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Arr Leutnant, und sieht das Leben mit ganz anderen Augen an. Die Gräbe-r reden zu mir alle ihre besondere Sprache/ ' „Es ist aber doch jeine traurige Beschäftigung hier. Der Alte schüttelte den Kaps. „Nein, Herr Leutnant," sagte er, „nein! Man wird so ruhig und wunschlos dabei, und! man kommt dem lieben Gott viel näher als draußen in der großen Welt, wo man so viel von ihm abgezogen wird. Hier redet alles eine so deutliche eindringliche Sprache von seiner Macht und unserer Mchtigkeit, und man muß immer a» ihn denken, hier auf dem Gottesacker!"
Das brachte der alte Mann alles so schlicht und über-
J eugend vor, daß die beide» ihm sehr gern zuhörten. Er prach davon, daß er seine beiden Kinder begraben hätte, daß ihm nur der Wilhelm, Lieses Sohn, sein einziges Enkelkind, geblieben wäre. Seine Frau beschränkte sich darauf, zustimmend mit dem Kopfe zu nicken und Mary bewundernd anzuschauen. Einmal strich sie verstohlen mit der Hand über deren goldiges Gclock. Tie saß kindlich fröhlich neben ihrem Wolf und hielt seine Hand fest in der ihrigen.
Das Gewitter hatte inzwischen seine Heftigkeit ein- aebüßt; nur vereinzelte Blitze leuchteten auf, und immey schwächer wurde der Donner. Auch der Regen hatte nachgelassen. Der Alte stand auf und öffnete das Fenster; eine erquickende Lust strömte herein, und unwillkürlich atmeten alle tief auf.
„Da gibt's morgen viel zu tun," meinte der Alte, „das Wetter hat tiichiig gewütet!"
>— „Nun müssen wir aber gehen," sagte Wolf, „es wird Zeit."
Frau Berger holte ein warmes Tuch, das sie sorglich um Marys Schulter legte; sie wollte es nicht, aber Wolf redete zu, da sie zu leicht gekleidet war.
„Nun unseren Dank, Ihr guten Leute," und herzlich drückte Wolf deren Hände.
„Keine Ursache, Herr Leutnant," wehrte Berger ab, „wir haben es gern getan! — Und wenn Sie sich mal wieder mit Ihrer Braut treffen wollen, so kommen Sie nur ruhig rein zu uns — es ist vielleicht besser für euch junges Blut; man soll sich nicht unnütz in Versuchung führen!" Wolf wollte etwas sagen — „ich weiß schon, Herr Leutnant; wir alten Leute sind verschwiegen; wir sprechen über nichts; da können Sie ganz unbesorgt sein; unser Wilhelm erfährt auch nichts! — Sie, Herr Leutnant, wissen ja auch, was Recht und Unrecht ist und das schöne Fräulein sicher auch — kein Minder, wenn die Ihnen gefällt; der muß man ja gut sein!"
Sie verabschiedeten sich von Frau Berger; er ging mit ihnen bis zur Pforte, um sie zu schließen. „Ich danke Ihnen nochmals," sagte Mary, „das Tuch bringe ich Ihnen morgen mittag zurück."
„Nein, Märchen, das hat Zeit bis zuin Abend, da bringen wir es zusammen: nicht wahr, lieber Berger, wir dürfen doch kommen? — Schön! — Also gute Nacht, und grüßen Sie Ihre Frau von uns."
„Gute Nacht, Fräulein, gute Nacht, Herr Leutnant!" Hinter ihnen ivurde die Pforte geschlossen.
Es war kiihl geworden, und die Straße war noch naß voni Regen. Aber der Himmel war klar, und die Sterne leuchteten freundlich auf die beiden Menschenkinder herab, die eng aneinandergeschmiegt ihren Weg gingen. Endlich mußten sie sich trennen; innig küßten sie sich. „Auf morgen, Geliebte! Schlafe süß! Komm gut heim!" Damit bog er in eine Seitenstraße. — 7--
4.
Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß,
Als heimliche Liebe, von der niemand was weiß.
Volkslied.
So verlebten die beiden glückliche Tage; ihre Zusammenkünfte, die fast allabendlich stattfanden, beschlossen sie oft im Hause des Friedhofwärters auf Marys Wunsch. Sie wollte nicht immer gar zu lange mit dem Geliebten allein sein; es tviderstrebte ihrem feinen Empfinden, sich nie die erste beste mit ihm zu treffen — und doch konnte ie nicht anders — wie mit höherer Gewalt zog es sie zu ihm hn, und schluchzend vor innerer Glückseligkeit hing sie dann «st an seinem Halse, in halbgestammelte» Worten ihm hre Liebe sagend. Ein solcher Ausbruch ihrer sonst so keusche» mädchenhaften Natrir entzückte ihn aufs höchste; er fühlte und wußte genau, daß cs ihr innigstes Empfinden war — er batte ihre Seele wachgeküßt zum Leben. Mit Ungeduld sehnte er Heu Tag herbei, der sie zu seinem
Weibe nrachen würde. Wenn er auch den, geliebten SolVaten- stande entsagen nmßte — dieses Mädchen war so mit seinem Inneren verwachsen, daß er sich ein Leben ohne st« überhaupt nicht mehr denken konnte. So schön sie war> so klug war sie auch; sie verstand so auf sein Denken undi Fühlen einzugehen, das ihr gleichsam mit dem seinigen verschmelzend, ohne daß es vieler Worte bedurft hätte. Sein ganzes reiches Empfinden, das er niemals in Kleinigkeiten zersplittert hatte, gehörte ihr — sie war sein einziger Gedanke.
