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Ersparnisse der ganzen Fainilic gekostet. Ae Ivar die einzige, die sich pflegte. Die Jüngste der Srhlvestern, die nmii „die Kleine" »aiinle und die weder hübsch noch graziös nwr, ei» achtzehnjäh tigeS Mädchen, das gerade sein Exanirn gemach! halte, betlagtc sich iiie, arbeitete iniiner hintereinander und schien nickst im mindesten daran zn denken, das, cS noch eine andere Ekistenz geben köiine, als die bisher geführte. Diese Aussassung tonnte viellincht dcil Grund haben, daß sie als Jüngste noch sehr klcii, war, alS ihr Vater den geschästlichcn Tchisfbrnch erlitten hatte, und sie von den besseren Zeiten, an die sich die beiden anderen mehr oder minder deutlich erinnerten, nichts wusste.
Tie Nacht brach herein, eine späte FrühlingSnacht, in denen die nach der Straße geössnctcn Fenster in der vorgeschrittenen Stunde noch ejn ivcnig Licht, ei» wenig Staub und ein wenig laue Wärnie hineinließen. Eecile ivar kaum ins Zimmer getreten, hatte ihren Hut ans daS Bett gelegt und war dabei, ihren Schleier sorgsältig zu falten, als Marie, die sie küßte und in der Dunkelheit ihr ins Gesicht zn sehen versuchte, ansries: „Dir ist etwas passiert." In diesen! Augenblick ging die Mutter durch den Korridor, um das Abendessen auszutragcn.
„Ja," sagte sie, ohne stehen zn bleiben. „Eine große Neuigkeit; kommt, ihr sollt sie hören."
Tie Mutter, die in dieser Häuslichkeit die Pflichten einer Köchin und eines Hausmädchens erfüllen mußte, ivar eine arme, verbrauchte, überarbeitete Frau, verbittert durch das, ivas sie Pech nannte, das heißt den Geldverlust von einst, die NahrungS- sorgcn von jetzt, und unfähig, einen! anderen Gedanke» nachzn- gehen. Sie setzte sich nun an den Tisch, und während sie die Suppe aussüllte, fuhr sie fort; „Ja, ich habe euch mitzuteilen, liebe Kinder, daß man Cßcile in einem Schloß eine Stellitng als Erzieherin angcboten hat."
Marie und Jeanne, die shinmetrischc Fehler aus dcui gedeckten Tisch in Ordnung brachten, hier ein Glas richtig schoben, dort die Obstschale aus einen anderen Platz setzten, beugten sich vor. Das Licht d.cr Hängelampe siel aus ihre roten Schürzen, die sie über ihre Kleider gebunden hatte».
„Erzieherin? Die Kleine? In einem Schlosse?" sragicn sie.
„Und in einem große». Sie wird ein Zimmer und eiir Doilcttenziinmer in einem Turm betvohncn, getrennt von den Zinnncru der Kinder, sie darf an den Mahlzeiten in, Eßzimmer teilnehmen, selbst ivcnn Besuch da ist, sie hat täglich zwei Stunde» Zeit, um zu lesen, es ist versprochen tvorhen, daß sie sich an den Ausflügen beteiligen darf, und einmal nionatlich darf ich Sonntags unseren kleinen Liebling besuchen."
„Ist cS weit von hier?"
„Fünfzehn Meilen."
' „Wieviel Kinder hat sic zu unterrichten?"
„Ein einziges von dreizehn Jahren. Eecile ist achtzehn Jahre, das paßt sich gut. Heute haben nur einmal Glück gehabt. Denn ich muß euch, sagen, daß ich sünszehnhundcrt Franken für eure Schwester dnrchgcsetzt habe. Ist das nicht großartig? Sie hätte nicht gewagt, eine solche Snnime zu sorder». Ich wagte es. Ich sagte: Gnädige Frau, cs gibt Erzieherinnen und Er-- rieherinncn, aber ein junges Mädchen der Gesellschaft ivie mein Kind . . . ."
lind ivährcnd sic ihren Töchtern vorlcgte, erzählte sic weit- schwcisig, wie sich alles zugetragen hatte. Jeanne und Marie blickten sie an. Mit verlosrrter, unruhiger, gespannter Aufmerksamkeit betrachteten sic die Kleine, die mit den, braunen Köpfchen nickte; „Ja, so war cs, es stimmt." Ganz bleich vor Erregung studierte sie die Mienen ihrer Schwestern, um zu wissen: soll ich inich freue», ist cs wirklich eine gute Nachricht, ist cs das Glück?
