegung!"
„Ueberleguug, lvo andere mit tausend Freuden zugreifen würden," sagte der Bankier in bitterem Tone, während doch etwas lvic Mitleid beim Anblick von Wolfs bleichem Gesicht in ihm aufstieg.
„Herr Ulrich — ist das aber ehrenhaft, mich zu etwas zwingen zu wollen, wovon —"
„Kein Wort, Herr Leutnant, lvenn Sie nicht Ivollen,. daß morgen schon der Name Wolssburg mit Schmach bedeckt ist! — Ich habe Mitleid mit Ihnen, lveil ich Sie, stets als einen Mann von Ehre und Charakter erkannt habe, deshalb schlug ich Ihnen diesen Ausgleich vor — denn seinem Schwiegersohn tut man schon zuliebe, was' einem Fremden gegenüber doch zu gewagt wäre! Zum Beispiel könnten Sie von dieser Sache nicht doch einmal Gebrauch machen? Dann wäre uiein Ansehen als ehrlicher Geschäftsmann hi»! Zu solchen unsauberen Geschichten gebe ich mich nicht her." Scharf und bestimmt klang alleß. was er sagte, und seine Augen ruhten forschend aus Wols. der mit gesenkten! Kopfe dastand, die Mütze nervös in den Händen drehend.
„Also, wie Sie wollen, Herr Leutnant," fuhr der Bankier kühl fort, „ich dränge Ihnen meine Tochter nicht aus; dazu ist mir mein Kind zu lieb. Glauben Sie denn, daß ich da kein Spser bringe?"
„Herr Ulrich," rang es sich mühsam von Wolfs Sippen, „Herr Ulrich, ich bin ja bereits gebunden! Ein Mädchen —"
„Weiß ich, lieber Wolfsburg, weiß ich alles! Sie werden doch aber nicht ini Ernst daran gedacht haben, jene kleine Putzmacherin zu heiraten?" Etwas wie Mitleid über solche Unvernunft klang da aus seiner Stimme. „Im Ernst? Das glaube ich nicht! Liebe macht blind! Begreife ich, wenn das Mädel so hübsch ist, lvie meine — wie allgemein gesagt wird. — Na, über so etwas sehe ich hinweg. Nach den Verlobung aber muß natürlich reiner Tisch gemacht werden! Am besten, wir/geben per Person leiuelAbsindungssumme " „Halten Sie ein, Herr Ulrich," stieß Wols halberstickt
hervor, „halten Sie ein, das ist meine Sache.--Eine
Frage noch: weiß Ihr Fräulein Tochter danim?" Er wollte klar sehen; sie nmßte es wissen, bestimmt; denn sonst hätten ihre Andeutungen nicht gar so bezüglich geklungen. Der Bankier hatte in seinen Papieren zu suchen, als er diese Fraye beantwortete; es war fast, als scheue er sich, Wolf in die Augen zu sehen.
„Meine Tochter? Nein! Wie sollte sie —? Aber mir wurde an Meinem Stammtisch von Ihrer Schwärmerei errählt. Sie wissen, der Stadtllatsch beschäftigt sich gern nnt den internen Angelegenheiten höherer Stände — da sickert so manches in dre Oefsentlichkeit —"
„Wie du lügen kannst," dachte Wolf voller Ingrimm,
„Deine Quelle kenne ich!" und laut fragte er: „Und di« andere Angelegenheit, was sagt Fräulein Tochter dazu?"*
„Herr von Wolssburg," wandte sich Ulrich ihn, da zu. „Sie scheinen zu denken, daß ich meiner Gabriele Einblick in meine geschäftlichen Sachen gestatte! Da sind Sie sehr im Irrtum; es fehlt ihr übrigens jedes Interesse daran. Nein, »ein, sic ist ganz unbeteiligt."
„Ah, dann ist mir ein großer Stein vom Herzen! —j Es müßte auch für Fräulein Gabriele ein wenig angenehmes Gefühl sein, wenn in dieser Weise über ihre Person verfügt wird. Dann kann ich ihr morgen auch — unbesangencr ent- gegeutreten! Jetzt gestatte» Sie mir ivohl, daß ich mich ent^ ferne — ich muß mich doch erst etwas zurechtsinden!" Er verneigte sich; Ulrich gab ihm bis zur Tür das Geleit» schüttelte ihm zum Abschied freundschaftlich die Hand mit einem „Auf Wiedersehen" und ging daun wieder in sein Privattontor zurück.
