Ein Frühlingstraum.
Roman von Fr. Lehne.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„So, mein Herz, jetzt bist du im Sichern — jetzt fürchtest du dich nicht mehr, nicht wahr?" fragte er liebreich.
„Nein, Wolf! Aber du — du bist ja ganz durchnäht," sagte sie erschrocken.
„Das tut nichts," lächelte er, den Rock wieder anziehend, „es wäre schlimm, wenn ein Soldat nicht einmal ein wenig Regen vertragen könnte!"
„Wollen Sie sich nicht setzen?" fragte der Alte. Er trat näher auf Wols zu und sah ihn prüfend an. „Sie waren gestern abend schon hier?"
„Ja," entgegnete der Angeredete, mit einer leichten Verlegenheit kämpfend, „ja — ich weiß, ich bin Ihnen Aufklärung über unser seltsames Erscheinen an diesem Orte schuldig. Wir beide" — er deutete auf Mary dabei, — „wir beide haben uns lieb, können uns aber nur an einem dritten Orte sprechen, da die junge Dame Dame ganz allein steht!"
„Und da haben Sie nun den Friedhof dazu erwählt? Sonderbare Wahl!"
„Es blieb uns nichts weiter übrig," sagte Mary leise. „Wo anders wird man so gesehen — "
„Ach und Sie haben Grund, das zu fürchten, Fräulein?" fragte der Alte, sie groß ansehend. Wolf war dieses Benehmen, sehr unangenehm: jedoch konnte er weiter nichts dagegen tun, da jener im Rechte war. Darum sagte er ruhig:
„Ich sehe, daß Sie — rind mit Recht - höchst verwundert über uns sind. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Sie unS ohne Besorgnis Ihre Gastsreundschast gebe» können — die Dame ist meine Braut! Sind Sie nun zusriedengestelkk?"
„Ja, ja," entgegnete der Alte — „es wäre aber nichts Neues, wenn eSl anders wäre! So junge Dinger lassen sich leicht von der Uniform blenden, und die Herren Leutnants nehmen es auch nicht so genau! — Aber Ihnen glaube ich; ich habe schon vieles von Ihnen gehört; Sie sind doch der Leutnant von Wolfsburg?"
„Sie kennen mich?" fragte Wolf verwundert.
Der Alte nickte. „Ja, setzen Sie sich nur erst — da aufs Sosa neben Ihre Braut. Zittern Sie nur nicht so, Fräulein, Sie sind beim, alte» Berger gut aufgehoben; und das Gewitter tut uns auch nichts, wenn es der liebe <Mtt nicht wiU!. — Mau muh nur immer erst wissen, wen mau vor sich hat! Ich bin nun schon ein alter Mann, da kennt man manches vom Leben. — Also woher ich Sie kenne, Herr Leutnant," wandte er sich an Wolf, der neben Mary sah und den Arm um fio gelegt hatte — „mein Enkel, Wilhelm Berger, ist nämlich in Ihrer Kompagnie, und der erzählt imnier von seinem Leutnant, daß der der beste vom ganzen Regiment »väre — so einen guten gäb's nicht mehr!"
Wolfsburg wehrte ab. Glücklich aber schaute Mary zu ihm auf und sagte: „Ja, das ist wahr!" Gleich daraus schauderte sie wieder zusammen, denn ein krachender Donner ließ das Haus in seinen Grundfesten erbeben. Das Gewitter tobte noch in unverminderter Heftigkeit fort, und an ein Fortgehen war vorläufig uoch nicht zu denken. „Wie kommen wsir nur nach Haus?" klagte Mary, „es wird so spät."
„Sorge dich darum nicht, Lieb! es ist kaum zehn vorüber, und ewig kann es nicht dauern," sagte Wolf.
„Weifst du, Mte," wandte sich Berger an seine Frau, „weiht du, du kochst für das Fräulein eine Tasse Tee, und da trinkt der Herr Leutnant auch davon — besser ist besser, sonst könnte er sich,noch was holen, und das Fräulein nimmt nachher ein Tuch von dir!" Wols widersprach nicht, um nicht zu beleidigen. Er nahm sein Zigarrenetui aus der Tasche und reichte es dem Alten. „Wollen wir nicht eine Zigarre zusammen rauchen?" fragte er freundlich, „da uns das Wetter zusammengebracht hat, wollen wir es uns auch gemütlich machen!"
„Danke schön, Herr Leutnant, ich nehme gern eine. Mein Enkel bringt mir auch öfters welche mit! — ’ä ist überhaupt ein guter Junge —"
„ — und ein braver tüchtiger Soldat," meinte Wolf, „ich kann wohl sagen, einer von den besten aus meiner Kompagnie."
Des Alten Auge leuchtete auf. Er nahm ein grohes Bild von der Wand — eine Kompagnie Soldaten darstellend —: „Hier, Herr Leutnant, das kennen Sie doch auch — hier sind ©ie — und hier gerade hinter Ihnen ist mein Wilhelm."
„Ja, das bist du," sagte Mary, „und wie du vergnügt aussiehst!"
„Beim Photographen macht man doch immer sein Sonntagsgesicht," lachte Wolf.
Mittlerweile kam Frau Berger mU dem Tee. Vorher hatte sie schon mit einiger Umständlichkeit die Staatstassen aus dem Schranke genommen und auf den Tisch gestellt, sowie die dazu passende Zuckerdose. Jetzt goß sie den Tee ein, und in ihrer still freundlichen Weise bat sie, zu trinken. Die Gäste kamen gern ihrem Wunsche nach, und das duftende Getränk tat ihnen gut. Sie fühlten sich so wohl bei den einfachen Lsauten; besonders der alte Mann hatte etwas unge- mein Ruhiges an sich, was Wolf zu ihm zoc;: seine blauen Augen trugen einen so stillen, gleichsam nach innen gekehrten Blick, als lebte er in einer ganz anderen Welt — Wolf muhte ihm das auch sagen.
„Ja, das kommt so, Herr Leutnant," entgegnete er, „das kommt von dem Umgang mit de» Toten. Man sagt immer der Tod mache alles gleich — vielleicht droben — hier noch nicht; da wird eiueq, der es gair nicht verdient, mit aller Pracht und Herrlichkeit begraben, der andere still und ein- sach, obgleich er es besser verdient hätte — und manchmal, da wird einer so abseits eingescharrt ohne Sang und Klang, und kein Pastor spricht den Segen! Da lernt man Nachdenken,


