Ausgabe 
14.1.1914
 
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Ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln, wäre Sünde gewesen diese Augen und Lippen konnten nicht lügen mochte Strachwttz sagen, was er wollte! Im Geiste trat ihr süßes Antlitz vor sein Auge, und heiße Sehnsucht packte ihn, in ihren Armen alle Unruhe, all« quälenden Gedanken zu vergessen. Aber er mußte sich bis morgen abend ge­dulden, was ihm eine Ewigkeit schien. Was sollte das erst werden, wenn sie gänzlich voneinander getrennt waren?

Was hatte die Liebe für eine Macht über ihn erlangt

das hätte er nimmer gedacht! Alles andere war ihm gleichgültig geworden was fragte er jetzt nach Auszeich­nungen und Anerkennungen! so ganz erfüllte ihn sein Lieb! Manchmal überfiel ihn eine unsinnige Angst, sie könnte ihm entrissen werden oder untreu werden; der Gedanke drückte ihm dann das Herz ab, und er fand erst wieder Rnhe in ihrer Gegenwart, die ihn beseligte, ihn be­rauschte. r=

(Fortsetzung stlgt.)

Sum Tage von vriare.

14. Januar 1871.

In dieser großen Handelsstadt strömte die wütende Volksmasse tausendweise zusammen, und drohte uns zu lftnchen. Wir wurden in eine Kaserne gesteckt und hatten jetzt doch wenigstens einen besseren Ausenthalt, als in de» maisons de prison. Morgens mußten wir den französischen Unflat aus den Gängen wegräumen. Dieses war eine noble Arbeit. Elsässer Soldaten, welche sich mit einem Unterofsizier zankten, riesen uns zu: ,.S i e wärenfroh.daß sienunsbalddeutsch würden." (Einst Und jetzt, vergl. Zabern!)

Ueberall, wohin wir kamen, wurden Pferde zugerittcn, Geschütze probiert und exerziert, es war ein gewaltiges Rüsten. Von Bor­deaux ging es mit dem Dampfschiff nach Blaye (Festung am rechten Ufer der Gironde, Airsmündung der Garoime in das Mecri. Auf der sstihrt erboste sich voll Ingrimm eine 'Frau, geborene Deutsch« aus Köln, gegen ihr eigenes Vaterland, insbesondere den König Wilhelm, so auch ein Znave aus Görlitz in Schlesien. Ein Soldat aber aus Flandern, welcher so gut deutsch sprach wie wir, nahm uns gegen alle boshaften Zudringlichkeiten der Mitreisenden in Schutz. Unter letzteren sah man viele Marktweiber, starke knochige Frauen mit bräunlicher Gesichtsfarbe.

In der Festung Blaye fanden wir noch viele pon unsere«« Schicksalsgenossen von allen Waffengattungen vor. Unser Lager war hier auch in erster Zeit der blanke Fußboden, später bekamen wir Stroh. Die Nahrung war gemäß dem Sprichwort: zum Sterben zu viel, zum Leben zu loenig. Sonst wurden wir gut be­handelt, auch erhielten wir Tabakskarten, die gewöhnlich gegen Brot mit den Soldaten der garde mobile ausgetauscht wurden. Mit den Soldaten kamen wir sehr gut überein. Der Kommandant, ein auf Ehrenwort frei gelassener, gefangener Offizier, war bei uns allen hochgeachtet, Arras, ein Israelit aus Elsaß, (das rote Männ­chen) war sein Bursche. Ein sehr reicher blauer Husar aus Hom­burg vor der Höhe war sein ständiger Begleiter. Wir (die Mit­gefangenen von Briare) waren hier die einzigen von allen, die noch ihre Tornister und Feldkesscl hatten, die Messer und Gabeln waren uns in Revers abgenommen worden. Die übrigen Gegen­stände, auch das Geld, dursten wir behalten.

