einer Mischung von Sturmhut (Aconitum) und Germer lLeratrum) vergiftet waren. Die Antike kannte und schützte die pflanzlichen Gifte. Besonders der Name des Königs von Kappado- cien. Mithridates VI., der von Vompeius besiegt wurde, wird Jahrhunderte lang als der des größten Giftmischers gerühmt. Mithri- vates, so geht die Ueberlieferung, soll sich, um den Nachstellungen seiner heimlichen Feinde zu entgehen, durch den Genus) zunächst kleiner, dann immer steigender Dosen — eine Methode, die mit der modernen aktiven Immunisierung gegen Infektionskrankheiten eine große Aehnlichkeit hat — allmählich so gistfest gemacht haben, daß er jedem Gifte widerstand; ja, als er freiwillig durch Gift aus dem Leben scheiden wollte, mißlang ihm der Versuch, und er mußte zum Schwerte greisen. Aus Mithridates geht auch ein als Allheilmittel das ganze Mittelalter bis in die Neuzeit hinein verwandtes Gemisch, das Antidot des Mithridates oder Theriak zurück. Es stellt eine Komposition von 54 Kräutern dar, unter denen Fcld- thyniian, Bärwurz, Klee, Anis, Fenchel, Eppich, Ervenmehl Vorkommen, alles Substanzen, denen man heute kaum noch eine medikamentöse Wirkung zuerkennen kann.
Auch die Vorstellungen, die in früheren Zeiten über die Art der Wirksamkeit verbreitet waren, vermögen wir nicht mehr zu teilen. Schleichende Gifte in dem Sinne, daß sie, heimlich beige- bracht, allmählich, ohne daß der Vergiftete es merkt, seine Widerstandskraft schwächen und ihn langsam töten, gibt es nicht. Denn die metallischen Gifte wie Blei, Quecksilber und Phosphor, die in der modernen Industrie so häufig zu chronischen Vergistnngs- erscheinungen führen, kommen für kriminelle Zwecke nicht in Betracht. Noch weniger Glauben zu schenken ist jenen Giften, die ihre Wirkung schon entfalten sollten, wenn das Objekt des Anschlages sie an seinem Körper, etwa als Ring am Finger, trug. Immerhin muß aber zugestanden werden, daß die Giftmischerei in Europa im Mittelalter, und in den daraus folgenden Jahrhunderten es zu einer üppigen Blüte gebracht hat. Am berühmtesten aus jenen Zeiten ist wohl das Gift der Borgia und das Gift der römischen Gift- mischerin Tofana, die über hundert Menschen das Leben kostete.
Natürlich hat auch die Kenntnis noch so vieler giftiger Substanzen niemals zu einer Kenntnis der besonderen Wirksamkeit eines einzelnen Giftes führen können. Die Lehre von den Giften, die Toxikologie, hat erst in dem Augenblicke festen Boden unter die Füße bekommen, als man aufhörte, das Gift als etlvas Einheitliches, Absolutes, Mystisches zu betrachten, sondern auch auf dies Gebiet die neue beobachtende und experimentierende Methodik der Naturwissenschaften anwandte. Man gewöhnte sich daran. Gifte, gleichviel ob es aus Pflanzen oder Mineralien stammte, als chemische Substanz anzusehen und seine Wirkung auf den Organismus sich als eine chemische Reaktion vorzustellen. Aber trotz der großen Fortschritte, die die Toxicologie gemacht hat, und trotz der vollständigen Nebersicht über die einzelnen Arten der Gifte, die es gibt, gelingt es nur schwer, eine kurze, klare und scharf Umschriebene Erklärung für den Begriff „Gift" zu geben. Man wird zunächst daran denken, daß das Gemeinsame aller Gifte ihre schädliche Wirkung auf den Organismus sei. Diese Begriffsbestimmung aber ist auf der einen Seite zu weit. Siedendes Wasser, Glassplitter, Stecknadeln schädigen zwar den Körper, aber es sind doch keine Gifte, ebensowenig wie tierische Schmarotzer, z. B. Bandwürmer, welche die Ernährung untergraben. Eher spielt schon der Quantitätsbegriff eine Rolle: aber auch nicht in dem Sinne, daß jede Substanz von einer bestimmten Menge an giftig würde, daß Wasser z. B. in großen Mbngcn getrunken, wegen seiner mechanisch-schädigenden Wirkung aus Herz