Ausgabe 
17.1.1914
 
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in dieser Weise schrieb er ihr jetzt, um seine nagenden Ge­danken jii verbanne». Bor ihm stand ihr Bild, hinter diesem eine Schale mit weißen Rosen sie sollte immer von ihren Lßeblingsblnmen umgeben sein, lvie er auch nie versäumte, ihr stets Blumen mitzubriugen, wen» sie sich trafen. Dann nahm er die Photographie zur Hand und betrachtete sie lange, während ein tvehmütiger Zug über sein schönes dunkles Gesicht glitt, und seine Gedanlen beschästigten sich mit ihrsollten lvir uns vielleicht trennen müssen -- welch' böses Verhängnis droht uns? Nein, nein, du Süße, nimmer soll das geschehen wir beide gehören zusammen für immer und ewig! Wenn ich dich nur erst wieder ge­sehen hätte! Doch dir fliehst mich seil jener Stunde! Und hast eS doch nicht nötig o die Erinnerung daran möcht' ich uni keinen Preis dahingeben wie du Heist füffen; kannst o" er schloß die Augen,Mary"

Mer die Wirtlichkeit machte ihre Rechte geltende der blaue Geschäftsbrief, sowie der moschusdnstende des Bru­ders er liebte derartige Extravaganzen sehr drängten sich wieder in seine Gedanken. Da siel sein Blick ans die Uhr vor ihm.Gleich zlvölf? Da muß ich eilen, wenn ich sie noch sehen will."

Aber er traf sie nicht, so sehr er auch llmschan hielte Ta crsasttc ihn tödliche Angst. Gewiß war sie krank, und wollte cs ihm verheimlichen sic hatte schon neulich so elend ansgesehen. Wenn er sie doch nur anssuchen könnte; aber das ging ja nicht! Wohl oder übel mußte er bis morgen abkud warten!

Endlich, endlich war es Zeit, daß er den gclvünschtcn Besuch machen konnte. Er wollte gleich in das Kontor ein- tretcn, jedoch Gabriele, die ihn hatte kommen sehen, kam ihm entgegen und sordcrtc ihn auf, sich einstweilen noch mit nach oben in die Privatwohnung zu bemühe», da Papa noch schliefe. Ihr Gesicht trug einen seltsam triumphierende» Aiisdruck, was er wohl bemerkte, uikd eine trübe Beklommen­heit erfaßte ihn, als er die breiten teppichbelegten Stufen emporschritt was mochte ihm wohl bcvorstchen?

Im Salon angekommcn, bat ihn Gabriele, Platz zu nehmen und verwickelte ihn in eine Unterhaltung, die sic wohl zu führen verstand; ihr Benehmen hatte etwas Siche­res, säst Frauenhaftes, das kaum zu ihrer Jugend paßte, vielleicht auch daher rührte, das; sie die Mutter früh ver­loren hatte und infolgedessen repräsentierte, ihre Haus­dame, Fräulein von Lassen, war in ihren Augen keine voll-

geltende Persönlichkeit sie wurde ja bezahlt--Wolf

mußte sich Mühe geben, ein nur einigermaßen höflicher plesellschasker zn sein, da seine Gedanken anderswo weilten. Jedoch, das mußte er sich gestehen soviel Auge hatte er doch für sie daß Gabriele heute selten gut und vorteil­haft aussah in der sehr eleganten luftigen Sommertoilette, die de» vollen weißen Hals und den Unterarm frei liest, als einzigen Schmuck darum ein schwarzes Sammelband tra­gend, das die Weiße der Haut noch mehr hervorhob. Sie hatte wohl seinen bewundernden Blick bemerkt, und ein Lächeln befriedigter Eitelteit flog um ihren vollen Mund. Eben fragte sie ihn, warum er sich so selten sehen ließe- Er schützte den Dienst, sowie eine größere militärische Arbeit vor; da hob sie jedoch scherzhaft drohend den Finger.

Wer das ivohl glaubt, Herr von Wolfsbnrg! Tic jungen Leute suchen sich andere Zerstreuungen! Das schadet aber nichts; Papa sagt, Jugend -muß anstoben - ick, findexs riesig interessant; mich würde es ja gar nicht stören, wenn mein zukünftiger Gatte eine kleine Vergangenheit hätte. Das Iverdcn die beste» Ehemänner meinen Sie nicht auch, Herr Leutnant?" und kokett lächelnd neigte sie sich etwas zu ihm, während doch ein seltsam schillernder Blick in ihrem Auge war. Ihm schnürte cS fast die Kehle zu; ohne Zweifel wußte sic um sein Verhältnis zn Mary neulich schon hatte er das Gefühl gehabt. Es war ihm, als ob Katze und Maus gespielt werde, und er sei die Maus! Siedendheiß überlies cs ihn seine reine Liebe von diesen Lippe» in den Staub gezogen!

Ich weiß in der Tat nicht, gnädiges Fräulein, worauf Sie hinzielen."

