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Wolf war empört über diese Herzlosigeit; am liebsten hätte er ihr seine Meinung gesagt; aber er schwieg. Verstohlen sah er sie von der Seite an: augenscheinlich war sie sich gar nicht des Eindrucks ihrer Worte bewußt. Das war doch so selbstverständlich. — Nachlässig ließ sie das elegante Foulordkleid durch den Staub schleifen, das wohl mehr als 800 Mark gekostet hatte, — da tat ihr das Geld nicht leid! aber e8 für arme Leute auszugeben, war es zu schade — da hatte man ja nichts dafür!
„Hoffentlich werden Sie Papa mit mir begrüßen! Ich versprach ihm, ihn abzuholen! Er würde sich freuen, weil er Sic so gern hat," bat sie mit einem koketten Augenaufschlag.
„Sehr fchmcichelhast, mein gnädiges Fräulein! Muß aber leider auf das Vergnügen verzichten, Ihren Herr» Vater zu begrüßen, da es mir heute tatsächlich an Zeit fehlt."
„Ach, das sagen die Herren immer — um eine Ausrede sind sie nie verlegen," schmollte sie. „Wissen Sie auch, Herr vvu Wolssburg, daß Leutnant Brenner sehr eifersüchtig auf Sie ist?"
„Auf mich — inwiefern?" fragte Wolf erstaunt.
„Ja — er meinte, ich vernachlässige ihn — Ihretwegen zu sehr, und Sie verdienten es gar nicht!"
„Mein gnädiges Fräulein — in der Tat — ich weiß — zu viel Ehre." Er war wie auf Nadeln; jeden Augenblick mußte ihnen Mary begegnen, ihn dann als Gabrieles Begleiter sehen — o, was mußte sie denken! lind richtig, da sah er sie von weitem in ihrem rosafarbenen Kleide kommen, das er so sehr a» ihr liebte. Seine Augen spähten vorwärts — jetzt mußte sie ihn erblicken; ein Freudenstrahl huschte bei seinem Anblick über ihr Gesicht, um gleich darauf einem Ausdruck erschreckten Erstaunens Platz zu machen, ihn als Begleiter einer Dame zu sehen. Sie gingen aneinander vorüber — Mary grüßte Gabriele, was diese kaum mit einem Kopfnicken erwiderte; Wolf faßte schnell an die Mütze.
„Sie kannten diese Dame?" fragte er.
„Dame?"" gab Gabriele etwas spöttisch zurück. „Dame? Eine Putzmacherin ist's in dem Hutgeschäst von Frau Gün- del. Sie hat entschieden etwas Geschmack im Garnieren; ich lasse mich stets von ihr bedienen. Das ist die ganze Bekanntschaft. Die Leute glauben dann, wenn man ihnen begegnet, grüßen zu müssen."
„Für eine Verkäuferin hätte ich sie nicht gehalten," meinte Wolf, um etwas zu sagen.
„Ja, sie ist ganz hübsch; das bestickst ja die Männer immer. Auf der Straße und im Geschäft sieht sie ganz bescheiden und fein aus und doch taugt sie nicht viel. Dinge werden von ihr erzählt, na — ich sollte übrigens meinen, auch Sie kennen diese Person, Herr von Wolssburg?" fügte sie lauernd hiirzu. „Sprachen Sie nicht tim? lief) mit ihr, als der „Zigeunerbaron" gegeben wurde, im Theater?"
„Da irren Sie sich bestimmt, meine Gnädige," sagte Wolf kühl, seine Erregung mit Mühe bemeisternd. Soute der flüchtige Gruß, den er mit Mary so im Vorübergehen damals im Theater gewechselt halte, nicht unbemerkt geblieben sein?
„Dann ist's eben ein anderer gewesen," versetzte Gabriele anscheinend gleichgültig. „Tie Person war es bestimmt, und mit einein Offizier hat sie gesprochen, das weiß ich genau. Ich glaubte. Sie seien es! — Solche Mädchrn haben ein weites Herz!"
„Ah," fuhr da Wolf auf. Ihn überlief es sicdendheiß, als er in solcher Weise von seiner Mary sprechen hörte) jedoch bezwang er sich, als er Ellas erstauntem Blick begegnete. Die durste ja am allerivenigsten ahnrn, daß —
„Mich setzt in Erstaunen," sagte er darum, sich zu einem Lächeln zwingend, „daß Sic, gnädiges Fräulein, an den, Leben einer unbedeutendrn Verkäuferin so viel Interesse haben —"
„Aber ich bitte Sie, Herr von Wolfsburg, es ist doch gerade iuteressant, so etwas zu wissen — man sieht doch auch gern mal hinter die Kulissen und möchte gern aus jenen Kreisen etwas wissen — muß sehr amüsant sein. Leutnant Brenner macht manchmal Andeutungen —"
„— und was für welche?"
v ~! o das sage ich nicht, habe versprochen, zu schweigen —i nur das eine, „Stille Wasser sind tief," lächelte Gabriele boshaft.
„Ich verstehe Sie nicht, mein Fräulein; Sie sprechen
in Rätseln," entgegnet« er kühl. — — „Zu meinem Bedauern muß ich mich setzt verabschieden."