„Es scheint ihm doch sehr schwer zu fallen, mein einziges Kind mit seinem Vermögen zu lieben! Die Sache niit der kleinen Putzmacherin muß also lvohl wahr sein und tiefer sitzen, als ich dachte! Lächerlich — er wird schoni andern Sinnes werden, lvenn ich ihm sage, was meine Tochter bekommt. So unempfindlich ist keiner gegen den Wert und die Macht des Geldes. Jetzt ist cs vicllciclst: Trotz von ihm — später wird er es niir noch danke»! Es wäre töricht gewesen, jetzt auf meine Macht über ihn zu verzichten, lvo ich weiß, wie heiß ihn Gabriele begehrt, und er ist mir auch als Schlviegerjohn der willkommenste von allen! Schön, aus altem Geschlcchte — wer weiß beim weiter von dem Flecken aus dessen Schild —" so sinnend saß er an dem Schreibtisch.
Gabriele war sein einziges, von ihni abgöttisch geliebtes Kind. Jeder Wunsch lvurde ihr erfüllt; lvas er ihr an den Augen abfehe» konnte, tat er Maßlos verlvöhut und ein Entsagen nicht kennend, erfüllte es sie fast mit Zorn, daß Wolssburg sich so kühl ablehnend gegen sie verhielt und gar keina Miene machte, mit den vielen Bewerbern um ihre Hand in Wettbewerb zu treten. Und sie hotte ihn dock, so gern, den schlanken, vornehmen Offizier mit dem schönen dunkeln Geficht! '
Ihr Baker war sehr zufrieden, daß sic noch bei ihm war; >a>bcr trotzdem wunderte er sich, daß sie so gar keine Neigung zum Heiraten zeigte — die Sache mußte tiefer liegen — und da, auf sein Drängen hatte sie ihm denn gestanden, daß sie sich aius keinem ihrer Bekehrer etwas mache, daß ihr alle» aUc gleichgültig loären — bis ans einen — und der bemühte sich nicht um sie! Leutnant Wolssburg! Tränen hatten ihre Augen erfüllt, als sie von seiner Kühle sprach. „Ich heirate nicht, Papa, wenn ich ihn nicht bekomme — ach, ich bin so unglücklich!" Er hatte sie getröstet, daß Wolssburg in seinem stolzen Sinn durch feine Armut zurückgehalten fei —
Sie hatte da höhnisch aufgelacht. „Seine Armut? Sag' lieber meine Putzmacherin, daun hast du cs richtig getroffen! Ja, Papa, kannst mir glauben, so ist es! Ich weiß es ganz genau; er trifft sich säst jeden Abend mit ihr; erkundige dich nur danach — um diese Person verschmäht er npich!" Und sie war da in Tränen ausgebrochen, in heiße, eigen-j sinnige Tränen. Sie hatte ihm leid getan in ihrem Schmerz, so daß er ihr die größten Versprechungen gemacht hatte, um sie zu beruhigen. Nun war jenes Ereignis mit dem Wechsel oingetrete» — und er sollte seiner Tochter nick)k helfen? Er hatte ihr einige Andeutungen geniacht, daß eS in seiner Macht stünde, Ihr vielleicht ihren Wunsch erfüllen zu rönnen, und wie glühend dieser in ihr lebte, hatte er an ihrer Freude sehe» können. Listig schmeichelnd war es ihr gelungen, ungefähr die Sackte zu erfahren — und was sie nicht von ihrem Vater lvußte, das kombinierte sie —> und fast richtig — in ihrem schlauen Sinn —' wie WolH auch richtig^edacht hatte, daß ihr dieses Geheimnis nicht un-j bekannt fet. — ^
(Fortsetzung lolgt.)
Rodheimer Markftrcitigfeiten.
I» der Nenjahrsnacht brannte zu Rodheim an der Bieber die große Scheuer des ehemals Rabenauischen Hofes ab Sie war nicht nur, wie der Gicßencr Anzeiger berichtete, „eüi Markstein alter Holzbaukunst". Dieses mächtige Bauwerk war ein sichtbarer Zn,ge der sozialpolitischen und wirtsä>aftlichen Vergangenheit des Dorfes. Denn mit der seit September 1010 verschwundenen alten Säml« erinnnerte sie die Nachgeborenen daran, dag einst die ortsansässigen Edcllnite ihre harte Hand ans der einheimischen Bauernschaft