Ein Buch mit goldverziertcr Einbanddecke nebst goldener Zu­schlagklappe, betitelt:Hsttoire de Russie et Tartarik", das ich U. a. in dem Nebenbau eines brennenden Schlosses in der Schlacht von Orleans vorfand, und das mich infolge Einsturzes des Dach- stuhles beinahe das Leben gekostet hätte, ließ ich als Geschenk im Lazarett von Briare zurück, obschon ich es gerne als Andenken mit in'die Heimat genommen hätte. 1

Eine Wirtschaft (cantine) befand sich in dem Fort, wo man gedörrte Heringe und dergl., auch guten Rotwein, das halbe Liter zu vier sous (gerade die tägliche Löhnung des französischen Sol­daten noch heute), haben konnte. Unsere Zeit verbrachten wir damit, die vielen vorbersegelnden Handelsschiffe zu betrachten, dann das Schauspiel der Ebbe und Flut zu beimindern, und im übrigen mit allerlei Kinderspielen. Für sonstige Kurzweil sorgten: Wilhelm, ein Landwehrmann, Rosenkranz, ein schlesischer Kürassier, und Fränzel, ein Sattler, später erblindet, in Haingründau bei Bü­dingen, wo er sich häuslich niedergelassen, gestorben."

An diesen Bericht schließt sich einepoetische Darstellung" des bisher Erlebten, die die Ueberschrist trägt:Tie Kranken in Briare", und deren erste Strophen also lauten:

f Am fernen Loirestrome, u Briare im Spital, a lagen von Hessens Kriegern Wohl dreizehn an der Zahl.

Die Uns'ren mußten weichen Aus diesem schlimmen Ort,

Doch ach, wir armen Kranken,

Wir konnten doch nicht fort."

»fw , rm ganzen 28 Strophen.

Ein weiteres Gedicht:Tie Gefangenen von Fort Blay" mit 14 Strophen beginnt:

In Blaye an der Garonne,

Nicht weit vom großen Meer,

Saß eine Schar gefangen Vom deutschen Kriegesheer.

Sie lebten dort recht munter.

Des Tags gab's zweimal Supp,

Das Fleisch mar kaum zu fassen,

Auch gab's ein halbes Brut (Brot)." usw.

Der erste März brachte uns die Freiheit wieder. Die erste Kunde brachte uns der blaue Husar. Der Abschied von de» franzö­sischen Soldaten war ein herzlicher. Alles war froh. Unser Aus­zug aus der Stadt glich einer großen Freudenfeier. Alle Glocken läuteten, weiß aekleidete-Mädchen bildeten Spalier, und noch lange nach der Abfahrt winkten sie mit weißen Tüchern und Fahnen. In Bordeaux kamen wir von dem Dampfboot aus die Eisenbahn. In rasender Eile durchsauste dieselbe die Nacht; noch immer ver­nahm man das Tönen der Glocken. Am folgenden^ Tag langteir wir an der Scheidungslinie an. Der französische 'Kommandant hielt eine Rede, worin er uns für das gute Betragen dankte, in? dem wir bewiesen hätten, daß wir auch in der Gefangenschaft der siegreichen deutschen Armee würdig gewesen wären. Ein El­sässer war Dolmetscher. Die Soldaten reichten uns un­ter Tränen die Hände: sie empfingen von uns noch viele Tabakskarten, worüber sie sich sehr steuten. Wir fuhren alsdann mit der Bahn bis zur Loire weiter, wo eine Notbrücke errichtet war. Als der Bahnzug auf der Brücke war, wurde das Erreichen des jenseitigen (rechten) Loireufers durch die schwankenden Be­wegungen der Wagen sehr erschwert und dauerte es längere Zeit, bis die Uebersahrt gelang. Wir waren nun in Tours. Offiziere geleiteten uns in die Kaserne, aber niemaich wußte etwas von Frieden. (Am 26. Februar mitternachts war der Waffenstillstand abgelausen, der bis zum 12. März verlängert wurde, nachdem am 26. Februar die Friedenspräliminarien zu Versailles abgeschlossen und am 27. zur allgemeinen Kenntnis gebracht waren.)