Jeanne berechnete, daß das versprochene Honorar 750 halbe Klavicrstundcn, die halbe Stunde zn 2 Franken, bedeutete; sie dachtte, daß Cecilc keine Ausgaben, außer ihrer Toilette, haben ivürde, und vor vierzehn Tagen hatten sie sich das Soinmer- kleid tiiid den Sommerhut bereits gelaust.
„Es ist herrlich," sagte sic. Marie, die ihre Ansicht immer* zuletzt äußerte, der man dann aber am meisten Beachtung schenkte, meinte;
„Was mich verführen würde, ist der Gedanke, sich nur mit enieni Kinde beschäftigen zu brauchen, mir seine Liebe zu erringen, die Mutter zu ersetzen ... Wenn man jemand auch noch so viel Privatstunden erteilt, der Einsluß ist doch nicht der rechte. Kaum, daß man sich die Stimpathie erringt, aber das ist auch alles. Wie habe ich schon durch den beständigen Wechsel seelisch gelitten . . -
„Und ich phpsisch," unterbrach sic der Jüngere. „Ich habe Anstrengunge» ausballen müssen, die Eecile nicht criragcn ivürde. Daun reizt inich auch_bie veränderte Umgebung, Eecile wird reisen. Wann soll sie ihre Stellung autrcteu, Mutter, du hast es noch nicht gesagt?"
„Wir iverden cs in vier Tagen wisse» ,, . . Ich werde durch eine» Brief benachrichtigt werde». Es ist eine gewisse Zeit nötig, »in die bisherige Erzieherin zn verabschieden, und daS Kind daraus vorzuberciteu, unsere glückliche Eecile zu cnipiangrn....."
Die glückliche Eecile, die tiefe Schatten unter den Augen hatte und sehr überarbeitet aussah, blickte ihre drei Richter prüseud au lind verstand, daß sic sich wirklich freuen konnte; sie tvurdc lcbhast. sie niachle Projekte, sie war ivitzig. Zivischeu ihr und Jeanne be
sonders. den beiden Jüngsten, war die Konversation io lebhaft und lustig, daß mau das Mädchen, das bisher so ruhig ivar, gar nicht wiedcrerkaunle.
Selbst als das Abendbrot beendet war, machte die gute Nachricht ihreii Einfluß lveitcr geltend. Die Mutter deckte den Tisch ab, und als sie geschäftig von einem Zimmer in das andere ging, »>n»dertc iie sich jedesmal, ivenn sle in das Eßziinnicr znrückkehrte, ihre Töchter nicht so schweigsam als sonst zu finden. Marie, Jeanne, Eecile besserten »in diese Zeit ihre Sachen aus und saßen »,n die Lampe hcruin. Bon Zeit zn Zeit lochte ein frisches Lüilchen.
Tie beiden Acltestcii sprachen von den Schwierigkeiten ihres Berufes, nicht um sich zu beklagen, nicht bitter, int Gegenteil, in guter Laune, um die Hossnung der Kleinen zn stärken, die keine Privalstunden mehr zn geben brauchte.
Jedoch als sie endlich ausstandcn, erfaßte Marie in feem Schweigen der nun eingeschlascncn Stadt plötzlich das Bewußtsein der bevorstehenden Abreise. Ais sie sich herumdrehte, »in ihrer Mutter gute Nacht zn sagen, sah sie ihre stingc Schwester durch die Dunkelheit schon halb verschwunden. Sie dachte: „Sie muß abreisen. In vier Tagen wird sic jahrelang fortgehen." Und dieser Gedanke, den sie von Anfang an unklar enipsnnden, gegen den sie seit Stunden angckämpft hatte ans Furcht, selbst zn leiden und den anderen Kuminer zu verschaffen, bemächtigte sich rbrer mit aller Gewalt. Marie trocknete sich heimlich die ersten Tränen.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, war der Gedanke, den sie zuerst unklar empfunden, jetzt deutlich geworden: „Diese gute Nachricht ist ein Unglück. Wenn eine von »ns dreien sortgeht, ist das Haus tot." Sie behielt ihre Ansicht für sich. Aber als Eecile ab.ends die Unterhaltung vom Tage vorher wieder mit Jeanne ausNehmen tvollte, sprach diese die Worte; „Schloß, Freiheit, Spas zicrgänge" in einem Ton, als ob sie nicht mehr daran glaubte.
