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„Vorgestern mittag sah ich dich mit Fränkein Ulrich — ach, Wolf, das tat mir so weh!"
„Märchen ist doch nicht etwa eifersüchtig? — Sieh, Kind, mein« Stellung legt mir viele gesellschaftliche Verpflicht tun gen auf, denen ich mich unmöglich entziehen kann; ich verkehre in dem Hause Ulrich, werde dort viel eingeladen, und deshalb kann ich das Fräulein nicht gut vernachlässigen, trotzdem sie mir im höchsten Grade unsympathisch ist."
„Wirklich, Wolf?" Und fragend sah sie zu ihm empor. „Ja, Kind. Ein herzloseres, oberflächlicheres Geschöpf ist mir noch nicht vorgekommen —"
„Und doch wird geredet, schon lange, du würdest dich mit ihr verloben! Sie ist hübsch und reich, sehr reich! Stets kaust sie die teuersten Hüte in unserem Geschäft und ist dabei o peinlich und so wenig angenehm, dag jeder sich scheut, ie zu bedienen; mich trifft stets dies Los; Frau Gündel chickt mich stets; die fürchtet sich auch vor ihr!"
„Das glaube ich gern, solchen Eindruck macht sie! Ist es ihr bisher nicht gelungen, mein Herz zu erobern, ist es jetzt völlig unmöglich, die kleine Mary daraus zu veri drängen. Bist du nun zufrieden, Kleine?" fragte er, zärtlich in ihre großen leuchtenden Augen sehend und ihren Arm an sich drückend.
„Ja, Wolf," sagte sie einfach. „Nur gehen mir jetzt so ernste Gedanken durch den Kopf — ob ich dir doch nicht hinderlich bin betreffs deiner Zukunft. Wenn du nicht mehr Soldat bist '— würde dir denn der Beruf bei der Polizei oder an der Steuer zusagcn? Ich glaube es nicht! Ach, ich bin nur ein einfaches Mädck>en ohne Rang und Namen — du dagegen — du klopfest sicher nirgends vergeblich an, auch wenn du dir in den höchsten Kreisen eine Lebens-i gefährtin suchen wolltest!"
„Aber Mary —"
„Laß mich nur ausreden, Wols! Ta denke ich dann, es wäre vielleicht besser gewesen, wir hätten uns niemals gesehen —"
„Mary," unterbrach er sie erregt, ihre Hand fest pressend. „Mary, wenn du mich wirklich lieb hast, dann sage so etwas nicht wieder — oder reut cs dich vielleicht, dem armen Ossizier anzugehören? Deine Schönheit könnte dir viel einbringen — Geld und Macht und Glanz, was ich dir nicht bieten kann!"
Ta sah sie ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, der ihn veranlagte, nicht weiter zu reden. Sie verstanden sich schon. —
Beide jchlviegen; die Mondnacht umfing sie mit ihrem Zauber — alles schien ausgelöst in Dust und Glanz. Ganz wie absichtslos gingen sie einen schmalen Weg, der an beiden Seiten mit dicht belaubten Bäumen bestanden war, deren Zweige ineinander faßten, wodurch kein Lichtstrahl dringen konnte, so daß es seltsam dunkel um sie her war. Zitternd schmiegte sich Mary fester an ihn.
„Fürchtest du dich mein Lieb?" fragte er leise, gleichsam als scheue er sich, mit einem lauten Worte den Zaubey, der sie umwob, zu zerreißen. Statt aller Antwort schüttelte sie den Kops und schaute lächelnd zu ihm empor. Er konnte es nicht sehen — aber er fühlte, daß ihre Augen ihn suchten, und er beugte sich nieder, den rosigen Mund zu küssen.
„Heut' sind es vier Wochen, Wols, daß wir uns kennen — es war auch solch eine wundervolle Nacht! Nicht wahr, du bist glücklich?"
„Unsagbar, mein Lieb! Bleibe du mir nur treu und gut; dann bin ich zufrieden! Bisher war ich ein einsamer Man»; deine Liebe hat mich erst gelehrt, mein Leben zu lieben! Ach, Mary, wären wir nur erst vereint, dann bleibt mir nichts mehr zu wünschen übrig! Wie wollen wir dann erst glücklich sein!"
„Wolf, kennst du das Gedicht: „O, laß dich halten, gvldne Stunde"?"
„Nein, Märchen, Gedichte kenne ich nicht," lächelte er.
„O, es ist schön — es steht in dem Buche, das du mir neulich mitgebracht hast."
Und mit ihrer süßen Stimme begann sie die Strophen des Gedichtes herzusagen. Aufmerksam hörte er zu —,
„Was soll uns Tag, was soll uns Sonne? Du, schöne Nacht, entflieh uns nicht!" wiederholte er die Endzeilen, als Mary geendet.
„Ich weiß nicht, Wolf, lvie mir heute ist," sagte sie, „ach, ich bin so froh, so glücklich!" Sie blieb stehen und schlang die Arme »m seinen .hals, seinen Kops zu sich niederziehend und in sein Ohr flüsternd „O Wols, wie lieb
ich dich doch!" Da preßt« er sie WM an sich und hob si« in seinen Armen empor —*
„So Brust an Brust, so ganz mein eigen,
So halt ich dich geliebtes Bild" flüsterte er ihr heiß zu und bedeckte ihr Gesicht mit leidend sckfastlichen Küssen.
