Ausgabe 
12.1.1914
 
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^Glauburg" für den Forscher und Historiker eine reiche Fülle von Material bietet.

Unser Führer bei Erkundung der Ringivälle war ein schlichter Schlossermeister aus Glauberg, Johannes May, genannt daö i,Glau beiger Schlosserche", «in noch rüstiger Veteran der Feld­züge bon 1866 und 1870/71, der trotz seines einen etjvas ge­lähmten Beines sich noch als tüchtiger Fußgänger ernstes und bezüglich seiner geistigen Frische geradezu unsere Bewunderung erregte Dieser Mann kann tatsächlich als ein Unikum unter der dortigen Bevölkerung angesprochen werden. Seit mehr als 80 Jahren war er doch schon Führer de« HessischenSchliei- wann", Kofrats Kosler gilt sein Studium während seiner freien Zeit den Glauberger Ringwällen, von denen er in grobem Maß­stabe auf grobem Zeichenpapier, ins Einzelne gehende übersichtliche Und saubere Federzeichnungen und Skizzen angefcrtigt hat. Herr Gewerbelehrer Endres hat hiervon mehrere photographische Auf­nahmen gemocht. Auch hat May ein eigenhändig in Kunsh- schmiedcarbctt ausgeführtcs Denkmal zur Erinnerung an den deutsch-französischen Krieg auf dem Südwestabhang des Glaubergs ausgestellt. Von hier aus hat man eine prachtvolle Aussicht in das mittlere Nidder- und untere Seemenbachtal. Doch das ist's nicht, wovon ich erzählen wollte, auch nicht von den umfassenden schriftstellerischen Arbeiten des Veteranen May. In 5 Bänden, von ihm selber sauber geschrieben, hat er eine große Anzahl von Aussätzen teils religiösen, teils patriotischen, teils geschichtlichen Und nnlitärischen Inhalts mit massenhast eingeflochtcnen, kür­zeren oder längeren, auf die jedesmaligen Abschnitte in Prosa bezüglichen Er dichten niedergelegl. Ueberhaupt ist May eine poelisch veranlagte Natur, was auch in seiner Prosa deutlich hervortriU.

Für heute mögen uns seine Erlebnisse während seiner Ge­fangenschaft beschäftigen, die er im Band V seiner Schriften ein­gehend erzählt und denen sch auszugsweise, das wissenswerteste entnehmend, folge.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Fanuar 1871 erkrankte May auf Vorposten in den Weinbergen bei Briare unter Erschei­nungen, die aus Blattern (Pocken, französisch petites vöroles) hin­deuteten und die auch am 13. ^um Ausbruch kamen. Nach ärzt­licher Feststellung der Krankheit lourde .er dem Krankenhaus in Briare zugeführt, in dem er einige erkrankte Regiments- und 2-Kompagnickameraden mit einer Anzahl Franzosen antraf.

Am Morgen des 14., erzählt May, vernahmen wir das Ge­knatter der Gcivehre und den Geschützdonner. Abends erklärten uns Unsere Pfleger (Franzosen), daß die Kameradenparti" (fort) wären. Des nächsten Tages in der Frühe kamen die Frank­tireurs ins Spital. Diese, mitunter noch Knaben, waren freche Gesellen. Dann erschien ein französischer Offizier in Begleitung eines Schweizers. Er ainy von Lager zu Lager, jedem den ge­spannten Revolver aus die Brust richtend. Der Schweizer forderte uns auf, wenn wir Waffen verborgen hätten, solches zu sagen, wir sähen jo selbst, wie schlimm es um uns stände. Wir wurden ko einige Tage von diesen Helden belästigt, deren einzige Tapferkeit darin bestand, daß sie uns die Bajonette auf die Brust setzten und murmelten:Prißche kabul" (Prussien caput!). Sie hatten trotz ihrer großen Ueberinacht (11 00012 000 gegen 800 Man») die Unserem (Detachement Gras Rantzan) entivische» lassen, worüber ihnen nach Aussage der zweiten Schwester, dermischant General Garibaldi die Kövse abzusäbeln drohte."

Welch abenteuerliche Gerüchte unter den Lazarettkranken im Umlauf waren, die sich allerdings auf lügenhafte französische Berichte stützten, mag folgendes zeigen. May erzählt weiter: Später gab mir ein Krankenwärter den kleinen Mvnitour (mo- niteur), wo ich herauszisfette, daß Garibaldi auf Münich (Mün­chen) zu marschieren im Begriffe sei, um sich daselbst mit den befreitenPrißonje" (prisonniers, Gefangenen) zu vereinigen und dann tveiter operieren wolle. Sein Deldenzug fand aber, wie bekannt, einen schmählichen Abschluß: er mußte in die Schweiz retirieren."