Bon Tours ging der Marsch zu Fuß am nächsten Morgen weiter nach Chateau Renault, wo unser Regiment lag." (Vom 25. Februar bis zum 5. März verblieb das Regiment hier, woselbst am 2. März 2 Unterosfiziere, 28 Mann, darunter auch Joh. May, aus der Gefangenschaft eintrasen. Achtzehn ivaren da­von dem Feind am 2. und 14. Januar krank in den Lazaretten zu Briare und Gien in die Hände gesallen. Regiments-Gesch. Jnf.-Rcgts. Kaiser Wilhelm.) May schreibt zum Schluß:Bei unserer Ankunft in Chateau Renault wußte man noch nichts von Frieden. Ich kam wieder zur Kompagnie, aber wie staunte sieh Ich wurde längst sür tot gehalten. Es ging das Gerücht, die Franzosen hätten mich erschossen. Eine unaussprechliche Freude erfolgte aus unsere Ankunft. Die feierlichen Glockentöne durch- drangen auch hier fortwährend die Stille der.Macht. Im frohen Zusammensein verbrachten die Bürger mit den Soldaten den Abend. Wer den Wein bezahlen sollte, darnach fragte niemand, der Born spendete umsonst; der Krieg hatte ausgehört."----

Das Rätsel der Verschollenheit.

Von Peter Hamecher.

Die Menschheit liebt das Wunder. Sie liebt das Geheimnis­volle, Abenteuerliche, das die Phantasie ansteizt und dem schwei­fenden romantischen Hang des Gemütes Nahrung gibt. Die Welt der Tatsachen ist ihr lange nicht in demselben Maße Wahrheit wie die Welt der Legenden, trotz allein Rationalismus. Die schale Wirk­lichkeit genügt nicht dem träumenden, dichtenden Volksgeiste. Er muß die Tatsachen umgestalten, ins llebernatürliche steigern, und erst, wenn sie ganz von der Luft des Wunderbaren und Außer­ordentlichen umweht sind, erfüllen sie sich ihm mit eigentümlichem Leben. Indem sich das reale Ereignis zum Phantasieerlebnis wan­delt, wächst es ihm zusammen mit ausschlaggebenden Elementen seines innersten Vorstellungskreises und wird ihm so zur Wahrheit jenseits aller tatsächlichen Kausalität, zur erlebten geistigen Wahr­heit, auf die der Glaube sich unerschütterlich aufbaut.

Wesentlich ein Phantasieerlebnis sind für die Menschheit auch jene Männer des Rätsels, die des österen in der Geschichte auf- lauchen und sich für hohe Persönlichkeiten ausgeben, die vor Zeiten im Dämmer der Verschollenheit verschwanden, und nun, nach weiten Irrfahrten und ungeheuren Leiden, plötzlich wieder ans Licht kommen, um verjährte Ansprüche geltend zu machen. Solcher Ge­stalten bemächtigt sich die Einbildungskrast des Volkes mit Vor­liebe. Wenn je, so ist sie hier bereit, die Tatsache mit dem blühen­den Gerank der Legende zu umgeben, so daß alsbald Phantasietrug und historische Wahrheit nicht mehr zu scheiden sind. Der Reiz des Fernen, Rätselhaften und das Mitleid mit dem dunklen Heldentum des Leidens schaffen eine Atmosphäre uni diese Persönlichkeiten, die sie ganz aus der Wirklichkeit hinaushebt, und sie mit einer Dämme­rung des Seltsamen, Abenteuerlichen umgibt, durch die der Tagblick der Forschung kaum hindurch kann.

Gewöhnlich tauchen solche Prätendenten in einer Zeit aus, deren gestörtes Gleichgewicht eine sieberhaste Erregung in den Gemütern