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erzeugt hat, die allem Außerordentlichen Tür und Tor öffnet: die das Unmögliche als das Allermöglichste erscheinen läßt. Der Wirrwarr der Gegenwart hat vielleicht das Bild dessen, der ging, in der Erinnerung mit besonderem Glanze verklärt, und die Hoffnung auf das Erscheinen eines Retters hat dem angeblich Wiederkehrenden den Weg bereitet, auf dem ihm die Herzen entgegen- sliegen. Vielleicht ist der Prätendent nur ein Betrüger oder der Vorgeschobene einer volitischen Partei. Aber die entzündete Einbildungskraft trägt ihn empor, verwirrt ihn auch wohl selber, und der Betrug wächst über sich hinaus, oft genug bis zur Tragödie. Wie sehr aber solche Gestalten die Phantasie des Volkes beschäftigen, eigt sich darin, daß manches von ihnen noch in der Erinnerung ortlebt und gar von Dichtern in die Unsterblichkeit empor gehoben wurde. Die Geschichte ist voll von solchen Männern, um Die das Halbdunkel des Geheimnisses lagert. Am häufigste» treten sie wohl in Zeiten auf, denen das historische Denken noch nicht ausgcpangen ist. Aber der Fall Naundorf, der neulich wieder in den Zeitungen erörtert wurde, steht unserer Epoche noch nahe genug, und cs wäre nicht undenkbar, daß auch heute noch ein falscher Ludwig II. bei den Bauern des bäuerischen Hochgebirges Glauben fände, oder daß ein heimgekehrter Johann Orth sür eine Weile die Welt in Spannung erhielte. Es genügt, daß die Phantasie stark genug durch das Rätsel des Verschwindens oder sonstige seltsame Ereignisse, an die der Glauben Heischende anknüpst, rn Tätigkeit gehalten worden ist, um ihm Anhänger zu werben. Das Phau- tasiebedürsnis des Volkes lauert stets aus seltsame Abenteuer, und der romantische Wundergeist stirbt nie aus. Der irrende Odvsseus, Robinson Crusoe aus seinem Felseneiland, Kaspar Hauser sind Helden, die die Menschheit ewig liebt. l
Einer der erltcn Prätendenten, die die Geschichte keunt, ist der falsche N c rj>. Am 9. Juni 68 sollte der römische Kaiser sich ctötct haben. ^ Aber das Gerücht sagte anders: Nero habe sich urch die Flucht gerettet, und eines Tages kam von der Insel Delos die Kunde, Nero sei toieder erschienen. Dieser falsche Nero fand Zulaus und beunruhigte eine Weile das Reich, doch wurde er schließlich gefangen genommen. Seine Rolle aber spielte er bis zum Schlüsse. Selbst im Sterben blieb er Nero: er stürzte sich, um der Gesangenschast zu entgehen, wie es vom Kaiser selber erzählt wurde, in sein Schwert. Nachdem traten noch andere Neronen auf. Sie waren Betrüger. Das Rätsel des ersten Nero aber ist nicht gelöst worden. Tragisch ist die Geschichte jenes Mannes, der sich für den Grasen Balduin IX. von Flandern ausaab. Balduin hatte im April 1204 Konstantinopel miterobert und war dann in die Gesangenschast der Bulgaren geraten. 20 Jahre war er verschollen. Seine Tochter hatte inzwischen die Herrschaft an sich genommen. Da hieß es, der Graf sei zurückgekehrt. Was der Greis, der sich sür Balduin ausgab, vorzubringcn wußte, sprach für ihn. Nur keine Tochter wollte sich nicht überzeugen lassen. Schließlich ließ die Gräfin den alten Mann sangen, foltern und hängen. Aber unter dem Gerüst machte dieser eine Aussage über Dinge, die nur die Gräfin wissen konnte. Als sie davon hörte, brach sic nach der Legende mit dem Ausruf: „Er war doch mein Vater!" zusammen. Ein Hospital, das sie später bauen ließ, zeigte neben dem gräflichen Wappen überall den Galgen.
Bekannt durch Willibald Alexis Roman ist der f a l s ch e W a l - de mar, der Anspruch auf den Thron von Brandenburg machte. 29 Jahre nach des Markgrafen Waldemar angeblichem Tode erschien vor dem Bischof von Magdeburg ei» Mann und behauptete: damals sei in Chorin eine falsche Leiche beigesetzt worden. Er, der Markgraf. sei nach dem heiligen Lande gepilgert und nun zurückgekehrt, um die schlaff am Boden schleppenden Zügel der Herrschaft wieder an sich zu nehmen. Der Prätendent fand eine Zeitlang bei Volk und Fürsten Unterstützung, ivurde aber später vom Nürnberger Reichstag sür einen Betrüger erklärt. Dann verschwand er wieder im Dunkel. Er soll eine Kreatur des askanischen Hauses gewesen sein: ei» Müllerbursche Jakob Rehbock aus Anhalt, der dem Markgrafen früher als Knappe gedient. Weniger deutlich als diese Gestalt lind der falsche Friedrich II., der gegen Rudolf von Habsburg Truppen sammelte, und die salschen Sebastiane von Portugal. Ein ossenkundiger Betrüger aber war der Schisserssohn P e r k i n W a r b e k aus Tournai in Flandern, der eine Weile England in Aufregung versetzte, später aber, nach mehreren unglücklichen Ausständen, am Galgen endete. Er gab sich sür den Sohn Eduards IV., Richard von Bork, aus, den sein Onkel Richard III. zusammen mit seinem Bruder hatte im Tower nmbringen lassen, „der ärgste Greuel jämmerlichen Mords, den jemals noch dies Land verschuldet bat", wie es bei Shakespeare heißt. Warbek war zunächst das Werkzeug irischer Verschwörer und fand hernach Unterstützung bei der Schwester Eduards IV. und dem deutschen Kaiser Maximilian. Doch dauerte seine Herrlichkeit nur sieben Jahre, bis 1499. An die Dramatisierung der Warbekgeschichte dachte Schiller, bevor er die Gestalt des russischen Prätendenten, Demetrius, ergriff. Dieser angebliche Sohn Iwans des Schrecklichen ist ganz vom Geheimnis umhüllt. Er selber scheint an sich geglaubt zu haben, ein Opfer der Suggestionen der Zarenwitwe Marsa, die sich an Boris Go- dunow rächen wollte.