In diesem Augenblick verließ er mit seiner süßen Bürde die dunkle Mlee und trat auf einen freien Platz hinaus. Das Mondlicht siel hell aus Marys schönes Gesicht: ihre fast schwarz schunmernden Augen schauten ihn mir einem so seltsamen Ausdruck an; um den halbgeöffneten rosigen Mund, der die weißen Zähne hervorblitzen ließ, schwebte ein weiches, sehnsüchtiges Lächeln, und aus ihren Wangen lag eine rosige Glut. —> Wieder preßte er voller Leidenschaft seinen Mund auf den ihre», und ebenso heiß gab sie ihm seine Küsse zurück.
Da kam sie plötzlich zur Besinnung. „Nein, Wolf, nein!" wehrte sie ängstlich seinen stürmischen Liebkosungen und sich fest an ihn schmiegend, bat sie mit ihrer süßen Stimme: „Laß uns nach Hause gehen, Geliebter!"
„Schon, mein Märchen?" entgegnet« er, ihr tief in die Augen schauend.
„Es ist wohl besser--ach Wolf, mir ist aus einmal
so bang."
„Aber Kind"
„Wolf, nicht wahr, du l;ast mich doch immer lieb? Tn wirst mich nie verlassen?" fragte sie — ihr Gesicht war plötzlich so bleich geworden, und ängstlich sah sie ihn an.
„Wie kommst du wieder zu solchen Fragen, Kind? Auf mein Wort kannst du bauen — du wirst mein süßes Weib! Quäle mich und dich doch nicht unnütz!"
„Sei nicht böse, Wols! Aber ich bin so glücklich daß ich denke, es kann nicht von Tauer sein! Manchmal in der Nacht fahre ich voller Schrecken auf — das Herz droht mir stillzustehc» — mir ist es dann, als hätte ich dich verloren! Und ich kann doch nicht mehr ohne dich sein, so fühle ich mich mit dir verwachsen!"
„Beruhige dich doch, mein Liebling! Mir geht eö ja ebenso — daß ich mir mein Leben ohne dich nicht mehr denken kann! — Sei gut und verbanne diese schwarzen Gedanken! Wir wollen uns doch gegenseitig nicht mehr mit den ewigen Fragen nach Liebe und Treue quälen! Wir wissen jetzt, daß wir uns lieben; da bedarf es also keiner weiteren Beteuerungen." Und zärtlich strich er über ihr Haar.
Mary war mit sich unzufrieden; es war ihr, als ob sie etwas an Wolf gut zu machen hätte. „Küsse mich," bat sie; er tat es — „noch mehr, Wolf." Er kannte sie in ihren Leidenschaft nicht wieder, die aNe Sck>ranken durchbrach, Ihre Lippen und Wangen glühten, und sie zitterte.
„Mein Liebling," sagte er leise, mit müder Stimme^ und streichelte sie.
Sie dursten sich wohl nicht mehr so oft treffen; der alte Berger hatte recht; es war für sie beide nicht gut. Und doch konnte und wollte er aus die Zusainmenkünfte mit der Geliebten nicht verzichten, so lange es sein konnte —, wer weiß, wie lange es noch loährte, dann war sie nicht mehr in der Stadt, und er geizte doch mit jedem Augenblicke!
Sie begaben sich auf den Heimiveg; Wols trug seit einiger Zeit Zivilkleidung: so konnte er sein Lieb wenig-, stens, ohne aufzusaklen, nach Haus geleiten.
(Fortsetzung ir-lgl.j
Gift und Giftwirkung.
Von Dr. Max Lauen.
Tie Gerichtsvcrhandluilg gegen den vielfachen Gistmörder Hoyf, die so großes Auffchen erregt, führt uns dre grausige Wirkung dieser heimtückische» Mordwassc wieder vor Augen und veranlaßt uns, die Geschichte der Giftwirkung und ihre inoderne wissenschaftliche Erforschung zu verfolgen. Uralt ist ja die Kenntnis von Pflan- zenstossen, deren Genuß dem Menschen Schaden zusügt, ja sogar ihm den Tod bringen kann. Seit unvordenklichen Zeiten hat man auch von dieser Wissenschaft Gebrauch gemacht, um vermittelst der Gifte, einer Schöpfung böser Dämonen zum Verderben der Erdcn- bewohner, den Feind aus dem Wege zu räumen. Noch heute bedienen sich die Wilden gewisser Pflanzen, um ihre Waffen zu vergiften. Es sei hier an das Pfeilgist der südamerikanischen Indianer, das Curare, erinnert, das die Nerven lähmt und durch Stilllegung der Atemmuskulatur zur Erstickung führt. Andere Völker- sckwften kannten Bakteriengifte wie z. B. Starrkrampf- oder Fäulnis- gisle. Die alten Germanen verwendeten cbcnsalls Waffen, die mit