Tie Aufwartung und Pflege war den Verhältnissen gemäß, so ziemlich. Tie beiden Schwestern waren höchst lobenswert. Ein altes Mütterchen, obgleich mit der Reinlichkeit nicht so ganz genau, tat unS samaritische Dienste. Der maire, sowie der Pfar­rer besuchten uns jeden Tag und erfreuten uns mit kleinen Geschenken, so auch Dr. Köhler (damals hessischer Feldasjistenz- arzt und zurückgclassen für die hessischen Verwundeten, z. Z. Geheimer Mcdizinalrat in Ossenbach a. M.), stets in Begleitung eines uns unbekannt gebliebenen Herrn (es war dies Herr! Mau­rer, Direktor der Knopssabrik des Herrn Babdroße, ein gebore­ner Tarmstädter, seit über 30 Jahren damals in Frankreich und bekannt durch seine Briefe eines nicht ausgewiesenen Deut­schen). Ter französische Arzt achtete uns kaum. Ein Sergeant­major (Feldwebel), der bald starb, schickte uns in der Irre (Fie­ber) vst Kleinigkeiten. Mit den Soldaten der Allema (d'Allmagne) hatte er es stets gern zu tun. Das ganze Krankenhaus glich aber sonst einer Stätte des Todes. Einer von den Unseren er- zäblte abends noch, des Morgens war er tot. Ein anderer, auch der Unseren, wollte nicht sterben, er trank in der Fieberhitze Urin aus deni Zimmettovi. Die Aufwärter scheuten sich ihm zu nähern, aber die Schwestern taten ihre voj-e Pflicht. Auch ihn erlöste der Tod baldigst von seinen Qualen (Typhus). Kurz vor unserer Abführung bekam einer der Unseren wir wußten nicht, war er katholisch oder evangelisch die letzte Oelung.

Die Leichen wurden bei der Beerdigung aus Bretter gelegt wir aber ließen von dem Geld, was unsere Verstorbenen bei sich fühlten und wir noch beifügten, von dem Schreiner und Toten­gräber, der ein armer Mann war, Kasten machen.

Nach dem Gefecht vom I. Januar 1871 wurden aus dem Lazarett zu Briare in französische Gefangenschaft abgeführt von den Verwundeten: ein Korporal und vier Mann, von den Kranken ein Mann.

Nach dem Gefecht am 14. Januar 1871 würden aus demselben Lazarett in französische Gesangenschast zehn Kranke, aus dem zu Gien süns Kranke, sämtlich vom 2. Infanterie-Regiment, ab- gesührt. Ferner ans letzterem Lazarett noch drei kranke Chevaux- lcgers vom 2. Reiter-Regiment.

Unter den 10 Kranken des Lazaretts zu Briare befand sich auch der Musketier Johannes May, der hierüber folgendes berichtet:

In mitternächtiger Stunde öffnete sich das Tor des Kranken­hauses (Lazaretts, ein Fabrikraum der vorerwähnten Babedroße-- schen Knopffabrik). Herein trat ein Offizier nebst einem Soldaten aus dem Elsaß und der französische Arzt. Der Arzt untersucht« uns und erklärte alle zehn für transportfähig, obgleich die Pocken von uns noch nicht alle abgesallen waren. Der Soldat sagte uns, daß wir als Gefangene abgeführt würden, wir bekämen es aber gut und sollten uns zum Abzug vorbereilen. Hernach kam der Maire, der uns durchaus nicht sortsühren lassen wollte. Doch alles, auch das Einreden des Pfarrers, welcher sich gleichfalls einsand. hals nichts. Ter Arzt gab nicht nach. Es fand sich alsdann auch noch Dr. Köhler nebst dein vorerwähnten Herrn (Maurer) ein. Wir packten unsere Sachen. Die Schwestern versahen uns mit frischer Wäsche, alsdann gaben wir allen unseren Wohltätern die Hände und wurden mittelst eine» Wagens abgesührt. Aus der Straße angekommen erwartete uns schon das wütende Volk. In Bonny (Dorf südöstlich Briare) stieg die Wut aufs höchste. Eine Kompagnie Franktireurs war im Begriff uns aufzuspießen. Doch die uns bedeckenden Soldaten er­klärten, indem sie die Patronen einschoben, erst müßten sie salle», wir sollten nur keine Asnlgkjt haben. Im kritischsten Augenblick stürzte ein Sergeanttnajor herbei, entriß einem der Unholde das Gewehr und schlug dermaßen aus sie los, daß sie rasch auseinander stoben. Doch immer wieder drangen srische Bolkshanfen wütend aus uns ein. Nur mit Mühe gelang es einem mit vielen Orden geschmückte» französischen und einem elsässischen Offizier, die Mord- bruk mit dem Degen zurückzuhalten. Erst die Erklärung, sie sollten an die französische» Gefangenen in Deutschland denken, es ginge alsdann Auge um Auge und Zahn um Zahn, wirkte etwas beruhigend. Unter ähnlichen Verhältnissen gelangten wir weiter nach Revers. Hier kamen wir in einen schauderhaften Käsig." (Die Beschreibung dieses Gefängnisses namentlich was die ekel­erregenden Abortverhältnisse anlangt, kann hier wegbleiben.) Interessant sind die folgenden Mitteilungen:Auch Gambetta in Begleitung etlicher Madams beehrte uns mit einem Besuch, der uns trotz Versprechens keine Besserung brachte. Traurig hin- brütend lagen wir da, ohne Feuer, ohne alles: unsere Lage schien verzweiselt. Durch einen Gendarmen wurden wir einzeln in verschiedenen Zeitabschnitten abgeführt. Ich lourde in «in Gemach gewiesen, in dem ein Offizier saß. Freundlich lud er mich zum Sitzen ein, dann stellte er folgende Fragen: Wie alt sind Sie? Was haben Sie für einen Berus? Welcher Konsession gehören Sie an? Leben Vater und Mutter noch? Haben Sie Geschwister? Haben Sie den Feldzug von 1866 mitgemacht? Sind Sie jetzt gern mit Preußen gegangen? Wollen Sie «epen französisch« Offiziere, deren Angehörige sie gern in die Heimat wünschten, ausgewechselt werden? Meine Antwort und die auch aller meiner Gefährten war:Ich will die Gefangenschaft vorziehen." Darauf erklärte er, wir kämen in eine wunderschöne Gegend, wo jetzt schon die Bäume blühten, und wir bekämen es über die Maßen gut, Dieses soeben geschilderte Vorkommnis hing mit einem anderen eng zusammen, nämlich: es ging das Gerücht, die Unseren sollten Franktireurs erschossen haben. Als Gegendruck sollten nun wir erschossen werden. Bei der Abstimmung hierüber erklärte sich die Mehrheit für Erschießen. Bloß ein Gegner trat aus und sagt«: Wir dürsen einem so rohen Gebaren nicht nachahmen, es ist keiner edlen Nation würdig, zudem sind diese hier auch Kranke." Ob diese Abstimmung in Wirklichkeit auch stattgcfunden halte oder uns bloß so vorgercdet wurde, ebenso ob ein Hauptmann von den Unseren Franktireurs hatte erschießen lassen (ist geschehen), dieses weiß ich nicht: ich weiß aber, daß der Mazor Hofsmann (Kommandeur des 2. Bataillons) einmal alle Gefangenen, welche wir milsührten, freiließ, wo viele dankend vor ihm niedersielen und die Füße küßten, dann voll Freude die Holzschuhe in dis Hände »ahmen und eilig wegliefen. Nachdem wir noch etliche Tage in dem scheußlichen Nest zugebracht hatten, erschien d« Nachts ein Gendarm und führte uns ab. Wir konnten kaum noch gehen. Unvergeßlich bleibt mir diese traurige Zeit. So erwachte ich eines Nachts, das Nachtlichtchen, ein Lopirituslämochen, war erloschen. Mich überfiel ein bangendes Gesübl, die Stirn wurde heiß, ich glaubte mich dem Wahnsinn nahe, schob das Kopfkissen, den Tornister, weg, und legte den Kopf auf die kalten Steinplatten, zu Gott stehend, er möge mir den Verstand erhalten. Von dem Gendarmen wurden wir auf den Bahnhof geleitet. Hier ange- kommen wurden wir an den Haaren gezupft und mußten, um die Mützen zu behalten, diese in die Hand nehmen. Voller Wut wur­den wir gekratzt und in das Gesicht gespuckt, öis endlich ein