und Kreislauf den Charakter eines Giftes erhielte. Gifte entfalten ihre Wirksamkeit schon in verhältnismäßig geringer Menge. So ist die tödliche Dosis das Atropins, des Tollkirschcngift.es, 130 Milligramm, bei Aconinn, dem Gifte des Sturmhutes, nur 4 Milligramm. Aber diese Menge ist eigentlich nur relativ klein. Kommt doch die Wirkung des Aconitins so zustande, daß es an ein paar Ganglienzellen im Kopfmark herangelangt, diese erst reizt und dann lähmt. Die Masse der Ganglienzellen, die angegriffen werden, stehen dabei in gar keinem ausfälligen Mißverhältnis zu der Menge des Aconitins. Verringert man die Giftdosis, so schmückst sich auch die Wirkung ab, man kommt dann schließlich an einen Punkt, jenseits dessen ein schädigender Einfluß gar nicht mehr zu spüren ist, und befindet sich nun im Bereiche der Wirksamkeit eines Medikamentes! Man spricht dann auch nicht mehr von einem Gifte, sondern von einem stark wirkenden Arzneimittel, für dessen Anwendung die Arznei- lehre nur gewisse Mengen gestattet. So beträgt die tägliche Maximaldose des vorher erwähnten Atropins 3 Milligramm, also V«s der tödlichen Dosis. In den giftigen Msngen lähmt das Atropin die Sekretion aller Drüsen, hebt die Akkomodation der Augen auf, indem die Pupillen sich erweitern, lähmt weiter die Hemmungsvorrichtnngen am Herzen, so daß der Herzschlag beschleunigt wird, ebenso wie die Darmmuskulation. Der Tod erfolgt durch Atemlähnlung. Anders wenn man innerhalb der medikamentösen Zone bleibt. Tann lassen sich mit kleinsten Tosen unter einem halbe» Milligramm rein lokale Wirkungen erzielen, die sich auf den Ort der Anwendung beschränken. Ins Auge geträufelt, ist es das ausgezeichnetste Heil- und Borbeugungsmittel gegen Rcgen- bogenhaiitentjündung. Bei Bleivergiftung, die die Darmgefäße Verengt, hebt Atropin diese Verengung auf, beim Magengeschwür, das mit einer übermäßigen Absonderung von saurem Magensaft pisammenhängt, tritt die sekretionshemmende Eigenschaft zutage.
An diesem tvillkürlich gewählten Beispiel sieht man, wie Gift durch Verringerung seiner Quantität zu einem vielvcrwandten Heik-- mittcl wird.
Man hat endlich, um der Definition des Begriffes „Gift" wieder näher zu treten, sagen zu können geglaubt, daß Gifte Stoffe seien, die den gesunden Organismus schädigen. In den Tat «best können Anregungsmittel, die für den Gesunden ganz indifferent siird, bei erkranften oder irgendwie disponierten Individuen durchaus Giftwirkung entfalten. Eine Tasse Kaffee kann bei bestehender Arterienverkalkung zu einer tödlichen Hirnblutung führen, ein Teller Krebssuppe bei Idiosynkrasie gegen Krebse einen heftigen Nesselausschlag verursachen. Kinder sind viel empfindlicher gegen die stark wirkenden Arzneimittel. Man muß daher die zur Anwendung gelangenden Mengen auf 'das äußerste hcrabsetzen. So ist die tödliche Atvopindose für das Kind statt 130 nur 95 Milliramm. Schließlich gibt es auch unter den; stark wirkenden Sub- anzen solche, die den gesunden Organismus ganz anders als den kranken beeinflussen. Am bekanntesten für dies Verhalten ist der Ausguß der Fingerhutblätter, des meist angewendeten Herzmittels. Befindet sich das Herz in gesunden» Zustand, so spürt man von der Digitalis keinerlei Wirkung. Steigt man mit dev Menge, so treten schließlich Bergiftungserscheinungen in den Organen des Kreislaufes auf: der Puls 'wird unregelmäßig, klein und beschleunigt. Ganz anders beim kranken Herzen, das in feiner Kraft geschwächt ist und nur unvollständig seinen Funktionen Nachkommen kann. Hier wirkt Digitalis regulierend: der Puls wird langsam und kräftig. Aus allem geht hervor, daß man zweckmäßig mit Gift eine Substanz bezeichnet, die durch ihre Eigenschaft das chemische Geschehen im Organismus zu dessen Ungunsten beeinflußt.
