Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung t
6 .
„Was lehrt das Leben? Gib Mir bündigen Bescheid!"
„Dingeben, was dir lieb —,
Hinnrhinen, was dir leid!" Paul Hcyse.
Am anderen Mittag promenierte Wolf vergeblich vor dem Putzgcschäft — er sah Mary nicht. Aber er konnte sie nicht versehlt haben — sie war dann eben nicht im Geschäft gewesen — und er hätte sie doch so gern gesehen heut! Am Nachmittag fand er einen Brief vor, in dem sie ihm mitteilte, daß sie am Abend unmöglich kommen könnte! sie könnte ihm nicht unter die Augen trete». „Süßes Mädchen," sagte er leise vor sich hin, und lieh sich am Schreibtisch, nieder, sie mit den zärtlichsten Worte zu beruhigen — nun wäre sie doch unauflöslich mit ihm verbunden — so schrieb er ihr in heißen Worten, seine aufrichtige Liebe beteuernd und sie zuletzt um ein baldiges Wiedersehen bittend.
Sinnend lehnte er im Sessel, während ein weiches Lächeln sein ernstes Gesicht verklärte — er gedachte des verflossenen Abends, wie glückselig sie beide gewesen waren, und wie sie ihm nun für immer gehörte — ein Ehrloser, wenn er sie jetzt verließ. Der Gedanke an sie brachte sein Blut zum Sieden, er sprang auf und trat an das Fenster. Da sah er auf der anderen Seite der Straße Fräulein Ulrich gehen, die aussallend nach seiner Wohnung blickte, hastig trat er zurück, während eine Wolke über seine Stirn flog; mußte deitn dieses Mädchen immer seinen Weg kreuzen? Er betrachtete es fast als ein Omen, wenn er sie sah — sicher passierte ihm dann etwas Unangenehmes! Sie war ihni unsagbar zuwider.
Am nächsten Tage begegnete ihm Mary zur gewohnten Stunde; einen Blick hingehender Liebe warf sie ihm zu, dann aber wandte sie sich scheu ab, während es flammendrot über ihr Gesicht lief: sie sah elend aus und hatte dunkle Ringe um die Augen Sie tat ihm so leid; aus ihrem süßen Gesicht spiegelten sich sür ihn ihre Empsindungen, ach, so deutlich wider. Er fühlte mit ihr und sehnte doppelt die Stunde herbei, in der er sie tröste» und beruhigen konnte. Anderentags kam wieder eine Absage; endlich, auf sein dringendes Bitten und Verlangen bewilligte sie ihm eine Zusammenkunft sür den nächsten Abend.
An dem bestimmten Tage m,n erwachte er mit dem erste» Gedanken — „heute abend" —. Der Bursche brachte ihm die Kleider mit den Worten: „Herr Leutnant, 's ist halb sechs. — Ah, Herr Leutnant sind schon munter?"
„Jawohl — wie ists Wetter?"
„Schlecht, Herr Leutnant; cs regnet!"
„Es regnet?" kam es enttäuscht von seinen Lippen. Es durste nicht regnen; er wollte ja heut' abend sein Lieb treffen. „Na, vielleicht hört's wieder auf!"
„Ich glaube nicht," meinte der Bursche, „'s wird wohl ein richtiger Landregen werden! Der Himmel sicht aus wie 'n Sack."
Seufzend machte sich Wolf fertig. Da konnte er Mary nur bet Bergers sehen, und er hatte sich so danach gesehnt, sein Märchen allein zu haben und ihr alles zu sagen, was er für sic aus dem Herzen hatte.
Als er etwas ermüdet vom Vormittagsdienst nach Hause kam, lagen drei Briefe sür ihn da — einer von Mary, den er zuerst ergriff, die anderen beiden gar nicht beachtend. Beim Lesen vcrsinsterte sich sein Gesicht! Das tövichte Mädchen — hat sie denn gar keine Sehnsucht nach mir? Maru schrieb ihm in seltsam dringlicher Weise wieder ab, ihn vittend, nicht in sie zu dringen, es sei ihr heute una möglich, ihn zu sehen — bestimmt aber würden sie sich am nächsten Abend treffen. Es klang eine rührende Bitte aus ihren Zeilen, daß sein Unmut bald verflog.
Dann nahm er die anderen Briefe zur Hand, ein Geschäftsbrief von Bantier Ulrich — was mag er wollen? Und der andere vom Bruder Erwin, der so selten schrieb — „Ist vielleicht dem Vater etwas passiert? Gutes kann cs sicher nicht sein!" Von einer bangen Ahnung ergriffen, riß er das Kuvert hastig auf und las:
„Lieber Bruder!
Du bist sicher erstaunt, durch mich die Ankündigung von Papas Besuch zu erhalten. Er selbst wagt nicht, an Dich zu schreiben — Wolf, es ist etwas sehr Trauriges, Ernstes, was Vapa zu Dir führt; vergiß alles, was geschehen ist, und sei gut mit ihm! Ich kann Dir niichtsl Näheres schreiben. Du wirst cs selbst aus seinem Munde hören. Am 29. d. (0,12 Uhr abends trifft er dort ein.
Wie geht cs sonst? Ich kann nicht klagen und Du —? Kann man bald zum Hauptmann gratulieren?
Es grüßt Dein Bruder
Erwin."
Wolf ließ das Briesblatt sinken und starrte düster vor sich hin. „Was ist das? Was für Schreckliches bewegt den Vater, mich auszusuchen, mich, der gar nicht mehr sür ihn existierte? Sollte die Frau —?" Er fand sich nicht zurecht niit seinen Gedanken und erinnerte sich endlich des dritten Briefes — „was mag mir dieser bringen?" Er öffnete ihn langsam und las darin nur eine Aufforderung, am Nachmittag zu einer kurzen Unterredung ivegen einer wichtigen Sache in die Geschäftsräume des Bankhauses Ulrich zu kommen. „Was will er? Geschäftlich habe ich doch nie mit ihm zu tun gehabt?" Vergeblich sann und grübelte er über die beiden Briefe, er kam zu keinem Resultat, und dazwischen tauchte Marys Gesichtchen vor ihm auf, wie er es zuletzt gesehen — bleich und müde mit dem seltsam scheuen Bli«t, und tiefes Mitleid überkam ihn. — „Arme kleine Maur —- wir haben uns ja ko lieb; gräme dich doch nicht so" —>