Es war, als ob der sonst so ruhige Mann von einem Taumel erfaßt wäre, der ihn unfähig zu etwas anderenr machte. Mit Ungeduld sehnte er den Mittag herbei — dann sah er sie wenigstens, sie konnten einen stummen Gruß miteinander tauschen — mit noch größerer Ungeduld aber den Abend, wo er sie an sein Herz drückeit konnte — und die Abende zählte er zu den verlorenen, an denen er verhindert war, mit ihr zusammen zu sein. Dann schrieb er ihr noch lange Briefe, damit sie doch etwas entschädigt werden möchte. —
Detlev von Strachwitz war der einzige außer Berger, der um seine Liebe wußte. Er war ihm ja auch Bertrauenl schuldig, und er freute sich, jemand zu haben, dem er wenigstens etwas sein Herz ausschütten konnte, sonst drohte ihm das Glücksgesühl die Brust zu sprengen. — Ungefähr eine Woche nach der ersten Zusammenkunft mit Mary hatte ihn Strachwitz eines Vormittags nach dein Dienst ausgesucht. Nach seinem üblichen Stöhnen über die hohen Treppen und »ach dem üblichen Kognak ging er geradewegs aufs Ziel los: '
„Man sieht Sie ja gar nicht mehr, he? — Haben wohl meinen Rat betreffs der Kleinen befolgt und haben selbst« verständlich reüssiert? Wie steht's denn?"
„Bitte, Strachwitz, nicht in dem Ton reden, bitte ferirer keine Ihrer so beliebten Bemerkungen machen, dann will ich erzählen!"
„Da beginnen Sie also — ich bin wirklich neugierig." Wolf berichtete nun, daß er geschrieben; wie er voller Ungeduld ihre Antwort erwartet und dann endlich von ihrem ersten Begegnen.
Aus seiner Stimme zitterte seine innere Erregung, und säst gerührt hörte ihm Strachwitz zu, der unter seine« leichten frivolen Außenseite ein selten treues, gutes und aufrichtiges Herz barg. Ihm war es neu, den sonst so zurückhaltenden Kameraden so erregt zu sehen.
„Also auf dem Friedhof treffen Sie sich," schüttelt« Strachwitz den Kops, „sonderbarer Ort, brr —"
„Sie sind noch nicht dort gewesen, Strachwitz, sonst würden Sie sich nicht so darüber wundern. Glauben Sie denn, wir sitzen mitten zwischen Gräbern? Nein, es ist so friedlich und still dort — die Hälfte des Friedhofes ist ein richtiger Park mit schattigen Wegen und blühenden Büfchenl Und wir wollen doch nicht gesehen werden —"
„Bezweifle ich nicht! Also daun von Herzen Glück! Mögen Sie nie enttäuscht werden, Wolfsburg — es sollte mir leid tunt"
„Das ist unmöglich! Mein Märchen ist so schön, so gut und so klug —"
„Das sagen alle Verliebten! — Wissen Sie etwas! Näheres über seine Familienherkuuft?"
,/Viel nicht!" Und Wolf erzählte ihm das Wenigs das er von Mary wußte.
(Fortsetzung solgtk
3um Tage von vriare.
14. Januar 1871. ,
Erlebnisse eines Veteranen der 8. Kompagnie des Iw« santeric-Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 während seiner französischen Gefangenschaft in der Zeit vom 15. Januar bis 1. März 1871. — Nach eigenhändigen Aufzeichnungen herausgegeben von Oberst z. D. Weimer in Nidda.
An einem Nachmittag des Monats August vorigen Jahres unternahm ich mit mehreren mir befreundeten Herren der tzip- werbe- und höheren Bürgerschule zu Nidda einen Ausflug nach der hart südöstlich des Tones Glauberg gelegenen Bergkuppe gleichen Namens. Von Station Stockbeim führt der Weg, gröUenteils schmaler Fußpfad, über die ehemalige Zuaerfahnk, >/« Stundt steil aufivärts durch Buchwald auf das Plateau der Kuppe (270 Meter), die durch ein vollständige-) System von keitisch-gcnnänischen Rmgipäslen und der lirmmelsl teilweise freigesegltzn Burgruine


