Ausgabe 
10.1.1914
 
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Ein Frühlingstraum.

Roman von Fr. Lehne.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Die Augen standen Mary voller Tränen. Er küßte sie ihr von den Winrpern.Lasse das, Ge­liebte," bat er,sage mir nur, ob du mich auch wirkjich liebst! Ich bin ein armer, einsanier Mann, der jetzt erst in dir seines Lebens Inhalt gefunden hat, der in dir sein alles sicht! Mary, wenn du mir je untreu werden würdest, das ertrüge ich nie." Eine tiefe Bewegung klang bei diesen Worten aus seiner Stiinine. Da glitt sie von seinen Knien aus die Erde, ihm zu Füßen und küßte seine Hand.

Was tust du, Kind nicht doch!" Und er entzog sie ihr.

Laß nur," sagte sie. Dann lehnte sie ihre Wange daran, und die großen Augen voll zu ihm ausschlagend, kam es innig von ihren Lippen:

Wolf, wen» du es denn hören willst, ich liebe dich, so lange ich dich kenne; für dich lebe und sterbe ich! llnd> aus meine Treue kannst du wie auf die deinige bauen!"

Da faßte er ihren Kopf mit beiden Händen und sah tief in ihre großen unschuldigen Augen. Was ihm daraus ent^ gcgenstrahlte, mußte ihn wohl befriedigen: denn er küßte die klare Stirn des Mädchens.Ich danke dir, mein Lieb." lispelte er und zog Mary fairst zu sich empor.

Du Süßer!" slüslerle sie ihni lächelnd zu. Da preßte er sie in üücrquellender Leidenschaft sest an sich und bedeckte den süßen Mund init glühenden Küssen. Leise strich er dann über ihr erglühendes Gesicht und flüsterte innig:Mein Märchen, inein Sonnenstrahl." Es war so friedlich, so welt­verloren um sie her; nur die Nachtigallen ließen ihre sehn­süchtigen Klänge erschallen. Lange lag Mary so in seinem Arm - keines redete mit dem anderen sie waren so glück­lich in ihrer Liebe, in dem Bewußtsein des Sichangehörens!

Ja> muß jetzt gehen, Wolf," sagte sie endlich leise.

Bleibe noch, Geliebte," bat er.

Rein, Wolf, es ist schon spät! Wenn nur die Pforte noch offen ist!" Sie stand auf, strich sich das Haar zurecht und setzte den Hut wieder auf.

Wenn es denn sein muß, daß ivir uns trennen müssen, dann begleite ich dich, Märchen!" sagte er.

Bitte, nein, Schatz, lasse mich allein gehen, ich fürchte mich nicht!"

Aber warum, Maus? Du könntest belästigt werden!"

Das lieber, als mit dir so spät gesehen werden, Wols! Ich weiß, daß einige meiner Mitarbeiterinnen die Abendspazicrgänge sehr lieben, und wenn die mich sähen, wäre alles vorbei. Sie mögen mich ohnehin nicht leiden!"

Dann will ich nachgebcn, mein Kleines aber bis zur Pforte geleite ich dich." Er legte feinen Arm um sie; kurz Vor dem Ausgang blieb sie stehen.

Gute Nacht, mein Geliebter!" Er hielt ihre Hand fest. Wann sehe ich dich wieder? Morgen um diese Zeit und hier, ja?" fragte er.

Morgen schon wieder? Ach, Wolf, ich tue es nicht gern, so lieb ich Dich habe!"

Bitte, mein Liebling, bitte," flehte er,ich kann doch nicht in Deine Wohnung kommen und Du wirst mich doch nicht vergebens warten lassen?"

Ach, wüßtest Du, wie beschämend, wie peinlich diese Heimlichkeit für mich ist," klagte sie. '

Sei geduldig, mein Herz, es soll ja nicht lange dauern; lasse mir Zeit zuni Ueberlegcn morgen wollen wir über alles sprechen also Du kommst?"

Nun denn, ja! Aber jetzt gute Nacht, mein Wols!" Er preßte sie nochmals an sich; ihre Lippen ruhten in einem heißen Kusse aufeinander: dann entwand sie sich ihm und eilte leichtfüßig von dannen.

>Süßes Mädchen," flüsterte er vor ftch hin. Gerade als er vor der Pforte stand, trat aus einem Seitenwege ein älte­rer Mann der Friedhofswärtcr der ihn groß und erstaunt ansah. Dies Zusammentreffen war Wolf doch etwas peinlich: grüßend faßte er an die Mütze und sagte:Guten Abend, na. Sie lassen mich doch noch passieren?" Der Alte warf ihm einen seltsam beredten Blick zu, der wohl zu fragen schien,was tust Du hier? Deinesgleichen ist doch hier ein sel­tener Gast und um diese Zeit Gutes hast Du sicher nicht im Sinn gehabt!" Wolf halte das Gefühl, als wenn er etwas sagen müßte; deshalb beinerkle er gezwungen lustig:Ich habe mir nur eine Grabstelle ausgesucht! Sie erlauben doch?"

In solchen Sachen scherzt man nicht, Herr Leutnant," cntgegnete der Alte ernst,da kann man schneller hinkommen, als man denkt! Na, guten Abend, Herr Leutnant", erwi­derte er Wolfs Abschicdsgruß. Langsam ging dieser seiner Wohnung zue Das Herz war ihm so voll, und er war so glücklich, wie er sich noch nie in seinem Lehen gefühlt hatte. Das holde Mädchen war sein sie liebte ihn! Aber wer war sie eigentlich? Er wußte so gar nichts von ihr und hatte ihr doch die feierlichsten Versprechungen gemacht. Wie, wenn sic seiner nicht würdig war? Halte er nicht gar zu unbedacht gehandelt? Aber nein, der Ausdruck dieser Augen, dieses Lächeln waren echt so konnte die Lüge sich nicht verstellen. Zu Haus angekommen, fand er doch nicht gleich Schlaf; des­halb schrieb er seiner Mary noch einen langen liebeatmcnden Brief voll leidcnschastlichcr Beteuerungen. Er brachte ihn noch selbst in den Postkasten, damit die Geliebte einen Mor­gengruß habe, und dann erst ging er fröhlichen Herzens schlafen.

Kaum konnte er den nächsten Abend erwarten; er war wieder vor der bestimmten Zeit am Platz. Diesmal kani Mary gleich nach ihm; er breitete die Arme aus, und sie flog ihm um den Hals.Da bin ich, Geliebter," lächelte sie, zu ihm aufschauend,ich habe mich aber beeilt. Dich nicht warten zu lassen. Dank auch für Deinen Brief." Er strich über ihr heißes Gesichtchcn.