Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne. (Nachdruck verboten.) /Fortsetzung.)
Nachdenklich hörte Strachwitz zu. „Hm," meinte er dann, klingt eigentlich sehr romantisch — Mutter russische Fürstin usw! Haben Sie sich auch genau erkundigt, ob alles, stimmt?"
„Strachwitz!" brauste Wolf da auf, „müssen Sie denn immer Zweifel in das holde Mädchen setzen? Ich weiß nicht, >vas ich denken soll!"
„Das Richtige, lieber Freund! Ich meine es nur gut! Denken Sie aber nicht, daß ich eifersüchtig bin auf Ihren Erfolg. Bewahre! Bin sehr stark engagiert, wenn auch nicht in solcher Weise wie Sie — ick liebe das Reelle — bin, nicht für Mondscheinnächte und vergleichen Zauber — habe aber dafür die Augen offen und sehe die Dinge an, wie sie sind! — Sie wollen doch wohl das Mädel heiraten — da darf man sich nicht allein von der Liebe beherrschen lassen, da muß nian vor allem den Verstand zu Rate ziehen, und das tun Sie nicht!"
„Ich glaube meiner Mary —"
„Sollen Sie auch! Ist ganz gut und schöne genügt aber nicht! Prüfen, prüfen und überlegen — nicht blindlings zutappen! — Na, für heute genug! mit verliebten Leuten
»st nicht viel zu reden! -- Jni übrigen gebe ich Ihnen
aber den guten Rat, Ihre alten Bekannten, guten Freunde Und getreue Nachbarn nicht zu vergessen — in Ihrem Interesse, lieber Wolfsburg! A propos! — Die schöne Ella fragt oft nach Ihnen! es ist nicht gut, die Familie zu vernachlässigen! wer weiß, ob man die Leute nicht mal nötig hat! Deshalb braucht noch niemand zu ahnen, daß Sie von zarten Banden gefesselt sind! — — Noch eins, heute abend geruht der Alte ins Kasino zu kommen, keiner fehle! nur damit Sie es wissen! Na, Servus endlich!" Damit ging er.
Halb geärgert, halb gerührt hatte Wolf ihm zngehört. »,'s ist doch ein guter Kerl," dachte er dann. Nun mußte er Mary abschreiben, denn er konnte den Abend nicht anderswo zubringen, wenn der Alte sich sehen ließ, dessen Bevorzugter er sogar war! — Nachdem der Brief befördert war, — Mary fand ihn am Abend, wenn sie aus dem Geschäft kam, sicher vor — schleuderte er langsam nach der Promenade. Dort begegnete ihm Gabriele Ulrich, sehr elegant und vornehnl gekleidet. Er dachte an den Rat seines Freundes und blieb stehen, sie zu begrüßen. Sie war eine ausfallende Erscheinung, für ihre einundzwanzig Jahre fast zu üppig; das Helle blonde Haar paßte gut zu der frischen, rosigen, gesunden Gesichtsfarbe. Ihre Augen, von einem hellen B>augrau, hotten einen eigentümlich talten, nüch-
lernen Blick, der gar nicht so recht zu dem etwas phlegmatischen Aussehen paßte. Fräulein - Ulrich war das, was man emeinhin ein hübsches Mädchen nennt — ohne jede beson« ere Eigenart. Für Wolf hatte sie etwas direkt Abstoßendes — warum, wußte er selbst nicht; vielleicht, weil sie ihm gar zu deutlich ihr Wohlgefallen zeigte, was ihn sehr unangenehm berichrte.
„Sie lassen sich auch gar zu selten sehen, Herr von Wolssburg," sagte sie eben schmollend; „ich bin eigentlich recht böse auf Sie!"
„Da bin ich untröstlich, mein gnädiges Fräulein!"
„Das glaube ich gar nicht — Sie hatten es ja gar nicht gemerkt, daß ich schon auf dem letzten Kasinovergnügen Ihnen gram war — hat Herr v. Strachwitz, bei dem ich mich über Sie beklagt, Ihnen nichts erzählt?"
„Strachwitz? ja, ja, allerdings," entgegnete Wolf; er hatte keine Ahnunig, um was es sich handelte, es war ihm auch gleichgültig, nur nicht die Zeit versäumen, Mary zif begegne». Aber er kam nicht von ihr los; (Rrbriech hielt ihn im Gespräch fstst; denn sie war ja viel zu stolz daraus, den schönen Wolfsburg an ihrer Leiie zu sehen, cns oag ;ie ihn so schnell" wieder freige.gebc» hätte, deshalb bat sie ihn, sie »och ein Stück des Weges zu geleiten, „die Herren haben doch vor Tisch nichts Wichtiges zu erledigen?" Wohl oder lübel mußte er mit, und sie suchte ihn lebhaft zu unterhalten.
„Papa hat mir gestern ein neues Reitpferd gelaust — einen Rappen —, meine Lisa gefiel mir nicht mehr; ich habe sie verkauft, Frau von Mühlen bat mich darum."
„Ist Ihnen die Trennung nicht schwer geworden? Lisa war ein gutes, frommes Tier! Erzählte» Sie mir nicht mal, daß die Dame ihre Tiere nicht sonderlich gut behandelt?"
„Run ja, wenn sie ihre Nervenanfälle hat, ist es ihr gleich, was oder lven sie schlägt. Ihr Mädchen kann davoi» erzählen. Wie hat sie einmal ihr Schoßhündchen geprügelt! Das Tierchen ist daran gestorben."
„Tut Ihnen Ihre sailste Lisa dann nicht leid, wenn sie in solche Behandlung kommt?"
„Sie tun ja gerade, als wenn es sich um einen Menschen handelte, Herr von Wolfsburg! Ein Tier, ich bitte Sie, was ist ein Tier! Ach ja, waren Sie neulich auch im Zirkus, Herr Leutnant, als der Drahtseilkünstler stürzte? Herr von Holbach erzählte es mir; er >var zugegen! — Schade, gerade an dein Abend war ich verhindert! Ich hätte es gern gesehen; so etwas bringt doch Abwechslung und geht einem auf die Nerven!"
„Fräulein Ulrich, der Mann hinterlaßt eine Frau und fünf kleine Kinder — ivas soll da aus der Familie werden?" entgegnete Wolf sehr nachdrücklich. Sie zuckle die Achseln. „Ja, warum heiratet er und hat Familie? Solche Leute brauchen das nicht! Warum ist er Drahtseilkünstler! Da muß eben stets mit einem Unfall gerechnet werden. Er konnte ja Handiverker oder sonst etwas Reelles werden! Papa hat der Frau 30V Mark geschickt — das war nicht nötig; die Frau kann arbeiten!"