Wirklich »ickit, Herr von WolsSburg?" Sie stand ans; er folgte ihrem Beispielwirklich nicht?" sagte sic, spöttisch den Mund verziehend. Da stand sie vor ihm, sich sotett in den Hüsten wiegend, einen verlangenden Ausdruck im Gesicht; wenn er sie jetzt geküßt hätte, sic hätte cL sicher gern geduldet. Er sah ihr wohl an. daß sie dieses. Zusa mmen treffen gern zn einem Schäferstündchen benutzt

hatte. Ein Ekel erfüllte ihn gegen dieses Mädchen mit dem gewöhnlichen Sinn, der von allem nur die niedrige gemeine Seite sah. Einen Augenblick erfaßte ihn der Gedanke, ihr von seinem Verlöbnis mit Marh. zu sagen; jedoch ein ihm unerklärliches EtlvaS hielt ihn davon ab,; cs dünkte ihm eine Entlveihung, den Ranicn der Geliebten vor diesen Ohren überhaupt nur zn nennen. Er wußte ja auch, daß Gabriele ihn begehrte und mit nichts hätte er sie töd­licher verletzen können, als mit jener Erklärung.

Nun, Sie schweige!». Sic bekennen sich also schnldig?"- jorschtc sie mit leichtem Lächeln,

Mein gnädiges Fräulein, ob wahr oder nicht jeden­falls halte ich ei» Gespräch über solche Dinge für sehr tvenig passend zwischen einer jungen Dame und einem unverheirateten Herrn."

Voll Aerger über die erhaltene Zurechtweisung preßte sic die Lippen zusammc», während ein hochmütiger Zug ihr Gesicht entstellte Das Verlangende, Hingebcnde war ganz aus ihrer Haltung geschwunden; ihre üppige Gestalt richtete sich hoch ans, und ganz unvermittelt bemerkte sic:

Ich glaube, Herr Leutnant, Papa wird Sie bereits erwarten!"

Er sah nach der Uhr.Schon vier? Und aus halb vier bin ich bestellt! Sie gestalten daher, gnädiges Fräivi lein, daß ich mich entferne"

Er verneigte sich; diesmal reichte sic ihm die Hand> und als die Tür sich hinter ihm gcschlvsse», rief sie lstih- nisch:Glück auf den Weg, Wols von Wolfsburg mein wirst du doch!"

*

Bankier Ulrich erhob sich von seinem Platz an dem mächtigen Schreibtisch, als Wols eintrat, ihn zu begrüßen. Er war von ziemlich kleiner, etwas zur Korpulenz eigen- dcr Gestalt. Das runde, von einem ergrauten Bart mn- rahmte Gesicht trug für gewöhnlich einen gutmütigen, jovialen Ausdruck, jedoch ein Zug darin zeigte, daß er rücksichtslos bis zur Härte sei» konnte, und auch die Angen hatten einen listigen, verschlagene» Ausdruck. Ihm ging der Ruf eines sehr tüchtigen, gewiegten Geschäftsmannes voraus.

Sic schrieben mir, daß Sie mich erwarten," begann Wolf, nachdem sie sich beide gesetzt.

Ja, allerdings, schon seit zwaiizig Minuten" lächelte Bankier Ulrich.

Dann bitte ich sehr um Verzeihung, aber Ihre Fräu­lein Tochter" entschuldigte sich der junge Offizier, hatte ihn dies Geschöpf noch belogen!

Schon gut," unterbrach ihn der Bankier, ..schon gut, Herr Leutnant! ich begreife eine junge Dame besitzt mehr Anziehungskraft als ein alter Mann! Nun, daß Sie sich gut unterhalten haben, muß ich ans Ihrer Unpünktlichkeit schließen freut mich sehr!"

(Fortsetzung scckgt.j

Die gute Nachricht.

Skizze von Rens Bazi».

Autorisierte Uebcrsetzung von N. E o l l i n (Berlin).

Zuerst war Marie heimgckommcn, dann Jeannc, znlctzl Ee» eile. In der kleinen Wohnung, die sic innchattcn eine Küche, ein Eßzimmer, drei durch einen Korridor vereinte Schlosst,»mer , konnte man jeden Abend zur selben Zeit dieselben ans vollen« Herzen gegebenen Küsse hören und dieselbe» Worte, die die drei Schwester» zueinander sprachen und die von der Mutter wieder­holt wurden:

Guten Tag, Liebling, bist du nickst zu abgespannt? Hast du auch nicht zu viel gearbeitet? Wirklich nicht? Tic ruhst dich jetzt aus, wie? Ach, wie schön ist es, zusammen zu sein!"

Tic Mutter setzte manchmal .hinzu:Hast bu bezahlt be­kommen?"

Marie, die Acltcste, ein großes blondes Mädchen, elegant und kräftig, mit fremden Leuten sehr reserviert und säst kalt, aber zu .Hause, >oo ein Lächeln nicht schlecht ansgelegt werden konnte, jeder in der Familie die gleichen Reckstc hatte, sehr zärt­lich. Sic war Lehrerin und erteilte sranzöjischcn Ilnterncht. Sic war kräftig, den ganzen Tag eilte sie von einer Straße in die andere, ohne daß die Ermüdung ihrer blühenden Jugend etwas anhnbcn konnte. Jeanne. 'die zweite, war zarter, freundlicher, anschmicgcndcc und für einen lobenden Blick oder ei» lobendes Wort einpsänglicher: sie gab Klavierstu'iiden. Aus Zeiten, in denen sie sehr blcichsüchtig >oar, kamen wieder Monate, i» denen sie vor Lebensmut übersprudclte. Im vorigen Jahre l>atle man sie in eine» Badeort schicken müssen, und diese Reise hatte dir