Ganz rührend und licht verklärt sind zwei Jüngliuasgestalten, die noch in unsere Zeit hinüberragen: Ludwig XVI. Sohn, der im Tempel zu "Tode geguält wurde, iii'j Kaspar Hauser, der
badische Prätendent, dem Verlaine ein wundersamcsl Gedicht und Jakob Wasserinann seinen schönsten Roman widmeten. Am 8. Juni 1795 sollte Ludwig XVII. gestorben sein. Mer während des Konsulats lief schon das Gerücht um, nran habe den Thronerben heimlich beiseite geschasst und eine untergeschobene Leiche beerdigt. Mancherlei Abenteurer griffen dieses Gerede auf, und der falschen Ludwige sind nicht wenige, die aus den Bernrutungen Nutzen zil ziehen suchten. Bon einein erzählt der Demamogenverräter Wit von Dörring in jenen Kapiteln seines Lebensromans, in denen er von seinen italienischen Gesängniserlebnissen berichtet. Nicht unbegründet erscheinen aber einzig die Ansprüche des Spandauer Uhrmachers Karl Wilhelm Naundorfs, dessen Nachkommen jüngst vom französische» Gericht die Erlaubnis erteilt ivurde, den Name» Bourbon zu führen. Naundorfs kämpfte bis zum Dode sür die Anerkennung seiner beanspruchten Rechte, und sein Sohn setzte später diesen Kamps fort. Ueberraschend soll die Aehnlichkeit Äaundorsfs mit den Bourbonen gewesen sein.
Von all diesen Fällen der rätselhafteste ist jedoch der Fall Kaspar Hauser, und keiner hat auch die Welt stärker in Atem gehalten. Die romantische Richtung der Zeit um 1830 fand in diesem Schicksal genug des Seltsanien, um ihrem Trieb zum Geheimnisvollen daran genüge tun zu können. Ein Knabe, der nichts von der ganzen Welt weiß: der keines Wortes der Sprache mächtig ist und nicht der primitivsten Handgrifse, taucht eines Tages in den Straßen Nürnbergs auf. Der Orientalist Daumer und der Kriminalist Feuerbach nehmen sich seiner an, und wie ein Lausseucr verbreitet sich die Kunde von dem Fünaling, der ein Leben lang in einem unterirdischen Verließ eingesperrt gewesen, durch die Welt. Bald ist dieser Fremdling aus Nirgend- heim das Kind Europas. Gerüchte schwirren und verdichten sich zu Anschuldigungen gegen ein Fürstenhaus. Kaspar soll ein badischer Prinz sein, den die morganatische Gattin des alten Fürsten beiseite geschasst, um ihre Kinder zur Regierung zu bringen. Und wie Kaspars Eintritt in die Welt von Dunkel umhüllt ist, so auch sein Austritt aus ihr. Ein meuchlerischer Dolch traf ihn am 14. Dezember 1833 im Park von Ansbach ins Herz, nachdem ein früherer Anschlag mißlungen war. Der Schleier des Rätsels, der Kaspar umgibt, ist nie gelüstet worden. Er ist eine Gestalt der Bolksphantasie, und wenn man anch mit Akten käme: sie fänden keinen Glauben.
Die Liste der seltsamen Gestalten ist damit nicht erschöpft. Wer erinnert sich nicht der eisernen Maske? Oder sonstiger Geschichten rätselhafter Menschen? Wer dächte hier nicht an das Gerücht, das neulich von Oskar Wilde ging: auf dem Pariser Kirchhof ruhe eine fremde Leiche, während der Dichter noch in Italien lebe? Was wollen hier Akten, die mit „historischer Wahrheit" kommen? Wir stehen »rit einem Fuße auf dem Boden der Träume, und Träume haben ihre eigene Gesetzlichkeit . , .
humoristischer.
* Der beste Beweis. Luise: „Sie hat gar keinen Appetit, nicht wahr?" — Julia: „Ja, denke dir nur, sie hat nicht einmal Appetit auf das, was der Doktor ihr verboten hat!"
* M i ßve r sta n den. „Warum ist Maude nur so böse aus
den Photographen?" — „Fa, hinten auf ihrer Photographie fand sie den Vermerk: Das Original dieser Photographie wird sorgfältig konserviert." _
Lchach-Aufgadt.
Lckuvarz.
abcdefgh
Weib.
Weib letzt mit dem dritten Zuge Matt. Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Neicki Et, wer Freunde hat.
Redaktion: K. N-urath. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'tchen Uuiversilots-Buch» und Steindeuckerel. R. Lauge, Ciebe»