Am Tage daraus sagten die drei Schwestern, daß sie sich nicht wohl fühlte», und legten sich zu Bett, ohne wie sonst miteinander gepiandcet zu haben.
Am dritten Tage ging Marie, die sehr früh ansgewacht lvar. in eine nahe Kirche, um die Messe zn hören. Kaimt kniete sie zwei Minuten, als sic Schritte hinter sich hörte, die leise über den Steinfnßboden glitten, „Oh," dachte sie, „das ist Jeanne, die Ivie ich leidet." Und wirklich ging Jeanne an ihr vorbei. Einige Angcn- blicke nachher kam auch Eecile. Sie vermieden cs, sich zn begegnen und sich auszusprechen.
So kam der vierte Tag heran. Marie und Jeanne hatten ihr Fortgehen verzögert, um »och anwesend zn sein, wenn dir Briefe gebracht tv,irden. Es ivar acht llhr morgens. Die Klingel ertönte. Die Mutter sagte: „Nun ist er da." Ebenso aufgeregt als in jencin Moment, als sie für ihre Tochter eine bessere Zukunst und für Jicf) eine Verringerung der Sorgen gesehen hatte, öffnete sie die Tür und nahni den Brief entgegen. Es iv>ar zn dunkel, und sie konnte ihn im Korridor nicht lesen. Sie ging an das Fenster des Eßzimmers, und während des Gehens öffnete sie den Briefumschlag. Die Kinder folgten ihr stumm, bleich, ohne Eile.
Bei den ersten Zeilen fuhr sie aus: „Wir haben doch nie Glück! Tic Jetzige bleibt wieder."
Klagend las sie den Brief mit lauter Stimme. Aber ihre drei Töchter, die bis jetzt nebeneinander gestanden hatten, umarmte» und küßten sich wie närrisch. Sie schluchzten, sie lachten, sie preßten sich aneinander, und ihre Wangen, die wieder rosig wurden, waren von Tränen und Küssen feucht.
Zuerst sprach Marie: „Welch grenzenlose Freude!" Jeanne aiitivortete; „Wenn die Kleine uns verlassen hätte, wäre ich gestorben." Nun sagte die Kleine: „Ich war fest cnlschlosscn, abzn- schrcibeii."
Mit verschiedenen Worten sprachen alle drei das eiitschcidcude Urteil ihres Lebens ans: „Wir trennen uns nicht." Und an jenem Tage weinten sie vor Freude bis zum Abend, weil sie das Geheimnis erraten hatten, weshalb sie in ihrer Armut so glücklich waren.
vom 5uez-Nan«!.
Tie schmale Fahrrilllic des Suez-Kanals, welche an vielen Stellen kaum die Breite der Lahn bei Gieße» hat, jener Schisi- fahrtswcg, der das Mittclinccr mit dem Roten Meer verbindet und hierdurch den Seeweg nach Indien um mehr als die Halste verkürzt, bietet dem, nach dem fernen Osten Reisenden, ivie auch dem »ach Enropa Zurücklehrcnden, nach ermüdender Seefahrt eine Abwechslung, wie sic eigenartiger kaum denkbar ist. An Bord des Ozcaildanipscrs wird ihm in angenehmer, langsamer Fahrt, ohne daß er feinen bequemen Liegest,ilil zn verlassen braucht, die Ein- sainkcit der Wüste ivie in einen! grandiosen Wandelbildc vor Augen geführt. Sic zieht an ihm vorüber in ständig locchsclnder Szenerie, bald als kahle, leblose Ebene, deren Grenzen am fernen .Horizont tut Nebel verschwinden, bald ivicder in zackiger, in violetten oder rosa Tust gehüllter Gebirgssori». Freundliche, von Hainen ans Dattelpalmen umgrünte Oasen, armselige Araberdörfer mit einer kleinen Moschee, Karawanen beladener Kamele, Züge arabischer Mekkapilgcr, das alles bietet sich dem Ange in echt orientalischer Eigenheit, ohne daß man damit in niierwüiischtc Berührung kommt.
Verläßt man Port Said, eine Siadt von 60000 Einwohner», die ihre Entstehung dcni Kanalba» verdankt, so dehnt iich
rechts und links die weite, nnüberiehbare Fläche des ^ees Men-