Die Art und Weise, wie ein Gift sich »nit den cheniischen Subt- stanzen im Organismus bindet, um zu einer Wirkung zu gelangen, ist noch nicht für jeden Fall aufgeklärt. Zunächst müssen die physikalischen Eigenschaften der giftigen Substanz derartige sein, daß es rein mechanisch zu einer innigen Berührung mit der anzugreisenden Oberfläche des Organs kommen kann. Das Gift muß in fein verteiltem Zustande an die Körperzellen herantreten. Fm festen Zustande wirken Gifte nicht oder doch nur sehr langsam. Eine hervorrageride Rolle spielt bei der Gistwirkung eine Form! der Löslichkeit, nämlich die in Fett ünd settähnlichen Stoffen. Sehr viele Körperzellen, besonders aber die Ganglienzellen des Zentralnervensystems sind nach einer geistreichen Theorie, die nach ihren Entdeckern den Nmnen der Meyer-Overtonschen Narkosetheorie trägt, mit einer von solchen Fettstoffen gebildeten Membran umschlossen. Diese läßt nur solche Substanzen in die Zelle «indringen, die in Fett lösbar sind. Alle diejcni-ien Stoffe, welche die Beschaffenheit haben, wirken narkotisch: ''o das tChloroform der Aet'er u. a. m. Allein dies Gesetz gilt n»»r für die Narcotica, andere stark wirkende Medikamente wirken kraft eines ganz anderen chemischen Mechanismus. Diese werden zu denjenigen Zellen hingezogen, zu denen kraft ihrer ähnlichen Konstitution eine gewisse chemische Verwandtfchast besteht. Tann lagern sich dia Giftkörver an die Atomkomplexc der Zellen an, gehen B:rbi »düngen mit ihnen ein, die den Organisimis stark schädigen, weil die nun entstandenen Substanzen durchaus nicht in der Lage sind, die für die Erhaltung des Körpers notwendigen Funktionen zu verrichten.
Zu jedem Gifte gibt es nach volkstümlicher A»»schauung ein Gegengift, d. h. ein zweites Gift, das diolWirk»»ng d^ ersten aufhebt. Dies ist, wenn Man nicht (verallgemeinern will, richtig. Besonders die zu den Alkaloiden gehörigen lPslanzengifte werden von Gegengiften, derselben Giftgattung in ihrer Wirkung ausgehoben. So ist Atropin ein Gegengift für das Muscarin des Fliegenpilzes, desgleichen für Morphium jund Opium, anderseits letztere wieder das Gegengift sür Atropin; weiterhin tvird Pilocarpin gegen Vergiftungen mit Bilsenkraut gebraucht. Auch der lebende Organismus hat die Fähigkeit, sich der Gifte auf verschiedene Weise zu entledigen. Er bildet Gegengifte bei Infektionen s— aber dies nur gegen Bakterien- und Tiergifte, nie gegen irgend welche Pflanzeng,sie«, die sich mit den Giften verbinden Und diese unschädlich machen.
Aus L. T. A. hoffmanns Tagebüchern.
Daß E. T. A. Hoffmann sehr unter den drückenden Verhältnissen gelitten hat, in denen er in Plock lebte, war bekannt. Wie weit dies aber ging, darüber geben die mit größter Spannung erwarteten Tagebücher Auskunft, aus denen in der Deutschen Rundschau einiges mitgeteilt wird.
Die zierlichen Originale, die mit dem Hitzigschcn Nachlaß an das Märkische Museum gekommen sind, bieten des Interessanten und Amüsanten die Fülle. Hosfmann konnte die Enge und Kleinlichkeit seiner juristifchen Tätigkeit schwer ertragen und widmete sich stark der Musik, lieber alles stehen in den Tagebüchern eingehende Reflexionen.
Am 2. Oktober 1803 schreibt er:
„Noch ein guter Gedanke! — Mit meinen musikali,chen Ideen gehts mir so wie mit Savonarola's des Märtyrers zu Florenz, dessen Geschichte ich in diesen Tagen las, Eingebungen: — Erst schwirrts mir wild im Kopfe herum — >dcmn sauge ich an zu fasten und zu beten d. h. ich setze mich anS Klavier, drücke dia Augen zu, enthalte mich aller profanen Ideen und richte meinen