„Schade," meinte sie, stehen bleibend. „Aber nicht wahr, Sie kommen bald einmal — Sie müssen doch Ihr Gutachten über mein Vferd abgcben — und einen rechl flotten Namen möchte ich dafür haben — können Sie mir nicht Helsen?"
„Augenblicklich fällt mir kein aparter und doch für ein Damenpferd passender Name ein. Ich werde nachsinnen und Ihnen dann einige aufschreiben!"
„Ach ja, bitte —" rief sie freudig mis. „Kommen Sie doch morgen vormittag und frühstücken Sie bei uns, bitte!"
„Ob es wegen des Dienstes gehen wird? Ich weiß noch nicht; es gibt jetzt viel zu tun," entgegnete Wolf nach- denkend.
„Machen Sie cs nur möglich! Leutnant Brenner kommt doch so oft!"
„Ich werde sehen! Einstweilen bitte ich um eine Empfehlung an den Herrn Papa. — Auf Wiedersehen, mcizi gnädiges Fräulein." Flüchtig führte er die dargereicht« Hand an die Lippen und entfernte sich.
Stolz ging Gabriele weiter mit einem Lächeln befriedigter Eitelkeit um den vollen Mund; sie war von so undj so vielen mit dem schönen Wolssburg gesehen worden —j und sie wußte, daß daran gleich Vermutungen geknüpft wurden. Wie sie ihn liebte — sie mußte Frau von Wolfsburg werden, koste es, was es wolle! Wmn er doch recht viele Schulden hätte — aber er war ja so unheimlich solide — wie nett wäre es da, wenn sre ihn mit ihrest Millionen beglücken könnte! — Für heute war sie befriedigt, hatte sie ihn doch gesehen und gesprochen — morgen kam er zum Frühstück, und wer weiß, wie lange es noch dauerte, dann hatte sie ihr Ziel erreicht. Sie liebte den jungen eleganten Offizier mit jener hartnäckigen Liebe, die eigensinnige Kinder für etwas haben, das sie nicht bekommen tönneu oder das ihnen nur sehr schwer erreichbar ist! lind au seiner Seite würde sie sicher eine Stellung einnehmen, ganz verschieden von ihrer jetzigen in der Gesellschaft. Wolssburg war sehr angesehen und beliebt, Kavalier vom Scheitel brs zur Sohle, dabei schön und klug — und so unbeschreiblich vornehm. Sie sann nach, wie sie es wohl fertig bringen könnte, ihn an sich zn fesseln. Er sollte eine kleine Liaison haben, wie Leutnant Brenner ihr angcdeutet hatte
— doch die hat schließlich jeder junge Mann — was tat das! Wenn sie nur wüßte, wer —? Sie hatte seit jenem Theaterabend auf Mary Winters einen Verdacht — o, sie hatte scharfe Augen; sie wußte genau, daß er mit ihr, wenn auch nur ganz flüchtig, gesprochen hatte, mochte er auch leugnen
— vielleicht war dies der Anfang gewesen! Na, gleichviel — das wollte sie schon erfahren und mußte es ersahren. Darum niachte sie sich keine Sorge! Mit Geld schafft man alles;
davon hatte sie genug--und er hatte nichts! Wenn et
nur spielte, vielleicht könnte er mal dazu animiert werden
— — und sic zerbrach sich dm Kopf, wie sie ihn Ivohl aM sichersten saugen könnte! —
In minder befriedigter Stimmung war Wolf. Was mußte Mary denken! Aber wenn er ihr die Sachlage klar machte, mußte sie einsehen, daß er Rücksichten zu nehmen hatte — sie war ja ein vernünftiges Mädchen! Unerhört^ wie Gabriele, die ihr, was Reinheit und Lauterkeit des Enipfiudcns anbetras, weit nachstand, wegwerfend von ihr gesprochen hatte — Gabriele mit ihrer seichten Oberflächlichkeit und Frivolität! — Sollte trotz aller Heimlichkeit doch etwas von ihren Zusammenkünften in die Oeffentlichkcit gedrungen sein? Es war wirklich besser, wenn sie aus der Stadt ging. Aber wie sollte er ohne sie weiter leben? Und sic konnte ja vor dem fünfzehnten Juli ihre Stellung nicht aufgebcn. Wohin daun mit ihr? Dachte er an seine Familie, krampste sich ihm das Herz voll Bitterkeit zusammen; sein Vater schrieb nicht, für den existierte er überhaupt nicht mehr; nur Edwin, der slotte, lustige Bruder, gedachte zuweilen seiner mit einigen Zeilrn. Und Wols hatte fo viel Sinn sür Familienleben — und nun er ein Weib lieben gelernt, da stellten sich seiner Vereinigung mit demselben so große Schwierigkeiten entgegen. Er hatte nur ein kleines Vermögen; aber er stand ja dicht vor dem Hauptmann, da wäre die Sache nicht so schlimm gewesen — jedoch Mary —j er wußte von ihr so wenig; seit jenem Albend hatten sie nicht wieder davon gesprochen. Zartfühlend, wie er war, hatte er niemals wieder eine Frage nach ihrer Vergangenheit getan. Eine Abrnteuerin war sie nicht — konnte sie nicht sein, dazu war sie zu unschuldig und harmlos — an


